E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Huesmann Blau-weiß-tot
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-3830-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eishockey-Krimi
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-7519-3830-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anette Huesmann, Germanistin und Sprachwissenschaftlerin, schreibt Krimis, Kinderbücher und Sachbücher. In ihren Workshops gibt sie ihr Wissen über das Schreiben von Büchern weiter. Anette Huesmann lebt und arbeitet in der Metropolregion Rhein-Neckar. Mehr über Anette Huesmann erfahren: www.die-schreibtrainerin.de.
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1
Die Besucherin roch nach Angst. Chris musterte sie kritisch und registrierte automatisch die wichtigsten Details. Etwa fünfzig Jahre alt, gepflegte Kleidung, bequeme Schuhe, das Gesicht vollkommen ausdruckslos. Nicht gerade der typische Adler-Fan. Chris bückte sich und untersuchte die Jeans der Frau. Nichts. Sie tastete weiter nach oben und prüfte ihre Jacke. Die Zuschauerin war sauber. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet – und trotzdem machte sie das noch misstrauischer.
Chris kniff die Augen zusammen und fragte nach der Eintrittskarte. Ein Muskel im Gesicht der Besucherin zuckte, doch sie gab Chris ohne Protest ihr Ticket. Jochen, heute ihr Partner bei den Eingangskontrollen, warf ihr einen fragenden Blick zu. Chris lächelte entschuldigend und prägte sich den Sitzplatz ein. Erst dann ließ sie die Besucherin gehen. Sie hatte nichts in der Hand, um sie festzuhalten oder ihr den Eintritt zu verweigern. Auch wenn sie das am liebsten getan hätte. Sie konnte schräge Typen auf zehn Meter Entfernung riechen – und wenn diese Frau nicht schräg war, dann wusste sie auch nicht. Unwillig runzelte Jochen die Stirn und wandte sich wieder den Menschen zu, die noch vor ihm standen.
Auch Chris winkte die nächste Besucherin heran. Die Fans des Mannheimer Eishockey-Teams konnten es kaum abwarten, endlich die Einlasskontrolle der SAP Arena hinter sich zu bringen. Doch die merkwürdige Zuschauerin ging Chris nicht aus dem Kopf. Ihr Frühwarnsystem meldete Alarmstufe rot – das kam höchst selten vor und hatte sie bisher noch nie in die Irre geführt. Sie warf einen Blick zu Eingang D, wo die Verdächtige gerade hinter den Glastüren verschwand, und prägte sich ihre Kleidung ein. Sie nahm sich vor, die Frau nicht aus den Augen zu verlieren.
Heute spielten im Play-off-Viertelfinale die Mannheimer Adler gegen die Nürnberg Ice Tigers, nicht gerade ein Event, das Irre und schräge Typen anzog. Doch man wusste nie. Sie hatte in ihren vier Jahren beim Veranstaltungsschutz der Arena schon eine Menge erlebt und jeden Tag tauchten neue Verrückte auf.
***
Endlich erreichte Anita Schürer das Eingangsfoyer. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie musste sich zwingen, sich nicht umzusehen. Die Frau von der Security hatte sehr misstrauisch gewirkt und Schürer war froh, dass sie nichts Verdächtiges bei sich trug. Eilig stieg sie die Treppe hoch und erreichte die Kioskstraße, die Pufferzone zwischen Eingangsbereich und der hell erleuchteten Halle. Warme Luft schlug ihr entgegen, angereichert mit dem Geruch nach Bier und Pommes.
Sie ging weiter in die Halle und nahm die steile Treppe nach oben, vorbei an leeren Sitzreihen. Zum Viertelfinale der DEL-Play-offs wurden eine Menge Zuschauer erwartet, doch die meisten würden erst kurz vor dem Spiel kommen. Jetzt, wenige Minuten nach Hallenöffnung, war sie eine der Ersten.
Flüchtig warf Schürer einen Blick nach unten. Die Eisfläche mit riesigen Logos Mannheimer Firmen glitzerte verlassen im Licht der Scheinwerfer. Sie erreichte die oberste Tribüne und folgte den Sitzreihen bis zu den Stehplätzen im Block 402. Dort befand sich inmitten der letzten Reihe der blau lackierten Rücklehnen eine unauffällige Stahltür. Erleichtert sah Schürer das kleine Stück Holz zwischen Tür und Rahmen. Die Brandschutztüren sollten laut Vorschriften immer geschlossen sein. Doch da nur wenige Angestellte des Sicherheitsdienstes einen Schlüssel hatten, wurden sie oft verkeilt, damit Reinigungskräfte und Security- Guards nicht nach Schließern suchen mussten. Schürer drückte die Tür auf.
»Hey, was machen Sie da?«
Zwei Jungs standen plötzlich neben ihr, etwa zehn und acht Jahre alt. Der Größere trug ein riesiges Adler-Shirt mit einer weißen 77 auf blauem Grund und musterte sie interessiert. Der Kleinere in Jeans und Micki-Maus-Shirt betrachtete neugierig die halb offen stehende Tür.
Überrascht blickte sich Schürer um, sie hatte die beiden nicht kommen sehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und machte einen Schritt zur Seite, stand nun zwischen den beiden und der Tür hinter ihr. Sie suchte nach Worten.
»Kuck mal«, sagte der Kleinere entzückt und schob sich an Schürer vorbei in das Halbdämmer unter dem Hallendach. Der Ältere blieb wie angewurzelt stehen und drehte seinen Kopf, blickte an Schürer vorbei seinem Bruder sehnsüchtig hinterher. Widerstrebend wandte sich Schürer um.
