Horváth | Geschichten aus dem Wiener Wald | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 110 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Horváth Geschichten aus dem Wiener Wald

Volksstück in drei Teilen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401973-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Volksstück in drei Teilen

E-Book, Deutsch, 110 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401973-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit den Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Ödön von Horváths berühmtestes Theaterstück, uraufgeführt 1931 in Berlin, ist die bewegende Geschichte eines Frauenlebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Marianne soll nach dem Willen ihres Vaters mit Oskar verheiratet werden, einem wohlhabenden Wiener Fleischhauer. Aber Marianne weigert sich und wird stattdessen die Geliebte Alfreds. Als solche gerät sie schrittweise in immer größeres Elend und schließlich sogar ins Gefängnis. Als sie in aussichtsloser Situation wieder zu ihrem Vater zurückkehrt, besteht der Fleischhauer Oskar auf seinem Heiratsplan: »Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn.«

Ödön von Horváth, eigentlich Edmund Josef von Horváth, wurde 1901 in Fiume (heute Rijeka) als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten geboren und starb 1938 in Paris. Mit seinen zeitkritischen, politisch und gesellschaftlich engagierten Romanen und Theaterstücken wurde er zu einem Gegner des Nationalsozialismus. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben den »Geschichten aus dem Wiener Wald« auch die Stücke »Glaube Liebe Hoffnung« und »Kasimir und Karoline« sowie der Roman »Jugend ohne Gott«.
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Erster Teil


I Draußen in der Wachau


Vor einem Häuschen am Fuße einer Burgruine. ALFRED sitzt im Freien und verzehrt mit gesegnetem Appetit Brot, Butter und sauere Milch – seine MUTTER bringt ihm gerade ein schärferes Messer.

In der Luft ist ein Klingen und Singen – als verklänge irgendwo immer wieder der Walzer »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß.

Und in der Nähe fließt die schöne blaue Donau.

DIE MUTTER

(sieht ALFRED zu – plötzlich ergreift sie seine Hand, in der er das Messer hält, und schaut ihm tief in die Augen).

ALFRED

(stockt und starrt sie mit vollem Munde misstrauisch an. – Stille).

DIE MUTTER (streicht ihm langsam über das Haar)

Das ist schön von dir, mein lieber Alfred – dass du nämlich deine liebe Mutter nicht total vergessen hast, lieber Alfred –

ALFRED

Aber wieso denn total vergessen? Ich wär ja schon längst immer wieder herausgekommen, wenn ich nur dazugekommen wär – aber heutzutag kommt doch schon keiner mehr dazu, vor lauter Krise und Wirbel! Wenn mich jetzt mein Freund, der Hierlinger Ferdinand, nicht mitgenommen hätt mit seinem Kabriolett, wer weiß, wann wir uns wiedergesehen hätten!

DIE MUTTER

Das ist sehr aufmerksam von deinem Freund, dem Herrn von Hierlinger.

ALFRED

Er ist überhaupt ein reizender Mensch. In einer guten halben Stund holt er mich wieder ab.

DIE MUTTER

Schon?

ALFRED

Leider!

DIE MUTTER

Dann iss bitte nicht die ganze sauere Milch zusammen, ich hab sonst nichts da zum Antragen –

ALFRED

Der Hierlinger Ferdinand darf ja gar keine sauere Milch essen, weil er eine chronische Nikotinvergiftung hat. Er ist ein hochanständiger Kaufmann. Ich hab öfters mit ihm zu tun.

DIE MUTTER

Geschäftlich?

ALFRED

Auch das.

(Stille.)

DIE MUTTER

Bist du noch bei der Bank?

ALFRED

Nein.

DIE MUTTER

Sondern?

(Stille.)

ALFRED

Ich taug nicht zum Beamten, das bietet nämlich keine Entfaltungsmöglichkeiten. Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr. Wer heutzutag vorwärtskommen will, muss mit der Arbeit der anderen arbeiten. Ich hab mich selbständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so – (er verschluckt sich und hustet stark).

DIE MUTTER

Schmeckts?

