Hunter Die Eroberung der Lady Cassandra
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9675-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 02, 416 Seiten
Reihe: Fairbourne Quartet
ISBN: 978-3-8025-9675-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit Lady Cassandra Vernham den Heiratsantrag von Lord Lakewood abgelehnt hat, lebt sie verstoßen von ihrer Familie am Rande der Gesellschaft - und muss zusehen, wie sie über die Runden kommt. Sie ist gezwungen, ihren wertvollen Schmuck zu versteigern. Doch der gutaussehende Lord Amsbury bleibt ihr das Geld schuldig. Als Cassandra ihn wutentbrannt zur Rede stellt, ist sie auf alles gefasst - nur nicht darauf, ihr Herz an den charmanten Lord zu verlieren ...
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2
»Es macht dir hoffentlich nichts aus, durch diese Tür hinauszugehen«, sagte Lydia, als sie Cassandra durch einen Korridor zur Nordseite des Herrenhauses führte. »Ich würde den Fragen und Blicken meiner Tanten lieber aus dem Weg gehen.«
Vermutlich drehten diese Fragen sich darum, ob es ratsam war, in Cassandras Begleitung einen Ausritt zu unternehmen. Obwohl Lydia alt genug war, um als alte Jungfer zu gelten, stand sie unter der Aufsicht etlicher Erwachsener. Cassandra wusste, dass ihre eigene Familie das brennende Verlangen hatte, sie genauso zu behandeln. Die Freiheit, die sie genoss, beruhte nur darauf, dass Tante Sophie ihr ein Zuhause gegeben hatte.
»Ich bin nur froh, dass es aufgehört hat zu regnen«, sagte sie. »Ein schöner Ritt und dann ein Bad im Meer – das wird wundervoll.«
Cassandra raffte ihren Rock, um nicht auf den Saum des rosafarbenen Reitkleides zu treten, das sie sich von ihrer Freundin geliehen hatte. Dass Lydia von größerer Statur war als sie, erklärte nur zum Teil die Länge des Rockes. Er war absichtlich überlang geschnitten, um auch im Sattel das sittsame Aussehen der Reiterin zu gewährleisten. Mit Unbehagen konstatierte Cassandra, dass ihr das Kleid auch in anderer Hinsicht nicht passte: Es spannte über ihren Brüsten.
»Ich habe den Bediensteten aufgetragen, dir eine trittsichere Stute zu bringen, also sollte der nasse Boden uns keine Probleme bereiten«, sagte Lydia, während sie den Riegel der schweren Tür öffnete.
Für Lydia war eine derartige Vorsorge unnötig. Sie war eine erfahrene Reiterin, was zum Teil daran lag, dass ihrem Bruder eines der besten Gestüte Englands gehörte.
Draußen warteten zwei Stallburschen mit den Pferden auf sie. Als sie ihnen beim Aufsitzen halfen, bemerkte Cassandra zwei weitere Gründe, warum Lydia nicht wollte, dass ihre Tanten diesen Aufbruch beobachteten. Unter dem Rock trug Lydia Pantalons, und sie benutzte einen Sattel, mit dem sie nur im Herrensitz reiten konnte. Cassandras Damensattel erlaubte es zwar, schicklicher zu sitzen, doch Cassandra bezweifelte, dass ein schnelles Reiten damit möglich war. Und das würde Lydia kaum gefallen.
Sie mieden den Hauptweg, der das Haus mit der Straße verband, und ritten querfeldein. Die Sonne schien hell, und vom Boden stieg die Feuchtigkeit als feiner Nebel auf.
»Ich war entzückt, dass du diesen Ausritt vorgeschlagen hast, Lydia. Aber hoffentlich bereust du es nicht, wenn dein Bruder von unserem Ausflug erfährt.«
Lydia lächelte. Im Gegensatz zu dem Lächeln, das sie bei offiziellen Anlässen aufsetzte und das so falsch wirkte, wie es war, ließ dieses Lächeln ihr ganzes Gesicht aufstrahlen. Ihre dunklen Augen, das fast schwarze Haar und ihre feinen, klaren Gesichtszüge verliehen ihr ein liebliches, ausdrucksvolles Aussehen.
