Huber / Vattrodt | Der Tod kriegt mich nicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Mein Leben

Huber / Vattrodt Der Tod kriegt mich nicht

Mein Leben mit der Leukämie
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-401-80379-1
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mein Leben mit der Leukämie

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Mein Leben

ISBN: 978-3-401-80379-1
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit 16 ist Lisas bisheriges Leben vorbei: Ihre Organe drohen zu versagen, sie hat weit fortgeschrittene Leukämie. Kurz nach der Diagnose beginnt Lisa die Chemotherapie, darauf folgen ein Jahr mit Krankenhausaufenthalten und Schmerzen. Während dieser Zeit setzt sie sich notgedrungen mit dem eigenen Sterben auseinander - und hört trotz allem niemals auf, an ihre Zukunft zu glauben.

Veronika Vattrodt, Jahrgang 1972, war Souffleuse und Regieassistentin an verschiedenen Theatern, arbeitete an Filmsets, war Mitherausgeberin in einem Verlag und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Die Theaterwissenschaftlerin lebt heute als Journalistin und Buchautorin mit ihrer Familie in Köln.
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1. Kapitel

Drei Dinge, die ich mir geschworen habe:

1. Wenn meine Schwester Anja auf die Welt kommt, geht’s mir so gut, dass ich sie sehen darf und im Arm halten kann.

2. Wenn Tim seinen Abiball hat, will ich wieder stehen können und ihn begleiten.

3. Meinen siebzehnten Geburtstag will ich mit meiner Familie und meinen Freunden zusammen feiern können.

Ich bin Lisa und sechzehn Jahre alt. Vor einem Jahr sah ich noch so aus: zierlich, lange, dicke braune Haare, dunkle, lebhafte Augen, die frech und selbstbewusst aufblitzen konnten, dichte Wimpern und ausdrucksstarke Augenbrauen. Ich fand mich echt hübsch und hab mich wohlgefühlt mit mir und meinem Körper.

Ich hatte seit anderthalb Jahren einen festen Freund – Tim. Er war zwei Jahre älter als ich und bereitete sich auf sein Abi an derselben Schule vor, auf die ich auch ging. Ich will niemanden mit Details langweilen, deshalb in aller Kürze: Es war kein Blitzeinschlag, keine Liebe auf den ersten Blick. Ich habe mich Stück für Stück in ihn verliebt, er war wirklich sehr nett, hat mich zu nichts gedrängt und konnte total witzig sein. Und verdammt gut aussehen tat er auch noch. Er war zwar manchmal etwas wehleidig und ganz schön auf sich bezogen, aber als verliebte Vierzehnjährige, die fit und gesund durchs Leben springt, war es einfach, darüber hinwegzusehen.

Ich war kein Superstar in meinem Jahrgang, kein Mädchen, das die ganze Schule kennt. Ich war aber auch kein Außenseiter, sondern fest integriert. Meine beiden Freundinnen Lea und Jassi waren mit mir in derselben Stufe.

Meine Familie war mir immer schon sehr wichtig. Meine Mutter hat meinen Adoptivvater geheiratet, da war ich zehn Jahre alt. Marcel ist toll, ich kenne ihn, seit ich fünf Jahre alt bin, und für mich ist er mein eigentlicher Vater. Als ich elf Jahre alt wurde, hat Marcel mich dann, mit dem Einverständnis meines leiblichen Vaters, adoptiert. Marcel ist mein Leben lang immer für mich da gewesen, egal, wie schlimm es auch wurde. Ich könnte mir keinen liebevolleren und besseren Vater vorstellen. Und dann gibt es noch meine kleine Schwester Anja. Und einen ganzen Haufen Hunde – Golden Retriever, die meine Eltern züchten.

Aber schon als Kind war da etwas. Immer mal wieder spürte ich eine ganz tiefe Angst, ein Wissen, dass irgendwas mit mir nicht stimmte, dass ich mal schwer krank werden würde. Irgendwann, da war ich vielleicht so elf, zwölf Jahre alt, lief im Fernsehen ein Spielfilm über ein Mädchen, das an Leukämie stirbt und vorher noch ihre Wunschliste abarbeiten will.

