Hültner Inspektor Kajetan und die Betrüger
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-18728-6
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 288 Seiten
Reihe: Inspektor Kajetan
ISBN: 978-3-641-18728-6
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
München, in den 20er Jahren: Paul Kajetan, der sich seit seiner Entlassung als Detektiv durchs Leben schlägt, gerät in Verdacht, auf seinen Nachfolger in der Münchner Polizeidirektion einen Mordanschlag verübt zu haben. Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Ein nicht ganz ungefährliches Unternehmen, wie sich bald herausstellt. Kajetans Recherchen führen ihn von der Welt der frühen Alternativen und Landkommunen bis ins Milieu der Spekulanten, Parvenüs und Rechtsradikalen. Stück für Stück setzt er das Puzzle zusammen – und lässt dabei fast sein Leben.
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1
Freiherr Aloys von Marain, ehemals stellvertretender Kommandeur des traditionsreichen Regiments Lotz, hatte die Schlacht verloren. Sein Befehl, Fenster und Vorhänge des Salons tagsüber nicht mehr öffnen zu lassen, um die Augusthitze aus den Wohnräumen des Gutes fern zu halten, hatte nichts bewirkt. Eine Wolke fetter Wärme durchströmte die dämmrigen Räume des Erdgeschosses, strahlte von den Tapeten, dunstete aus dem wachsgetränkten Parkett und dem schweren, matt glänzenden Mobiliar.
Verdrossen stellte er das Weinglas ab, steckte einen Finger unter den Kragen, löste den schweißgetränkten Stoff von der Haut und massierte seinen Nacken. Mit leisem Ächzen, und kurz gegen eine Welle sirrenden Schwindelgefühls ankämpfend, stemmte er sich aus dem Fauteuil, stapfte schwerfällig zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt weit.
Die Sonne, von rötlichem Dunst verschleiert, berührte bereits den waldigen Horizont des Ammerlandes.
Es klopfte.
»So komm Er halt, Albert«, rief der Baron unwillig.
Die Scharniere gaben ein fast unhörbares Winseln von sich. Von Marain sah sich nicht um. »Es wird wieder nicht regnen«, seufzte er, um mit plötzlichem Ärger anzufügen: »Diese Hitze! Diese elende Hitze!«
»Sehr wohl, Herr Baron.« Der alte Hausdiener stand wie angewachsen auf der Schwelle.
Wieder fühlte von Marain diese grundlose Gereiztheit, an der er seit Tagen litt. Er drehte sich mit einer heftigen Bewegung um und starrte auf die akkurat ausgerichteten Schuhspitzen seines Dieners.
»Albert! Bevor Er mir gleich sagen wird, was er auf dem Herzen hat – gib Er mir doch darauf eine Antwort: Leben wir in einer Republik?«
Die Augen des Alten waren auf die Brust des Barons geheftet. Seine Lippen bewegten sich, als spreche er dessen Worte nach, um sie verstehen zu können.
Der Baron schnaufte ungeduldig.
»Wie … wie meinen der Herr Baron? Ob …«
Dass er den Alten verwirrte, machte von Marain noch zorniger.
»Ich frag Ihn«, fiel er ihm hitzig ins Wort, »ob meine Feststellung korrekt ist, dass wir in einer Republik und nicht mehr im Kaiserreich leben. Und das nicht erst seit gestern, sondern seit nun schon fast einem ganzen Jahrzehnt?! Das ist doch eine ganz einfache Frage! Und die versteht Er nicht?«
Der Blick des Alten folgte dem nervösen Zickzack des Parketts. Unmerklich zuckten seine Finger.
»Gewiss, Herr Baron«, antwortete er schließlich, gefolgt von einem leisen Hüsteln, »aber der Herr Baron wissen doch, dass ich … dass ich mich um politische Sachen nicht bekümmern tu.«
»Aber dass sich etwas geändert hat, ist Ihm bekannt«, bohrte von Marain weiter.
Alberts Augen fixierten das Kinn des Barons. Wenn ihn die Frage verletzt hatte, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.
