2. KAPITEL
Häherfeder tastete mit einer Pfote in der hintersten Ecke seines Kräuterlagers herum. Unter einem Stein verstaut fand er nur noch einen Rest Ringelblumen. Die Pflanzen waren alt und rochen muffig, sodass er daran zweifelte, ob sie eine Infektion von Ampferschweifs Wunde verhindern würden. Er kratzte sie trotzdem heraus und mischte sie mit etwas getrockneter Eiche.
»Das könnte jetzt brennen«, warnte er Ampferschweif.
Die schildpattfarbene Kätzin hatte geduldig neben Wurzellichts Nest gesessen. »Das macht nichts.« Der Klang ihrer Stimme verriet Häherfeder, dass sie die schlummernde junge Kriegerin beobachtete. »Ihr Atem rasselt ein bisschen.«
Wurzellicht war bereits vor Sonnenuntergang eingeschlafen, obwohl ständig mehr verletzte Krieger und Schüler in den Bau hinein- und wieder hinausströmten. Ampferschweif, die darauf bestanden hatte, zu warten, bis alle anderen versorgt worden waren, obwohl der Schnitt an ihrer Schulter tief war und immer noch blutete, war nun die Letzte.
Häherfeder legte die Paste auf und tastete nach Spinnweben, um die Wunde damit zu bedecken. »Sie hat eine Bronchitis«, erklärte er, während er klebrige weiße Streifen über die Wunde legte. »Ich bin unschlüssig, ob ich ihr zu mehr Bewegung raten soll, damit sich das Sekret löst, oder ob es besser ist, wenn sie sich ausruht, um die Krankheit von selbst ausheilen zu lassen.«
Ampferschweif berührte seine Schulter mit der Schnauze. »Hast du Blattsee gefragt?«
Häherfeder deutete mit einem verärgerten Schwanzschnippen auf das blutgetränkte Moos und die Kräuterreste, mit denen der Boden übersät war. »Sieht es so aus, als hätte ich dafür Zeit gehabt?«
»War nur eine Frage«, antwortete Ampferschweif besänftigend.
»Außerdem«, brummelte Häherfeder, »ist Blattsee mit den Verletzten beschäftigt.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Ampferschweif stand auf. »Danke für die Kräuter.«
Häherfeder bedauerte, dass er so schroff gewesen war, und berührte mit der Schwanzspitze ihre Flanke. »Willst du Mohnsamen, damit du besser schlafen kannst?«
»Nein, danke.« Ampferschweif tappte davon. »Farnpelz’ Schnarchen lullt mich besser ein als jede Medizin.«
Häherfeder hatte den goldbraunen Krieger bereits behandelt, die geprellte Schulter wieder eingerenkt und ihn mit der strikten Anweisung, sich bis Sonnenaufgang nicht zu bewegen, in sein Nest geschickt. Dem Rest des Clans waren ernsthafte Verletzungen erspart geblieben. Nur Feuerstern hatte erhöhte Wachsamkeit verlangt. Die tiefe Wunde an seinem Hals war mit Spinnweben bedeckt und fest verbunden worden. Er würde sich erholen, aber eines seiner Leben war versickert und ließ sich nicht ersetzen. Häherfeder sah den künftigen SternenClan-Krieger mit dem flammenfarbenen Pelz vor seinem geistigen Auge, der sich nun ein bisschen weniger durchsichtig und um eine Schattierung leuchtender von den grünen Jagdgründen der Ahnenkrieger abhob.
Als Ampferschweif aus dem Bau humpelte, regte sich Wurzellicht. »Wie sieht’s denn hier aus?«, krächzte sie über den Rand ihres Nests.
»Hast du gut geschlafen?« Häherfeder untersuchte sie und stellte erleichtert fest, dass sich ihre Ohren kühler anfühlten.
»Bin noch nicht ganz wach. Wie geht es Feuerstern?« Wurzellicht blinzelte.
»Schläft in seinem Bau«, antwortete Häherfeder. »Sandsturm passt auf ihn auf. In ein paar Tagen hat er sich wieder erholt.«
»Rostfell hätte ihn nicht angreifen sollen.« Wurzellicht hatte gehört, was sich die anderen Krieger erzählten. »Dann wäre Feuerstern nichts passiert und Löwenglut hätte Rostfell nicht getötet.«
Häherfeder straffte sich. »Rostfell war einfach zu alt zum Kämpfen!«
Der Brombeervorhang öffnete sich und Häherfeder erkannte Löwengluts vertrauten Geruch. Der Krieger kam mit schweren Schritten in den Bau getappt. »Ich hätte daran denken müssen, bevor ich sie angegriffen habe.«
»Was hättest du sonst tun sollen? Sie wollte Feuerstern töten.« Häherfeder schüttelte sein Fell und lief seinem Bruder durch den Bau entgegen. »Geht es Taubenpfote besser?«
»Alles in Ordnung«, versicherte ihm Löwenglut. »Sie ist immer noch still, aber sonst geht es ihr gut.«
Taubenpfote war zitternd und sprachlos vor Schreck aus dem Kampf zurückgekehrt. Häherfeder hatte ihr Thymian angeboten, aber sie hatte abgelehnt und erklärt, sie sei bloß müde. Im Gegensatz zu ihren Clan-Gefährten, die sich eifrig über jeden Kampfzug austauschten, hatte sich Taubenpfote schweigend von Häherfeder untersuchen lassen. Vor Sorge um Taubenpfote krampfte sich sein Bauch zusammen. Sie kam ihm manchmal so jung vor. Wenigstens schien mit Efeupfote alles in Ordnung zu sein. Bei näherer Betrachtung wirkte sie sogar ziemlich zufrieden mit sich selbst. Sie hatte nach ihrem ersten Zusammenstoß mit den wildesten SchattenClan-Kriegern nicht mehr als ein paar Kratzer am Schwanz vorzuzeigen.
