E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Houston Das kleine Dorf in Schottland
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-892-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein Wohlfühlroman über eine idyllische schottische Kleinstadt und ihre Bewohner
E-Book, Deutsch, 376 Seiten
ISBN: 978-3-98690-892-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eve Houston ist das Pseudonym der schottischen Autorin Evelyn Hood. Sie arbeitete als Journalistin und Schauspielerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Neben Kurzgeschichten, Theaterstücken und Kinderbüchern schrieb Eve Houston über 40 Romane, mit denen sie auch international die Herzen der LeserInnen eroberte. Die Website der Autorin: www.evelynhood.com Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihren Wohlfühlroman »Das kleine Dorf in Schottland«.
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1. KAPITEL
Saul Beckett steuerte seinen alten, verrosteten Landrover die Straße von Kirkcudbright entlang, ohne das üppige Grün der Wiesen, an kalten Februartagen einzig in Dumfries and Galloway zu finden, auch nur zu beachten. Genauso wenig interessierten ihn die Mutterschafe, die fett und wollig an die Zeichnungen kleiner Kinder erinnerten und gemächlich grasend die Geburt ihrer Lämmer abwarteten.
Saul war ein Mann mit einer Mission, ein Stadtmensch, den das Landleben nie gereizt hatte.
Er passierte die Einmündung des Feldwegs, der zur Tarbethill Farm hinaufführte, und drosselte das Tempo erst, als er die Gemeinde Prior’s Ford erreicht hatte. Langsam fuhr er die Main Street entlang, vorbei am Gemeindezentrum zur Rechten und der Grundschule zur Linken, auf deren Spielplatz die Kinder in der Nachmittagssonne tobten.
Er hielt Ausschau nach einem Gasthof, dem Neurotic Cuckoo, doch als er gerade den halbmondförmigen Dorfplatz erreicht hatte, erregten drei Frauen seine Aufmerksamkeit. Sie trugen jeweils einen großen Pappkarton und warteten darauf, die Straße überqueren zu können. Saul bremste und winkte sie mit einer galant-schwungvollen Armbewegung hinüber.
Die drei Frauen lächelten ihm zu und eilten vor seinem Kühler über die Straße, ohne zu wissen, dass der höfliche Fremde in einer Mission gekommen war, die ihr friedliches Dörfchen bald ins Chaos stürzen und einen Nachbarn gegen den anderen aufwiegeln sollte. Saul nickte zur Antwort und musterte sie träge. Zwei waren nicht übel, entschied er: eine klein, mit langem braunem Haar, das sie immer wieder mit einer Kopfbewegung über die Schultern zu werfen versuchte, die andere größer, mit blonden Locken, die ihrem Gesicht einen hübschen Rahmen gaben. Aber die dritte Frau war es, die sein Interesse weckte – groß, schlank, blond.
»Für dich hab ich’s gern getan, Schätzchen«, murmelte er, als sie ihn anlächelte, »ausgesprochen gern geschehen!« Und er ließ den Motor noch ein Weilchen leer laufen, um der bildschönen Blondine und ihren Freundinnen nachzuschauen, als sie den Dorfplatz überquerten.
Während er ihnen mit seinen Blicken folgte, fiel Saul das örtliche Pub, sein Ziel am Scheitelpunkt des Halbkreises, ins Auge.
Er war an der Abzweigung daran vorbeigefahren, doch zum Glück mündete die Nebenstraße auf der anderen Seite wieder in die Main Street. Saul legte den Gang ein und fuhr an. Als er abbog, sah er die drei Frauen einen kleinen Laden betreten. Das Schild über der Tür wies ihn als Gift Horse aus. »Schade«, dachte er. Es wäre doch nett gewesen, wenn sie auf dem Weg zum Pub gewesen wären, wie er selbst.
»Was für ein Kavalier«, sagte Ingrid MacKenzie zu ihren beiden Freundinnen. »Wie nett von ihm, unseretwegen anzuhalten.«
»Deinetwegen, würde ich sagen.« Helen Campbell zwinkerte Jenny Forsyth zu, die mit einem Grinsen antwortete.
