Huppertz | Weltkirchlich Kirche sein | Buch | 978-3-931992-52-1 | www.sack.de

Buch, Deutsch, Spanisch, 400 Seiten, Format (B × H): 210 mm x 210 mm, Gewicht: 1100 g

Huppertz

Weltkirchlich Kirche sein

Gelingende Partnerschaft
Erste Auflage
ISBN: 978-3-931992-52-1
Verlag: Sozietät zur Förderung der wissenschaftlichen Sozialpädagogik

Gelingende Partnerschaft

Buch, Deutsch, Spanisch, 400 Seiten, Format (B × H): 210 mm x 210 mm, Gewicht: 1100 g

ISBN: 978-3-931992-52-1
Verlag: Sozietät zur Förderung der wissenschaftlichen Sozialpädagogik


Weltkirche versteht sich in vielerlei Ausprägungen. Es sind u.a. die Ortskirchen auf der ganzen Welt, die sich im Glauben verbunden fühlen und durch die Taufe eine universale Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft bilden. Dabei geht es um ein globales Verständnis im Sinne einer großen geschwisterlichen Gemeinschaft. Sichtbares Zeichen dafür sind internationale Partnerschaften einzelner Pfarrkirchen: Diese sind damit „weltkirchliche Kirchen“. Wie das gelingen kann, wird hier am Erfolgsmodell zweier Pfarrgemeinden in Deutschland und Peru aufgezeigt.
Dies geschieht auf der Basis der Partnerschaft des Erzbistums Freiburg mit der katholischen Kirche in Peru sowie vor dem Hintergrund lateinamerikanischer Theologie und pastoral¬theologischer Überlegungen und Erfahrungen. Der Modellfall versteht sich dabei als „befreiende Praxis“ im Geiste des Evangeliums.

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Zielgruppe


Christinnen und Christen, denen das Thema Weltkirche wichtig ist,
im Dienst der Kirche Arbeitende,
alle, die sich als Teil dieser großen Weltgemeinschaft sehen.
theologische Fakultäten,
Dozierende und Studierende der Theologie,
theologische Bibliotheken,
kirchliche Referate der Bistümer, besonders weltkirchliche,
Partnerschaftsgruppen in allen Bistümern: aktive, neu zu aktivierende, neu zu gründende,
Orden und Klöster, besonders die mit Missionszielen
Menschen, die sich für das Land Peru und die gesamtgesellschaftlichen Aspekte interessieren.
Menschen, die sich für die Wurzeln von Partnerschaft mit Ländern interessieren, u.a. die Theologie der Befreiung.
Alle, die sich für partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturkreisen interessieren. Menschen, die konkrete Partnerschaftsarbeit leisten.