»Mein Bruder wird heute Nachmittag sehr beschäftigt sein und dabei wohl kaum an mich denken. Er hat nicht lange damit gezögert, sich sein Vergnügen zu suchen. Ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hätte, es gleich noch einmal zu tun.«
Cassandra lachte. »Ich wusste nicht, dass du es mitbekommen hast.«
»Eigentlich sollte ich es nicht wissen, aber ich bin schließlich nicht dumm.«
Lydia lenkte ihr Pferd auf der Küstenstraße nach Norden, sobald sie diese erreicht hatten. Hier schien der Boden noch schlammiger zu sein, und er füllte die Wagenspuren aus, die sich in den schweren Boden gegraben hatten. Cassandra hoffte, dass die Straße morgen in einem besseren Zustand sein würde. Andernfalls würde die Rückreise nach London mehrere Tage dauern.
»Letzte Woche habe ich in einem Skandalblatt etwas über dich gelesen«, sagte Lydia.
»Das ist kaum etwas Neues.« Seit Jahren schon wiesen die Klatschkolumnen immer wieder darauf hin, dass sie sich in jeder Hinsicht schlecht benahm. Es wurden Anspielungen gemacht, und meistens waren sie frei erfunden, doch es gab immer Leute, die alles glaubten – vor allem ihre eigene Familie.
»Sie berichten, dass du schon seit Monaten nicht mehr beim Glücksspiel zu beobachten bist. Dafür, ein Laster aufzugeben, warst du bisher nicht bekannt. Ich hoffe, du hast nicht vor, dich zu bessern. Denn wenn das passiert, muss ich weinen.«
»Wenigstens in dieser Hinsicht muss ich mich bessern, fürchte ich. Die Verluste im Frühjahr haben mich gelehrt, am Spieltisch weder meinem Glück noch der Ehre derjenigen zu trauen, gegen die ich spiele.«
Damit hatte sie Lydias Neugier geweckt, die nun langsamer ritt. »Ich habe gehört, du musstest deinen Schmuck verkaufen, um diese Verluste auszugleichen. Soll das heißen, dass du glaubst, deine Gegenspieler hätten dich betrogen?«
»Ich bin mir beinahe sicher. Allerdings wage ich nicht, das öffentlich zu behaupten. Ich werde es ohnehin auch nie beweisen können.«
»Gibt es keine Möglichkeit, es zu beweisen?«
»Nur wenn jemand auf frischer Tat dabei ertappt wird.«
»Ja, vermutlich wird es anders nicht gehen.«
»Leider würde mir das mein Geld nicht zurückbringen.« Dieser große Verlust hatte alle möglichen Schwierigkeiten nach sich gezogen. Sie war gezwungen gewesen, Schmuck zu verkaufen, um Ladenbesitzer zu bezahlen, die sie ständig mahnten. Nun wünschte sie, sie hätte deren Drohungen noch einige Monate länger keine Beachtung geschenkt und den Erlös aus der Auktion einfach behalten.
»Erzähl mir genau, was passiert ist. Ich werde einen Weg finden, um Vergeltung zu üben. Dann habe ich etwas zu tun und muss mich nicht den Rest des Sommers furchtbar langweilen. Jetzt, da mein Bruder nach Crownhill gekommen ist, werde ich wie eine Gefangene leben.«
»Du klagst zu viel, Lydia. Verglichen mit meinem Bruder ist deiner ein Heiliger. Wenigstens will er nur dein Bestes. Ich habe zunehmend die Befürchtung, dass das für Gerald nicht gilt, obwohl ich nicht weiß, warum.«
»War er grausam zu dir? Was will er dir denn noch antun? Er gibt dir keinen Penny, und er hat dir fast dein ganzes Erbe verweigert.«
»Er sucht nach Wegen, wie er mich zwingen kann, ihm zu gehorchen.« Und er hatte einen Weg gefunden. Sie sehnte sich danach, sich jemandem anzuvertrauen, doch wenn sie dabei allzu wahllos vorging, konnte das zu Gerüchten führen, die Gerald bei der Verwirklichung seiner Pläne helfen würden. Dieser Ausflug war zwar eine Art Wiedervereinigung mit Lydia, doch genau genommen waren sie schon seit langer Zeit keine engen Freundinnen mehr.
