Hunter | Dirty White Boys | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Hunter Dirty White Boys

Thriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86552-680-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thriller

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

ISBN: 978-3-86552-680-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Drei bis an die Zähne bewaffnete Sträflinge bahnen sich ihren Weg in eine Welt, die auf etwas Derartiges nicht vorbereitet ist. Lamar ist eine böse, tödliche Bestie ... Odell ist sein schwachsinniger Cousin, ein Riese ohne jegliche Gefühle ... Und Richard ist ein elendiger Feigling ... Die drei ziehen eine Schneise des Terrors durch Amerika. Bis sich Sergeant Pewtie an ihre Fersen heftet. Pewtie wurde vor Jahren von Lamar fast getötet. Nun treffen die beiden erneut aufeinander. Aber dieses Mal wird nur einer überleben ... Für viele ist Stephen Hunter der beste lebende Thriller-Autor. Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Literary Guild: »Brillant, ergreifend und sehr brutal.« Michael Drewniok, Krimi-Couch.de: »Ein Hochgeschwindigkeits-Pageturner, ein höllisch spannender, famos geschriebener Reißer ohne Kompromisse, ein Tiefschlag für den feinsinnigen (oder dünnblütigen) Leser, ein Stromstoß für den deutschen Krimifreund.«

Stephen Hunter ist vielfacher Bestsellerautor und Filmkritiker (ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize). Er wurde 1946 in Kansas City, Missouri, USA, geboren. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und zwei Söhnen in Baltimore. Anfang der 90er-Jahre begann er mit einer Serie von Thrillern, die sich um die Familiengeschichte des Swagger-Clans ranken. In Point of Impact, dem ersten Band der Saga, wird der ehemalige Marine-Scharfschütze Bob Lee Swagger dazu bestimmt, bei einer Verschwörung als Sündenbock für den Mord an dem Präsidenten zu dienen. Der Roman wurde 2007 als SHOOTER mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle verfilmt und bescherte alleine den Produzenten einen Gewinn von über 150 Millionen Dollar. 2016 startete USA Network die TV-Serie. Für viele ist Stephen Hunter der beste lebende Thriller-Autor. Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Andreas Pflüger: »Stephen Hunters Bob Lee Swagger ist die coolste Socke unter den einsamen Helden.«
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1

Im McAlester-Staatsgefängnis hatten nur drei Männer einen noch größeren Schwanz als Lamar Pye, aber diese drei waren schwarz und von daher nach Lamars Maßstäben kaum menschliche Wesen. Sein Schwanz war der größte, den man je an einem Weißen gesehen hatte – in diesem Gefängnis und all den anderen, in denen Lamar den größten Teil seines Erwachsenenlebens verbracht hatte. Sein Schwanz war ein Monster, eine Schlange, ein seilartiges, geädertes Ding, das weniger nach dem aussah, was es war, sondern eher nach einem Gummischlauch.

Damit stand Lamar auf der Hitliste der Schwuchteln ganz oben, doch die waren schlau genug, sich von ihm fernzuhalten und nur heimlich von ihm zu träumen. Er selbst war nicht schwul, obwohl er schon mal den einen oder anderen Arsch fickte, wenn ihm der Sinn danach stand. Lamar spielte für keinen Knastboss den Puppenjungen, war weder Hure noch Tunte oder Spitzel. Seine knappen, anmutigen Bewegungen vermittelten eine deutliche Botschaft: Leg dich mit mir an und du bist tot.

Natürlich war es hilfreich, dass er unter Daddy Cools Schutz stand. Er war der kugelnarbige Bikerkönig, der über den weißen Abschaum des »Mac« regierte. Dank Daddys besonderer Magie und Lamars eigenem Ruf als Totschläger kam ihm kaum jemand in die Quere, ob Häftling oder Wärter. Und wenn es hart auf hart kam, war sein hünenhafter Cousin Odell zur Stelle, um ihm den Rücken zu stärken. Aber hauptsächlich lag es einfach an Lamar und seiner Haltung. Er war der Prinz unter den Dirty White Boys.

Es war vier Uhr nachmittags an einem Tag wie jedem anderen in der düsteren Geschichte von Oklahomas härtestem Knast. Im Quartier der Schließer, zwei Sicherheitsstufen über dem D-Korridor, stellte Lamar die Dusche an und ließ das Wasser auf sich herabprasseln. Der Strahl traf auf seine hervortretenden Muskeln und spülte den Schweiß ab. Das war der Höhepunkt seines Tages; als hochrangiger Lebenslänglicher genoss er vor dem Einschluss das Privileg kurzer privater Momente in der Wärterdusche. Für ihn war das wie eine Million Dollar auf der Bank, von der er wusste, dass er sie nie haben würde. Was er hatte, war ein frisches Stück Seife, eben ausgepackt, statt der üblichen flüssigen grünen Desinfektionsseife in den Duschräumen der Häftlinge.

