Howard | SEPTEMBER IM REGEN | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Howard SEPTEMBER IM REGEN

Der Krimi-Klassiker!
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1060-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Krimi-Klassiker!

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-7554-1060-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
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Die junge Dame im schwarzen Samtkleid war ziemlich betrunken. Und sie sah aus, als sei das nicht ihr einziges Problem: ein weiteres stellte vermutlich ihr Begleiter dar. Er ohrfeigte das Mädchen auf offener Straße, und in dem New Yorker Privatdetektiv Glenn Bowman erwachten die Kavaliersinstinkte...   Der Roman September im Regen des britischen Schriftstellers Hartley Howard (eigentlich Leopold Horace Ognall - * 20. Juni 1908 in Montreal, Québec; ? Großbritannien) erschien erstmals im Jahr 1956; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Jahr 1973. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME CHEFAUSWAHL.

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  Zweites Kapitel
    Morry war ein fetter Mensch, der an einer Überproduktion seiner Schweißdrüsen, chronischem Asthma und an galoppierender Geldgier litt. Er war höchstens einsachtundfünfzig groß, dafür aber mindestens ebenso breit. Immer wenn ihn etwas aufregte, schlossen sich seine Atmungswege und er musste zum Inhalator greifen. Und was ihn am meisten aufregte, war der Anblick von Banknoten, das Klingeln von Münzen oder auch nur der Gedanke an Geld. Eine keuchende, nach Luft schnappende Registrierkasse. Als Elaine dicht hinter mir die Bar betrat, lehnte er seine zwei Zentner zehn gegen die Bartheke. Sein großflächiges, schläfriges Gesicht glitzerte von kleinen Schweißtröpfchen, die Kahlstelle an seinem Schädel war garniert mit strohfarbenen, verschwitzten Löckchen, und seine stumpfen Augen blickten auf nichts Besonderes, nahmen jedoch alles wahr. Das Geschäft war ruhig, und Morry zeigte dementsprechend eine gelangweilte Miene. Neben ihm stand ein Colonel in Uniform mit silbergrauem Haar, der Haut eines Collegeknaben und zwei Reihen Ordensbändern über der Brust, und eine honigblonde Frau, die ununterbrochen mit ihren aufgeklebten Wimpern klimperte. Am entgegengesetzten Ende der Bartheke saßen drei gewöhnlich aussehende Typen auf den chromblitzenden Hockern. Und dazwischen tummelte sich eine gemischte Auswahl von Vertretern beiderlei Geschlechts. Morry hielt viel von gedämpfter Beleuchtung, und dementsprechend lag auch seine Goldgrube im Halbdunkel. Das passte vorzüglich zu seinen Gästen. Wir ließen uns auf zwei Hockern an der Bar nieder. Morry teilte sein fettes Lächeln genau zwischen uns beiden auf. Dann sagte er: »Wir haben uns ja lange nicht gesehen.« Das sagte er genaugenommen zu mir, wenn er damit auch Elaine meinte. Als er sie mit seinen Augen aus- und wieder angekleidet hatte, fügte er hinzu: »Ich finde, Sie beide haben einen Drink auf Rechnung des Hauses verdient. Was darf ich Ihnen servieren?« Elaine erklärte sofort: »Für mich bitte nur Tomatensaft.« Sie hatte die Massage ihres Handgelenks beendet, sah aber noch immer recht blass aus, das gute Kind. Ich bestellte einen Bourbon, und Morry schnippte mit den Fingern, ohne den Blick von uns zu wenden. »Tich! Sie haben gehört, was der Herr und die Dame zu trinken wünschen.« Tich war ein langes Elend mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und einzelnen schwarzen Haaren, die ihm aus den Nasenlöchern wuchsen. Wenn er wirklich einmal lächeln musste, dann nur so verkniffen, dass er dabei nicht einmal die Zähne zeigte. Ich bezweifelte, ob er überhaupt welche im Mund hatte. Jetzt kam er her und sagte: »Guten Abend, Miss.