E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Huebenthal Gedächtnistheorie und Neues Testament
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8463-5904-4
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine methodisch-hermeneutische Einführung
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-8463-5904-4
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Sandra Huebenthal ist Inhaberin des Lehrstuhls für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Passau
Autoren/Hrsg.
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Alltagskommunikation und die Weitergabe von Erfahrungen
Beginnen wir unsere Erkundung der Welt der individuellen Erinnerung und ihrer Weitergabe mit einer alltäglichen Szene, die ein Klassiker im weiten und komplizierten Feld der Beziehungskommunikation ist und in dieser oder ähnlicher Form in einer oder stattfinden könnte. Zwei Freundinnen treffen sich und eine der beiden hat gerade jemanden kennengelernt. Der standardisierte Dialog könnte folgendermaßen klingen:
Es ist offensichtlich, dass dieses Gespräch nirgendwohin führt. Die beiden Freundinnen bekommen keine Verbindung, zumindest reden sie in diesem Teil des Gespräches aneinander vorbei. Um einen gemeinsamen Nenner zu finden und im Gespräch tatsächlich einen Kontakt herzustellen, braucht es mehr als enthusiastische Worte derjenigen, die gerade getroffen hat. Es braucht Bilder, Metaphern oder Geschichten, an die ihre Freundin mit der eigenen Erfahrung anknüpfen kann.
Das Gespräch der beiden wird sich dann irgendwann von Beschreibungen wie „wunderbar“, „großartig“ und „fantastisch“ wegbewegen und gewöhnlich mündet diese Bewegung in eine Anekdote, die über den Neuen erzählt wird. Das könnte dann ungefähr so klingen:
Oh Mann, er ist einfach so unglaublich aufmerksam. Ich hatte ihn schon öfter mal wo gesehen, aber er hat es irgendwie hingekriegt, dass wir uns an dem Tag im Supermarkt treffen. Du weißt ja, wie ich mich beim Einkaufen anstellen kann, wenn ich nicht so genau weiß, was ich will. Der Typ schien meinen nicht vorhandenen Einkaufszettel besser zu kennen als ich, denn er hat genau vor meinen Lieblingsnudeln gestanden und mich angelächelt. Echt jetzt. Und bevor ich wusste, ob ich lieber Spaghetti oder Linguine nehmen soll, hatte er die Packung schon in der Hand, strahlte mich an und sagte „Wir wär’s damit? Für die Sauce hätte ich auch eine Idee…“
Zugegeben, spätestens an diesem Punkt sind wir mitten im Klischee angekommen und man hat genügend Fantasie, sich die Szene in all’ ihrer romantischen Peinlichkeit vorzustellen. Das ist kein Wunder, denn wir haben es hier mit einer genretypischen Szene zu tun und im Grunde wartet man bei entsprechenden Filmen nur darauf, dass genau so etwas passiert.
Das ist im wahren Leben nicht viel anders, denn die kulturellen Kontexte einer Gesellschaft, zu der auch Literatur und Film gehören, prägen als Muster die Erwartungen an bestimmte Situationen. Die erste Begegnung mit dem Partner fürs Leben – und fast jeder könnte im ersten Moment dieser besondere Mensch sein – sollte filmreif sein. Zumindest aber so, dass man sie als gute Story erzählen kann.
Was die geschilderte Szene interessant macht, ist die Tatsache, dass eine der Gesprächspartnerinnen nicht einfach nur erzählt, was passiert ist, sondern direkt eine Interpretation der Ereignisse aus ihrer Perspektive liefert: „Er ist einfach so unglaublich aufmerksam“. „Er hat es irgendwie hingekriegt…“ „Der Typ schien meinen nicht vorhandenen Einkaufszettel besser zu kennen…“ – Die Interpretation der Szene im Supermarkt hätte auch ganz anders ausfallen können, doch das wird die Version sein, die weitererzählt wird und an die sich alle erinnern. Sie wird wahrscheinlich auch die Fassung sein, die als Schlüsselmoment der Beziehung bei der Hochzeit der beiden zum Besten gegeben wird.
