Horvarth / Horvath | Marthas Boot | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 247 Seiten, GB

Horvarth / Horvath Marthas Boot


Novität
ISBN: 978-3-7725-4674-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 247 Seiten, GB

ISBN: 978-3-7725-4674-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als die Eltern der McCready-Schwestern bei einem Tsunami ums Leben kommen, will Großtante Martha die Mädchen zu sich nehmen. Doch auch sie stirbt unerwartet. Völlig auf sich allein gestellt, hecken die Mädchen einen Plan aus, um ihr Zusammenleben nicht zu gefährden. Kann das gut gehen? Warmherzig und humorvoll zugleich schildert Polly Horvath in ihrem unnachahmlichen Stil die Abenteuer der vier mutigen Heldinnen.

Polly Horvath, 1957 in Kalmazoo, Michigan/USA geboren, hat zahlreiche Kinderbücher geschrieben, darunter 'Waffelsommer' oder 'Der Nachtgarten', die vielfach ausgezeichnet wurden u. a. mit einer Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Zuletzt erschien bei Freies Geistesleben 'Super reich'. Sie lebt mit ihrer Familie in British Columbia/Kanada. www.pollyhorvath.com
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DER BRIEF TANTE MARTHAS NACHBAR MISS WEBSTER AL FARBER MR PENNYPACKER BILLY BÄR DONALD PETTINGER VERIRRT DAVY CLEMENT DIE PARTY DIE SOMMERFEIER DAS BOOT EIN WEITERER MITTLERER GLÜCKSMOMENT Impressum


Die McCready-Schwestern, Fiona, vierzehn, Marlin, zwölf, Natasha, zehn und Charlie, acht, waren in einer Missionarsfamilie aufgewachsen. Fröhlich und sorgenfrei waren sie von einem Posten zum nächsten durch die ganze Welt gezogen, bis ihre Eltern zum ersten Mal in ihrem Leben Urlaub machten. Ein älterer Onkel hatte ihnen eine kleinere Geldsumme zukommen lassen und sie nach Thailand in sein kleines Hotel eingeladen, da es ihm «zu schaffen machte», dass ihnen nicht einmal Flitterwochen vergönnt gewesen waren. Die drei waren mitsamt dem Hotel von einem Tsunami fortgeschwemmt worden. Zu der Zeit lebten die vier Mädchen auf Borneo im tiefsten Dschungel in einem Häuschen ohne Internet oder Telefonverbindung, wo sie von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Kirche versorgt wurden. Sie konnte sich jedoch nicht länger um sie kümmern, da sie bereits anderweitige Verpflichtungen hatte. Deshalb sandte die Kirche eine Mrs Weatherspoon aus Australien zu ihnen, die so lange bei ihnen bleiben sollte, bis die Familie eine Lösung gefunden hatte. Das dauerte ein Jahr.

Mrs Weatherspoon sandte Anfragen an sämtliche Verwandten, die sie und die Kinder ausfindig machen konnten, außer an ihre Großtante Martha McCready, die vor der Küste von British Columbia wohnte. Die Mutter der Mädchen hatte sie, wenn sie Marthas jährlichen Weihnachtsgruß öffnete, stets als «die seltsame Frau, die sich in den Wäldern versteckt» bezeichnet. Mrs Weatherspoon sagte, sie sollten sich die Tante als letzten Ausweg aufsparen, denn sicherlich würde sich vorher jemand Passenderes melden. Die Mädchen hatten Tanten und Onkel in Tampa, Florida, in Lansing, Michigan, Shreveport, Louisiana und in Kingsport, Tennessee. Das war eine ganze Menge. Es dauerte ein Weilchen, bis die Antworten auf Mrs Weatherspoons Bitte eintrudelten. Der Versand und Empfang von Post gestaltete sich im Dschungel schwierig – unzuverlässig und verzögert. Außerdem mussten die Verwandten erst einmal überlegen, nachdem sie die Anfrage erhalten hatten. Die Mädchen waren die Kinder ihrer Schwester oder ihres Bruders, das schon. Aber gleich vier davon. Es war keine Kleinigkeit, vier Kinder in einen bestehenden Haushalt einzugliedern. Einige schrieben an Mrs Weatherspoon, ob sich schon jemand anders gemeldet hatte. Nach Mrs Weatherspoons Antwort verfielen sie erneut ins Grübeln. Das nahm Zeit in Anspruch. Dazu kam, dass keiner von ihnen die McCready-Schwestern kannte. Mr und Mrs McCready hatten sich schon vor Jahren von ihren Geschwistern entfremdet, als sie die aus deren Sicht «höchst sonderbare Entscheidung» getroffen hatten, in eine Kirche einzutreten, von der sie alle noch nie gehört hatten, die sie aber aus einem Grund, den niemand den Mädchen je erklärt hatte, einstimmig missbilligten.