ALFRED

Jetzt wär ich aber fast erstickt.

DIE MUTTER

Ich freu mich nur, dass es dir schmeckt.

(Stille.)

ALFRED

Apropos ersticken: wo steckt denn die liebe Großmutter?

DIE MUTTER

Mir scheint, sie sitzt in der Küch und betet.

ALFRED

Betet?

DIE MUTTER

Sie leidet halt an Angst.

ALFRED

Angst?

(Stille.)

DIE MUTTER

Vergiss ihr nur ja nicht zu gratulieren – nächsten Monat wird sie achtzig, und wenn du ihr nicht gratulierst, dann hab ich hier wieder die Höll auf Erden. Du bist doch ihr Liebling.

ALFRED

Ich werds mir notieren. (Er notiert es sich.) Großmutter gratulieren. Achtzig. (Er erhebt sich, da er nun satt ist.) Das ist ein biblisches Alter. (Er sieht auf seine Armbanduhr.) Ich glaub, es wird Zeit. Der Hierlinger muss jeden Moment erscheinen. Es ist auch noch eine Dame dabei.

DIE MUTTER

Was ist das für eine Dame?

ALFRED

Eine ältere Dame.

(Stille.)

DIE MUTTER

Wie alt?

ALFRED

So mittel.

DIE MUTTER

Hat sie Geld?

ALFRED

Ich hab nichts mit ihr zu tun.

(Stille.)

DIE MUTTER

Eine reiche Partie ist nicht das letzte. Du hast halt die Richtige noch nicht gefunden.

ALFRED

Möglich! Manchmal möcht ich ja schon so Kinder um mich herum haben, aber dann denk ich mir immer wieder: nein, es soll halt nicht sein –

DIE GROSSMUTTER (tritt mit ihrer Schale sauerer Milch aus dem Häuschen)

Frieda! Frieda!

DIE MUTTER

Na, wo brennts denn?

DIE GROSSMUTTER

Wer hat mir denn da was von meiner saueren Milch gestohlen?

DIE MUTTER

Ich. Weil der liebe Alfred noch so einen starken Gusto gehabt hat.

(Stille.)

DIE GROSSMUTTER

Hat er gehabt? Hat er gehabt? – Und da werd ich gar nicht gefragt? Als ob ich schon gar nicht mehr da wär – (zur MUTTER) tät dir so passen!

ALFRED

Bäääh! (Er streckt ihr die Zunge heraus.)

(Stille.)

DIE GROSSMUTTER

Bäääh! (Sie streckt ihm die Zunge heraus.)

(Stille.)

DIE GROSSMUTTER (kreischt)

Jetzt möcht ich überhaupt keine Milch mehr haben! Da! (Sie schüttet die Schale aus.)

DER HIERLINGER FERDINAND

(kommt mit VALERIE, einer hergerichteten Fünfzigerin im Autodress).

ALFRED

Darf ich bekannt machen: das ist meine Mutter und das ist mein Freund Ferdinand Hierlinger – und Frau Valerie – und das dort ist meine liebe Großmutter –

DIE MUTTER

Das ist sehr schön von Ihnen, Herr von Hierlinger, dass Sie mir den Alfred herausgebracht haben – ich danke Ihnen, danke –

DER HIERLINGER FERDINAND

Aber ich bitte, meine Herrschaften! Das ist doch alles nur selbstverständlich! Ich hätt Ihnen ja den Alfred schon öfters herausgebracht – der liebe Alfred hätte ja nur ein Wörterl verlauten dürfen.

DIE MUTTER

Nur ein Wörterl?

DER HIERLINGER FERDINAND

Wie gesagt – (er stockt, da er merkt, dass er sich irgendwie verplappert hat).

(Peinliche Stille.)

VALERIE

Aber schön haben Sies hier heraußen –

DIE MUTTER

Wollen die Herrschaften vielleicht mal auf den Turm?

DER HIERLINGER FERDINAND

Auf was für einen Turm?