»Gewiss, Herr Baron.«
Die unerschütterliche Beherrschtheit des Alten machte von Marain schier rasend. »Ah ja? Tatsächlich?« Er reckte das Kinn. »Und wieso gewöhnt Er sich nicht endlich ab, auf jede meiner Bemerkungen mit ›Sehr wohl, Herr Baron‹ zu antworten?«
Bevor der verstörte Diener etwas zu sagen wusste, fuhr von Marain fort. »Ich habe vorhin lediglich festgestellt, dass es auch heute wieder sehr heiß ist. Zu heiß für mein Empfinden, versteht Er? Also ist Sein ›Sehr wohl, Herr Baron‹ auch deshalb schon unangebracht.«
Alberts Lider zuckten.
»Herrgott!«, bellte der Baron unbeherrscht. »Und steh Er bequem! Ist Er schon ausgestopft?«
In diesem Augenblick befiel von Marain ein schlechtes Gewissen. Was erlaubte er sich eigentlich gegen einen Mann, der von den Jahren her sein Vater hätte sein können? Der im jugendlichen Alter Adjutant seines Vaters gewesen war, ein untadeliger, wie der alte Baron nicht müde wurde zu loben? Der nach einem schweren Unfall aber den Militärdienst hatte quittieren müssen und nun der Familie schon seit Jahrzehnten diente? Es war immer Verlass auf Albert gewesen, Kindheit und Jugend ohne ihn unvorstellbar. Von Marain überkam plötzlich ein Gefühl großer Zuneigung. Wieder griff er mit dem Finger zwischen Kragen und Hals. Verlegen suchte er nach Worten.
Albert beendete die lastende Stille. Er nickte wissend. »Die Hitzn, gell?«
»Herrgott noch mal, ja!«, platzte von Marain erleichtert heraus. »Wenns doch endlich etwas abkühlen würde!«
»Kommt schon noch, Herr Baron.« Die Stimme Alberts klang wie immer, ruhig, weise, falsche Aufgeregtheiten dämpfend. Doch jetzt hörte von Marain einen warmen, begütigenden Ton heraus, und ein Bild aus seiner Jugend stieg in ihm auf. Er lächelte schwach. »Meinst?«, fragte er mit leiser Stimme. »Aber wann, Albert, wann? Ich mein manchmal, gar keine Luft mehr zu kriegen.«
Der Alte wies mit dem Kopf aufmunternd nach draußen. »Die Mucken tanzen, unds Feld dampft schon seit ein paar Tag. Der Herr Baron darfs mir ruhig glauben: Es kommt gwiss bald runter.«
Von Marain nickte erleichtert. »Aber – du weißt schon, das ›Sehr wohl, Herr Baron‹ – ich mags halt einfach nicht, das Getue, als könnt ich wunders viel dafür, ein Marain zu sein. Also – damit bremst dich ein bisschen, gell?«
»Ach, der Herr Baron kennen das doch. Die alten Gewohnheiten.«
»Schon, schon.« Von Marain hob den Zeigefinger. »Aber die Aristokratie hat heutzutag nichts mehr zu melden. Heutzutag bestimmt nämlich das Volk, was geschieht.« Es hatte spöttisch klingen sollen.
Doch die Antwort des Dieners kam prompt, beinahe heftig:
»Der Herr Baron dürfen net so reden! Wenn … wenn eine Herrschaft eine gute ist, dann darfs ruhig eine sein!«
Der so Angesprochene versteckte seine Rührung hinter einem Räuspern. »Nein, Albert«, korrigierte er gnädig. »Ein Oben und ein Unten gibt es nicht mehr, und das ist auch richtig so. Aber, schau«, er öffnete fragend die Arme, »wenn schon das Volk sich nicht an die neuen Sitten gewöhnen mag, warum sollen sich dann die daran halten, die ihr Privileg aufgeben müssten?«
Der Alte lächelte entschuldigend.
