Hubka | Mehr als Beileid | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Hubka Mehr als Beileid

So können wir Trauernde in schweren Zeiten begleiten
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7022-4235-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

So können wir Trauernde in schweren Zeiten begleiten

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-7022-4235-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Taschentücher mithaben, Zeit lassen Ein kleiner Ratgeber für alle, die hilfreich trösten und beistehen möchten Was soll ich tun? Was lass ich besser bleiben? Wie kann ich am sinnvollsten unterstützen? Trauernde Menschen im Bekannten- oder Familienkreis können verunsichern. Natürlich gibt es kein Patentrezept, was dem jeweiligen Menschen guttut und was er erwartet, aber viele Anregungen für einen sorgsamen und angemessenen Umgang gibt es schon. Christine Hubka hat oft charmant formulierte Ratschläge parat - persönlich, feinsinnig und lebensnah schöpft sie aus ihrer langjährigen praktischen Erfahrung. Sie beginnt beim Beileidsschreiben, prüft vermeintliche Grundregeln wie 'Über den Toten nur Gutes sagen', geht auf Gerüchte und Gerede ein, rät aber vor allemzu Geduld, kleinen Ritualen oder symbolischen Handlungen. Anschaulich erklärt sie die typischen Trauerphasen und räumt dem Thema Kinder und Trauer einen besonderen Platz ein. Kurze Berichte von Betroffenen machen dabei das höchst individuelle Erleben dieser schwierigen Zeit eindringlich bewusst.

CHRISTINE HUBKA war nach ihrem Studium der evangelischen Theologie Religionslehrerin, später Pfarrerin in Traiskirchen, wo sie den evangelischen Flüchtlingsdienst gründete. Sie hatte Lehraufträge an der Pädagogischen Akademie sowie an der Universität Wien, war Fachinspektorin, Schulamtsleiterin und bis zu ihrer Pensionierung Pfarrerin in Wien, wo sie auch Sterbende und deren Familien im Hospiz am Rennweg begleitete. In der Pension ist sie als Gefängnisseelsorgerin tätig. Hubka hat mehrere erfolgreiche Kinderbücher im Tyrolia-Verlag verfasst und ist Preisträgerin des Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreises.
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Autoren/Hrsg.


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II.
VON DER TODESNACHRICHT
BIS ZUR BESTATTUNG


DAS BEILEIDSCHREIBEN


Da sitzt man nun vor einem Blatt Papier, den Stift in der Hand. Was soll ich schreiben? Wie soll ich anfangen? Herzlichen Glückwunsch! Sie haben die erste Hälfte der Herausforderung schon geschafft. Sie haben sich für ein handgeschriebenes Beileidschreiben entschieden. Naja, wer seine Handschrift unleserlich findet, greift dann vielleicht doch lieber zum PC.

Für mein Empfinden sind alle anderen Kommunikationskanäle, auf denen wir uns täglich tummeln, ein absolutes No-Go: SMS, WhatsApp, Signal, die Sprachbox und was es da sonst für Möglichkeiten gibt. Sowohl die Kürze, in der hier kommuniziert wird, als auch die Schnelligkeit, mit der man sich der Aufgabe entledigen kann, scheint mir in dieser Situation unpassend und zu unpersönlich zu sein. Auch beim Kommunizieren ist die Wahl des passenden Werkzeugs entscheidend. Nicht nur, wenn man ein Fahrrad repariert, einen Knopf annäht oder sich die Nägel schneidet.

Was aber schreiben? Die schlechte Nachricht lautet: Keine Worte, seien sie auch noch so aufrichtig gemeint und aus dem Herzen kommend, können trösten.

Im Internet finden sich unzählbar viele Seiten, die Hilfestellung bei Kondolenzschreiben anbieten. Textbausteine sind es, die alle gängigen Floskeln und das, was man bei solchen Anlässen angeblich sagt, versammeln: „Unser herzliches Beileid zum Verlust …, Meine aufrichtige Anteilnahme zum Verlust …, Herzliches Beileid …, Ich übermittle euch mein tiefes Beileid …, Wir trauern mit dir und deiner Familie …, In diesen schweren Stunden sind meine Gedanken bei dir …, Wir sind tief betroffen und trauern still mit dir …“ Und so weiter und so fort. Diese Floskeln und vorfabrizierten Formulierungen helfen wohl eher denen, die sie von sich geben. Denn nun können sie mit dem Gefühl, ihre Schuldigkeit getan zu haben, zu ihren Wichtigkeiten zurückkehren.

