E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Huch / Shalicar Kurdistan
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95971-947-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie ein unterdrücktes Volk den Mittleren Osten stabilisiert
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95971-947-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tobias Huch ist Publizist und Journalist, spezialisiert auf den Mittleren Osten und sicherheitspolitische Themen. Als der Islamische Staat die Kurdengebiete im Nordirak überfiel, gründete der Ex-Politiker die Hilfsorganisation »Liberale Flüchtlingshilfe e.V.« und brachte unter Lebensgefahr notwendige Hilfsgüter zu den Flüchtlingen im Irak und in Syrien. Er bewies zahlreiche Kriegsverbrechen der türkischen Armee in der Region und dokumentierte auf Facebook (300000 Fans) die Zerstörung der christlich-kurdischen Stadt Nusaybin. Arye Sharuz Shalicar, geboren 1977 in Göttingen, ist ein deutsch-persisch-israelischer Politologe und Schriftsteller. Als Jugendlicher gründete er im Berliner Wedding Deutschlands berüchtigtste Graffiti-Gang Berlin Crime. Nach dem Abitur machte er seine Grundausbildung bei der Bundeswehr, 2001 wanderte er nach Israel aus. 2002 nahm er an der Hebräischen Universität Jerusalem das Studium für Internationale Beziehungen, Nahostgeschichte und Politik auf, das er 2006 (BA) und 2009 (MA) mit Auszeichnung abschloss. Danach diente er als offizieller Sprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte und bekleidete zuletzt den Rang eines Majors. Seit Anfang 2017 ist er in leitender Funktion in der israelischen Regierung tätig und schreibt Kolumnen für mehrere Zeitungen, unter anderem Die Welt, Nordwest Zeitung, Jüdische Allgemeine und die Jerusalem Post. 2010 veröffentliche Shalicar »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude. Die Geschichte eines Deutsch-Iraners der Israeli wurde«. 2018 veröffentlichte Shalicar »Der neu-deutsche Antisemit - Gehören Juden heute zu Deutschland?« Im Frühjahr 2021 erscheint die Verfilmung seines ersten Werkes unter dem Titel »Ein nasser Hund« im Kino, parallel zu einer Neuauflage des Buches.
Autoren/Hrsg.
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Vorwort
Kurdistan. Vor dem Jahr 2014 verbanden viele mit diesem Begriff wohl am ehesten »Das wilde Kurdistan« von Karl May. Ich selbst habe diese orientalischen Reiseerzählungen des deutschen Erfinders von Winnetou und Old Shatterhand – wohl auch zum Glück – nicht gelesen. So konnte ich mich ganz vorurteilsfrei in mein persönliches Kurdistan-Abenteuer stürzen. Ich muss gestehen, dass für mich – als Politiker, Ex-Unternehmer und später hauptberuflicher Journalist – das Land ein weißer Fleck war.
Natürlich wusste ich, dass es Kurden und das sogenannte »Kurdenproblem« gibt, aber wirklich beschäftigt hatte ich mich damit nicht. Auch war ich nie in Kurdistan gewesen. Dann kam jedoch das Jahr 2014. Genauer gesagt, es war der Juni 2014. In diesem Monat wurde die Geschichte der gesamten Region neu geschrieben. Denn der sogenannte Islamische Staat (IS) überfiel den Irak. Zuerst überrannten die Terroristen nahezu kampflos Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes, da der Großteil der dort stationierten irakischen Armee davongelaufen war. Im August drangen die Extremisten in die Ninive-Ebene und in die Provinz Sindschar (Shingal) ein, den Lebensraum der ethnischen Minoritäten von Assyrern und Jesiden.
Ich erinnere mich noch gut: Es war eine Reportage des US-Nachrichtensenders CNN über den Vernichtungsfeldzug des IS, die mich damals, wie ein Schlag ins Gesicht, plötzlich wachrüttelte.
Am 2. August hatten die Dschihadistenhorden ihre Jagd auf die Jesiden begonnen. Hunderttausenden Jesiden war nur die panische Flucht geblieben, um ihr nacktes Überleben zu retten. Dabei sind die Jesiden traditionell friedfertige Menschen, die einer monotheistischen, nicht-aggressiven Naturreligion anhängen. Nun mussten sie in das Sindschar-Gebirge fliehen, ihren letzten Zufluchtsort, dorthin, wo sich ihre heiligen Tempel und Wallfahrtsstätten befinden.