Weitere Infos & Material


Inhalt
Vorwort (11)
TEIL I
Grundlegung – Was es zu bedenken gilt
Josef Sayer
Weltkirchlich Kirche sein
Zur Partnerschaft der Erzdiözese Freiburg mit der Kirche Perus (29)
I. Herkunft als Basis für die Zukunft (31)
1. Die Protagonisten der Partnerschaft (31)
2. Die lateinamerikanische Kirche mit der Befreiungs¬theologie und Option für die Armen (32)
3. Wolfgang Zwingmann: Hinwendung zur latein¬ameri¬kanischen Kirche und die Rastatter Treffen (34)
4. Die Bedeutung der wechselseitigen Besuche (35)
5. Was bedeutet Partnerschaft und wie kann man sie umsetzen? (36)
II. Weltkirchlich Kirche sein
Schritte aus der Herkunft in die Zukunft (37)
III. Schlussfolgerungen und Perspektiven (42)
Michael Ramminger
Zur Entstehung der Theologie der Befreiung (59)
I. Geschichte (61)
1. Die Vorgeschichte (61)
2. Das Zweite Vatikanische Konzil und Medellín 1968 (62)
3. Die Zeit der Utopie (62)
4. Die Katholische Linke im Untergrund (63)
II. Theologie der Befreiung als Theologie (65)
1. Befreiung und Erlösung (65)
2. Theologie und Sozialwissenschaften (66)
3. Option für die Armen und Gerechtigkeit (68)
4. Prophetisches Erbe und Götzenkritik (70)
5. Basisgemeinden, Kirche und Ekklesiologie (72)
III. Zur Aktualität der Theologie der Befreiung (73)
Franz Himmelsbach
Partnerschaft aus pastoraltheologischer Sicht –
Unser Beispiel mit der Pfarrei Inmaculada Concepción in Mollendo (Peru) (93)
1. Was ist Partnerschaft? (95)
2. Unsere Partnerschaft mit der Pfarrgemeinde Inmaculada Concepción in Mollendo (95)
3. Eine Theologie der Partnerschaft - Überlegungen? (96)
4. Die biblische Botschaft einer Partnerschaft (98)
5. Die „Option für die Armen“ als unser Auftrag (100)
6. Pastoraltheologische Aspekte der Partnerschaft mit der Kirche Perus (101)
7. Welche Aufgaben haben Kinder und Jugendliche in einer Partnerschaft? (102)
8. Freiwilligendienst im Rahmen der Peru-Partnerschaft (103)
9. Ausblick auf die Zukunft der Partnerschaft der beiden Pfarreien in Mollendo und Oberried (104)
TEIL II
Partnerschaft konkret: Oberried
Monika Huppertz
Chronologie: „Es lohnt sich“ – Blick zurück auf 30 Jahre Partnerschaft (120)
Eine-Welt-Kreis
Partnerschaft mit Zukunft: Erfahrungen – Durchhalten – Zuversicht (141)
Monika Huppertz
Stimmen aus der Pfarrgemeinde Mariä Krönung Oberried und der Seelsorgeeinheit Dreisamtal (158)
Lisa Dold und Adrian Dreyer
Sternsinger - Für Kinder in Mollendo (172)
Monika Jautz
Meine Reise im Jahr 2015 (175)

Werner Mühlherr
“Juntos como hermanos” – Gemeinsam wie Geschwister (188)
Eva Lauby
Schüler blicken in die Eine Welt (193)
Urkunden zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft
Urkunde der Erzdiözese Freiburg (207)
Urkunde der Erzdiözese Arequipa (209)
Partnerschaft konkret: Mollendo
César Augusto Loarte Cueva
El Albergue: “El corazón de Mollendo” (211) • Die Albergue: “Das Herz von Mollendo” (213)
“Juntos como hermanos” (215) • Partnerschaftsgruppe: “Juntos como Hermanos” (216)
Persona jurídica:
Asociación “Albergue Infantil Krönung von María Inmaculada“ (asociación sin ánimo de lucro) (217)
Rechtsträger der Albergue (gemeinnützig) (219)
Voces del Albergue • Stimmen aus der Albergue

