Houellebecq Karte und Gebiet
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8321-8549-7
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8549-7
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michel Houellebecq, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Für den Roman >Karte und Gebiet< (2011) erhielt er den Prix Goncourt. Sein Roman >Unterwerfung< (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien der Essayband >Ein bisschen schlechter< (2020).
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(S. 248-249)
AM NÄCHSTEN TAG GING ER zu Fuß zu seiner Dienststelle, bog in die Rue des Fossés-Saint-Bernard ein und schlenderte dann am Ufer der Seine entlang. Er blieb lange auf dem Pont de l’Archevêché stehen: Von dort aus hatte man, wie er fand, den schönsten Blick auf Notre-Dame. Es war ein prächtiger Oktobermorgen, die Luft war frisch und klar.
Anschließend blieb er noch eine Weile auf dem Square Jean-XXIII stehen, beobachtete die Touristen und die Homosexuellen, die meist zu zweit dort spazieren gingen, sich küssten oder Hand in Hand liefen. Ferber kam fast zur gleichen Zeit wie er in der Dienststelle an und holte ihn auf der Treppe vor dem Kontrollposten im dritten Stock ein. Es würde im Quai des Orfèvres niemals einen Fahrstuhl geben, sagte er sich resigniert und bemerkte, dass Ferber den Schritt verlangsamt hatte, um ihn nicht auf dem letzten Treppenabschnitt zu überholen. Lartigue kam als Erster zu ihnen in das Büro, das dem ganzen Team zur Verfügung stand.
Er schien ziemlich deprimiert, sein glattes Gesicht mit dem dunklen Teint eines Südfranzosen war angespannt und sorgenvoll, obwohl er normalerweise ein recht fröhlicher Mensch war. Ferber hatte ihn beauftragt, vor Ort Zeugenaussagen aufzunehmen. »Totaler Flop«, verkündete er sofort. »Ich habe nichts erfahren. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Und in den letzten Wochen hat nicht mal jemand ein auswärtiges Fahrzeug im Dorf bemerkt.« Messier traf ein paar Minuten später ein, grüßte sie und legte den Rucksack, den er lässig über der rechten Schulter hängen hatte, auf seinen Schreibtisch.
Er war erst dreiundzwanzig und seit sechs Monaten im Kriminaldezernat. Der Jüngste in ihrem Team. Ferber mochte ihn gern und sah über seine zwanglose Kleidung hinweg, die im Allgemeinen aus Trainingshose, Sweatshirt und Segeltuchjacke bestand und im Übrigen schlecht zu seinem kantigen, strengen Gesicht passte, über das nur selten ein Lächeln glitt; wenn er ihm manchmal nahelegte, seinen Bekleidungsstil zu ändern, war das eher ein freundschaftlicher Rat.
Messier holte sich eine Flasche Cola light aus dem Getränkeautomaten, ehe er ihnen die Ergebnisse seiner Ermittlungen mitteilte. Seine Züge waren noch angespannter als gewöhnlich, er sah aus, als habe er die ganze Nacht nicht geschlafen. »Mit dem Handy gab’s kein Problem«, sagte er, »das hatte nicht mal einen PIN-Code. Aber dabei kam auch nichts Interessantes heraus. Gespräche mit seiner Verlegerin, mit dem Typen, der ihm Heizöl liefern, und mit einem anderen, der in seinem Haus Wärmedämmverglasung einsetzen sollte … Also nur praktische oder berufliche Gespräche. Dieser Typ scheint überhaupt kein Privatleben gehabt zu haben.«




