E-Book, Deutsch, Band 2, 528 Seiten
Reihe: Shadow Falls Camp
Hunter Shadow Falls Camp – Erwacht im Morgengrauen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401048-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 528 Seiten
Reihe: Shadow Falls Camp
ISBN: 978-3-10-401048-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon als Kind liebte C.C. Hunter Glühwürmchen, lief am liebsten barfuß und rettete mögliche Märchenprinzen in Form von Fröschen vor ihren Brüdern. Auch wenn sie heute meist Schuhe trägt, ist sie immer noch von Glühwürmchen fasziniert. Sie rettet inzwischen nicht mehr nur Frösche, sondern auch andere Tiere, und hat einen Märchenprinzen gefunden. Mit ihm, drei Katzen und einem Hund lebt sie in Texas - und wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder Zeit mit ihrer Familie verbringt, fotografiert sie gerne.
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2. Kapitel
Zuerst konnte Kylie nichts erkennen, bis sie ihren Blick senkte, wo er auf ein paar Augen traf – Augen, die in der Dunkelheit der Nacht golden glühten. Das waren keine Vampiraugen. Nein, das war nicht Dellas goldener Schimmer, wenn sie wütend war. Diese Augen waren nicht ansatzweise menschlich.
Ein Hund?
Nein.
Sie stolperte beinahe, als sie einen Schritt zurück machte. Jede Faser in ihrem Körper schrie: Aber der nächste Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss, hielt sie davon ab, zu flüchten.
Ihr stockte der Atem, aber nicht vor Angst. Etwas wie Sehnsucht loderte in ihr auf. Doch das warme, aufregende Gefühl verwandelte sich schnell in das ungute Gefühl, betrogen worden zu sein. Der gutaussehende Werwolf hatte sie geküsst und damit um den Verstand gebracht. Er hatte sie erst angemacht und war dann mit Fredericka abgehauen.
Kylie schaute blitzschnell zum Mond, der von Wolken bedeckt war. Doch selbst durch den grauen Schleier konnte sie erkennen, dass kein Vollmond war. Der war erst nächste Woche wieder, die Werwölfe im Camp planten nämlich schon ihre Zeremonie.
Das bedeutete, dass der Wolf nicht Lucas sein konnte. Also war es wohl ein echter Wolf. Ein echter, wilder Wolf. Was wiederum hieß, dass sie zusehen sollte, sich so schnell wie möglich vom Acker zu machen, bevor er zum Angriff überging.
Sie schaute den Wolf an. Doch entgegen ihrer Erwartung einer zähnefletschenden, sprungbereiten Bestie war das, was sie sah, gar nicht so furchteinflößend. Die goldenen Augen fixierten sie. Die Wolke vor dem Mond musste weiter gezogen sein und Kylie konnte die Umrisse des Wolfes jetzt genauer erkennen. Sein Fell war dick und von rötlich grauer Farbe. Sie würde nicht so weit gehen, das Tier hübsch zu nennen, aber es war auch nicht so schrecklich.
Der Wolf senkte die Schnauze und bewegte sich langsam auf sie zu. Obwohl das immer noch nicht wirklich feindselig auf sie wirkte, machte Kylie einen Schritt zurück. Als würde er ihre Angst spüren, duckte sich der Wolf noch tiefer auf den Boden in einer unterwürfigen Haltung.
»Was bist du – ein Schoßwolf von jemandem?« Doch da kam ihr ein Gedanke. Ein echter Wolf hätte nicht so einen Überschall-Windstoß verursachen können. Aber ein echter Gestaltwandler konnte das.
Sie stemmte die Hände in die Hüfte und schaute das Tier böse an. »Verdammt, Perry, bist du das?«
Perry, der mächtige Gestaltwandler aus dem Camp, liebte diese kleinen Scherze. Aber Kylie hatte nun wirklich genug von seinen Tricks. Irgendwann reichte es auch.
»Das Spiel ist vorbei oder ich ziehe dir die Ohren lang – wie beim letzten Mal.« Kylie erwartete, dass die üblichen glitzernden Funken regnen würden, die immer erschienen, wenn Perry sich zurückverwandelte. »Jetzt sofort!«
Keine Funken.