“Compartir la vida“ – “Amigos-Comer-Aprender-Divertirse” - “Segundo hogar“ (220)
“Das Leben teilen” – “Freunde-Essen-Lernen-Spaß haben” – “Zweites Zuhause” (229)
Monika Huppertz
Perspektive geben: Der Ausbildungsfonds • Dar perspectiva: El fondo de formación (238)
Voluntarias (Freiwillige) berichten über ihre Zeit in der Albergue
Lena Erdel: Meine Zeit in Mollendo • Mi tiempo en Mollendo (257)
Sophie-Louisa Seiler:Die Albergue und Mollendo sind ein Teil meines Lebens geworden –
El Albergue y Mollendo forman parte de mi vida (263)
Viviana Prinz: Der Zauber meiner Arbeit liegt in den strahlenden Kinderaugen –
La magia de trabajar reside en el brillo de sus ojos (268)
Felicidades y saludos – Glückwünsche und Grüße
Mons. Javier Río de Alba, Arzobispo de Arequipa, (270) Dr. Peter Birkhofer, Obispo Auxiliar del Friburgo, (274) Reinaldo Nann, Obispo, Prelado de la prelatura de Caraveli, Vicepresidente del Consejo Nacional de la Partnerschaft, (278) Jürgen Huber, Sekretär des Consejo Nacional de la Partnerschaft in Lima (281), Dirk Bingener, Präsident des Kindermissionswerks (285), Johannes Frische, Leiter der Seelsorgeeinheit Dreisamtal (289), Padre Iván Luna Carpio, Párroco de la parroquia Inmaculada Concepción, Mollendo (293), Padre José Miguel Gonzales (294), Padre Alberto Condori Chambilla (295), Klaus Vosberg, Bürgermeister von Oberried (300), Richard Ale Cruz, Alcalde de Mollendo y de la Provincia de Islay (303)
TEIL III
Peru und Deutschland im Vergleich – Gesamtgesellschaftliche Aspekte
Viktor Lüpertz
Was unterscheidet uns von Peru?
Was verbindet uns mit Peru?
Was können wir tun? (306)
1. Geographie und Bevölkerung (309)
2. Spanische Kolonialherrschaft (312)
3. Wirtschaftliche und politische Entwicklung (314)
4. Peru – ein Entwicklungsland? (317)
5. Auswahl aktueller Konfliktfelder: Was geht uns das an? (327)
5.1 Verstöße gegen Sozial- und Umweltstandards durch deutsche Unternehmen: Überblick (327)
5.2 Verstöße gegen Sozial- und Umweltstandards im Bergbausektor (328)
5.3 Verstöße gegen Sozial- und Umweltstandards im Regenwald – Klimatische Bedeutung des Regenwaldes(329)
5.4 Ökologische und soziale Folgen gestiegener Nahrungsmittelexporte (331)
5.5 Weltweite Treibhausgasemissionen und globaler Klimawandel – Gletscherschmelze und Extrem¬wetter in Peru (336)
5.6 Lieferkettengesetze – ein verheißungsvoller Lösungsansatz? (340)
6. Was können wir tun? Zehn Handlungs¬empfehlungen (342)
Autoren (394) Herausgeberschaft (395) Zum Verlag (397) Impulse (398) Bewahrung der Schöpfung (400)


