E-Book, Deutsch, 175 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Horváth Kasimir und Karoline
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401974-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Volksstück
E-Book, Deutsch, 175 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401974-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ödön von Horváth, eigentlich Edmund Josef von Horváth, wurde 1901 in Fiume (heute Rijeka) als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten geboren und starb 1938 in Paris. Mit seinen zeitkritischen, politisch und gesellschaftlich engagierten Romanen und Theaterstücken wurde er zu einem Gegner des Nationalsozialismus. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben den »Geschichten aus dem Wiener Wald« auch die Stücke »Glaube Liebe Hoffnung« und »Kasimir und Karoline« sowie der Roman »Jugend ohne Gott«.
Autoren/Hrsg.
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1. Szene
Es wird dunkel im Zuschauerraum und das Orchester spielt die Münchener Hymne »Solang der alte Peter«. Hierauf hebt sich der Vorhang.
2. Szene
Schauplatz:
Gleich hinter dem Dorf der Lippennegerinnen. Links ein EISMANN mit türkischem Honig und Luftballons. Rechts ein Haut-den-Lukas – (das ist so ein althergebrachter Kraftmesser, wo Du unten mit einem Holzbeil auf einen Bolzen draufhaust, und dann saust ein anderer Bolzen an einer Stange in die Höhe, und wenn dann dieser andere Bolzen die Spitze der Stange erreicht, dann knallt es und dann wirst Du dekoriert, und zwar für jeden Knall mit einem Orden).
Es ist bereits spät am Nachmittag und jetzt fliegt gerade der Zeppelin in einer ganz geringen Höhe über die Oktoberfestwiese – in der Ferne Geheul mit allgemeinem Musiktusch und Trommelwirbel.
3. Szene
RAUCH
Bravo Zeppelin! Bravo Eckener! Bravo!
EIN AUSRUFER
Heil!
SPEER
Majestätisch. Hipp hipp hurrah!
(Pause.)
EIN LILIPUTANER
Wenn man bedenkt, wie weit es wir Menschen schon gebracht haben – (er winkt mit seinem Taschentuch).
(Pause.)
KAROLINE
Jetzt ist er gleich verschwunden, der Zeppelin –
DER LILIPUTANER
Am Horizont.
KAROLINE
Ich kann ihn kaum mehr sehen –
DER LILIPUTANER
Ich seh ihn noch ganz scharf.
KAROLINE
Jetzt seh ich nichts mehr. (Sie erblickt KASIMIR; lächelt.) Du Kasimir. Jetzt werden wir bald alle fliegen.
KASIMIR
Geh so lasse mich doch aus. (Er wendet sich dem Lukas zu und haut ihn vor einem stumm interessierten Publikum – aber erst beim dritten Mal knallt es und dann zahlt der KASIMIR und wird mit einem Orden dekoriert.)
KAROLINE
Ich gratuliere.
KASIMIR
Zu was denn?
KAROLINE
Zu Deiner Auszeichnung da.
KASIMIR
Danke.
(Stille.)
KAROLINE
Der Zeppelin, der fliegt jetzt nach Oberammergau, aber dann kommt er wieder zurück und wird einige Schleifen über uns beschreiben.
KASIMIR
Das ist mir wurscht! Da fliegen droben zwanzig Wirtschaftskapitäne und herunten verhungern derweil einige Millionen! Ich scheiß Dir was auf den Zeppelin, ich kenne diesen Schwindel und hab mich damit auseinandergesetzt – der Zeppelin, verstehst Du mich, das ist ein Luftschiff und wenn einer von uns dieses Luftschiff sieht, dann hat er so ein Gefühl, als tät er auch mitfliegen – derweil haben wir bloß die schiefen Absätz und das Maul können wir uns an das Tischeck hinhaun!
KAROLINE
Wenn Du so traurig bist, dann werd ich auch traurig.
KASIMIR
Ich bin kein trauriger Mensch.
KAROLINE
Doch. Du bist ein Pessimist.
KASIMIR
Das schon. Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist. (Er lässt sie wieder stehen und haut abermals den Lukas; jetzt knallt es dreimal, er zahlt und bekommt drei Orden; dann nähert er sich wieder KAROLINE.) Du kannst natürlich leicht lachen. Ich habe es Dir doch gleich gesagt, dass ich heut unter gar keinen Umständen auf Dein Oktoberfest geh. Gestern abgebaut und morgen stempeln, aber heut sich amüsieren, vielleicht gar noch mit lachendem Gesicht!
KAROLINE
Ich habe ja gar nicht gelacht.
KASIMIR
Natürlich hast Du gelacht. Und das darfst Du ja auch – Du verdienst ja noch was und lebst bei Deinen Eltern, die wo pensionsberechtigt sind. Aber ich habe keine Eltern mehr und steh allein in der Welt, ganz und gar allein.
(Stille.)
KAROLINE
Vielleicht sind wir zu schwer füreinander –
KASIMIR
Wie meinst Du das jetzt?
KAROLINE
Weil Du halt ein Pessimist bist und ich neige auch zur Melancholie – schau, zum Beispiel zuvor – beim Zeppelin –
KASIMIR
Geh halt doch Dein Maul mit dem Zeppelin!