Das Tier bewegte sich langsam und geduckt auf sie zu.
»Nein«, sagte sie mit Nachdruck. Kylie versuchte sich damit abzufinden, dass es doch ein echter Wolf war. »Komm nicht näher.« Sie hielt ihm eine Handfläche entgegen, und der Wolf schien ihr tatsächlich zuzuhören. »Es ist nichts Persönliches, aber ich bin doch eher der Katzentyp.« Ihre Stimme hallte laut und ihr fiel wieder auf, wie unnatürlich still es im Wald war.
Kein Grillenzirpen. Kein Vogelgezwitscher. Nicht einmal der Wind traute sich zu wehen. Sie schaute nach oben zu den Baumwipfeln, die so unbeweglich waren wie ein Foto. Sogar die Pflanzenwelt schien vor Angst innezuhalten.
Sie kämpfte gegen die aufsteigende Panik an und richtete den Blick wieder auf den Wolf. Sie war sich jetzt sicher, dass die Gefahr nicht von dem Tier ausging. Nein, da war noch etwas anderes, das weitaus gefährlicher war. Sie schauderte und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf.
Der Wolf sprang auf und schnüffelte mit erhobener Schnauze. Er knurrte und machte einen Schritt zur Seite. Dann drehte er sich wieder zu ihr und schaute sie mit seinen goldenen Augen an, so als wollte er sie vor der Gefahr warnen.
Als ob das nötig gewesen wäre. Ihr Herz klopfte wie wild. Der kalte Wind kam wieder auf, diesmal war er noch näher, und es roch plötzlich faulig, nach Tod. Der Wolf knurrte lauter.
»Kylie?« Ihr Name hallte in der Ferne, brach durch das Dickicht der Bäume. Sie wandte sich in die andere Richtung, und der Luftzug streifte sie wieder. Aber dieses Mal schien er vorbeizuziehen. Wer oder was auch immer das war, wollte sie allein. Kylie verschränkte die Arme und versuchte das Zittern zu kontrollieren.
Der Wolf winselte leise und schaute sie wieder an. Er neigte leicht den Kopf, als wollte er sich von ihr verabschieden. Dann drehte er sich um und verschwand mit einem Rascheln im Unterholz.
»Kylie.« Sie hörte wieder ihren Namen. Jetzt erkannte sie Dereks Stimme.
»Ich bin hier!«, rief sie. Sie wollte keine Sekunde länger allein sein und rannte los.
Sie rannte Dereks Stimme entgegen. Ihr Herz klopfte laut, während sie unter Ästen hindurchschlüpfte und über Dornenzweige sprang. Sie lief und lief. Als könnte sie vor der Angst und all ihren Problemen davonlaufen. O ja, sie würde so gern den ganzen Mist hinter sich lassen. Mit jedem Schritt, den sie auf den weichen Waldboden setzte, fühlte sie, wie zwar die Angst weniger wurde, die Probleme allerdings blieben. Sie konnte sie nicht abschütteln. Doch die körperliche Anstrengung tat trotzdem gut. Bis ihr Lauf abrupt gestoppt wurde, als plötzlich etwas vor ihr auftauchte oder besser … jemand.
Derek.
Sie prallten zusammen, er schnappte nach Luft und fiel dann mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Kylie verlor die Balance und landete auf ihm. Er schlang instinktiv die Arme um sie, und sie atmete den herben Duft seines Aftershaves ein.
»Du hast also den Wolf geschickt«, murmelte sie außer Atem. Ihr war seine Fähigkeit, mit Tieren kommunizieren zu können, wieder eingefallen.
»Was für einen Wolf?« Er schaute sich um. »Ist alles okay bei dir?«
Er schob sie vorsichtig neben sich auf den Boden. Eins ihrer Beine lag noch auf seinem und sein linker Arm war noch um sie geschlungen, so dass seine Handfläche genau in ihrer Taille lag. Wärme und Geborgenheit durchströmten sie. Mit der anderen Hand schob er ihr die Haare aus dem Gesicht. Er schaute sie besorgt an und Kylie musste sofort wieder gegen die Tränen kämpfen.
