Huber | Nach New York! Nach New York! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Huber Nach New York! Nach New York!

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-905951-36-3
Verlag: Secession Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-905951-36-3
Verlag: Secession Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie ein Feuerball stürzt am 6. Mai 1937 die Hindenburg kurz vor ihrer Landung aus knapp hundert Meter Höhe in Lakehurst Borough nahe New York auf den Boden. sechsunddreißig Menschen sterben in diesem Inferno, zweiundsechzig überleben. Darunter eine junge Frau, die wenige Wochen zuvor noch in Bayern sich heimlich aus ihrer Beziehung in eine Affäre mit einem hohen Militär stiehlt und sich auf ein Abendteuer einlässt, das so ganz anders endet, als erwartet. Zwei Generationen später macht eine andere junge Frau, Enkelin der ersten, sich auf nach New York, um für ein Buch zu recherchieren über das Leben jüdischer Immigranten in dieser Stadt: So Vieles ist geschehen in diesen wenigen Jahrzehnten!

Katja Huber (geb. 1971 in Weilheim/Oberbayern) studierte Slawische Philologie und Politische Wissenschaften in München. Seit 1996 arbeitet sie beim Bayerischen Rundfunk. Nach New York! Nach New York! ist ihr vierter Roman.
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»Ich habe einen Termin!«, sage ich jetzt laut und deutlich, mit Klientenstimme. Joe mit dem Goldkreuz macht eine abwehrende Handbewegung, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

»Eine Minute«, sagt Iossif Lesnik.

Der Unterschied zwischen einer russischen und einer amerikanischen Minute ist mindestens so entscheidend wie der zwischen Fahrenheit und Celsius. Ohne letzteren zu kennen, kannst du mit Aussicht auf einen warmen Sommertag auf offener Straße erfrieren. Ohne ersteren zu kennen, kannst du einen ganzen Tag untätig in einer Anwaltskanzlei verbringen, die keine ist, anstatt einen Wochenendausflug nach Washington zu erleben, das Kapitol, das Kennedy-Grab, das Pentagon und das Weiße Haus zu besuchen und dich restlos davon zu überzeugen, in was für einem Land du gelandet bist. Ich beschließe, dass Iossif Lesnik trotz allem amerikanisiert ist, entscheide mich gegen das Weiße Haus und für die Toilette. Die Toilette ist ein urinsteingelbes Desaster. Das Waschbecken ein graues Stück Plastik. Klopapier und Seife befinden sich vermutlich in einem großen, schwarzen Loch, das von hier bis nach Washington reicht. Als ich von der Toilette zurückkomme, ist eine Minute vergangen, in meiner wie in seiner Zeitrechnung. Iossif Lesnik deutet auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, der von Aktenordnern belegt ist. Ich nehme die Aktenordner und lege sie auf einen Karton.

»Das gefällt mir«, sagt Iossif Lesnik. Er nickt seinem Laptop zu. Da ich nicht einmal ahne, wovon er spricht, setze ich mich und gebe ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass ich bereit bin für das Beratungsgespräch.

»Wie auch immer. Haben Sie Ihre Papiere mitgebracht?«

Ich ziehe meinen Pass aus der Tasche, eine Kopie meines Flugtickets, eine handschriftliche Erklärung, die ich heute Morgen noch verfasst habe, und eine Auslandskrankenversicherung.

Er schüttelt den Kopf. »Ich kann kein Deutsch.«

Ich nicke. »Immerhin tragen Sie einen deutschen Familiennamen.«

»Na ja.« Er schüttelt geistesabwesend den Kopf. Sein Blick, gerade noch von völligem Desinteresse geprägt, ruht nun einigermaßen interessiert auf meinen Brüsten.

»Mein Name tut nichts zur Sache. Deutsch kann ich jedenfalls nicht.«

Ich nicke. »Aber das ist doch eigentlich nicht mein Problem?«

Er zuckt mit den Schultern. »Könnte es aber werden. Behörden wollen Papiere sehen und wollen sie auch lesen können.«

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, auf Körpersprache zu verzichten.

»Es ist nicht leicht, Ihre Toilette zu benutzen. Klienten wollen aufs Klo gehen und sie wollen Klopapier benutzen.«

Joe Waldman macht ein überraschtes Gesicht. »Kein Klopapier?

Tut mir leid, ich werde es meiner Sekretärin sagen, sobald sie von ihrem verlängerten Wochenende zurück ist.«

»Welche Sekretärin?«

Er grinst.

»Welche Sekretärin?«

Er grinst immer noch, dann winkt er mit der Rechten ab. »Soll ich mich um Klopapier kümmern oder um Ihre Papiere?«

Er deutet auf den Master of Fine Arts, aufs Law-School-Diplom und auf den Beleg für seine Staatsprüfung als Immobilienmakler und zuckt mit den Schultern. Erst jetzt sehe ich eine weitere Urkunde. Goldgerahmt schwebt sie mit deutlichem Abstand über den drei Dokumenten. ›Certified Pedigree‹, steht da. ›American Kennel Club. Founded 1884.‹ Ein Stammbaum; im Zentrum in fetten Lettern der Name: ›Verts Monts Sky Kaja Krasotka‹.