Aber ihren Traum hatte sie nicht mehr erwähnt. Bei Feuerstern war sie mit einem Traum herausgeplatzt, dass der SchattenClan im DonnerClan-Territorium einfallen und Blut in die Waldbäche fließen lassen würde. Häherfeder hatte sich in ihre Träume eingeschlichen und festgestellt, dass dieser Traum aus ihrem Gedächtnis verschwunden war. Wie konnte sie einen so lebhaften Albtraum vergessen, der einen Kampf zwischen dem DonnerClan und dem SchattenClan verursacht hatte?
Häherfeder richtete seine blinden Augen auf Löwenglut. »War er das wert?«
»Was? Der Kampf?« Löwenglut erstarrte. »Unbedingt!«
»Dabei ist ein wertloser Grasstreifen mit zwei Leben bezahlt worden!«
»Wir haben dem SchattenClan eine Lektion erteilt, die er nicht vergessen wird.«
»Und um welchen Preis?« Häherfeder seufzte.
»Wir dürfen jetzt nicht nachgeben.« Löwenglut senkte die Stimme, als er merkte, dass Wurzellicht aufmerksam geworden war. »Wer weiß, wo sie als Nächstes zuschlagen werden.«
Häherfeder ließ die Schultern sinken, weil Wurzellicht wieder zu husten begann.
Löwenglut schob ihn mit der Nase auf seine Patientin zu. »Wir können es uns nicht erlauben, irgendwelche Zeichen unbeachtet zu lassen«, flüsterte er. »Geh und sieh nach Wurzellicht. Wir reden später.«
Sein Bruder eilte aus dem Bau, und Häherfeder machte sich daran, Wurzellicht mit der Pfote die Flanke zu massieren. Sie hörte auf zu husten, legte das Kinn auf den Nestrand, und bald sagte ihm ihr ruhiger Atem, dass sie eingeschlafen war.
»Geht es ihr besser?«, miaute Blattsee leise vom Eingang des Baus. Sie tappte zu Wurzellichts Nest.
»Nicht mehr ganz so heiß.« Häherfeder hörte, wie sie sich Spinnweben von den Pfoten streifte, und ihr Geruch sagte ihm, dass sie Wolkenstreifs Wunden neu verbunden hatte. »Was macht Farnpelz’ Schulter?« Er fürchtete, dass er ihm beim Einrenken mehr geschadet als geholfen haben könnte. »Bist du schon dazu gekommen, sie dir anzusehen?«
»J…ja.« Sie zögerte. »Was hältst du davon?«
Häherfeder wurde das Herz schwer. In der Vergangenheit wäre ihre Frage eine Art Prüfung gewesen, doch jetzt hörte sich Blattsee so an, als wäre sie sich tatsächlich nicht sicher. Warum stotterte sie wie eine nervöse Schülerin? Anscheinend hatte sie Angst, auch nur eine Pfote falsch zu setzen. Seine Gedanken wanderten in jene Zeit zurück, als sie ihn in genau diesem Bau herumkommandiert hatte. Er hatte sich gewehrt und sie hatte zurückgeblafft. Wenn er gegen ihr übervorsichtiges Getue rebellierte, hatte die Luft geknistert und gesirrt.
Die Erinnerung tat weh. In jenen Tagen hatte er Blattsee wirklich gekannt, hatte jeden ihrer Einwände vorhersagen können. Seit er wusste, dass sie seine Mutter war, kam es ihm vor, als würde er sie gar nicht kennen. Er ignorierte Blattsees Frage und schickte sie weg. »Würdest du bitte nach Feuerstern sehen?« Er hob eine Pfote und begann, sie zu putzen.
Blattsee neigte den Kopf, bis ihre Schnurrhaare seine Zehen berührten. »Selbstverständlich.«
Benimm dich nicht wie eine Maus! Häherfeder zog verärgert einen Thymianzweig zwischen seinen Krallen heraus. Die Brombeerranken raschelten und Blattsee schlich auf leisen Pfoten über die Lichtung davon.
Häherfeder hielt im Putzen inne und lauschte auf seine Clan-Gefährten, die sich für die Nacht bereit machten. In der Kinderstube säuberte Mohnfrost Maulwurfjunges und Kirschjunges. Charlys krächzende Stimme dröhnte aus dem Bau der Ältesten. Farnpelz schnarchte, genau wie Ampferschweif es beschrieben hatte. Blumenfall besserte im Kriegerbau unter der umgestürzten Buche ihr Nest aus, das sie vielleicht wieder so herrichten wollte, wie es gewesen war, bevor der Baum in den Felsenkessel gekracht war.
Schaudernd erinnerte sich Häherfeder an jenen Tag. Nach heftigen Regenfällen hatten sich die Wurzeln gelockert, bis der gewaltige Baum von der Klippe gerutscht und ins Lager gepoltert war, den Bau der Ältesten unter sich begrub und den Dornenstrauch zerstörte, in dem die Krieger geschlafen hatten. Langschweif war dabei umgekommen und Wurzellicht verkrüppelt worden. Ihre Wirbelsäule war gebrochen und fortan konnte sie ihre Hinterläufe nicht mehr spüren. Allein Taubenpfotes gutem Gehör hatten sie zu verdanken, dass nicht noch mehr Katzen zu Schaden gekommen waren.
Einen halben Mond lang hatte der Clan daran gearbeitet, das Lager wieder aufzubauen und so viele Zweige, Blätter und Äste wie möglich wegzuschaffen. Die Katzen hatten den Ältestenbau repariert, indem sie alte Geißblattranken um ein...