So eine Scheiße!, schoss es mir durch den Kopf. Völlig aus dem Nichts spürte ich auf einmal: Das ist es, was mich mal erwartet.

Das war grausam. Ich saß stocksteif auf dem Sofa und versuchte mit aller Kraft, dieses Gefühl zu verdrängen, es wegzuschieben. Ich musste ja wohl einen Vollschatten haben, wenn ich glaubte, so was wissen zu können. Damit beschwor ich es ja geradezu herauf. Ich hab mich für total gaga gehalten.

In meiner Not habe ich meiner Mutter von diesem Gefühl erzählt.

»Mach dich mal nicht verrückt, Lisa. Du hast viel Fantasie und gerade diesen Film geguckt. Du bist vollkommen gesund.«

Ich wollte ihr so gerne glauben, auch wenn ich tief in mir drin wusste, dass ich schon lange vor diesem Film das sichere Gefühl hatte, dass da noch was auf mich zukommt …

Dann habe ich lange Zeit versucht, nicht mehr daran zu denken, hab ganz normal weitergelebt – was sollte ich auch machen? Aber sobald ich Verletzungen hatte oder mich mal krank fühlte wegen eines dicken Schnupfens, kam diese tiefe Angst wieder hochgekrochen und ich bin sofort zum Arzt gerannt. Ich wusste ja nicht, woran ich merken könnte, dass ich Leukämie habe. Und jedes Mal, wenn ich beim Arzt saß, hatte ich einfach nur Bammel, dass ich doch nicht spinne und recht behalten würde.

Dementsprechend hielten mich meine Eltern und meine Freunde irgendwann für einen Hypochonder, jemanden, der sich in jedes Wehwehchen hineinsteigert. Meine Freundin Lea hat ihre Witze darüber gemacht und oft habe ich mitgelacht und mir zutiefst gewünscht, dass ich tatsächlich einfach nur mit einer blühenden Fantasie gesegnet bin.

Alles in allem habe ich wirklich einen gesunden Körper gehabt. Ich habe gesund gegessen, keinen Mist mit meinem Körper angestellt und viel Sport gemacht. Ein Jahr vor der Diagnose hat unser Hausarzt mein Blut gecheckt – alles bestens! Mir ging’s auch echt gut.

Aber dann in dem Jahr hat sich diese Krankheit in meinem Körper entwickelt. Weshalb, kann mir keiner sagen, man weiß bislang noch nicht genau, wie Leukämie entsteht.

Es fing an, als ich mit Lea auf einem Katy-Perry–Konzert war. Eigentlich war ich genauso fit wie Lea. Aber an dem Abend bin ich einfach zusammengeklappt und mir ging’s echt dreckig. Ich bin raus aus der Halle, musste mich hinsetzen und was trinken. Hab noch zu Lea gesagt, dass ich überhaupt nicht wüsste, was los sei, dass ich einfach nicht mehr könne. Und obwohl ich die ganze Zeit so hinterher war, habe ich mir zunächst überhaupt nichts dabei gedacht.

Danach wurde es wieder besser, nur extreme Sachen gingen nicht mehr. Ich hab echt gedacht, dass ich zu untrainiert wäre, und hab dementsprechend noch mehr Ausdauersport gemacht. Aber trotzdem wurde ich immer schlapper und kurzatmiger. Schulsport (wo ich sonst immer mindestens eine Zwei hatte) war plötzlich voll der Horror. Lea hat mich oft vom Spielfeld gebracht und mir immer wieder gesagt, dass irgendwas nicht stimme mit mir.

Meine Eltern fingen an, sich ernsthaft Sorgen um mich zu machen. Meine Mutter ist mit mir zum Arzt, und als wir im Wartezimmer saßen, kam diese alte Angst wieder hoch und ich wusste einfach, dass jetzt was richtig Blödes kommt.