Lamar Pye war 38 Jahre alt, mit einem Gewirr dicker Haare, die er meist zu einem Zopf gebunden trug. Im Gegensatz zu seiner restlichen Erscheinung waren seine Gesichtszüge freundlich. Seine warmen Augen blickten über eine ziemlich ramponierte Nase hinweg. Auf seinen Fingerknöcheln prangten die Worte FUCK und YOU!. Auf seinem linken Unterarm stand BORN TO KICK ASS – in der krakeligen, unsicheren blauen Tintenschrift eines freihändigen Knastkünstlers. Den Mittelpunkt seines rechten Unterarms bildete ein halb ins Fleisch gerammter Dolch. Blutstropfen quollen aus der Wunde. Unter dem groben, aber unverkennbaren Umriss eines Totenschädels auf dem linken Handgelenk hieß es SHADOW OF DEATH und auf seinem rechten Handrücken prangte WHITE GREASED LIGHTNING. Unter der Schrift befand sich ein blassblauer rattenschwänziger Kringel, der den Blitz darstellen sollte. Lamar konnte sich nicht daran erinnern, wo er das herhatte. Er musste wohl besoffen oder high gewesen sein. Während seiner zweijährigen Haftstrafe für vorsätzliche Körperverletzung im Crabtree-Staatsgefängnis in Helena wachte er eines Morgens auf und erblickte das verdammte Ding.

Das Wasser fühlte sich so gut auf seiner Haut an, als es auf seine Muskelberge herabschoss. Er hatte vor dem Duschen ein ausgiebiges Sportprogramm absolviert: 200 Curls mit der 35-Kilo-Hantel, 200 Kniebeugen mit der 90-Kilo-Hantel auf den Schultern. Dann hatte er eine gottverfluchte Ewigkeit in der Brustmaschine verbracht, wo er 100 Kilo totes Gewicht gestemmt hatte. Durch die Dampfschwaden betrachtete Lamar seine Brust und sah Raum für Möglichkeiten. Sein Brustkorb war breit, weiß und nicht sonderlich behaart. Er könnte sich, was immer er wollte, darauf tätowieren lassen. Richard hatte ihn darauf gebracht. Als Frischling hatte Richard Schiss vor ihm gehabt, sodass er eine Woche lang kein Wort gesagt hatte. Lamar hingegen hatte am Anfang vorgehabt, ihn erst einmal zu schikanieren, bevor er ihn fickte und für Zigaretten an Rodney Smalls’ Nigger verschacherte, aber der beschissene Richard war ein solches Weichei, dass es überhaupt keinen Spaß gemacht hatte. Alles, was Richard immer tat, war mit einem Bleistift und einem Notizblock herumzusitzen. Seine Hand flog über das Papier, als würde alles verschwinden, wenn er sich nur stark genug konzentrierte. Oder er las komische kleine Bücher ohne Bilder und unterstrich wie ein Wilder Textstellen darin. Außerdem klebte er beim Hofgang an Lamar wie ein Schatten. Während das Wasser weiter auf Lamar herabprasselte, ließ er seinen Gedanken freien Lauf.

»Verflucht noch mal, Junge«, blaffte Lamar. »Was is ’n das für ’n Scheiß, an dem du da arbeitest?«

So direkt angesprochen schien Richard regelrecht dahinzuschwinden. Sein aufgedunsenes Gesicht bebte und sämtliche Farbe wich aus seinen Wangen. Er zitterte wie ein Blatt im Wind. Dann murmelte er: »Kunst.«

»Was für Kunst?«, wollte Lamar wissen.

»Na, Kunst eben«, antwortete Richard. »Du weißt schon. Kunst. Bilder. Was die Imagination so hergibt.«

»Scheißdreck«, brummte Lamar. Jetzt war ihm wirklich danach, Richard wehzutun. Er hasste es, wenn jemand mit Fremdwörtern um sich warf. Mag-i-nation.

Drauf geschissen, dachte er.

Aber aus einer seltsamen Neugier heraus beugte er sich hinüber und sah sich an, womit Richard seine Zeit verplemperte.

