E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Hsu Stay True
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70556-7
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Memoir über Freundschaft
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-311-70556-7
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Trotz allem werden Hua und Ken Freunde. Eine Freundschaft, die auf langen Fahrten entlang der kalifornischen Ku¨ste und bei nächtlichen Gesprächen auf Raucherbalkonen stetig wächst. »Eine neue Schachtel Zigaretten, noch einmal zwanzig Gespräche.«
Und dann ist Ken plötzlich nicht mehr da, wird unerwartet und sinnlos Opfer eines Verbrechens, nicht einmal drei Jahre nach dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal trafen.
Entschlossen, die Erinnerungen an einen seiner engsten Freunde zu bewahren, beginnt Hua zu schreiben, denn er weiß nun: »Zu sich selbst zu finden, gelingt nicht in einem Vakuum.«
Stay True ist ein bestärkendes Memoir u¨ber das Erwachsenwerden, eine Nachruf auf die Jugend, diese Suche nach Sinn und Zugehörigkeit, und ein Zeugnis großzu¨gigster Freundschaft.
Weitere Infos & Material
Als mein Vater nach Taiwan zog, kaufte meine Familie zwei Faxgeräte. Theoretisch damit er mir bei den Mathe-Hausaufgaben helfen konnte. Ich hatte gerade mit der Highschool angefangen, wo alles, von dem Instrument, das ich spielte, bis zur Ausgewogenheit meines Zeugnisses, plötzlich folgenreich schien. Ein paar Jahre früher, in der siebten Klasse, hatte ich gut genug abgeschnitten, um zwei Jahre Mathe-Unterricht zu überspringen, und dafür musste ich jetzt büßen. Ich war zu früh zu gut gewesen. Und jetzt war ich sehr schlecht in Mathe. Wie viele Immigranten, die großen Wert auf Bildung legten, setzten meine Eltern ihr Vertrauen in die Meisterung von Fächern wie Naturwissenschaften, wo die Antworten keiner Interpretation unterlagen. Eine richtige Lösung konnte nicht diskriminiert werden. Doch ich verbrachte meine Zeit lieber damit, Dinge zu interpretieren.
Faxen war billiger als Ferngespräche und bedeutete viel weniger Druck. Es gab kein unsicheres Schweigen, das Geld kostete. Man wählte einfach die Nummer des Empfängers und schob ein Blatt Papier in die Maschine, und auf der anderen Seite der Welt wurde ein Faksimile ausgedruckt. Der Zeitunterschied zwischen Cupertino und Hsinchu machte es möglich, dass ich meinem Vater abends eine Frage faxen und am nächsten Morgen, wenn ich aufstand, die Antwort erwarten konnte. Meine Fragen waren stets als dringend gekennzeichnet.
Am Rand erklärte er gewissenhaft die Prinzipien der Geometrie, entschuldigte sich, falls etwas verkürzt oder unklar war, weil er damit beschäftigt war, sich in seinem neuen Job zu etablieren. Ich überflog die Erklärungen und schrieb die Gleichungen und Beweise ab. Hin und wieder fügte ich als Dank für seine rasche akkurate Aufmerksamkeit zwischen die nächsten Mathefragen eine kurze Übersicht amerikanischer Neuigkeiten ein: Ich berichtete ihm davon, dass Magic Johnson öffentlich gemacht hatte, dass er HIV-positiv war, ich schilderte die Ereignisse, die zu den Aufständen in Los Angeles geführt hatten, ich hielt ihn über das Schicksal der Giants auf dem Laufenden. Ich erzählte ihm von meinen Geländeläufen, versprach aufrichtig, mich in der Schule mehr anzustrengen. Ich listete die neuen Songs auf, die ich mochte, und er suchte danach an Taipehs Kassettenständen und schrieb mir, welche auch ihm gefielen.
Ich mag Song November Rain von Guns N’ Roses. Metallica ist auch großartig. Red Hot Chili Peppers und Pearl Jam haben mir nicht gefallen. Die alten Songs neu interpretiert von Mariah Carey (I’ll Be There) und Michael Bolton (To Love Somebody) sind wunderbar. MTV »unplugged« ist eine tolle Idee!