Ich selbst erzähle bei solchen Gelegenheiten gern kleine feine Episoden, die ich mit dem Verstorbenen erlebt habe. Wie ich ihn oder sie wahrgenommen habe. Auch wenn ich selbst traurig und tief betroffen bin, breite ich meine Traurigkeit und meinen Schmerz vor der Witwe oder Mutter, dem Lebensgefährten oder Vater, also den nächsten Hinterbliebenen nicht aus. Ihr Schmerz ist immer größer. Ihre Traurigkeit immer tiefer als meine. Wieso soll ich sie dann mit meiner belasten? Anna macht in ihrer Geschichte im letzten Kapitel deutlich, wie sehr es sie belastet hat, wenn die Menschen mit ihrer Trauer ausgerechnet zu ihr gekommen sind. Und sie beschreibt, wie sie das in ihrer eigenen Trauer gehindert hat.

Wichtig ist, dass die Hinterbliebenen vermittelt bekommen, dass ich den Verstorbenen geschätzt habe. Was aber, wenn der Verstorbene, die Verstorbene, keine flauschige Persönlichkeit war, mit der man gern zusammen war? So wie die Mutter meiner Sandkistenfreundin. Wenn die Hinterbliebenen es mit ihr oder ihm nicht immer leicht gehabt haben, dann darf man das auch mit Respekt und Wertschätzung ausdrücken. Wenn der oder die Verstorbene nach langer Krankheit, begleitet und gepflegt von den Angehörigen, verstorben ist, tut es gut, ihre Mühe und Plage anzusprechen. „Für ihn oder sie ist es besser so“, ist jedoch ein Satz, der selten angemessen ist. Denn ich weiß ja nicht, ob sich dieser Mensch gewünscht hat, zu sterben oder trotz aller Mühsal weiterzuleben. Es sei denn, ich habe den einen oder anderen Wunsch bei einem Besuch oder Gespräch selbst gehört. Dann kann ich mich darauf beziehen. Die neue Situation der Hinterbliebenen ansprechen, kann auch sinnvoll sein: „Jetzt musst du, liebe Hanna, mit den Kindern allein zurechtkommen.“ Oder: „Du hast jetzt, lieber Martin, deine Reisegefährtin verloren.“

Wenig hilfreich ist es in dieser Phase, schon positive Lösungen in Aussicht zu stellen. „Aber du wirst das schon schaffen mit den Kindern, du bist ja so stark“, ist eher kontraproduktiv. Ebenso wie „Du wirst schon wieder jemanden finden, der mit dir auf Reisen geht.“ Auch der allseits beliebte Satz „Zeit heilt alle Wunden“, erscheint mir fehl am Platz zu sein. Denn ich kann zwar hoffen, dass der Schmerz des Verlustes mit der Zeit schwächer wird, ob er jedoch jemals ganz vergeht, kann ich nicht sagen. Und ich meine, niemand kann das. Josef erzählt im letzten Kapitel, dass seine Frau ihm auch nach Jahren jeden Tag abgeht.

Das Ende des Schreibens sollte nur Versprechungen und Angebote enthalten, die realistisch sind. „Ich werde dir immer, wenn du es brauchst, mit den Kindern helfen“ ist ein Versprechen, das niemand einlösen kann. „Ruf mich an, wenn du was brauchst“ hilft leider auch nicht weiter, weil es von dem trauernden Menschen eine Aktivität verlangt, zu der er oder sie im Moment gar nicht fähig ist. Wie also ein Ende finden? „Wir sehen uns bei der Beerdigung“ ist ein möglicher Schluss. Oder: „Ich rufe dich nächste Woche an.“ „Ich könnte dir die Kinder für ein paar Stunden abnehmen am Dienstag oder Mittwoch“ ist eine Möglichkeit. Dann muss aber sowohl der Anruf als auch das Hüten der Kinder tatsächlich stattfinden. „In Gedanken bei dir und deiner Familie“, passt immer.

DIE REDEN BEI DER BESTATTUNG


Für den letzten Weg eines Verstorbenen gibt es heutzutage viele verschiedene Möglichkeiten. Hierzulande sind immer noch die Erdbestattung (Beerdigung) und die Einäscherung mit anschließender Urnenbeisetzung (Verabschiedung) am gebräuchlichsten. Die „Baumbestattung“, wo die Urne in einem Wäldchen beigesetzt wird, gewinnt jedoch an Bedeutung. Hier gibt es keine feste Grabstelle. Nur am Baum kann ein Namensschildchen angebracht werden.