»Dieser Schuft. Er glaubt doch nicht allen Ernstes, dass er dich nach so langer Zeit zum Heiraten zwingen kann.«
»Ich fürchte, genau das glaubt er.«
»Dann ist er ein Dummkopf und weiß nicht, was er an dir hat. Wenn du nicht zugelassen hast, dass Lakewood sich wie ein Gentleman benimmt und dich heiratet, und wenn du seit sechs Jahren mit den Folgen lebst, werden dich auch Geralds Drohungen kaum beeindrucken.«
Lydias Meinung schmeichelte ihr mehr, als sie verdient hatte. Außerdem hatte Cassandra versäumt, die Gefahren der gegenwärtigen Entwicklung zu erwähnen. Gerald hatte bemerkt, dass seine Drohungen gegen sie fruchtlos blieben. Doch wenn er sie gegen Tante Sophie richtete, vermochten sie reiche Ernte einzubringen.
Übelkeit stieg in ihr auf, als sie sich daran erinnerte, wie Gerald ihr grinsend dargelegt hatte, dass Tante Sophies geistige Fähigkeiten nachließen und dass sie Pflege und Beaufsichtigung benötigte. Er hatte sich gebrüstet ob des Scharfsinns, mit dem er eine neue Front für ihren Krieg eröffnet hatte. Hoffentlich nahm er ihr das Desinteresse ab, das sie vorgeschützt hatte. Seine Drohungen hatte sie nicht nur als unehrenhaft, sondern als schlichtweg unmöglich abgetan.
Tatsächlich wäre sie innerlich beinahe gestorben, und sie hatte gezittert, als ihr klar wurde, wie verwundbar Tante Sophie war. Ständig und überall wurden Verwandte aus dem Weg geräumt. Offiziell konnte ihr Bruder nicht über Tante Sophie bestimmen, doch als engster männlicher Verwandter, noch dazu als Earl, würde er vermutlich Erfolg haben, wenn er es versuchte.
Er verließ sich darauf, dass Cassandra seine Autorität akzeptierte, um ihre Tante zu schonen. Er wollte, dass sie heiratete, zum Schweigen gebracht wurde und für immer aus London und der feinen Gesellschaft verschwand, damit ihm die Peinlichkeit ihrer Person erspart blieb.
Wie würde ihr Leben aussehen, wenn sie seinen Forderungen nachgab? Sie würde für immer an einen netten, langweiligen Ehemann gebunden sein, der die Wachteljagd liebte und die Saison hasste. Sie würde auf einem Landgut lebendig begraben sein. Selbst Lakewood wäre dem vorzuziehen gewesen, obwohl sie ihn nie gemocht und ihm nicht vertraut hatte.
»Tante Hortense hatte erwogen, uns zu begleiten«, sagte Lydia. »Gott sei Dank ist sie zu der Überzeugung gekommen, dass es heute Nachmittag zu warm ist, um hinauszugehen. Sie hätte uns nur den Spaß verdorben.«
»Hast du ihr gesagt, dass wir ausreiten und im Meer baden wollen?«
»Ja, das war mein Fehler. Diese Idee hat sie gereizt. Wäre sie mitgekommen, hätte sie darauf bestanden, dass am Strand ein Pavillon aufgestellt wird und dass eine Armee von Bediensteten sich um sie kümmert. Wir hätten Stunden mit den Vorbereitungen verschwendet.«
Cassandra entnahm der Antwort, dass sich um sie beide keine Bediensteten kümmern würden und dass es auch keinen Pavillon gab. »Du hast gesagt, es ist ein abgeschiedener Ort.«
»Bist du um deine Sittsamkeit besorgt? Keine Angst. Außer mir kennt niemand auch nur den Weg hinunter ans Wasser, und die Bucht ist so gelegen, dass der...




