E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten
Reihe: Shadow Falls Camp
Hunter Shadow Falls Camp - Erwählt in tiefster Nacht
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402868-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten
Reihe: Shadow Falls Camp
ISBN: 978-3-10-402868-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon als Kind liebte C.C. Hunter Glühwürmchen, lief am liebsten barfuß und rettete mögliche Märchenprinzen in Form von Fröschen vor ihren Brüdern. Auch wenn sie heute meist Schuhe trägt, ist sie immer noch von Glühwürmchen fasziniert. Sie rettet inzwischen nicht mehr nur Frösche, sondern auch andere Tiere, und hat einen Märchenprinzen gefunden. Mit ihm, drei Katzen und einem Hund lebt sie in Texas - und wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder Zeit mit ihrer Familie verbringt, fotografiert sie gerne.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Kylie Galen sah von dem Peperoni-Salami-Pizzastück auf dem feinen Porzellanteller vor sich auf. Sie versuchte krampfhaft, den Geist zu ignorieren, der direkt hinter dem Rücken ihres Großvaters und ihrer Großtante ein blutiges Schwert durch die Luft schwang. Ihre neu gefundenen Familienmitglieder waren … gute Leute, nur vielleicht ein bisschen konservativ. Und konservative Leute würden es sicher nicht toll finden, wenn ein ungeladener Geist ihre Esszimmerwände mit Blut bespritzte.
Der Geist, eine dunkelhaarige Frau Anfang dreißig, hielt in der Bewegung inne und starrte Kylie eindringlich an.
Kylie kommunizierte per Telepathie mit Geistern, indem sie einfach dachte, was sie sagen wollte. Und bei solchen Themen war sie auch echt dankbar, dass niemand zuhören konnte. erwiderte Kylie.
stellte der Geist fest.
Kylie knüllte verzweifelt die Stoffserviette zusammen, die sie sich auf den Schoß gelegt hatte. Oookaaay, stand auch etwas davon in den Regeln, dass Geisterseher freundlich zu nervigen Geistern sein müssen?
Aber Moment mal, sie hatte ja gar kein Buch, in dem sie die Regeln nachschlagen konnte. Sie improvisierte fröhlich vor sich hin. Genaugenommen tat sie nichts anderes als zu improvisieren: beim Geistersehen, als Übernatürliche und als Freundin.
In letzter Zeit kam es ihr wirklich so vor, als würde sie ihr ganzes, verdammtes Leben nur improvisieren und dabei ein heilloses Chaos anrichten. So wie ihre Entscheidung, das Shadow Falls Camp zu verlassen – oder besser das neue Internat für übernatürliche Teenager. Die Entscheidung schien damals die einzig richtige gewesen zu sein.
Sie war jetzt knapp zwei Wochen bei den anderen Chamäleons, und inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher.
Klar, sie hatte gute Gründe gehabt, hierherzukommen – um mehr über ihre übernatürliche Herkunft zu erfahren. Um Malcolm Summers, ihren Großvater, und ihre Großtante Francyne kennenzulernen.
Aber erst Monate, nachdem sie erfahren hatte, dass sie übernatürlich war, hatte sie endlich herausgefunden, dass sie ein Chamäleon war. Chamäleons waren eine seltene Art Übernatürlicher, die versteckt lebte, nachdem eine Abteilung der übernatürlichen Regierung, die Fallen Research Unit, FRU, sie als Laborratten missbraucht hatte, um ihre Fähigkeiten zu erforschen. Kylies eigene Großmutter war bei solchen Tests gestorben. Und jetzt wollte dieselbe Abteilung auch Kylie für Tests zu sich holen. Da hatten sie die Rechnung aber ohne Kylie gemacht!
Kylies Hauptmotivation, Shadow Falls zu verlassen, hatte allerdings nichts mit der FRU zu tun oder mit ihrer Herkunft. Nein. Es ging ihr nur ums Weglaufen.
Sie wollte weglaufen – vor Lucas, dem Werwolf, in den sie sich verliebt hatte. Dem Werwolf, der seine Seele einer anderen versprochen hatte und von Kylie erwartete, dass sie ihm glaubte, es habe nichts zu bedeuten. Wie hatte er ihr das nur antun können? Wie hatte er Kylie den ganzen letzten Monat lang so leidenschaftlich küssen können – und jedes Mal, wenn er zu seinem Vater ging, mit diesem Mädchen zusammen sein können? Wie hätte Kylie in Shadow Falls bleiben und ihn weiterhin dauernd sehen können?
Das Problem war nur, dass sie vielleicht vor Lucas davongelaufen war, aber ihren Herzschmerz mitgenommen hatte. Und jetzt ging es ihr nicht nur wegen ihres Liebeskummers schlecht, sondern auch, weil … sie Shadow Falls so sehr vermisste. Okay, vielleicht nicht wirklich Shadow Falls, aber sie vermisste die Leute dort. Ihre Freunde, die ihre Familie geworden waren: Holiday, die Campleiterin, die wie eine große Schwester für sie war; den zweiten Campleiter, Burnett, der ernste Vampir, der Freund und Vaterfigur in einem war; ihre beiden Mitbewohnerinnen, Della und Miranda, die sich von Kylie im Stich gelassen fühlten, seit Kylie einfach so gegangen war. Und Derek, der ihr seine Liebe gestanden hatte, obwohl er wusste, dass sie in Lucas verliebt war.