»Wieso meinetwegen? Wir waren zu dritt.«
»Es liegt an deinem Haar – und an deiner Größe. Und natürlich an deiner Haltung.« Helen warf mit einer Kopfbewegung ihr langes braunes Haar zurück. »Er hat erkannt, dass du mal ein Top-Model warst.« Bei ihr käme kein Mensch jemals auf die Idee, das war ihr klar. Als Mutter von vier Kindern, vormals schlank, jetzt vollschlank, war sie eher der häusliche Typ.
»Ach was, ich habe seit Jahren nicht mehr als Model gearbeitet. Er hat weiter nichts erkannt, als dass ich, wie du und Jenny, Hausfrau und Mutter bin. Hier ...« Ingrid stellte ihren Karton auf Jennys. »Halt mal kurz, ich muss den Schlüssel suchen.«
»Ich sehe nichts mehr!«
»Hier gibt’s ja auch nichts zu sehen«, erwiderte Ingrid in aller Seelenruhe, zog den Schlüssel aus ihrer Tasche und schloss die Tür auf. »Kommt rein, ich koche uns Kaffee.« Jenny und Helen folgten ihr ins Ladeninnere. Ingrid hatte etwas – vielleicht war es ihre heitere Ausstrahlung –, was sie zur Anführerin erkor. Die beiden anderen waren schon gute Freundinnen gewesen, als sich Ingrid, die ihre Karriere und ihre skandinavische Heimat aus Liebe zu einem Schotten hinter sich gelassen hatte, mit ihrem Mann Peter und ihren Töchtern Freya und Ella in Prior’s Ford niederließ. Jenny und Helen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, der »Neuen« beim Einleben zu helfen. Als Ingrid dann etwa drei Jahre später ihren Souvenirladen mit Teestube eröffnete, war Jenny, die ihre Freude am Kunsthandwerk teilte, ins Geschäft eingestiegen. Helen half aus, indem sie die Buchführung übernommen hatte und bestens Bescheid wusste über die Waren, die im Laden verkauft wurden, der während der Touristensaison im Frühling und Sommer geöffnet war.
»Ich hätte erwartet, dass es hier kälter ist. Schließlich herrschen draußen ziemlich eisige Temperaturen.« Jenny wickelte sich den scharlachroten Schal vom Hals und knöpfte ihren Mantel auf. Dann bauschte sie mit den Fingerspitzen ihr helles Haar auf.
»Ich habe schon heute Morgen die Heizung eingeschaltet. In der Kälte können wir doch nicht arbeiten.« Ingrid leerte ihren Karton mit bunten Karten, Geschenkbandrollen und Plastikumschlägen mit winzigen Teilchen aus buntem Schaumstoff in allen möglichen Formen auf einem der drei kleinen Tischchen aus, während Jenny ihren Mantel über eine Stuhllehne hängte und zwei Stoffpuppen mit rosigen Wangen in bunt gemusterten Kleidchen aus dem Karton hob.
»Was meint ihr?« Sie hielt die Puppen hoch. »Ich habe sie gestern Abend fertiggenäht.«
»Sehr hübsch; die verkaufen sich bestimmt gut«, lobte Ingrid, während Helen die Bastel- und Handarbeitsbücher, die sie aus ihrem Karton genommen hatte, zur Seite legte und nach einer der Puppen griff.
»Die sind hinreißend, Jenny.« Sie hielt die Puppe hoch und lächelte in das fröhliche kleine Gesicht. »Es macht einen glücklich, sie nur anzusehen.«
»Wie nett von dir!«
»Es stimmt. Wer immer sie kauft, wird glücklich mit ihr werden.« Wie Jenny selbst, dachte Helen. Sie war eine fürsorgliche Person, die niemals ein böses Wort über irgendjemanden äußerte. Helen war in Prior’s Ford geboren und aufgewachsen, genauso wie ihr Mann Duncan, während Jenny und Andrew Forsyth sich ein paar Monate vor der Geburt ihres einzigen Kindes, Calum, im Dorf niedergelassen hatten. Jenny sprach nie von ihrer Vergangenheit, und Helen hatte sie nie bedrängt, wenngleich sie manchmal eine tiefe Traurigkeit in den braunen Augen ihrer Freundin entdeckte oder einen Zug von Bitterkeit um ihren großen, normalerweise lächelnden Mund, woraus sie schloss, dass das Leben Jenny nicht immer so freundlich behandelt hatte wie jetzt. »Ich wollte, ich könnte so etwas«, sagte sie und legte die Puppe sanft nieder.