Wie unterschiedlich die Perspektive auf die geschilderte Szene ausfallen kann, wird in dem Moment klar, in dem das Paar sich trennt. Sowohl die erste Begegnung und der Beginn der Liebesgeschichte als auch die Trennung wird gewöhnlich anhand kleiner Geschichten weitergegeben. Die Begegnung im Supermarkt hat sich nicht verändert, doch sie wird nach einer Trennung völlig anders dargestellt. Zum Beispiel so:
Wenn man von den standardisierten Klischees absieht, lässt sich von Alltagsbegegnungen und alltäglichen Gesprächen dieser Art durchaus etwas lernen. Zum einen, dass der Moment, in dem sich Gesprächspartner ernsthaft begegnen und wirklich ins Miteinandersprechen kommen, oft der Moment ist, in dem Bilder, Erfahrungen oder Erzählmuster auftauchen, mit denen beide Gesprächspartner etwas verbinden. In diesem Fall war es das Klischee der ersten Begegnung im Supermarkt. Diese Szene diente nicht nur dazu, vom ersten Treffen und Kennenlernen zu erzählen, sondern auch dazu, die Erfahrung ins Wort zu bringen, wie es ist, jemanden kennenzulernen, der sehr bald ein besonders wichtiger Mensch geworden ist. Sie zeigte auch, dass das gleiche Ereignis, die gleiche Begegnung, unterschiedlich wahrgenommen und bewertet werden kann und die jeweilige Wahrnehmung und Wertung etwas mit der Perspektive und den Bedürfnissen der betroffenen Person zu tun haben. Beide Spuren werden wir weiterverfolgen.
Als dritte Erkenntnis aus dem Alltagsgespräch kommt hinzu, dass die Weitergabe von Erfahrung immer eine passende sprachliche Einkleidung braucht. Die alltäglichste und am weitesten verbreitete Form der Erfahrungsweitergabe ist die Geschichte. Das hat eine Menge damit zu tun, dass Menschen ihre Erfahrungen in der Form organisieren und erinnern, die episodisches Gedächtnis genannt wird. Im werden – im Gegensatz zum semantischen Gedächtnis, das nur rohes Datenmaterial wie Zahlen, Daten oder Formeln speichert – Erfahrungen in Form von Geschichten enkodiert und mit emotionalen Markern versehen. Ein Großteil unserer Erfahrungen ist im gelagert und wird im Medium der Geschichte geteilt und weitergegeben.
Erfahrung, Erinnerung und narrative Versprachlichung: Geschichten erzählen
Die Speicherung und Weitergabe von Erfahrungen in Form von Geschichten ist keine neuere Errungenschaft moderner Menschen, sondern das, was man auch eine nennt. Sprich: Da die neuronalen Grundlagen sich seit Jahrtausenden nicht verändert haben, ist der Prozess der narrativen Erinnerung und Weitergabe von Erfahrungen etwas, das wir mit unseren Vorfahren teilen und was sich daher auch gut begründet für die Menschen in der Antike annehmen lässt. Entsprechend lässt sich die gleiche Beobachtung auch für die Erzählungen in den Evangelien machen.
Spinnen wir daher den Faden aus dem Alltagsbeispiel weiter. Ein Gespräch zwischen jemandem, der Jesus in Galiläa begegnet ist und jemand, der Jesus noch nicht kennt, ließe sich auf der Grundlage des Musters gut vorstellen und könnte folgendermaßen klingen:
Dieser fiktive Dialog klingt nicht zufällig so ähnlich wie Mk 1,21–22f. Das ganze erste Kapitel des Markusevangeliums und ein Großteil des zweiten und dritten Kapitels erzählen nicht explizit, was Jesus lehrt, sondern lediglich, welchen Eindruck er bei den Zuhörern hinterlässt. Das Markusevangelium erzählt davon, dass seine Hörer überwältigt (, ??p??ss?, 1,22; 6,2; 7,37; 11,18), erschreckt (, ?aµß??,...




