Houellebecq Unterwerfung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8321-8837-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8837-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MICHEL HOUELLEBECQ, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Für den Roman >Karte und Gebiet< (2011) erhielt er den renommierten Prix Goncourt. Sein Roman >Unterwerfung< (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien der Roman >Vernichten< (2022).
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II
Nach Myriams Fortgang blieb ich über eine Woche lang alleine. Das erste Mal seit meiner Berufung fühlte ich mich nicht einmal imstande, meine Mittwochskurse zu leiten. Die geistigen Höhepunkte meines Lebens waren die Niederschrift meiner Dissertation und die Veröffentlichung meines Buchs gewesen; all das lag mehr als zehn Jahre zurück. Geistige Höhepunkte? Höhepunkte überhaupt? Jedenfalls fühlte ich damals so etwas wie eine Existenzberechtigung. Seitdem hatte ich nur kurze Beiträge für das Journal des dix-neuvièmistes und, seltener, für das Magazine littéraire verfasst, wenn etwas anlag, das meinem Fachgebiet entsprach. Meine Beiträge waren klar, bissig, brillant, im Allgemeinen erfuhren sie Wertschätzung, zumal ich stets pünktlich ablieferte. Aber genügte das als Existenzberechtigung? Inwiefern braucht eine Existenz eine Berechtigung? Sämtliche Tiere und der überwältigende Großteil der Menschen existieren, ohne jemals das geringste Bedürfnis nach einer Berechtigung zu verspüren. Sie leben, weil sie leben, und basta, das ist ihre Denkweise, und sie sterben, weil sie sterben, nehme ich weiter an, womit die Analyse in ihren Augen abgeschlossen ist. Als Spezialist für Huysmans fühlte ich mich verpflichtet, mir wenigstens ein bisschen mehr Mühe zu geben.
Wenn Doktoranden mich fragten, in welcher Reihenfolge man die Werke des Autors, dem sie ihre Dissertation widmen wollen, lesen sollte, antwortete ich immer, dass sie sie in der chronologischen Reihenfolge lesen sollen. Nicht, dass das Leben des Autors einen Einfluss hätte, es ist die Reihenfolge der Bücher, die eine Art geistiger Biografie von ganz eigener Logik darstellt. Im Falle Joris-Karl Huysmans' trat das Problem in Bezug auf seinen Roman Gegen den Strich mit besonderer Deutlichkeit hervor. Wie kann jemand, der ein Buch von derartig überwältigender Originalität geschrieben hat, das in der Weltliteratur seinesgleichen sucht, wie kann so jemand weiterschreiben?
Die erste Antwort, die einem durch den Kopf schießt, ist natürlich: nur unter allergrößten Schwierigkeiten. Das ist es in der Tat, was sich bei Huysmans beobachten lässt. Zuflucht, das auf Gegen den Strich folgt, ist ein enttäuschendes Buch, es hatte gar nichts anderes sein können, und wenn der negative Eindruck, das Gefühl von Stagnation, von langsamem Abfall, das Lesevergnügen nicht vollends zerstört, dann weil der Autor folgende brillante Idee hatte: nämlich in einem Buch, das dazu verdammt ist, enttäuschend zu sein, die Geschichte einer Enttäuschung zu erzählen. Auf diese Weise trägt er, durch die enge Verbindung zwischen dem Thema und seiner Umsetzung, einen ästhetischen Sieg davon: Man langweilt sich schon etwas, liest aber weiter, gleichzeitig fühlt man, dass nicht nur die Figuren während ihres Landaufenthaltes Zuflucht suchen, sondern auch Huysmans selbst. Fast meint man, dass er sich hier erneut als Naturalist versucht (der gemeine Naturalismus des Landes, in dem die Bauern sich noch niederträchtiger und gieriger zeigen als die Pariser), wären da nicht diese traumartigen Einschübe, die den Text zerstören und bewirken, dass er sich nirgends einordnen lässt.
Dass es Huysmans mit dem nächsten Roman gelang, aus der Sackgasse herauszukommen, war auf eine simple, bewährte Methode zurückzuführen: die Einführung einer zentralen Figur, eines auktorialen Sprachrohrs, dessen Entwicklung wir über mehrere Bücher hinweg verfolgen können. All dies hatte ich in meiner Doktorarbeit klar dargelegt. Schwierig war es für mich erst später geworden, weil der entscheidende Moment in Durtals (wie auch in Huysmans') Entwicklung von Tief unten, auf dessen ersten Seiten er sich vom Naturalismus abwendet, über Unterwegs und Die Kathedrale bis hin zu Der Oblate die Konversion zum Katholizismus war.
Selbstredend ist es für einen Atheisten nicht leicht, über eine Reihe von Büchern zu schreiben, deren Hauptthema eine Konversion ist, ebenso wie es jemandem, der noch nie verliebt gewesen ist, dem dieses Gefühl fremd ist, schwerfiele, sich für einen Roman zu begeistern, der eben diese Leidenschaft zum Thema hat. Das Gefühl, das den emotional unbeteiligten Atheisten angesichts der spirituellen Abenteuer Durtals überkommt, angesichts der alternierenden Wellen der ihn verlassenden und dann wieder über ihn hereinbrechenden Gnade – was der Rahmenhandlung von Huysmans' letzten drei Romanen entspricht –, ist unglücklicherweise das der Langeweile.