DIE MUTTER

Auf unseren Turm da –

DER HIERLINGER FERDINAND

Ich bitte, gehört denn da diese hochromantische Ruine den Herrschaften?

DIE MUTTER

Nein, die gehört dem Staat. Wir verwalten sie nur. Wenn die Herrschaften wollen, führ ich die Herrschaften hinauf – nämlich dem Besteiger bietet sich droben eine prächtige Fernsicht und eine instruktive Rundsicht.

DER HIERLINGER FERDINAND

Aber gern, sehr gern! Zu charmant, gnädige Frau!

DIE MUTTER (lächelt verlegen)

Aber oh bitte! (Zu VALERIE.) Die Dame kommen doch auch mit?

VALERIE

Danke, danke – es tut mir schrecklich leid, aber ich kann nicht so hoch hinauf, weil ich dann keine Luft krieg –

DIE MUTTER

Also dann auf Wiedersehen! (Ab mit dem HIERLINGER FERDINAND.)

VALERIE (zu ALFRED)

Dürft ich mal den Herrn um eine kleine Information bitten?

ALFRED

Was gibts denn?

DIE GROSSMUTTER

(setzt sich an das Tischchen und horcht, hört aber nichts).

VALERIE

Du hast mich wieder mal betrogen.

ALFRED

Sonst noch was gefällig?

VALERIE

Der Hierlinger erzählt mir grad, dass beim letzten Rennen in Saint-Cloud nicht die Quote hundertachtundsechzig, sondern zweihundertzweiundzwanzig herausgelaufen worden ist –

ALFRED

Der Hierlinger lügt.

VALERIE

Und das Gedruckte da lügt auch? (Sie hält ihm eine Rennzeitung unter die Nase.)

(Stille.)

VALERIE (triumphierend)

Na?

ALFRED

Nein, du bist halt keine richtige Frau. Du stoßt mich ja direkt von dir – mit derartigen Methoden –

VALERIE

Du wirst mir jetzt das geben, was mir gebührt. Siebenundzwanzig Schilling. S’il vous plaît!

ALFRED (gibt ihr das Geld)

Voilà!

VALERIE

Merci! (Sie zählt nach.)

ALFRED

Kleinliche Person.

VALERIE

Ich bin keine Person! Und von heut ab bitte ich es mir aus, dass du mir immer eine schriftliche Quittung –

ALFRED (unterbricht sie)

Bild dir nur ja nichts ein, bitte!

(Stille.)

VALERIE

Alfred, du sollst mich doch nicht immer betrügen-

ALFRED

Und du sollst nicht immer so misstrauisch zu mir sein – das untergräbt doch nur unser Verhältnis. Du darfst es doch nicht übersehen, dass ein jeder Mensch Licht- und Schattenseiten hat, das ist normal. Und ich kann dir nur flüstern: eine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was voneinander hat. Alles andere ist larifari. Und in diesem Sinne bin ich auch dafür, dass wir jetzt unsere...


Horváth, Ödön von
Ödön von Horváth, eigentlich Edmund Josef von Horváth, wurde 1901 in Fiume (heute Rijeka) als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten geboren und starb 1938 in Paris. Mit seinen zeitkritischen, politisch und gesellschaftlich engagierten Romanen und Theaterstücken wurde er zu einem Gegner des Nationalsozialismus. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben den 'Geschichten aus dem Wiener Wald' auch die Stücke 'Glaube Liebe Hoffnung' und 'Kasimir und Karoline' sowie der Roman 'Jugend ohne Gott'.

Ödön von HorváthÖdön von Horváth, eigentlich Edmund Josef von Horváth, wurde 1901 in Fiume (heute Rijeka) als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten geboren und starb 1938 in Paris. Mit seinen zeitkritischen, politisch und gesellschaftlich engagierten Romanen und Theaterstücken wurde er zu einem Gegner des Nationalsozialismus. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben den 'Geschichten aus dem Wiener Wald' auch die Stücke 'Glaube Liebe Hoffnung' und 'Kasimir und Karoline' sowie der Roman 'Jugend ohne Gott'.



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