« Dabei schaute er sie mit scheuen, kleinen Blicken an, als fürchte er, sie können ihm im nächsten Augenblick seine edelsten Teile abbeißen. Nachdem er uns die Drinks serviert hatte, machte er sich wieder mit Feuereifer an die Arbeit, als sei es das Wichtigste auf der Welt, ein paar bereits blitzende Gläser erneut zu polieren. Ich nahm mir vor, ihn mit irgendwelchen Hilfsmitteln ein wenig aufzulockern und zu ergründen, was er mir dann zu berichten hatte. Inzwischen hatte sich Morry offenbar entschlossen, uns für den Rest des Abends Gesellschaft zu leisten. Als er nahe genug herangekommen war, dass er sich im Flüsterton mit uns unterhalten konnte, sagte er honigsüß: »Ich überlege mir die ganze Zeit, wo ich Sie hinstecken soll. Sie waren so lange nicht mehr hier bei mir... Wie war noch Ihr Name?« »Wylie«, erklärte ich. »Aus Detroit. Erinnern Sie sich jetzt?« »Ja, ja, sicher - ich erinnere mich genau.« Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn und wischte sich danach mit seinem Taschentuch auch noch den feuchtgeschwitzten Kragen ab. Die drei Erscheinungen am entgegengesetzten Ende der Theke beobachteten uns, taten aber so, als dächten sie nicht daran, uns zu beobachten - drei gewöhnliche Typen, ich sagte es schon, die sich für eine mehr als ungewöhnliche Dame zu interessieren schienen. Der eine in der Mitte hatte einen unordentlichen Schnurrbart und eine Denkerstirn; der zweite links von ihm erinnerte mich an den jungen General Eisenhower; der dritte trug einen Bürstenhaarschnitt und verfügte obendrein über eine ulkige Stupsnase und ein schlecht sitzendes, künstliches Gebiss. Jetzt wandte ich mich an Morry und fragte: »Sagen Sie, hat heute Abend jemand nach mir gefragt?« »Nach Ihnen?« Kleine Schweißbächlein rannten schon wieder von ihrem Ursprung, der Kahlstelle, durch das dünne Gestrüpp der Haare auf die Stirn. »Haben Sie jemand Bestimmten im Sinn?« »Ja. Einen dunklen, glattrasierten Mann mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar - etwa meine Größe und Statur. War er nicht hier?« Morry musste verdammt lange nachdenken, ehe er den Kopf schüttelte. »Nein. Bis jetzt war er jedenfalls noch nicht da. Wann wollten Sie sich denn mit ihm treffen?« »Gegen elf. Vielleicht ist er Ihnen nicht aufgefallen. Aber es ist möglich, dass er bei Tich eine Nachricht, für mich hinterlassen hat.« »Ich stehe schon die ganze letzte Stunde hier vorn an der Theke. Wenn er hier gewesen wäre, hätte ich ihn bestimmt nicht übersehen. Aber Sie können Tich ja selbst fragen.« Tich scheute ebenso wenig wie sein Chef vor der Lüge zurück. Nein, niemand habe nach mir gefragt, niemand sei heute Abend hier gewesen, der auf meine Beschreibung passte. Es war im Grunde eine gut servierte Lüge. Eine, mit der man David Fenwick allerdings bestimmt nicht hätte täuschen können. Und wenn ich so an diesen Harry und an seinen Freund mit dem Totschläger, dazu an die Pistole in Elaines Abendtäschchen dachte, fand ich sie gar nicht so komisch. Ach ja, Elaine. Die nippte eben an ihrem Tomatensaft, als sei er mit Arsen versetzt, und ich trank einen Schluck Bourbon und betrachtete die drei Männer, deren Blicke sich tief in Elaines Dekollete versenkt hatten. Meine Schöne hatte bisher noch keinen Mucks von sich gegeben, wenn man einmal von dem Wunsch nach Tomatensaft absah. Hier und da beäugte sie mich von der Seite, und ich hatte den Eindruck, sie wäre mir gegenüber bedeutend aufgeschlossener gewesen, wenn Morry sich nicht so dicht an uns herangedrückt hätte. Aber ich hatte Zeit. Nach einer Weile steckte Morry sein Taschentuch ein und faltete die fetten Fingerchen, als wolle er für uns alle beten. Dann erklärte er: »Ja, also, wir haben ja offiziell bereits geschlossen, und Sie wissen, die Sperrstunde... Ich könnte ziemliche Schwierigkeiten bekommen - Sie verstehen.