Der Arzt war sich nach der Untersuchung ganz sicher: »Ihre Tochter hat Asthma und wird in Zukunft immer ein Kortisonnotfallspray mit dabeihaben müssen.«

Ich konnte mir das zwar beim besten Willen nicht vorstellen, wollte es aber nur zu gern glauben. Versuch ich’s halt, dachte ich erleichtert, der Arzt muss es ja wissen. Außerdem war Sommer, überall flogen Pollen durch die Luft und meine Beschwerden passten genau zum Krankheitsbild, das durch Asthma hervorgerufen wurde.

In den nächsten Wochen wurde es mit meiner Kurzatmigkeit immer schlimmer. Unsere Schule liegt oben auf einem Berg. Den mit dem Fahrrad hochzuradeln, hatte ich schon vor einiger Zeit aufgegeben. Aber auch zu Fuß hatte ich an manchen Tagen Schwierigkeiten, musste Pausen einlegen und kam schweißgebadet in der Schule an. Hab ein paar Mal zu Hause mit meinen Eltern Stress gekriegt, weil das Spray nur dann half, wenn ich es regelmäßig benutzte. Was hab ich mir in diesen Wochen Kortison in die Lungen gepumpt!

An meinem sechzehnten Geburtstag wollte ich mit Lea und Jassi ins Phantasialand, das hatten wir schon ewig geplant und wir freuten uns total darauf. Die Sonne schien, es war warm, und sobald wir bezahlt hatten, zogen mich Lea und Jassi zu so einem Doppelüberschlagshorrorkarussell.

Ich hatte mich schon fast daran gewöhnt, dass ich mich oft schlapp und schlecht fühlte. Aber gerade heute hatte ich schon etliche Male das Asthmaspray benutzen müssen, weil ich so schlecht Luft bekam.

»Oh nein! Ohne mich, Leute, da kriegen mich heute keine zehn Pferde rein!«

Lea und Jassi wussten, dass ich bei so was ein echter Schisser bin, und versuchten, mich aus der Reserve zu locken.

»Los, Lisa, du alter Angsthase! Mit sechzehn wird alles anders. Bitte, bitte! Wir nehmen dich auch zwischen uns.«

Das war die schlimmste Karussellfahrt meines Lebens – ich hab Sternchen gesehen und immer wieder gedacht: Jetzt muss ich brechen vor lauter Hoch und Runter, Vor und Zurück.

Danach ging’s mir echt bescheiden und ich kämpfte mit aller Kraft, um auf den Beinen zu bleiben. Aber ich hatte mich so verdammt auf diesen Tag mit meinen Freundinnen gefreut, da würde ich jetzt ganz bestimmt nicht wegen so ’nem bisschen Asthma schlappmachen.

Ich biss die Zähne zusammen und versicherte Lea und Jassi nachdrücklich, dass es mir gut ginge, ich aber lieber unten auf sie warten würde. Wieder und wieder bat ich sie, doch in dieses oder jenes Karussell zu steigen, auch ohne mich. Schließlich gaben die beiden auf, und nachdem Lea mich mit einer Cola versorgt hatte, hüpften sie ins nächste Mörderkarussell. Irgendwann kamen wir bei einem Fotografen vorbei und spontan gingen wir hinein und ließen uns in irgendwelchen Westernkostümen fotografieren. Der Fotograf machte noch eine witzige Bemerkung, dass ich ja wohl, so kalkweiß, wie ich aussehen würde, schon zu viel Karussell gefahren wäre. Als wir raus ins grelle Sonnelicht traten, merkte ich, dass mich Lea und Jassi prüfend ansahen.

»Was?! Was ist denn?«

Lea betrachtete mich, als ob sie mich seit Langem das erste Mal wiedersehen würden. »Du siehst wirklich verdammt scheiße aus, Lisa. Durch deine Haut kann man fast durchgucken und deine Augenränder machen jedem Vampir Konkurrenz.«

»Wisst ihr, was?«, mischte sich Jassi schnell ein, noch bevor ich eine scharfe Bemerkung zurückschießen konnte. »Ich hab mordsmäßigen Hunger. Wollen wir uns nicht was Nettes suchen, wo wir uns gemütlich...



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