Als Teenager hatte ich letztlich natürlich Besseres zu tun, als mit meinem Dad zu faxen. Er griff alles auf, was ich erwähnte, und bombardierte mich mit Fragen. Ich beschrieb eins meiner Fächer als langweilig, und er befragte mich zu meinem Gebrauch des Wortes und schrieb »viele ›Herausforderungen‹ sind emotional ›langweilig‹, aber durchaus ›nützlich‹«. Ich erwähnte, dass wir in Geschichte die sechziger Jahre durchnahmen, und er fragte: »Bist du überzeugt, dass Oswald JFK allein umbrachte?«
Er fragte mich immer nach meinen Ansichten zu bestimmten Dingen. Vielleicht war es sein Versuch, unser Hin-und-Her zu verlängern. Er sprach Sport an, etwas, wofür er sich, wie ich glaubte, überhaupt nicht interessierte. Wir waren wie zwei Typen, die im Baumarkt Small Talk führten.
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Diese World Series war spektakulär.
Wann immer ich eine Woche schulfrei hatte, flogen meine Mutter und ich nach Taiwan, um ihn zu besuchen. Manchmal tat ich so, als hätte ich zu viele Hausaufgaben, damit es sinnvoller erschien, wenn er uns in der Bay Area besuchte, als dass wir zu ihm müssten. Es funktionierte nie. Wir verbrachten die Sommer und Winter in Hsinchu; Wochen vergingen, und die einzigen Menschen, mit denen ich sprach, waren meine Eltern und ihre Freunde mittleren Alters.
Mir graute vor diesen Reisen. Ich verstand nicht, warum meine Eltern an einen Ort zurückkehren wollten, den zu verlassen sie sich entschlossen hatten.
Mein Vater kam 1965 mit 21 von Taiwan in die Vereinigten Staaten, und er war fast doppelt so alt, als er wieder zurückkehrte. In jenen Tagen verließ man das Land, wenn man konnte, vor allem wenn man ein vielversprechender Student war. Ein Dutzend anderer Physiker schlossen gleichzeitig mit ihm das Studium an der Tunghai Universität ab, und zehn von ihnen gingen ins Ausland. Mein Vater flog von Taipeh nach Tokio nach Seattle nach Boston. Er hielt in der Menge Ausschau nach dem Freund, der den ganzen Weg von Providence gekommen war, um ihn vom Flughafen abzuholen und nach Amherst zu fahren.
Aber sein Freund konnte nicht Auto fahren, deswegen versprach er seinerseits einem anderen Freund, einem Mann, den mein Vater nicht kannte, ein Mittagessen, für die Fahrt zum Flughafen von Boston und dann nach Amherst und schließlich zurück nach Providence. Die zwei jungen Männer begrüßten meinen Vater am Gate, schlugen einander auf den Rücken, brachten ihn zum Wagen und verstauten seinen irdischen Besitz – vor allem Lehrbücher und Pullover – im Kofferraum. Dann machten sie sich auf den Weg nach Bostons Chinatown, ein Portal zurück in die Welt, die sie verlassen hatten. Kameradschaft und Wohlwollen waren Grund genug für eine stundenlange Fahrt, um jemanden vom Flughafen abzuholen; ebenso wichtig war die Nähe des Flughafens zu Essen, das man in kleinen College-Städten im Nordosten nicht bekommen konnte.