KAROLINE
Du sollst mich nicht immer so anschreien, das hab ich mir nicht verdient um Dich!
KASIMIR
Habe mich gerne! (Ab.)
4. Szene
KAROLINE
(sieht ihm nach; wendet sich dann langsam dem EISMANN zu, kauft sich eine Portion und schleckt daran gedankenvoll).
SCHÜRZINGER
(schleckt bereits die zweite Portion).
KAROLINE
Was schauns mich denn so blöd an?
SCHÜRZINGER
Pardon! Ich habe an etwas ganz anderes gedacht.
KAROLINE
Drum.
(Stille.)
SCHÜRZINGER
Ich habe gerade an den Zeppelin gedacht.
(Stille.)
KAROLINE
Der Zeppelin, der fliegt jetzt nach Oberammergau.
SCHÜRZINGER
Waren das Fräulein schon einmal in Oberammergau?
KAROLINE
Schon dreimal.
SCHÜRZINGER
Respekt!
(Stille.)
KAROLINE
Aber die Oberammergauer sind auch keine Heiligen. Die Menschen sind halt überall schlechte Menschen.
SCHÜRZINGER
Das darf man nicht sagen, Fräulein! Die Menschen sind weder gut noch böse. Allerdings werden sie durch unser heutiges wirtschaftliches System gezwungen, egoistischer zu sein, als sie es eigentlich wären, da sie doch schließlich vegetieren müssen. Verstehens mich?
KAROLINE
Nein.
SCHÜRZINGER
Sie werden mich schon gleich verstehen. Nehmen wir an, Sie lieben einen Mann. Und nehmen wir weiter an, dieser Mann wird nun arbeitslos. Dann lässt die Liebe nach, und zwar automatisch.
KAROLINE
Also das glaub ich nicht!
SCHÜRZINGER
Bestimmt!
KAROLINE
Oh nein! Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm – könnt ich mir schon vorstellen.
SCHÜRZINGER
Ich nicht.
(Stille.)
KAROLINE
Können Sie handlesen?
SCHÜRZINGER
Nein.
KAROLINE
Was sind denn der Herr eigentlich von Beruf?*
SCHÜRZINGER
Raten Sie doch mal.
KAROLINE
Feinmechaniker?
SCHÜRZINGER
Nein. Zuschneider.
KAROLINE
Also das hätt ich jetzt nicht gedacht!
SCHÜRZINGER
Und warum denn nicht?
KAROLINE
Weil ich die Zuschneider nicht mag. Alle Zuschneider bilden sich gleich so viel ein.
(Stille.)
SCHÜRZINGER
Bei mir ist das eine Ausnahme. Ich hab mich mal mit dem Schicksalsproblem beschäftigt.
KAROLINE
Essen Sie auch gern Eis?
SCHÜRZINGER
Meine einzige Leidenschaft, wie man so zu sagen pflegt.
KAROLINE
Die einzige?
SCHÜRZINGER
Ja.
KAROLINE
Schad!
SCHÜRZINGER
Wieso?
KAROLINE
Ich meine, da fehlt Ihnen doch dann was.
5. Szene
KASIMIR
(erscheint wieder und winkt KAROLINE zu sich heran).
KAROLINE
(folgt ihm).
KASIMIR
Wer ist denn das, mit dem Du dort sprichst?
KAROLINE
Ein Bekannter von mir.
KASIMIR
Seit wann denn?
KAROLINE
Schon seit lang. Wir haben uns gerade ausnahmsweise getroffen. Glaubst Du mir denn das nicht?
KASIMIR
Warum soll ich Dir das nicht glauben?
(Stille.)
KAROLINE
Was willst Du?
(Stille.)
KASIMIR
Wie hast Du das zuvor gemeint, dass wir zwei zu schwer füreinander sind?
KAROLINE
(schweigt boshaft).
KASIMIR
Soll das eventuell heißen, dass wir zwei eventuell nicht zueinander passen?
KAROLINE
Eventuell.
KASIMIR
Also das soll dann eventuell heißen, dass wir uns eventuell trennen sollen – und dass Du mit solchen Gedanken spielst?
KAROLINE
So frag mich doch jetzt nicht!
KASIMIR
Und warum nicht, wenn man fragen darf?
KAROLINE
Weil ich jetzt verärgert bin. Und in einer solchen Stimmung kann ich Dir doch nichts Gescheites sagen!
(Stille.)
KASIMIR
So. Hm. Also das wird dann schon so sein. So und nicht anders. Da gibt es keine Ausnahmen. Lächerlich.
KAROLINE
Was redest Du denn da?
KASIMIR
Es ist schon so.
KAROLINE (fixiert ihn)
Wie?
(Stille.)
KASIMIR
Oder ist das vielleicht nicht eigenartig, dass es Dir gerade an jenem Tage auffällt, dass wir zwei eventuell nicht zueinander passen – an jenem Tage, an welchem ich abgebaut worden bin?
(Stille.)
KAROLINE
Ich versteh Dich nicht, Kasimir.
KASIMIR
Denk nur nach. Denk nur nach,...