»Kylie, rede mit mir.« In seiner Stimme lag dieselbe Besorgnis wie in seinem Blick, und das warme Gefühl, das sie immer bekam, wenn er sie berührte, breitete sich in ihrem Bauch aus.
»Verdammt, geht es dir gut?«
Sie blinzelte zu ihm hoch und öffnete den Mund, um Ja zu sagen, aber was herauskam, war die Wahrheit. »Nein, es geht mir nicht gut.«
»Was ist passiert?« Sein Arm schlang sich enger um ihre Taille.
Sie hatte im Moment echt viele Probleme, doch eins stach heraus. »Ich habe Blut getrunken.«
»Wir haben alle Blut getrunken. Das war doch ein Teil der Zeremonie«, sagte er und sie hatte das Gefühl, er bemühte sich sehr, das Richtige zu sagen.
»Aber es hat mir geschmeckt«, wandte sie ein.
»Ich weiß«, gab er zu. »Deine Gefühle, als du es getrunken hast, waren mehr als deutlich. Du sahst fast euphorisch aus.«
Sie hob den Kopf. »Was bedeutet das?«, und als Derek nicht sofort antwortete: »Jetzt sag mal ehrlich: Was heißt das jetzt für mich?«
»Vielleicht nur, dass du Blut magst«, antwortete er vorsichtig.
»Oder ich bin vielleicht ein Vampir!?«, gab sie zurück und ließ dann den Kopf wieder auf den Boden sinken. Sie schloss die Augen.
Er schwieg eine Minute lang und sagte dann betont munter: »Hey, hast du echt einen Wolf gesehen?«
»Ja«, antwortete Kylie. »Er hat sich ziemlich komisch benommen, schon fast freundlich.«
»Er ist nicht mehr hier«, stellte Derek fest, als ob er durch seine Gabe die Umgebung auf Tiere checken könnte. »Es war wahrscheinlich nur ein streunender Hund.«
»Er sah aber wie ein Wolf aus.«
»Dann war es wahrscheinlich ein Mischling.«
»Wahrscheinlich«, räumte sie ein und dachte, dass sie wahrscheinlich überreagierte.
Die nächsten Minuten schwiegen sie beide. Kylie hatte die Augen geschlossen und genoss es einfach nur, neben Derek zu liegen. Langsam entspannte sie sich. Als sie die Augen wieder öffnete, strahlten die Sterne über ihr wie im Märchen. Die Gräser um sie herum tanzten im Wind. Derek tat dies, er ließ die Welt um sie herum wie eine Utopie erscheinen, einfach zu schön, um wahr zu sein. Sogar die Luft war plötzlich erfüllt vom würzigen Geruch der Pflanzen und dem Duft von Wildblumen. Sie schloss wieder die Augen und ließ sich fallen.
»Glaubst du, du bist ein Vampir?«
Seine Frage holte sie aus ihren Träumen. Sie sah ihn an. »Ich hab keine Ahnung. Ich bin total verwirrt.«
Er streichelte ihre Wange. »Ist es denn wirklich so wichtig, was du bist, Kylie? Mir jedenfalls ist es überhaupt nicht wichtig.«
»Natürlich ist es wichtig.« Sie stützte sich auf einen Ellenbogen auf. »Du verstehst das nicht, weil du ja weißt, was du bist. Das hast du schon immer gewusst. Aber bei mir ist alles, was ich bisher über mich wusste – wer ich bin, was ich bin, wer mein Vater ist –, zerstört. Und ich steh da mit nichts außer einem Haufen Fragen. Nichts ist mehr so wie vorher.«
Tränen traten ihr in die Augen. »Und …«
Dereks Mund senkte sich auf ihren. Ihre Lider flatterten, als sie die Augen schloss. Der Kuss war so süß. Sie konnte an nichts mehr denken und genoss nur den Moment. Und das tat so gut.
Als er den Kuss beendete, wollte sie nicht, dass es schon vorbei war....