« Dann starrte er mich unverwandt an und nickte wohlwollend. »Sie sind mir allzeit ein lieber Gast, Mr. Wylie, aber Ihre...« Er zog die Lippen zusammen und in seine Augen war ein unfreundlicher Ausdruck getreten. »Ihre Begleitung ist nicht - Sie verstehen schon.« »Nein«, erwiderte ich ungerührt. »Ich verstehe keineswegs.« Jetzt lächelte er, als schmerzten ihn seine Hühneraugen. »Sie ist nicht gerade das, was wir uns unter einem willkommenen Gast vorstellen. Vor einer knappen halben Stunde mussten wir sie bitten, das Lokal zu verlassen, weil sie sternhagelbetrunken war. Jetzt wissen Sie’s.« »Wovon denn, um Himmels willen? Vom Tomatensaft?« »Ich bin Ihnen im Grunde keinerlei Erklärungen schuldig. Aber wenn Sie es genau wissen wollen: Sie trank Scotch - und zwar eine ganze Menge davon.« Elaine rutschte auf ihrem Hocker herum, starrte mich an, zog einen Schmollmund und beobachtete meine Reaktion. Dann erklärte sie in trockenem Ton: »Ich hatte zwei einfache Scotch - das ist richtig.« Es klang so, als spreche sie mit jemand anders. Und die Geste, mit der sie Morry die kalte Schulter zeigte, war gekonnt. Morry war jedenfalls nicht begeistert davon. Er sagte: »Wenn Sie mit mir streiten wollen, muss ich Sie beide bitten, mein Lokal zu verlassen.« Er schwitzte schon wieder wie ein Schwein. Ich erwiderte: »Von Streit kann gar keine Rede sein. Aber Sie werden als Fachmann doch wohl zugeben müssen, dass man von zwei einfachen Whiskys nicht betrunken werden kann.« »Was wollen Sie damit andeuten?« Seine Stimme klang gemein und beleidigend. »Soll ich es Ihnen vielleicht auch noch buchstabieren?« Ich hielt mein Glas in der Hand und rutschte vom Barhocker. »Jetzt, ein Viertel vor zwölf, erinnern Sie sich an Ihre Sperrstundenverordnung. Ein bisschen frühzeitig, meinen Sie nicht? Und Sie erinnern sich auch daran, dass Miss Livingstone eine Menge Scotch getrunken hat und davon sternhagelblau war - vor einer knappen halben Stunde. Sie dagegen erklärt, nur zwei kleine Drinks bestellt zu haben. Und nachdem sie mir einen höchst nüchternen Eindruck macht, würde ich sagen, Sie sind ein verdammter Lügner, mein lieber Morry. Irgendwelche Fragen?« »Nein.« Die Adern an seiner Schläfe schwollen an und färbten sich dunkelrot. »Aber Sie beide machen jetzt, dass Sie weiterkommen. Ich hätte wissen müssen, was Sie für ein Dreckskerl sind, als Sie mir dieses Luder wieder hier hereinbrachten.« Inzwischen war es mucksmäuschenstill geworden in Morrys Bar. Für die Gäste war das vermutlich interessanter als eine Striptease-Show. Elaine ließ ihr Abendtäschchen aufschnappen und holte ein Zigarettenetui und ein Feuerzeug heraus. Dann steckte sie sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie bedächtig an und inhalierte den Rauch. Zuletzt schaute sie mich an und sagte: »Jetzt sind Sie dran, mein Freund.« Und wie auf ein Stichwort öffnete sich eine Tür in der Wand gegenüber der Theke. Heraus drangen ein paar Takte von September in the Rain und ein riesiger Kerl mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar, dicken Lippen und einem milchkaffeebraunen Teint. Die Ärmel seines Sakkos waren...



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