Hugo / Weber | Der lachende Mann - Vollständige Ausgabe | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 524 Seiten

Hugo / Weber Der lachende Mann - Vollständige Ausgabe


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7448-6700-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 524 Seiten

ISBN: 978-3-7448-6700-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Er war das Erzeugnis des Verhängnisses und der Vorsehung. Das Unglück hatte seine Hand auf ihn gelegt und das Glück auch. Zwei entgegengesetzte Schicksale bildeten sein seltsames Los. Ein Fluch lag auf ihm und ein Segen. Er war verworfen und auserwählt. Wer war er? Er wusste es nicht. Wenn er sich betrachtete, so sah er einen Unbekannten. Aber dieser Unbekannte war grausig. Gwynplaine lebte wie in einem Zustande des Geköpftseins; er trug ein Gesicht, das ihm nicht gehörte. Dies Gesicht war schrecklich, so schrecklich, dass es amüsant war. Er erregte solche Furcht, dass er Lachen erregte. Er war ein teuflischer Possenreißer." Der zehnjährige Gwynplaine, seines väterlichen Erbes beraubt, grausam entstellt und während eines Schneesturms am Strand ausgesetzt, überlebt wider alles Erwarten. Bei einem umherziehenden Gaukler findet er ein Zuhause, wächst heran, wird zum Publikumsmagneten und begegnet seiner großen Liebe. Doch dann bricht das Unerwartete über ihn herein ... Eingehüllt in eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit und Ungleichheit in Großbritanniens politischem System, entfaltet sich anhand der Geschichte des jungen Gwynplaine ein philosophisches Meisterwerk voller Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, die exemplarische Schilderung einer tragischen Entwicklung, eines Mannes, der unschuldig zum Spielball seines Geschickes wird. Vollständige Ausgabe, 4 Bände in einem Band. Sorgfältig mit dem französischen Original abgeglichene und sprachlich schonend überarbeitete Neuausgabe der Übersetzung von Georg Büchmann aus dem Jahre 1869.

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Weitere Infos & Material


Erstes Buch.

Die Nacht nicht so schwarz als der Mensch.


I.

Die Südspitze von Portland.


WÄHREND des ganzen Dezembers 1689 und während des ganzen Januars 1690 wehte ein hartnäckiger Nordwind ohne Aufhören auf dem europäischen Festlande und noch heftiger über England. Daher jene unglückselige Kälte, derentwegen dieser Wind am Rande der alten Bibel der presbyterianischen Kapelle der Non-Jurors in London als „denkwürdig für die Armen“ bezeichnet ist. Dank der brauchbaren Festigkeit des alten monarchischen, zu den offiziellen Registern verwendeten Pergaments sind noch heute lange Listen von verhungerten und verkommenen Armen in vielen lokalen Amtsstuben zu lesen, namentlich in den Pfründenverzeichnissen des Clink Liberty Gerichts des Fleckens Southwark, des Pie Powder Court, was so viel heißt als Gericht der staubigen Füße und in dem Whitechapel-Gericht, das im Dorfe Stapney vom Amtmann des Grundherrn abgehalten wurde. Die Themse fror zu, was höchstens einmal in einem Jahrhundert vorkommt, weil die Eisbildung daselbst wegen der Flut schwierig ist. Auf dem zugefrorenen Flusse rollten Wägen; auf der Themse wurde ein Jahrmarkt mit Zelten, Bärenhetzen und Stiergefechten abgehalten; man briet einen ganzen Ochsen auf dem Eise. Diese Dichtigkeit der Eisrinde dauerte zwei Monate. Das traurige Jahr 1690 übertraf an Strenge der Kälte selbst die berühmten Winter des Anfangs des 17. Jahrhunderts, die mit so großer Genauigkeit vom Doktor Gideon Delaun beobachtet worden sind, dem die Stadt London als Hofapotheker Jakobs des Ersten eine Büste auf einem Piedestal errichtet hat.