»Wie das alte Segelschiff, du weißt schon, in Bremerhaven letztes Jahr!«, rief der Kleine. Er blieb mit offenem Mund unter den geschwungenen Dachbalken stehen, legte den Kopf in den Nacken und sah an den Sparren entlang nach oben.
»Ja, sieht toll aus«, murmelte Schürer. Sie spürte den zweifelnden Blick des älteren Jungen auf sich ruhen und beobachtete nervös den kleineren, der aufgeregt unter den riesigen Dachbalken hin- und herlief.
»Was machen Sie da?«
Wie aus dem Nichts tauchte hinter Schürer auf der steilen Treppe eine junge Frau auf. Ihr blondiertes Haar ging an den Haarwurzeln in undefinierbares Braun über. Sie musterte die Fremde mindestens ebenso misstrauisch wie die beiden Jungs. Schürer zwang sich erneut zu einem Lächeln.
»Die beiden wollten einen Blick auf die Dachkonstruktion werfen«, sagte sie und wich dem fragenden Blick aus.
»Jetzt kommt«, rief die Blondierte verärgert, »wir wollten doch noch Cola und Pommes besorgen!« Nach einem letzten misstrauischen Blick nahm sie ihre beiden Söhne an die Hand und zog sie mit sich. Schon drei Schritte weiter schienen die Kinder und ihre Mutter die offen stehende Tür vergessen zu haben.
Schürer seufzte erleichtert. Sie schlüpfte in den fensterlosen Raum und versetzte dem Holzkeil einen Stoß. Er flog weit nach hinten und blieb unter einem der Dachbalken liegen. Die schwere Stahlfeder über ihrem Kopf drückte die Tür ins Schloss. Geräusche und Lichter verblassten. Schürer war eingeschlossen in einer fensterlosen Schleuse. Von hier aus ging es ein paar Stufen hoch zu einer weiteren Stahltür. Diese führte wieder hinaus in die Arena auf den Catwalk, einen schmalen Steg aus Metallträgern, Gitterrost und Stahlgeländer, der sich über die gesamte Hallenlänge dicht unterhalb des Arenadachs entlangzog.
***
Die unauffällige Frau, die so durchdringend nach Angstschweiß gerochen hatte, ließ Chris keine Ruhe. Sie winkte Heike Mehlert zu sich her, die nur widerstrebend ihren Platz einnahm.
»Ich muss aufs Klo«, murmelte Chris und drängte sich an ihr vorbei, ohne auf ihren Protest zu achten. Wohin mochte die Frau verschwunden sein? Chris schob sich durch eine Gruppe gut gelaunter Adlerfans. Suchend blickte sie sich um, konnte jedoch keine Frau entdecken, die ihr bekannt vorkam. Die Verdächtige würde sie auf diese Weise vermutlich nicht finden, trotzdem mochte sie nichts unversucht lassen.
Sie machte sich auf den Weg zu dem Sitzplatz, der auf dem Ticket der Besucherin gestanden hatte. Schwer atmend quälte sie sich zwischen den Sitzrängen die steilen Stufen nach oben und verfluchte, dass sie seit Jahren keinen Sport mehr trieb. Oben angekommen blieb sie stehen und rang nach Luft. Dann ging sie langsam weiter und stand endlich in Block 404 vor dem Sitz Nummer 19, Reihe 13, dem Platz direkt am Gang. Leer. Doch die meisten Plätze lagen noch verlassen da, bis zum Beginn des Spiels war es mehr als eine Stunde hin.
Laute Musik dröhnte durch die Halle und nur im Fanblock standen vereinzelte Menschen mit riesigen Fahnen und Adlershirts. Das Piepen des Walkie-Talkies unterbrach Chris‘ Gedanken. Stirnrunzelnd drehte sie das Display zu sich her. Blöd, ausgerechnet jetzt meldete sich ihr Chef.
»Ja?«, gab sie zur Antwort.
»Wo bist du?« Gerds Stimme klang verzerrt. »Du bist nicht auf deinem Posten.«
»Eine Besucherin kam mir verdächtig vor. Ich versuche sie gerade zu finden.«
»Beweg dich verdammt noch mal auf deinen Platz zurück«, dröhnte seine wütende Stimme aus dem Lautsprecher. »Ich bezahle dich nicht dafür, dass du quer durch die Halle irgendwelchen Hirngespinsten nachrennst.«
»Mit der Frau stimmt was nicht«, beharrte Chris. »Glaub mir.«
»In einer Minute bist du unten«, bellte Gerd, und ein Klicken verriet, dass er die Verbindung unterbrochen hatte.
Wütend stopfte Chris das Walkie-Talkie zurück in ihre Tasche. Gerd war ein Dummkopf, wenn er sie nicht ernst nahm. Sie sah es fast als persönliche Beleidigung, dass sie die Frau noch nicht gefunden hatte. Es waren bisher kaum Besucher in der Halle und normalerweise konnte sie sich auf ihren Spürsinn verlassen.
***
Erleichtert stellte Schürer fest, dass zwischen den Dachträgern Tageslicht durchsickerte. Sie legte sich auf den Bauch und kroch unter den Treppenaufgang. Sie musste ihren Kopf weit nach unten drücken, dann konnte sie ihre Hand nach hinten schieben, in den Winkel des Stahlträgers, der die Treppe trug. Sie griff wiederholt ins Leere. Schürer kämpfte gegen die Panik und versuchte sich zu erinnern, wo genau...




