E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Hoyer Nur der Hamster war Zeuge
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95819-210-2
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Soko Elsbeth ermittelt
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-95819-210-2
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heike Hoyer, geboren 1960 in Hannover, studierte Psychologie in Köln, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Schon seit ihrer Kindheit galt ihr Interesse auch den Tieren, ihrem artspezifischen Verhalten und ihren Kommunikationsformen. 2010 inspirierte ihr Goldhamster Louis sie zu ihrem ersten (Hamster-) Roman, dem jetzt ein Tierkrimi gefolgt ist.
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Der zweite Tag
Das Alibi
Auch über Nacht schien sich Marcels Verfassung nicht gebessert zu haben. Obwohl er gerade aus dem Bad kam, roch er muffig und nach konservierter Angst. Bei seinem Frühstück, das aus viel Kaffee, einem Zwieback und zwei Tabletten bestand, murmelte er Unverständliches vor sich hin.
Caesar beobachtete ihn wachsam. Marcels Zustand ähnelte, was den Grad seiner Anspannung anbetraf, bekannten morgendlichen Kater- Zuständen nach ausgiebigen Alkoholexzessen. Für Caesar bedeutete das eine schwierige Gradwanderung zwischen dem vorsichtigen Anmelden der eigenen Bedürfnisse und der Rücksichtnahme auf die momentan besonders ausgeprägte Übersensibilität und Reizbarkeit seines Herrchens. Vor allem hieß das, jegliche Art von Lautäußerungen zu unterlassen. Die schien Marcel in solchen Zuständen nämlich nicht zu vertragen. Er tendierte dann zu »Impulsdurchbrüchen«, wie Caesars psychologisch belesene Freundin Nasira das nannte. Weniger vornehm ausgedrückt: Er schrie Caesar an, warf mit seinen Pantoffeln nach ihm und stellte ihm nichts zu fressen hin.
Der Hund näherte sich Marcel von der Seite, stupste ihm vorsichtig mit der Schnauze gegen das Bein und zog sich sofort wieder zurück. Es passierte jedoch nichts Schlimmes. Marcel starrte ihn nur mit leerem Blick an, ließ ihn wortlos vors Haus zum Pipimachen und füllte ihm danach wie gewünscht seinen Napf mit Futter. So erfreulich das war, hatte sein Verhalten doch etwas Gespenstisches.
Caesar schnüffelte. Genau berochen, hatte sich doch etwas verändert an Marcels Ausdünstung: Die Angst dominierte immer noch, aber darunter hatte sich eine deutliche Note von Schuld gemischt.
Endlich wandte er sich dem Hund zu. Seine Gesichtszüge schienen zu verschwimmen, und Caesar ahnte, dass er dabei war, in seine sentimental- selbstmitleidige Jammer-Stimmung zu kippen. Und schon ging es los: »Du bist ein guter Junge, Caesar. Du verstehst doch, was ich getan habe, oder? Sie ist letztlich selbst schuld: Hätte sie mir was von ihrem Zaster gegeben, könnten wir jetzt beide glücklich weiterleben. Aber so musste ich eben tun, was ich getan habe. Es geht einfach nicht, dass mich das so fertig macht. Ich glaube, ich werde mich mal um ein Alibi kümmern, nur zur Absicherung. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Das macht mich bestimmt ruhiger, was Alter?«
Caesar konnte dem Gerede seines Herrchens nicht viel Sinn entnehmen, was nicht weiter ungewöhnlich war. Wenn Marcel Whiskey konsumiert hatte, redete er meist noch größeren Unsinn.
Der Hund gab ein unspezifisch freundliches Grunzen von sich, was Marcel als Zustimmung interpretierte. Er klopfte Caesar auf den Rücken, griff dann zum Telefonhörer und gab eine Nummer ein. Nach kurzem Warten begann er zu sprechen.
»Hallo, Alter, ich bin’s.«
So redete er in der Regel seinen Kumpel René an, der mit seiner Freundin Chantal über ihm wohnte.
»Bist du allein? Unterwegs – ah gut. Hör mal, ich brauche für gestern Nachmittag ein Alibi. Also, ich brauche wahrscheinlich keins, es ist nur vorsorglich. Könntest du –«
…
»Ja klar, wenn Du die ganze Zeit bei der Fußballfete warst, geht das natürlich nicht.«
…
»Nee, will ich dir jetzt nicht erzählen. Wir sprechen uns später mal. Bis dann.«
Caesar spitzte die Ohren. Wozu brauchte sein Herrchen ein Alibi für gestern Nachmittag? Hatte er doch nicht Tante Elsbeth besucht? Und was hatte er stattdessen getan? Er beobachtete Marcel, der unruhig auf und ab tigerte. Dann blieb er abrupt stehen, und ein kleines Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Wieder griff der Mann zum Telefon. Diesmal klang seine Stimme geschäftsmäßiger.
»Hallo, Pascal, pass auf, heute ist dein Glückstag. Ich werde dir einen Super-Vorschlag machen, wie du deine finanziellen Rückstände bei mir abbauen kannst.«
…
»– nicht am Telefon. Ich komme in einer guten halben Stunde vorbei.«
…
»Dann nimmst du dir eben Zeit.«
Grußlos beendete Marcel das Gespräch und begann an seinem PC herum zu fummeln.