Eines Abends, am Ende eines der eisigsten Tage jenes Monats Januar 1690 ging in einer der zahlreichen ungastlichen Buchten der Portland Bay etwas Ungewöhnliches vor, was die Möwen und Enten veranlaßte, kreischend am Eingange umherzukreisen, da sie sich nicht hineinwagten. In dieser Bucht, bei gewissen Winden der allergefährlichsten und folglich der einsamsten der Bay, die gerade ihrer Gefährlichkeit wegen Schiffen zusagt, die sich zu verbergen wünschen, war ein kleines Fahrzeug ganz dicht an der hohen Küste, was wegen der Tiefe des Wassers möglich war, an einen Felszacken festgebunden. Man sagt mit Unrecht: die Nacht bricht ein; man sollte sagen: die Nacht bricht auf; denn die Dunkelheit steigt von der Erde empor. Unten an der Küste war es bereits Nacht, oben war es noch Tag. Wer sich dem angebundenen Fahrzeug genähert hätte, würde darin eine biscayische Urca erkannt haben.

Die Sonne, welche den ganzen Tag in Nebel gehüllt gewesen war, war soeben untergegangen. Man begann jene tiefe und finstere Angst zu empfinden, die man die Angst der abwesenden Sonne nennen könnte.

Da der Wind nicht von der See hinein wehte, so war das Wasser in der Bucht ruhig.

So etwas war namentlich im Winter eine glückliche Ausnahme. Fast alle Buchten Portlands sind Fluthäfen, d. h. die See tritt nur zur Flutzeit in dieselben. Bei schlimmem Wetter ist das Meer daselbst sehr aufgeregt, und es erfordert jedes Mal Geschicklichkeit und Erfahrung, sicher darauf loszufahren. Diese kleinen Häfen, die es mehr dem Anschein nach als in Wirklichkeit sind, leisten schlechte Dienste. Die Einfahrt ist schrecklich und die Ausfahrt fürchterlich. An diesem Abend war ausnahmsweise keine Gefahr vorhanden.

Die biscayische Urca ist ein jetzt aus der Mode gekommenes Fahrzeug. Sie hat sich nützlich erwiesen, selbst zum Kriegsdienst. Es war ein kräftiges Fahrzeug, der Ausdehnung nach eine Barke, der Stärke nach ein Schiff. Sie spielte eine Rolle in der Armada. In der Tat erreichte die zur Kriegsflotte bestimmte Urca einen ansehnlichen Tonnengehalt, wie denn das Admiralschiff „Der große Greif“, auf dem Lope de Medina kommandierte, einen Tonnengehalt von 650 Tonnen hatte und vierzig Kanonen führte; aber die zur Kauffahrt und zum Schmuggelhandel eingerichtete Urca war nur schwach von Holz. Die Seeleute achteten und schätzten dies winzige Gefährt. Das Tauwerk bestand aus Hanfduchten, die bei einigen um Eisendraht gewunden waren, was auf die sich allerdings wenig auf die Wissenschaft stützende Absicht schließen läßt, Andeutungen über die magnetische Spannung zu erhalten; dies dünne Tauwerk schloß nicht die dicken Strapaziertaue aus, die Labrias der spanischen Galeeren und die Kameli der römischen Dreiruderer. Der Ruderstock war sehr lang, was den Vorteil eines großen Hebels, aber den Nachteil eines zu kleinen Hebelarms der Kraft hatte; zwei Räder auf zwei Pflöcken machten diesen Fehler wieder gut und halfen diesem Kraftverlust ein wenig ab. Der Kompaß befand sich in einem ganz viereckigen Kompaßhäuschen und war in zwei ineinander hängenden Kupferrahmen so angebracht, daß er sich stets in derselben horizontalen Lage befand wie eine Cardanische Lampe. Es lag Berechnung und Überlegung in der Bauart der Urca, aber eine nicht gelehrte Berechnung und eine Überlegung der Ungebildeten. Die Urca war ein Gefährt im Urzustand wie der Prahm und die Pirogue, hatte etwas von der Unbeweglichkeit des ersteren und der Schnelligkeit der letzteren und besaß, wie alle aus dem Instinkt der Seeräuber und der Fischer hervorgegangenen Boote, eine bemerkenswerte Seetüchtigkeit. Sie paßte für die Binnenwasser und für die offene See. Ihre eigentümliche Segelstellung, welche durch die angebrachten Stagen unterstützt wurde, erlaubte ihr langsam in den geschlossenen Buchten Asturiens, welche, wie z. B. Pasages, fast Wasserbecken sind, und schnell auf der hohen See zu fahren; sie konnte auf einem See umhersegeln und die Welt umsegeln; es waren wunderbare Schiffe, welche zwei Zwecken dienten, da sie ebensogut sich auf Teichen wie im Sturme auf dem Meere bewährten. Die Urca war unter den Schiffen, was die Bachstelze unter den Vögeln ist, klein und sehr kühn; setzt sich die Bachstelze auf ein Rohr, so biegt sich dasselbe kaum, und doch fliegt sie quer über den Ozean fort.