Die Temperaturen lagen, wie im Sommer im Irak üblich, bei 50 Grad Celsius im Schatten. Das ist buchstäblich eine mörderische Hitze für alle jene, die nicht genügend Wasser bei sich haben. Hunderte von Jesiden verdursteten auf ihrem oft tagelangen Fußmarsch in die rettenden Berge. Mütter mussten sich entscheiden, welches ihrer Babys überleben durfte und welches sie zum Sterben zurückließen. Denn das Wasser, das zur Verfügung stand, reichte nur für ein Kind.
Die Not und das Elend der Flüchtlinge waren in einer Flut von Bildern und Videos im Internet zu sehen. Kinder brüllten nach Wasser. Menschen weinten vor Angst. Sie erzählten von Massenerschießungen und brutalen Entführungen durch den IS, die sie mit ansehen mussten. Helikopter flogen zwar pausenlos Lebensmittel und Wasser zu den Tausenden von Flüchtlingen auf dem Plateau des Sindschar-Gebirges. Aber die Hilfslieferungen reichten nicht. Voller Verzweiflung und Panik bestürmten Menschen die Hubschrauber, um ausgeflogen zu werden. Jeder in der Menge versuchte irgendwie einen Platz zu ergattern. Aber der Helikopter war binnen weniger Momente voll besetzt und musste abheben.
Ein Reporter von CNN, der mitgeflogen ist, hat zutiefst bewegende Bilder mit seiner Kamera eingefangen. Da sind die weiterhin angsterfüllten Blicke der Jesiden, obwohl sie der Hölle entkommen sind. Darunter ist ein kleines Mädchen, mit dunklen, weit aufgerissen Augen. Ihre schmalen Kinderlippen zittern, sie ringt panisch nach Luft, ihr Körper scheint kurz davor, zu kollabieren. Die Kamera fängt diesen Blick des Mädchens ein, von dem man nicht weiß, ob es überleben wird. Es ist ein schockierender Blick, der mir mitten ins Herz geht.
Diese Momente im Hubschrauber bedurften keiner Worte mehr. Sie lösten in mir eine Explosion aus. Wut, Verzweiflung, Hass und Hilflosigkeit kamen zuerst hoch, aber am Ende stand dann der feste Wille: Du musst etwas tun! Ich griff zum Telefon und rief Gunter Völker an, der in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistans, ein bekanntes Restaurant mit deutscher Küche unterhält. Er berichtete von Hunderttausenden von Flüchtlingen, denen in erster Linie sauberes Trinkwasser fehle. Daraufhin organisierten wir gemeinsam eine erste Wasserlieferung nach Erbil, die wir aus eigener Tasche finanzierten. Über Nacht baute ich eine Spendenseite im Internet auf, und meine politische Jugendorganisation, die Jungen Liberalen Rheinland-Pfalz, erklärte sich bereit, als transparente Sammelstelle zu fungieren. So konnten wir sofort helfen. Ab dem 26. August gingen die ersten Spenden ein. Nach zehn Tagen waren schon über 20 000 Euro gespendet worden. Kurz darauf war ich auf dem Weg in die Autonome Region Kurdistan. Das Flugzeug musste vor der Landung auf dem Flughafen von Erbil mehrmals kreisen, um sicherzugehen, dass es vom IS nicht abgeschossen werden konnte.
Nach diesem September 2014 habe ich die Autonome Region Kurdistan immer wieder besucht – mindestens ein Dutzend Male. Ich mag die Stadt Erbil mit ihrer Altstadt und der alles überragenden, imposanten Zitadelle. Ich kenne die Erdölmetropole Kirkuk mit ihren politisch-ethnischen Konflikten sowie das moderne Sulaimaniyya und natürlich auch Dohuk, das heute vorwiegend aufgrund seiner großen Flüchtlingslager bekannt ist. Unausweichlich waren während des Kriegs gegen den IS auch einige Frontbesuche bei Mossul, in Kirkuk und im Sindschar-Gebirge.
Zum Glück ist dieser Kampf heute zu Ende. In den zerstörten Dörfern und Städten hat der Wiederaufbau begonnen. Die Menschen im heute eher westlich orientierten, irakischen Teil Kurdistans glauben wieder an eine Zukunft. Sie sind offen geblieben, und ihre Gastfreundschaft ist nach wie vor legendär. Das mag mit daran liegen, dass die Bewohner dieser Region in einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft groß geworden sind, was Toleranz lehrt.