»Nein, willst du nicht, denn wir brauchen deinen klaren Verstand«, sagte Ingrid. »Du bist so gut darin, Listen zu führen über alles, was wir haben, und darüber, was wir regelmäßig brauchen.«
»Wartet nur, bis ich meinen Bestseller veröffentliche – dann werde ich so beschäftigt sein, dass ich keine Zeit mehr für deine Listen habe«, scherzte Helen. Sie nahm an einem Fernstudium in kreativem Schreiben teil, und es war ihr sehnlichster Wunsch, Romanautorin zu werden. »Aber darüber brauchst du dir wohl keine Sorgen zu machen, denn es wird nie geschehen«, setzte sie gleich hinzu.
»O doch, aber du musst aufhören, uns und dir selbst einzureden, dass nichts daraus wird«, bemerkte Jenny. »Warum soll ich mich selbst belügen?« Die Anforderungen, die ein Ehemann, ein Haus und vier Kinder an sie stellten, dazu die Schreibarbeiten, die sie für andere übernahm, um ein bisschen Geld zu verdienen, ließen ihr nur sehr wenig Zeit für ihre eigene schriftstellerische Tätigkeit. Unbewusst seufzte sie und ließ die Schultern hängen.
Ihre Freundinnen tauschten einen Blick aus, dann sagte Ingrid: »Mit jedem Tag werde ich besser und besser. Diesen Leitsatz solltest du dir jeden Morgen von neuem sagen, Helen.«
»Bevor ich sicher sein kann, dass die Kinder aufgestanden sind, sich gewaschen, gefrühstückt und ihre Schulsachen zusammengesucht haben, oder danach?«
»Eines Tages verlassen sie das Nest, und dann hast du mehr Zeit. Bis dahin solltest zu lernen, positiver zu denken«, schimpfte Ingrid und fügte hinzu, indem sie, den Kopf leicht zur Seite geneigt, Helen musterte: »Es muss irgendwie mit euren schottischen Wintern zusammenhängen. Mein Peter hängt auch manchmal durch, genau wie du, aber ich sage ihm dann, dass er mich damit in Ruhe lassen soll. Wenn du deinen Bestseller geschrieben hast, stapeln Jenny und ich jede Menge Exemplare im Schaufenster und lassen niemanden aus dem Laden, solange er nicht ein Buch gekauft hat. Und jetzt« – sie griff in ihren Karton und förderte eine Flasche zutage – »habe ich mir etwas von Peters bestem Whisky ausgeliehen, um unseren Kaffee damit aufzupeppen. Das sollte dich aufmuntern!«
»Das genügt meinen Ansprüchen«, sagte Saul Beckett, der dem Wirt die schmale Treppe hinauf gefolgt war, um eines der zwei Gästezimmer im Neurotic Cuckoo anzusehen. »Möchten Sie eine Anzahlung?«
»Ich vertraue Ihnen«, sagte Glen Mason freundlich und beäugte die Reisetasche des Gastes, sein einziges Gepäck. »Bleiben Sie länger?«
»Ein paar Tage, länger wahrscheinlich nicht.«
»Urlaub, wie?«
»Hm.« Wegen der Dachschräge musste Saul sich bücken, um aus dem Fenster auf den Dorfplatz und die dahinterliegende Main Street blicken zu können. Auf der anderen Straßenseite sah er die Gemeindekirche, einen Dorfladen, eine Metzgerei und ein Gemüse- und Blumengeschäft. Eine Straße, die direkt gegenüber der Kneipe abzweigte, eröffnete ihm den Blick auf den Fluss und die sanft gewellten Hügel, für die die Gegend von Dumfries and...