Selbst die ärmlichsten biscayischen Urcas waren vergoldet und bemalt. Eine solche Tätowierung liegt im Geiste jener anziehenden halbwilden Stämme. Das erhabene Bunt ihrer von Wiesen und Schneemassen gefärbten Berge offenbart ihnen den rauhen Zauber der Verzierung um jeden Preis. Sie sind arm und prachtliebend; sie bringen Wappenschilder an ihren Strohhütten an; sie besitzen große Esel, die sie mit Schellen, und große Rinder, die sie mit Federn ausputzen; ihre Wägen, deren Räder man stundenweit knarren hört, sind bunt angestrichen, geschnitzt und mit Bändern geschmückt. Ein Schuhflicker hat ein Basrelief über seiner Tür, freilich nur den heiligen Crispinus und einen Schuh, aber dafür in Stein gemeißelt. Sie besetzen ihr Lederwams mit Tressen; sie nähen ihre Lumpen nicht ordentlich an, sondern sie sticken sie. Sie besitzen eine tiefwurzelnde aber prächtige Heiterkeit. Die Basken sind Kinder der Sonne, wie die Griechen. Während sich der Mann aus Valencia kahl und traurig seine rotwollene Decke umschlägt, die oben ein Loch hat, damit der Kopf durch kann, haben die Gallegos und die Biscayer ihre Freude an schönen Hemden von im Tau gebleichter Leinwand. Auf ihren Schwellen und an ihren Fenstern strotzt es von blonden und frischen Gestalten, die unter Maisgewinden hervorlachen. Ein freudiger und stolzer Frohsinn spricht aus ihrer naiven Kunst, ihren Beschäftigungen, ihren Trachten, der Toilette der Mädchen und ihren Liedern. Das Gebirge, dies kolossale Gemäuer, ist in Biscaya ganz licht. Die Sonnenstrahlen strömen aus allen seinen Spalten ein und aus. Der wilde Jaizquivel steckt voller Idyllen. Biscaya ist die Grazie der Pyrenäen, wie Savoyen die Grazie der Alpen. In den furchtbaren Buchten bis San-Sebastian, Leo und Fuentarabia mit ihren Stürmen, ihren Wolken, ihrem am Felsen hochaufspritzenden Schaume, ihren wütenden Wellen und Winden, ihrem Schrecken und ihrem Getöse erfreut sich der Blick an rosenbekränzten Schiffermädchen. Wer einmal das baskische Land gesehen hat, sehnt sich dahin zurück. Es ist ein gesegnetes Land; zwei Ernten im Jahr, lustige und laute Dörfer, eine stolze Armut, den ganzen Sonntag durch Gitarrenklang, Tanz, Castagnetten, Liebe; reinliche und helle Häuser, Störche auf den Kirchtürmen. Wir wollen nach Portland zurückkehren, dem rauhen Berg am Meere.

Die Halbinsel Portland stellt sich im Grundriß wie der Kopf eines Vogels dar, dessen Schnabel dem Ozean zugekehrt ist, während das Hinterhaupt nach Weymouth zu liegt; die Landenge bildet den Hals. Zum großen Schaden seiner wilden Natur existiert Portland heute für die Industrie. Die Küsten Portlands sind in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von den Steinbrechern und Zementhändlern entdeckt worden. Seit jener Zeit macht man aus dem Felsgestein Portlands den sogenannten römischen Zement, wodurch die Gegend reich und die Bay häßlich wird. Vor zweihundert Jahren waren jene Küsten zerklüftet wie eine Felswand, heute sind sie zerklüftet wie ein Steinbruch; die Hacke benagt sie im Kleinen und die Flut im Großen, wodurch eine Abnahme der Schönheit entsteht. Der prachtvollen Vergeudung des Ozeans ist der...



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