Caesar erinnerte sich an Pascal. Er hatte Marcel vor zwei Monaten zu diesem Menschen begleitet. Pascal erzählte damals, dass er sich vor zwei Jahren als Web-Designer selbständig gemacht hatte. Nachdem die Geschäfte zunächst gut liefen, war ein Großkunde pleite gegangen. Pascal blieb auf seiner Riesenrechnung sitzen, was auch ihn an den Rand der Insolvenz trieb. Er brauchte dringend Geld, doch die Banken gaben ihm keinen Kredit mehr. Und so war er an Marcel geraten, der ihm Geld zu Wucherzinsen lieh.
Caesar kannte solche und ähnliche Geschichten zur Genüge, weil Marcel ihn meist zu diesen Treffen mitnahm, wahrscheinlich um die Kunden einzuschüchtern. Die Begegnungen mit diesen Menschen, die sich in Notlagen befanden, machten ihn traurig, weil sie ihm regelmäßig vor Augen und Nase führten, dass sein Herrchen kein guter Mensch war. Marcel verhielt sich in den Gesprächen aufgeblasen und herablassend, während der andere, in diesem Fall Pascal, wie eine von der Katze in die Ecke getriebene Maus roch.
Der Drucker ratterte und spuckte ein paar Bögen Papier aus, die Marcel zusammenraffte.
»Komm Caesar, wir machen einen kleinen Spaziergang.«
Ein Spaziergang konnte ihn immer begeistern, auch wenn der Streifzug meist viel zu kurz war und oft in einer Kneipe endete, wo es erbärmlich stank. Der Hund sprang auf, lief in den Flur und ließ sich anleinen. Marcel befestigte das Schild »Heute geschlossen« an der Ladentür, und dann liefen sie los.
Schon bald hatten sie das Geschäftshaus erreicht, in dem sich Pascals kleines Büro befand. Dieser begrüßte sie zurückhaltend, während Caesar sein Hosenbein beschnüffelte. Der Geruch war nicht unsympathisch: eine Mischung aus Duschgel, frischem Arbeitsschweiß, Computer und möglicherweise etwas Hundefreund, und so wedelte er leicht mit dem Schwanz.
Ohne eine Einladung abzuwarten, trat Marcel ein und setzte sich auf einen der beiden Sessel.
»Pass auf«, begann er wie am Telefon, »ich würde sagen, wir reden Klartext –«
»Wir können ruhig beim ›Sie‹ bleiben.«
»Das kannst du gern machen. Ich bin mehr für die direkte Ansprache. Also, zurück zum Thema: Wir wissen beide, dass du mir den Kredit samt Zinsen in einem Monat nicht zurückzahlen kannst. Das heißt, in einem Monat geht hier alles inklusive deines Autos an mich« – Marcel machte eine ausholende Bewegung mit der Hand – »dein Laden existiert nicht mehr, und du bist am Ende.«
»Dreißig Prozent Zinsen sind einfach nicht zu schaffen –«
»Du hast den Vertrag damals so unterschrieben, oder?«
»Ja, weil ich keine andere Wahl hatte.«
»Und warum hattest du sie nicht? Weil keine Bank deinem Laden zugetraut hat, wieder aus den roten Zahlen zu kommen. Nur ich bin eingesprungen mit meinem Kapital. Die Zinsen entsprechen dem Risiko. Aber das müssen wir jetzt gar nicht diskutieren, denn ich will dir ja, wie gesagt, ein fantastisches Angebot machen. Ich hatte gestern einen schwierigen Tag, und du kannst davon profitieren. Also, gestern Nachmittag habe ich mit einigen Kumpels ein paar, äh, nicht ganz legale Autogeschäfte getätigt, über die du nichts weiter zu wissen brauchst. Danach bin ich zu meiner Tante gefahren, um mir ein Alibi für die vergangenen Stunden zu besorgen. Tante Elsbeth mag mich und hätte bezeugt, dass ich schon mittags gekommen wäre.«
Caesar schnaufte. Sein Herrchen log wie gedruckt, Tante Elsbeth hätte das nie getan.
»Ich gehe also nichtsahnend in die Wohnung – habe einen Schlüssel – und freue mich auf einen entspannenden Tee nach der ganzen Aufregung, da finde ich meine Tante auf dem Sofa – tot. Sie war über siebzig Jahre und hatte seit Jahrzehnten Diabetes, aber trotzdem … Sie wirkte eigentlich immer sehr fit, nun ja, vielleicht in der letzten Zeit nicht mehr so. Ich habe jedenfalls nicht damit gerechnet und war völlig geschockt. Sie war definitiv tot, ich habe ihr den Puls gefühlt.«
Marcel erschauerte, wie von seinen Erinnerungen eingeholt.
Caesar stellten sich die Nackenhaare hoch. Was erzählte er da? Tante Elsbeth war tot?!
»Dann bin ich etwas in Panik geraten. Mein erster Impuls war natürlich den Notarzt anzurufen, aber das ging ja nicht. Bei Menschen, die allein gestorben sind, kommt nämlich auch die Polizei und guckt sich die Sache an. Und ich war mit falschen Papieren in einem der gestohlenen Wagen unterwegs und hatte ihn genau vor dem Haus geparkt. Da bin ich abgehauen. Eigentlich wollte ich nur das Auto wegbringen, dann wieder zurückkommen und den Notarzt anrufen. Aber als ich zu Hause war, habe ich es einfach nicht gepackt wieder zurückzufahren und mich der Begegnung mit Polizisten auszusetzen. Wahrscheinlich wäre gar nichts passiert, aber nach diesem Tag war ich mit den Nerven ziemlich durch. Schließlich erlebt man es doch eher selten, dass man zu einer Leiche ins Zimmer kommt … Ich bin da sehr sensibel, auch wenn man es mir nicht ansieht.« Marcel seufzte schwer.
»Ich verstehe noch nicht...