Es war ein sehr trauriges Jahr, doch immerhin warteten die Mädchen gespannt auf die Nachricht, wie es schließlich mit ihnen weitergehen sollte. Fiona, die sich dafür verantwortlich fühlte, die Prinzipien der Familie zu bewahren, erinnerte sich an den Leitspruch ihres Vaters, schwierigen Themen niemals auszuweichen, sondern darüber zu reden.

«Wohin würdet ihr am liebsten ziehen?», fragte Fiona zum Beispiel beim Abendessen.

«Nach Tampa», antwortete Natasha. «Dann können wir im Meer schwimmen.»

«Liegt Tampa Meer?», wollte Marlin wissen.

«Es liegt in Florida», erklärte Natasha.

«Aber nicht ganz Florida liegt am Meer», meinte Marlin.

«Haie», sagte Charlie, die überall Gefahren witterte.

«Nicht an Land.»

«Ich bin sicher, dass sie uns zwingen werden, schwimmen zu gehen», jammerte Charlie. «Alle wollen einen ständig dazu bringen, schwimmen zu gehen, auch wenn man gar keine Lust hat. Sie werden uns einen Schwimmkurs aufs Auge drücken.»

«Schwimmkurse finden im Schwimmbad statt. Außerdem hast du bereits schwimmen gelernt,» versuchte Marlin sie zu beruhigen. «Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst.»

«Wahrscheinlich halten sie den Schwimmunterricht im Meer ab, wenn sie schon am Meer , und dann fressen uns die Haie», prophezeite Charlie düster.

Marlin hatte angesichts der jüngsten Tragödie Verständnis dafür, dass Charlie Angst vor dem Meer hatte. Doch sie fand, dass Charlie sich vor den falschen Dingen fürchtete. Sie sollte Angst vor Tsunamis und nicht vor Haien haben. Sie war kurz davor, Charlie darauf hinzuweisen, wollte ihr dann aber lieber doch keinen Grund für weiteren Anlass zur Sorge liefern.

Mrs Weatherspoon hielt sich in diesen Gesprächen stets sehr zurück. Es schmerzte sie, dass die Kinder ihre Eltern verloren hatten, und es schmerzte sie, dass ihr Schicksal so ungewiss war. Sie hätte sie gern dauerhaft bei sich aufgenommen, doch sie musste irgendwann nach Australien zurückkehren.

«Jedenfalls nicht nach Lansing, Michigan», fuhr Natasha fort.

«Warum nicht?», fragte Charlie.

«Es klingt am langweiligsten. Was gibt’s schon in Lansing? Nichts.»

«Lansing ist die Hauptstadt von Michigan», erklärte Fiona.

«Das sagst du nur, um anzugeben», entgegnete Natasha. «Das mit der Hauptstadt ist dir doch ganz egal.»

«Das war eine reine Information», sagte Fiona. «Weil ich es eben wusste. Wenn ihr euch an den Stundenplan halten und Geografie lernen würdet, wüsstet ihr es auch.»

Fiona war die große Schwester in Person.

«Nach Kingsport, Tennessee», verkündete Charlie. «Ich glaube, da ist es am besten. Es hört sich an, als gäbe es da jede Menge Schlösser.»

«Weil ein König im Namen vorkommt?», kicherte Marlin. «Dann wirst du enttäuscht sein. Dort wäre es nicht nur langweilig, sondern du würdest noch dazu kein Wort verstehen, weil die da mit diesem extremen Südstaatenakzent reden. Das klingt so, als würden sie versuchen, mit einem Mund voll heißer Kartoffeln zu sprechen. Und vermutlich stehen alle auf Elvis Presley, tragen große Sonnenbrillen und weiße Overalls.»

«Du meinst wohl Graceland», sagte Natasha.

«Graceland ist keine Stadt, sondern so heißt das Haus von Elvis», stellte Marlin klar.

«Wo ist Graceland?», fragte Charlie.

Fiona wusste es auch nicht und beschloss, nach ihrem Kommentar über Geografie das Thema zu wechseln.

«Man versteht den Akzent in Tennessee immer noch besser als den in Shreveport», sagte sie. «Trotzdem bin ich für Shreveport, Akzent hin oder her. In Louisiana gibt es Bayous. Ich wollte schon immer an einem Bayou wohnen.»

«Was ist ein Bayou?» Charlie wollte es genau wissen.

«Weiß ich nicht», gestand Fiona. «Es hört sich einfach gut an.»