In den folgenden Jahren erwarb mein Vater, ein williger Exilant weit weg von zu Hause, diverse Eigenschaften, die ihn als Amerikaner gekennzeichnet hätten. Er lebte in New York, war Zeuge von und Teilnehmer an Studentenprotesten und hatte – dafür gibt es fotografische Beweise – lange Haare und trug entfernt modische Hosen. Er kam als Fan klassischer Musik an, doch nach ein paar Jahren war »House of the Rising Sun« von den Animals sein Lieblingssong. Er abonnierte für kurze Zeit den , bevor ihm klar wurde, dass er nicht für Neuankömmlinge wie ihn bestimmt war, und er Rückerstattung forderte. Er entdeckte den Reiz von Pizza und Rum-Rosinen-Eis. Wann immer neue Doktoranden aus Taiwan ankamen, setzten sich er und seine Freunde in den nächsten verfügbaren Wagen, um sie abzuholen. Es war ein Ritual, und es war eine Art Freiheit – unterwegs zu sein und wahrscheinlich gut zu essen –, die sie sich nicht entgehen ließen.
Wenn Amerikaner damals etwas über Taiwan wussten, dann dass es eine obskure Insel in der Nähe von China und Japan war, auf der billige Plastiksachen für den Export produziert wurden. Als meine Mutter ein Kind war, stellte ihr Vater eine Tafel in der Küche auf, auf die er jeden Tag ein neues englisches Wort schrieb. Im Zweiten Weltkrieg hatte mein Großvater das Medizinstudium abgebrochen, später arbeitete er im öffentlichen Dienst. Für seine Kinder wollte er ein bisschen mehr. Meine Großeltern ließen meine Mutter und ihre Geschwister amerikanische Namen wie Henry oder Carol wählen. Die Kinder lernten die Grundlagen des Englischen, dieser bizarren neuen Sprache, mit der sie sich eine neue Zukunft aufbauen könnten. Vom Rest der englischsprechenden Welt erfuhren sie dank eines Abonnements der Zeitschrift , in der meine Mom zum ersten Mal über etwas namens Chinatown in Amerika las.
Als sie 1971 in den Vereinigten Staaten ankam (Taipeh – Tokio – San Francisco) hatte die Familie, die sie abholte, den Anstand, einen Tag zu warten, sodass sie sich von der langen Reise erholen konnte, bevor sie mit ihr chinesisch essen ging. Sie war auf dem Weg zur Michigan State, um öffentliches Gesundheitswesen zu studieren. Kurz nachdem sie in East Lansing angekommen war, einen Mietvertrag unterschrieben, sich für ihre Kurse angemeldet und einen Stapel Lehrbücher gekauft hatte, erhielt sie eine Nachricht von ihrem Vater. Während sie unterwegs nach Michigan gewesen war, hatte ihre Familie in Taipeh ein Schreiben erhalten, dass sie an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign, ihre erste Wahl, angenommen worden war. Meine Mutter holte zurück, was an Studiengebühren von der Michigan State zurückzuholen war, und brach nach Illinois auf.
In den Sechzigern bildeten die Studierenden aus der chinesischsprechenden Welt in diesen kleinen, relativ entlegenen College-Städten Gemeinschaften. Die meisten gewöhnten sich an die jahreszeitlichen Veränderungen, die anderen Register höflicher Floskeln, die hügeligen Felder und die endlosen Highways. Das College verankerte meine Mutter im Mittleren Westen, doch sie kam herum: ein Job im Gemeindezentrum von Kankakee, wo sie die einzige nicht-Schwarze Person war – ihr erster Blick aus nächster Nähe auf Amerikas Kluft zwischen den Ethnien; ein Sommer als Kellnerin, als sie jeden Tag Eis zu Mittag aß. Doch manche ihrer Kommilitonen und Kommilitoninnen kamen mit diesem radikal neuen Kontext nicht zurecht oder vielleicht fehlte ihnen ein solcher. Sie erinnert sich noch an ein Mädchen, das überhaupt nicht mehr zum Unterricht ging und nur noch über den Campus wanderte. Sogar im Hochsommer trug sie ihren dicksten Wintermantel. Alle anderen Studierenden aus Taiwan mieden sie.
Es gab gemeinsame Essen mit Freunden, für die meine Mutter Fleischbällchen aus Schweinefleisch machte, Ausflüge zu berühmten Sehenswürdigkeiten oder zu Lebensmittelläden, die Pak Choy...