An diesem Punkt meiner Überlegungen (ich war eben aufgestanden und trank einen Kaffee, während draußen der Tag herandämmerte) kam mir ein äußerst unschöner Gedanke: Wie Huysmans' Gegen den Strich der Höhepunkt seines Schaffens war, war Myriam vermutlich der Höhepunkt meines Liebeslebens. Wie konnte ich den Verlust meiner Geliebten verwinden? Die Antwort war wohl, dass ich es gar nicht konnte.
Während ich auf den Tod wartete, blieb mir das Journal des dix-neuvièmistes, dessen nächste Versammlung in weniger als einer Woche stattfinden sollte. Und dann war da noch der Wahlkampf. Viele Männer interessieren sich für Politik und Krieg, aber ich konnte einer solchen Beschäftigung nichts abgewinnen, ich war politisiert wie ein Handtuch, was wahrscheinlich schade war. Es stimmt, dass die Wahlen in meiner Jugend so uninteressant waren, wie man es sich nur denken konnte. Die Dürftigkeit des »politischen Angebots« war sogar wirklich frappierend. Man wählte einen Mitte-links-Kandidaten, abhängig von seinem Charisma für die Dauer von einem oder zwei Mandaten, ein drittes wurde ihm aus undurchsichtigen Gründen verwehrt. Dann wurde das Volk dieses Kandidaten beziehungsweise der Mitte-links-Regierung überdrüssig – hier ließ sich gut das Phänomen des demokratischen Wechselspiels beobachten –, woraufhin die Wähler einen Mitte-rechts-Kandidaten an die Macht brachten, ebenfalls für die Dauer von ein oder zwei Mandaten, je nach Typ. Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs, nicht selten kam es sogar zu einem Krieg, um dieses System anderen Ländern aufzuzwingen, die diesbezüglich weniger enthusiastisch waren.
Seit dem Vormarsch der Rechtsextremen war die ganze Sache ein wenig spannender geworden, die Debatten waren vom vergessenen Beben des Faschismus untermalt. Aber erst 2017 kam mit der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen wirklich Bewegung in die Sache. Wie gelähmt musste die internationale Presse dieses schändliche, aber arithmetisch unabwendbare Spektakel der Wiederwahl eines linken Präsidenten in einem immer unverhohlener rechts denkenden Land mitansehen. In den Wochen, die auf die Abstimmung folgten, hatte sich eine seltsame, drückende Stimmung im Land ausgebreitet. Eine beklemmende, fundamentale Hilflosigkeit, dann und wann von aufständischen Funken durchbrochen. Viele gingen daraufhin ins Exil. Einen Monat nach Auszählung der Stimmen der zweiten Runde verkündete Mohammed Ben Abbes die Gründung der Bruderschaft der Muslime. Ein früherer Vorstoß des politischen Islams war von der Partei der Muslime Frankreichs ausgegangen und bald fehlgeschlagen, weil ihr Anführer einen misslichen Antisemitismus an den Tag legte, der ihn nicht einmal davor zurückschrecken ließ, Kontakte zu Rechtsextremen zu knüpfen. Die Muslimbrüder hatten daraus gelernt und legten Wert darauf, moderate Positionen zu vertreten, beispielsweise in der Palästina-Frage, und recht herzliche Beziehungen zu jüdischen religiösen Führungsfiguren zu pflegen. Nach dem Vorbild der muslimischen Parteien, wie sie in der arabischen Welt existierten (sie waren übrigens dem früheren Vorbild der Kommunistischen Partei Frankreichs nicht unähnlich), wurde die politische Handlung in ein dichtes Netz von Jugendverbänden, Kultureinrichtungen und karitativen Institutionen verlagert. In einem Land, in dem die Massenarmut sich Jahr für Jahr schicksalhaft ausbreitete, trug diese Politik der Vernetzung schließlich Früchte und hatte zur Folge, dass die Bruderschaft der Muslime auch außerhalb des konfessionellen Rahmens potenzielle Wähler fand, ihr Erfolg war durchschlagend: In den letzten Umfragen erreichte die gerade einmal fünf Jahre alte Partei 21Prozent und lag damit nur knapp hinter den Sozialisten, die auf 23Prozent kamen. Die Rechtskonservativen erreichten nur 14Prozent, während der Front National mit 32Prozent klar an erster Stelle stand.
David Pujadas war seit ein paar Jahren eine Ikone – man hatte ihm einen Platz in den Reihen jener wenigen Politik-Journalisten in der Geschichte der Medien (Cotta, Elkabbach, Duhamel und einige andere) zugesprochen, die für würdig befunden worden waren, zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang einem Präsidentschaftsduell vorzustehen. Doch nicht nur das, mit seiner freundlichen Hartnäckigkeit, seiner Ruhe, vor allem aber seiner Fähigkeit, Beleidigungen zu ignorieren und die Auseinandersetzung, wenn sie zu zerfasern drohte, neu auszurichten und ihr den Anschein einer würdigen und demokratischen Konfrontation zurückzugeben, hatte er seine Vorgänger in den Schatten gestellt. Die Kandidatin des Front National und der Kandidat der Bruderschaft der Muslime erkoren ihn einmütig zum Schiedsrichter ihres Austauschs, der von allen Debatten vor der ersten Wahlrunde die am ungeduldigsten erwartete war. Wenn es nämlich dem Kandidaten der Bruderschaft der Muslime, der sich seit Beginn seines Wahlkampfs stetig nach vorne schob, gelänge, den Kandidaten der Sozialisten zu überholen, würde es eine noch...