«Es ist eine Art Sumpf, über den Pelikane fliegen», erklärte Natasha, die Vögel liebte und wusste, wo die verschiedenen Arten lebten. «Ich hätte auch nichts dagegen, irgendwo zu leben, wo es Pelikane gibt.»

Zu diesem Zeitpunkt fing Mrs Weatherspoon normalerweise leise an zu weinen. Ihre große Angst, die, wie sie wusste, den Kindern gar nicht erst in den Sinn kam, bestand darin, dass überhaupt sie haben wollte – und was dann? Diese hoffnungsvollen Diskussionen trafen sie wie spitze Pfeile ins Herz.

Es stellte sich heraus, dass keines der vier Tante-Onkel-Paare die Kinder wollte. Es täte ihnen schrecklich leid und sie bedauerten es sehr, aber selbst nach langem Abwägen und in dem Wissen, dass sich auch sonst niemand freiwillig gemeldet habe, sahen sie sich dazu einfach nicht imstande.

Sobald eins dieser Ablehnungsschreiben eintraf, war Mrs Weatherspoon außer sich vor Sorge. Als das Jahr, das sie mit den Mädchen verbringen sollte, sich dem Ende näherte, schrieb sie schließlich doch an Martha McCready. Mrs Weatherspoon war im Dschungel von Borneo geblieben, weil sie fest davon überzeugt gewesen war, dass sich jederzeit jemand aus der engeren Familie bereit erklären würde, die Mädchen bei sich aufzunehmen. Doch jetzt war das geschehen, was sie am meisten befürchtet hatte. Sie lief auf und ab, zerkrümelte die Brötchen fürs Abendessen und verlor vollkommen die Kontrolle, während sie verzweifelt versuchte, jedes Mal Ruhe zu bewahren, wenn ein bedauerndes Nein eintraf.

Fiona dagegen tatsächlich die Ruhe in Person. «Was wird jetzt aus uns?», fragte sie, nachdem der vierte Brief angekommen war.

«Das Jugendamt», erwiderte Mrs Weatherspoon unter Tränen, «ist (schluchz, schluchz) sicherlich eine Möglichkeit.» Dann schnäuzte sie sich in ihr allzeit griffbereites besticktes Taschentuch.

«Von der sonderbaren Großtante haben wir immer noch nichts gehört», sagte Marlin.

«Nein, Liebes», schniefte Mrs Weatherspoon, «das stimmt, aber sie ist ein bisschen zu alt, um vier Kinder aufzunehmen. Und wenn ich es recht verstanden habe, lebt sie seit eh und je wie eine Einsiedlerin. Ich würde keine allzu große Hoffnung auf sie setzen.»

«Worauf sollen wir unsere Hoffnung denn dann setzen?», fragte Natasha.

«Wie gesagt, aufs (schluchz, schluchz) Jugendamt», keuchte Mrs Weatherspoon. «Auf der Straße werdet ihr nicht enden, aber du liebe Güte (sie versuchte, das Schluchzen zu beenden, indem sie sich das Taschentuch in den Mund stopfte, sodass das Ende des Satzes recht gedämpft klang), ausgerechnet das !»

«Wieso ist das denn so schlimm?», wollte Charlie wissen, die Mrs Weatherspoons abgrundtiefen Kummer nicht verstand.

«Ich glaube, Mrs Weatherspoon meint eine Pflegefamilie», antwortete Fiona. «Nicht schön, aber auch nicht das Ende der Welt. Sie werden doch eine finden, die uns alle vier nimmt, oder? Sie werden uns doch nicht...


Brauner, Anne
Anne Brauner, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte (M.A.) und übersetzt hauptberuflich seit über 25 Jahren v.a. Kinder- und Jugendliteratur aus dem Englischen, Französischen und Italienischen.

Horvath, Polly
Polly Horvath wurde 1957 in Kalamazoo, Michigan/USA geboren und hat viele Kinderbücher geschrieben, darunter ›Waffelsommer‹, ›Der Blaubeersommer‹ oder ›Der Nachtgarten‹, die vielfach ausgezeichnet wurden u. a. mit einer Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Zuletzt erschien bei Freies Geistesleben ›Super reich‹.
Polly Horvath lebt mit ihrer Familie in British Columbia/Kanada.

Polly Horvath, 1957 in Kalmazoo, Michigan/USA geboren, hat zahlreiche Kinderbücher geschrieben, darunter "Waffelsommer" oder "Der Nachtgarten", die vielfach ausgezeichnet wurden u. a. mit einer Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Zuletzt erschien bei Freies Geistesleben "Super reich". Sie lebt mit ihrer Familie in British Columbia/Kanada. www.pollyhorvath.com



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