O Gott, wie Kylie sie alle vermisste! Seltsamerweise war sie nur ein paar Kilometer von Shadow Falls entfernt, verborgen an einem abgelegenen Ort, in einer Gegend, die Texas Hill Country genannt wurde. Und doch hätte sie am anderen Ende der Welt sein können.
Sicher, sie telefonierte jeden Tag mit Holiday. Ihr Großvater war anfangs dagegen gewesen, aber ihre Tante hatte ihn zur Vernunft gebracht. Widerwillig hatte er zugestimmt. Aber nur unter der Bedingung, dass sie ein bestimmtes Telefon benutzte und die Gespräche kurzhielt, damit sie nicht zurückverfolgt werden konnten. Und Kylie durfte unter keinen Umständen jemandem sagen, wo sie sich aufhielt.
Wegen der Verbindung zur FRU misstraute ihr Großvater allen im Camp. Und dieses Misstrauen verstärkte in Kylie noch das Gefühl, von denen isoliert zu sein, die sie liebhatte. Sogar von ihrer Mom, die angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass sie bald mit John nach England fliegen würde. John war der neue Freund ihrer Mutter, und Kylie hielt nicht wirklich viel von ihm. Ihr Großvater hatte ihr zwar erlaubt, ihre Mom zurückzurufen, wenn sie anrief, so dass sie bis jetzt zweimal telefoniert hatten. Aber eben nur zweimal.
Kylie spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen. Sie musste stark sein. Sich zusammenreißen und erwachsen sein.
»Schmeckt dir die Pizza?«, fragte ihre Großtante Francyne.
»Ja, die Pizza ist lecker.« Kylie beobachtete ihre beiden Verwandten, wie sie die Pizza mit Messer und Gabel bearbeiteten, als hätten sie ein Schnitzel vor sich. Sie wusste, dass sie das Essen nur für sie gemacht hatten. Nachdem Kylie die letzten Tage kaum etwas angerührt hatte, hatten sie sich nach ihrem Lieblingsessen erkundigt. Jetzt fühlte sich Kylie verpflichtet, etwas zu essen, wollte aber auch nicht ungesittet wirken, also zwang sie sich, ebenfalls ein Stück Pizza abzuschneiden und steckte es lustlos in den Mund.
Sie war gerade kein Vampir, also sollte sie eigentlich wieder Appetit haben. Aber nein!
Nichts schmeckte richtig.
Nichts fühlte sich richtig an.
Es fühlte sich nicht richtig an, Pizza mit Messer und Gabel von einem edlen Porzellanteller zu essen, der so alt und wertvoll aussah, als gehörte er ins Museum. Es fühlte sich nicht richtig an, an diesem feinen Esstisch mit der feinen Tischdecke zu sitzen. Und es fühlte sich erst recht nicht richtig an, dass der nervige Geist jetzt mit erhobenem Schwert auf ihren Großvater zuging.
Kylie starrte den Geist entsetzt an.
Ein Blutstropfen landete auf dem Kopf ihres Großvaters, der natürlich nichts davon mitbekam. Aber Kylie schon. Der Geist zog diese Show nur ab, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und es funktionierte auch noch.
Kylie funkelte den Geist wütend an.
säuselte der Geist mit Unschuldsmiene.
musste sich Kylie zähneknirschend eingestehen. Das kam vom Liebeskummer, denn der konnte einem die Freude am Leben ordentlich vermiesen. Oder es lag daran, dass sie die anderen alle so vermisste.
Dabei hatte ihr die Zeit bei den Chamäleons schon einiges gebracht. Sie hatte bereits in den letzten zwei Wochen viel über sich und über das Chamäleon-Sein herausfinden können. Sie hatte erfahren, dass es Chamäleons erst seit etwa hundert Jahren gab. Auch wenn sie sich selbst als übernatürliche Art betrachteten, waren sie eigentlich eine Mischung aus allen Übernatürlichen – Individuen, die die DNS und die Kräfte aller Arten in sich trugen.
Das Problem war nur, dass es verdammt schwierig war, diese Kräfte zu kontrollieren. Die meisten Chamäleons brauchten, bis sie Mitte zwanzig waren, um sie richtig zu beherrschen. Allerdings gab es auch nicht gerade viele andere junge Chamäleons, mit denen sie sich hätte vergleichen können. Chamäleons waren äußerst selten. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass es auf der ganzen Welt nur etwa hundert Gemeinschaften wie diese hier in Texas gab, und insgesamt gab es weniger als zehntausend Chamäleons. Und nur eins von zehn Chamäleon-Ehepaaren konnte Kinder bekommen, weshalb es auch nicht mehr wurden.
Kylie fragte sich, ob sie wohl Kinder bekommen konnte. Aber verdammt, sie war doch erst sechzehn und viel zu jung, um über so was nachzudenken.
»Wie war dein Unterricht heute?«, wollte ihr Großvater wissen.
Kylie konzentrierte sich auf Malcom Summers, der ihr gegenübersaß. Er war schon über siebzig, aber seine Haare waren trotzdem noch strohblond, mit nur wenigen weißen Strähnen. Seine Augen waren hellblau und ähnelten ihren eigenen und denen ihres Vaters.
Jetzt spritzte etwas Blut auf seine Wange. Kylie warf dem grinsenden Geist einen warnenden Blick zu, der das Schwert über Malcolms Kopf in der Luft schwang.
Kylie kniff warnend die Augen zusammen.
»Also, war es nicht gut heute?«, fragte ihr Großvater weiter, der anscheinend ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte.
»Nein, nein, es war gut. Ich … hab es geschafft, mein Muster von...