Die Autonome Region Kurdistan steht Europa weit näher als dem Irak, zu dem sie de facto gehört. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass die deutsche Bundesregierung für den Kampf gegen den IS Waffen nach Erbil schickte. Sie waren entscheidend im Krieg gegen die Extremisten. Vor allem dank deutscher Militärhilfe konnte der IS aus Kurdistan vertrieben werden. Eine ganz besondere Rolle spielten dabei die Panzerabwehrraketen vom Typ MILAN. Durch sie konnten die zuvor schier unaufhaltsamen Selbstmordattentäter mit ihren Autobomben zielgenau ausgeschaltet werden.
Die Geschichte der Kurden ist geprägt vom Kampf um Unabhängigkeit und dem Willen zur Freiheit. Ihr größter Wunsch ist ein unabhängiger, eigener Staat. Im Jahr 2017 glaubte die kurdische Unabhängigkeitsbewegung schon, dem Ziel einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein. Im September des Jahres fand im Irak ein Referendum über die Unabhängigkeit der Autonomen Region Kurdistan statt. Ich war als offizieller deutscher Wahlbeobachter vor Ort, neben weiteren internationalen Wahlbeobachtern aus Großbritannien, Österreich, Polen und sogar Japan. Zufällig traf ich bei einer Wahllokalkontrolle auf den deutschen Generalkonsul, der sich ebenfalls einen Eindruck von der Wahl verschaffen wollte.
Das Referendum geriet zum vollen Erfolg für die Befürworter der Unabhängigkeitsbestrebungen: Über 90 Prozent der überwiegend kurdischen Bevölkerung votierte für die Unabhängigkeit – doch leider hatten sie die Rechnung ohne die westliche Staatengemeinschaft gemacht, die das Referendum nicht nur nicht anerkannte, sondern scharf kritisierte. Ein weiteres Mal ließ der Westen die Kurden wie eine heiße Kartoffel fallen (siehe Kapitel 12).
Infolge der verstärkten Bemühungen der Kurden um Unabhängigkeit befürchtete die irakische Regierung als Konsequenz des Referendums Separationsbestrebungen auch in anderen Landesteilen, und entschied sich für harte Gegenmaßnahmen. Im Verbund mit schiitisch-islamistischen Truppen aus dem Iran überfielen irakische Einheiten die kurdische Erdölstadt Kirkuk und vertrieben die dortigen kurdischen Einwohner – nicht ohne diverse Kriegsverbrechen zu begehen. Der Verlust von Kirkuk hat die Seele der Menschen in der Autonomen Region Kurdistan tief verletzt und die politischen Gräben zwischen ihnen und der irakischen Regierung in Bagdad erneut weit aufgerissen. Tatsache ist, dass an ein unabhängiges Kurdistan auf dem derzeitigen Gebiet des Irak erst einmal nicht mehr zu denken ist, Verhandlungen über eine Unabhängigkeit sind vorerst ad acta gelegt.
Dafür gibt es auf der anderen Seite der Grenze neue Hoffnungen. Im Norden Syriens hat sich eine Föderation mit basisdemokratischen Regierungen etabliert: die autonom agierende Demokratische Föderation Nordsyrien. In dieser Region leben zwar überwiegend Kurden, trotzdem ist das, was dort entstehen soll, kein reiner Staat für Kurden. Es handelt sich vielmehr um ein polyethnisches Projekt, an dem auch Araber, Assyrer und Turkmenen gleichberechtigt mitwirken.
Ich war in Nordsyrien, um die Entwicklungen rund um diese junge demokratische Regierung zu beobachten, deren Entwicklung schon deshalb spannend ist, weil dieses Staatsprojekt ohne kurdischen Nationalismus auskommen will. Schulen, Verwaltung und Krankenhäuser der Demokratischen Föderation Nordsyrien werden von den USA unterstützt. Im syrischen Teil Kurdistans hat es Washington also nicht nur bei der Militärhilfe für die Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) belassen, sondern engagiert sich auch im Zivilleben. Zur Erinnerung: Die DKS (im Englischen SDF für Syrian Democratic Forces) haben mithilfe der USA den IS bekämpft und besiegt. Sie haben Rakka, die Hauptstadt des »Kalifats« des Islamischen Staates, von der Gewaltherrschaft der Terroristen befreit. (Die DKS, in denen Kurden, Araber und Christen Seite an Seite kämpfen, sind nicht mit den...