»Ein altes Gewächs wie ich tut sich halt schwer damit. Und so schlecht waren die alten Zeiten auch wieder net.«
»Na ja, das ›Herr Major‹ hast dir wenigstens schon abgewöhnen können, immerhin. Aber lassen wir das jetzt.«
»Sehr wohl, Herr Baron.«
Von Marain atmete tief durch.
»Also – was gibt es? Wieder irgendeine anonyme Pöbelei?«
»Nein«, log Albert.
»Also, was dann?«
»Das Fräulein aus England …«
»Miss Thomson? Hat sie wieder angerufen?«
Albert bejahte.
»Wann? Warum hast du mich nicht gerufen?«
»Vor gut einer halben Stund. Der Herr Baron sind unten beim Weiher gewesen.«
»Hat sie gesagt, was sie will? Was will eine Journalistin aus England von mir, Albert?«
Albert schüttelte den Kopf. »Sie wollts dem Herrn Baron selber erklären, hats gemeint.«
Von Marains Blick glitt über das zerknitterte Gesicht des Alten. Er drehte sich wieder zum Fenster.
Er hatte eine Ahnung. Aber war es wirklich möglich, dass dieser Anruf mit den Aufregungen der letzten Wochen zusammenhing? Mit dem Streit, den er mit einigen seiner ehemaligen Regimentskollegen hatte?
Man hatte ihn um etwas gebeten, dessen vorgebliche Bedeutung ihm nicht einleuchten wollte. Es ging dabei um einen ehemaligen Soldaten seines Regiments, der sich offenbar in eine peinliche Lage manövriert hatte und an den er sich nur schwach als einen von Unsicherheit geplagten, unangenehm beflissenen Sonderling erinnern konnte. Als er seinen Namen zum ersten Mal in einer Schlagzeile las, war er zunächst von einer zufälligen Namensgleichheit ausgegangen, bis er eines Besseren belehrt wurde. Was da über ihn geschrieben stand, hatte dem Baron nicht behagt. Der Mann schien zu gefährlichen Narreteien zu neigen. Deshalb, und auch, weil ihn das Ansinnen seiner ehemaligen Kameraden mehr als befremdete, hatte er abgelehnt, etwas für ihn zu tun. Zu nichtig war der Anlass, als dass er dafür seine Prinzipien zu opfern bereit gewesen wäre.
Gewiss, es hatte eine überraschend heftige Auseinandersetzung gegeben. Aber warum sollte sich jemand aus dem Ausland dafür interessieren? Außerdem handelte es sich dabei um eine interne Angelegenheit unter – jawohl, noch immer – Kameraden. Die Wogen würden sich irgendwann glätten. Nein, nicht irgendwann. Schon heute Abend war er zu einer Feier seines ehemaligen Regiments geladen. Großzügig hatte man ihm Abholung und Heimfahrt zugesagt, als er mit Hinweis auf seine angegriffenen Nerven und das Alter Alberts, der ihn früher chauffiert hatte, gezögert hatte.
War das nicht ein Zeichen dafür, dass man zur Einsicht gekommen war? Und überhaupt – würde sich jemand anmaßen, seine Entscheidung nicht zu respektieren? Die Entscheidung eines Aloys von Marain, des ehemals stellvertretenden Regimentskommandeurs? Des Sohnes von General Maximilian von Marain? Des Enkels des Helden von Balan, Carl von Marain, sowie des Urenkels von …?
Aber vor allem ging es niemanden etwas an. Schon gar nicht das Ausland.
»Albert – sag der Dame beim nächsten Mal, ich stünde nicht zur Verfügung. Weil – ach was. Sag ihr meinetwegen, dass ich derzeit etwas … außer Form bin. Ist ja nicht gelogen.«
Der Diener machte einen Bückling. »Sehr wohl, Herr Baron.«
»Gut, Albert.« Von Marain warf einen Blick auf die Standuhr. Der Wagen müsste bald eintreffen. »Wenn das alles ist, lässt mich jetzt bitt schön noch einen Moment allein, ja?«
Der alte Diener zog die Tür hinter sich zu. Der Baron lauschte den sich langsam entfernenden Schritten und wandte sich wieder zum...