Zuweilen werden enge Freunde und Wegbegleiterinnen gebeten, während der Trauerfeier etwas zu sagen. Hier gibt es viel Potential für vermeidbaren Ärger. Denn, sagen wir, der verstorbene Hans war seit der Volksschule mit Fritz befreundet. Die beiden haben viel miteinander erlebt. Aber leider kann Hilde, die Witwe von Hans, Freund Fritz nicht ausstehen. Die beiden konnten sich von Anfang an nicht riechen. Und gerade das, was Fritz an Hans so liebenswert fand, seine überraschenden Aktionen, seine Großzügigkeit in Geldsachen, war in der Ehe mit Hilde Ursache für heftige Auseinandersetzungen. Bei einer Trauerfeier haben die verschiedenen Anwesenden sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Verstorbenen gemacht und bringen eine ganze Reihe an Emotionen mit. Die Stieftochter von Hans kann ihn als viel zu strengen Stiefvater abgelehnt haben und ist nur ihrer Mutter zuliebe überhaupt mitgekommen, um sie zu stützen und zu unterstützen. Wenn Fritz nun in seiner Rede Hans’ Vorzüge rühmt, wie er gerne im Freundeskreis großzügig Runden ausgegeben hat, wie er kurzfristig Ideen entwickelt, aber auch verworfen hat und das Zusammensein mit ihm immer auch Überraschungen gebracht hat, werden Hilde und ihre Tochter die Zähne zusammenbeißen und den Impuls, die Feier zu verlassen, unterdrücken. Fritz ist auf der sicheren Seite, wenn er kleine feine Episoden zum Besten gibt. Wenn er von gemeinsamen Reisen oder von der Schwierigkeit, einen Termin zu finden, erzählt. Es müssen nicht immer Heldengeschichten sein, die dem Verstorbenen nachgesagt werden. Wenn Fritz es dabei schafft deutlich zu machen, dass er hier aus seiner eigenen Perspektive erzählt, wird sich der Widerstand bei denen, die Kritisches zu sagen haben, in Grenzen halten.

Noch komplizierter wird es, wenn sowohl die aktuelle Ehefrau als auch die gewesene Geschiedene an der Bestattung teilnehmen. Mir selbst ist während meiner Vikariatszeit, also der Lehrlingszeit fürs Pfarramt, passiert, dass die Witwe bei der Vorbereitung auf die Beerdigung mir viel und nur Gutes über ihren Ehemann erzählt hat. Makellos, untadelig sei er gewesen. Jahrzehnte lang sei er treu geblieben. Nun, ich nahm etwas davon, vor allem die Treue, in meine Ansprache auf. Ich hatte ja den Herrn nicht persönlich gekannt. Nach der Trauerfeier kam wutentbrannt eine Dame zu mir, die um einige Jahre jünger war als die Witwe. Sie stellte sich als die aktuelle Freundin bzw. Lebensgefährtin des Verstorbenen vor. Offenbar hat die Witwe sich auf diese Weise an der anderen Frau gerächt.

Hinfort habe ich keine Informationen mehr für bare Münze genommen und keine angeblich faktischen Aussagen übernommen. Das Beziehungsgeflecht eines Menschen ist nach Jahrzehnten Lebenszeit komplexer als wir in der Regel selbst bei guten Freunden und Freundinnen wissen und wahrnehmen können.

NUR GUTES ÜBER DIE TOTEN
REDEN?


De mortuis nihil nisi bene heißt das berühmte und jahrhundertealte Sprichwort: „Über die Toten sage nichts außer Gutes.“ Doch ist das hilfreich?

Als meine Mutter mit 77 Jahren starb, schrieb ich auf ihre Parte: „Ihr Lebensdurst war groß!“ Alle, die sie und mich gekannt haben, verstanden, was ich damit sagen wollte. Viele waren empört. Denn, nicht wahr, über die Toten darf man nur das Beste sagen. Oder man sagt halt nichts. Nun nichts gesagt hatten alle, so weit und so lang ich mich erinnern konnte, zu ihren Lebzeiten. Als ich ein Kind war, haben sie mir erzählt, dass meine Mutter krank sei, wenn ich sie stockbetrunken von irgendwo abholen sollte. Meine Andeutung auf der Parte konterkarierte ihr jahrzehntelanges Schweigen und So-Tun, als wäre alles in Ordnung. Mir hat es gutgetan, das, was in der Familie und darüber hinaus immer tabu war, auf diese Weise auszudrücken.

Daran musste ich denken, als eine Frau mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern zum Trauergespräch ins Pfarramt kam. Der Mann war die Treppe...


CHRISTINE HUBKA war nach ihrem Studium der evangelischen Theologie Religionslehrerin, später Pfarrerin in Traiskirchen, wo sie den evangelischen Flüchtlingsdienst gründete. Sie hatte Lehraufträge an der Pädagogischen Akademie sowie an der Universität Wien, war Fachinspektorin, Schulamtsleiterin und bis zu ihrer Pensionierung Pfarrerin in Wien, wo sie auch Sterbende und deren Familien im Hospiz am Rennweg begleitete. In der Pension ist sie als Gefängnisseelsorgerin tätig. Hubka hat mehrere erfolgreiche Kinderbücher im Tyrolia-Verlag verfasst und ist Preisträgerin des Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreises.



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