Gottverdammt, er hatte Lamar gezeichnet! Wie er leibt und lebt, furchterregend wie ein Löwe, todesmutig. Er wirkte auf der Zeichnung wie ein Wikinger, mit einem mächtigen Schwert in den Händen, bereit, seine Feinde abzuschlachten. Das Ganze hatte etwas Unheimliches, beinahe Magisches an sich. Irgendwo tief in sich spürte Lamar eine kleine Regung.

»Scheiße«, blaffte er. »Das haut so nicht hin. Ich bin ein Lebenslänglicher, ein verfluchter Knacki-Arschficker. Kein gottverdammter Held.«

»I…ich hab nur gezeichnet, was mir in den Sinn kam«, jammerte Richard. »Bitte tu mir nicht weh.«

»Ach«, grunzte Lamar verblüfft. Dann wandte er sich wieder seinem Penthouse zu.

Und doch hatte das Bild irgendwie etwas in Lamar ausgelöst. Es verfolgte ihn sogar in seinen Träumen, verdrängte eine Zeit lang die Wichsvorlagen-Blondinen, die ihm jede Nacht ihre rosigen Ärsche entgegenstreckten, bis er kam.

Am Tag darauf musste Richard ihm die Zeichnung noch einmal zeigen. Beinahe eine Woche dachte Lamar darüber nach, dann nahmen seine Fantasien Gestalt an.

»Dieses Bild, weißt du?«

»Ja«, erwiderte Richard.

»Könntest du noch eins zeichnen? Ich sag dir, was draufsoll. Du müsstest es nicht vor dir sehen oder so. Ich könnt’s dir einfach sagen, verdammt. Kannst du das?«

»Ähm, ich denke, schon. Ich meine, klar.«

»Hmmm.« Lamar dachte angestrengt nach. »Weißt du, worauf ich echt stehe, das sind Löwen. Aber nicht so ’n Löwe im Dschungel, sondern auf einer Burg. Weißt schon. Und eine Schnalle, blond, mit richtig dicken Titten. Und die steht irgendwie auf den Löwen. Wie auf ’nen Mann, nicht wie auf ’n Schmusetier. Na ja, ich will kein Bild, auf dem der Löwe sie fickt, aber er könnte sie ficken, wenn er wollte.«

»Oh, ich glaube, ich weiß, worauf du hinauswillst. Er ist so was wie ein Archetyp, mit einer gewissen aggressiven, männlichen Macht.«

»Hä?«

»Ähm, ich meine …«

»Er ist ein Löwe und er hat ’ne Schnalle. Und die hat Titten. Und das Ganze ist lange her. Kapiert?«

»Ja, Sir.«

Richard legte los. Tagelang kauerte er in der Ecke und kritzelte wie ein Irrer. Fluchend schleuderte er Bilder zur Seite. Er ging sogar in die Gefängnisbibliothek und holte sich Bücher über Löwen. Und schließlich …

»Lamar? Hast du’s dir ungefähr so vorgestellt?«

Er hielt eine Skizze hoch. Der Löwe war ein Gott, die Frau eine Nutte mit riesigen Titten, ihre Nippel ragten steil auf. Er war der Herr, sie die Sklavin.

»Gottverdammt«, staunte Lamar. »Sieh sich das einer an! Als hättest du’s direkt aus meinem Kopf, Mann! Das ist ja ’n Ding! Nur, na ja, wär’s nicht besser, wenn der Löwe größer wäre? Und die Titten von der Kleinen vielleicht nicht ganz so groß? Das ist zu groß. Die sehen nicht echt aus. Ich will, dass sie echt aussehen. Aber die Burg gefällt mir.«

Richard nahm die Kritik wie ein Mann und steckte eine weitere Woche in den Überarbeitungen fest. Als er die endgültige Version ablieferte, war Lamar sichtlich zufrieden.

»Verdammt, Richard. Ich trau mich kaum, es zu sagen, aber du hast wirklich Talent. Sagen wir mal, ich möchte, dass du noch was anderes probierst. Andere Sachen, die ich im Kopf habe, weißt du? Könntest du das?«

»Sicher könnte ich das«, meinte Richard.

»Das ist ja ’n Ding, verflucht. Du malst, was ich dir sage, und dafür passe ich auf dich auf. Klar?«

»Ja, Sir«, sagte Richard und die Sache war geritzt.

Was daran so befriedigend war? Lamar wusste es nicht. Aber es war so. Für ihn war es eine bisher ungekannte Quelle der Freude. Er konnte...



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