Er seufzt. »Wir sind hier in Amerika. Ich bin zugelassener Anwalt und ich besorge meinen Klienten, was sie brauchen.«

Sein Mobiltelefon klingelt, er blickt aufs Display, verzieht sein Gesicht. »Ein Klient. Ich muss drangehen«, sagt er. »Hervorragend!«, lacht er ins Telefon, dann folgt ein fröhliches »Ganz ausgezeichnet!«, und während er über Konzertkarten, ein Restaurant mit Kronleuchtern und Livemusik spricht, fällt sein Blick auf meine Stiefel und die Tauwasserpfütze, die sich zu meinen Füßen gebildet hat. »Ausziehen!«, zischt er mich an und deutet mit der Hand auf einen Putzlappen zwischen zwei Kartons, auf dem ein paar braune Lederschuhe sorgsam abgestellt sind. Ich ziehe meine Stiefel gehorsam aus, stelle sie auf dem Lappen ab. ›Verts Monts Sky Kaja Krasotka‹, kann ich aus der Ferne entziffern, ist ein weiblicher Berner Sennenhund. Ihre Züchterin heißt Dorothy Child. Ihr Besitzer Joseph Waldman.

»Hervorragend, morgen Abend um sieben!«, sagt der und legt das Smartphone zur Seite. »Wäre doch gelacht, wenn ich Ihnen nicht helfen könnte, wenn Sie bereit sind, sich helfen zu lassen und mir dabei ein bisschen helfen.«

Für mindestens eine Minute schaut es wirklich so aus, als ob er sich mit meinem Fall beschäftigte.

»Nummer eins«, sagt er und tippt mit dem Zeigefinger auf eins meiner Papiere.

»Krankenversicherung«, helfe ich.

»Brauchen wir nicht. Nummer zwei«, sagt er und zieht die Kopie meines Tickets hervor.

»Flugticket«, helfe ich.

»Kopieren wir für alle Fälle. Nummer drei.«

»Reisepass«, sage ich.

»Das A und O!«, sagt er.

»Eine Absichtserklärung, dass ich hier ehrenamtlich mit Holocaustüberlebenden arbeiten werde. Sobald Sie mir die Arbeitserlaubnis besorgt haben«, sage ich und schiebe ihm Papier Nummer vier hin, das aus einem handgeschriebenen Zettel und meiner Unterschrift besteht und das mir, schon als er es mustert und seine Brauen bis zum Haaransatz hebt, so lächerlich vorkommt wie meine gesamte Amerikareise.

»Das werden Sie tun?«

Ich nicke.

»Wozu?«

Ich könnte ihm etwas von Kollektivschuld erzählen und von einer Erziehung, die dazu führte, dass ich mitunter ein sehr schlechtes Gewissen bekomme, wenn es mir sehr gut geht oder gehen könnte. Ich könnte ihm etwas von meinem Buchprojekt erzählen. Ich entscheide mich dagegen.

»Weil ich es eben tun werde! Und weil ich gerne alte Leute treffe.«

»Alte Leute?!«

Ist es eine Spur von Hochmut, die sich da in seinen amüsierten Blick mischt?

»Wozu?«

»Ich bin gerne mit ihnen zusammen!«

»Aha«, sagt er und verschränkt die Hände unter seinem Kinn. »Die gute Nachricht: Du befindest dich bereits in Amerika. Die Einreise können sie dir also nicht verwehren. Die schlechte Nachricht ist eine Botschaft. Deine Botschaft. Der deutschen Botschaft in New York ist dein Problem absolut egal. Sie wird dich an die amerikanische Botschaft in Deutschland verweisen oder an die Einwanderungsbehörde der Vereinigten Staaten. Aber auch die können dir nicht helfen.«

Jetzt, da er russisch mit mir spricht, frage ich mich, ob er mich vorher auf Englisch auch schon die ganze Zeit geduzt hat.

»Ich weiß«, sage ich. »Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, zu dir.«

»Dann ist ja alles klar. Ich kopiere jetzt deine Unterlagen, und du rufst mich heute Abend um acht Uhr an. Ich bin mir sicher, dass ich dir für achthundert Dollar alles besorgen kann, was du brauchst.« Er grinst.

Ich muss an Ginta denken, an Jana und an ungefähr zwanzig andere Menschen, denen ich bestimmt nichts von Waldman und seinen Tarifen erzählen werde.

Auch ich grinse.

»Ich habe Ihnen doch noch gar nicht gesagt, was ich brauche.«

»Wir haben noch ein paar Minuten«, sagt er, verschränkt seine Hände hinterm Kopf und lehnt sich zurück. Gegen meinen Willen verwandelt sich mein Grinsen in ein Lächeln. Wer weiß, ganz so übel ist er vielleicht gar nicht.

Am effektivsten wäre es, eine Liste zu erstellen, aber ich erstelle keine Liste, lehne mich stattdessen zurück und fange an, von meiner Großmutter zu erzählen.

»Kurzversion!«, unterbricht er nach einer Minute, einer amerikanischen Minute.

Nach einer weiteren Minute wird meine Kurzversion von seinem Handyklingeln unterbrochen. Sein Blick wandert von meinen Brüsten aufs Display, er schüttelt den Kopf, nimmt den Anruf aber an:

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht während der Arbeit anrufen sollst!«, sagt er, ohne Begrüßung und ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass der, der ihn da anruft, ihm gehörig auf die Nerven geht. Mein Handy vibriert, ich ziehe es aus der Tasche. R, mit dem ich sieben Jahre meines Lebens verbracht habe, hat mir gerade eine Kurznachricht geschickt: ›Meld dich doch mal!‹ Waldman schüttelt den Kopf jetzt noch energischer: »Das sind ganze sechs Monate. Ich...



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