Vorwort
(I) Weltkirche sei Lern-, Gebets- und Solidargemeinschaft – so wird es gerne in Verlautba¬rungen formuliert. „Weltkirchlich Kirche sein“ verstehen wir hier als Ruf. Diesen Titel verdanken wir Josef Sayer mit seinem Beitrag (S. 29 ff.), in dem die Partnerschaft des Erzbistums Freiburg mit der Kirche Perus in ihrer historischen Genese und mit ihrer anerkennenswerten Leistung, vor allem mit Blick auf die bedeutenden Personen sowie die wirksamen institutionellen Verankerungen aufgewiesen wird. Allen mit der deutsch-peruanischen Partnerschaft Befassten möge dieser Beitrag als lehrreiche Lektüre dienen. (Gerne sei auch verwiesen auf die Schrift für Josef Sayer: T. Schreijäck u.a. (Hg.), Horizont Weltkirche. Erfahrungen, Themen, Optionen und Perspektiven, Ostfildern 2012)
Dass die christliche Kirche, in Sonderheit die katholische Kirche, ein besonderes Engagement für Menschen in Armut aufbringt, ist nichts anderes als das, was in ihrem Wesen liegt. Wie könnte sie anders, will sie Kirche Jesu sein? Allerdings darf wohl gesagt werden, dass sie es kaum zu einer anderen Zeit so ernsthaft tat, wie im Anschluss an das Vaticanunm II.
Es war Johannes XXIII. und das historisch herausragende Zweite Vatikanische Konzil, die ein wirklich katholisches Verständnis für die Armen, eine wahre vorrangige Option für die Armen, ermöglichten. Wie hätte es sonst eine so große Bewegung wie die Befreiungstheologie geben können, wäre es nicht zu dem berühmten Katakombenpakt (16.11.1965 in Rom) am Ende des Konzils mit Unterschriften von über 100 Bischöfen gekommen? Der Katakombenpakt wurde 2019 in Rom erneuert, ergänzt und vertieft.
Was Befreiungstheologie ist sowie ihre historische Genese, zeigt unser Beitrag von Michael Ramminger, Gründungsmitglied des Instituts für Theologie und Politik in Münster. Dieses Institut setzt sich wissenschaftlich und praktisch mit Beratung und Vorträgen für die Befreiungstheologie ein. Michael Ramminger spricht nach seiner fundierten Klärung und dem geschichtlichen Werdegang der Theologie der Befreiung vom „unterbrochenen Frühling“. Die Gründe dieser Unterbrechung werden erläutert. Es lohnt sich, auf die Früchte der Befreiungstheologie zu schauen - ohne den Streit, den es um sie gab, zu übersehen (siehe dazu Norbert Greinacher (Hg.), Leidenschaft für die Armen. Die Theologie der Befreiung, München Zürich 1990). Trotz aller amtskirchlichen Unzulänglichkeiten in diesem Zusammenhang, die deutlich zu benennen sind, hat M. Ramminger Recht mit dem Satz: „Gleichwohl bleiben die Spuren der Befreiungs¬theologie und der befreienden Kirche in Lateinamerika unauslöschlich.“ Dürfen wir doch heute auch durchaus von einer stillen befreiungs¬theologischen Praxis sprechen. Die Bischöfe des Katakombenpaktes betonten zwei Anliegen, nämlich die vorrangige Option für die Armen sowie den bescheidenen eigenen Lebensstil. Ist nicht gerade Papst Franziskus dafür das beste Beispiel – u.a. verbrieft in den Enzykliken „Laudato si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015) sowie ebenfalls „Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ (2020). War es doch auch derselbe, der als Kardinal Jorge Mario Bergoglio SJ bei der Fünften Versammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates 2007 in Aparecida (Brasilien) als Leiter jener Gruppe, die das Abschlussdokument formulierte, dafür eintrat, dass „Sehen-Urteilen-Handeln“ wieder in den Text aufgenommen werde sowie ebenfalls die „Option für die Armen“.
Die unzähligen praktischen Liebestätigkeiten auf der ganzen Welt, z.B. auch unter dem Dach von Weltkirche (s. dazu KNA/Weltkirche.de) fügen sich „befreiend“ hinzu – mögen auch die Schritte gegen die Unterdrückung dabei nicht immer lang genug sein. Befreiungstheologie lebt auch weiter in modernen theologischen Strömungen, z.B. von Feministischer Theologie oder Ökotheologie der Befreiung (s. dazu B. Kern, Theologie der Befreiung, Tübingen 2013).
Alles das, um es noch einmal zu sagen, wiegt mehr als sich bezüglich der Befreiungstheologie mit marxistischen Verdächtigungen auseinander¬zusetzen. Es war der Katholik Heinrich Böll, der darauf hinwies, dass nicht die Befreiungs¬theologen mit ihrem Kampf gegen die Armut Marx folgten, sondern dass dieser nichts anderes tat, als Jahrhunderte früher bereits Kirchenvertreter selbst. „Von Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und Völkermord sprachen nicht die Marxisten zuerst, es sprach davon, 300 Jahre bevor Marx geboren wurde, ein gewisser Bartolomé de Las Casas, Bischof, Dominikaner, in seinen umfangreichen Berichten an Kaiser Karl V.“ (zit. nach Th. Knauth, J. Schroeder, Hg., Über Befreiung. Befreiungspädagogik, Befreiungsphilosophie und Befreiungstheologie im Dialog, Münster usw. 1998, S. 229).
Dass in unserem Rahmen von „Weltkirchlich Kirche sein“ auch Momente der Sühne, Wiedergutmachung auch eine Rolle spielen sollen, darf auch heute bei aller Freude über Erfolge in der weltkirchlichen Partnerschaftsarbeit nicht vergessen sein. Alle freudige globale Begegnung erfolgt vor dem historischen Hintergrund des großen koloni¬alistischen mea maxima culpa. Das aber sollte das praktische Engagement von Partnern, z.B. in der kirchlichen Peruarbeit, nicht schmälern – evtl. sogar im Gegenteil: ein wenig Wieder¬gutmachung durch die Nachfahren.
Außer der historischen Genese des Engagements in der Partnerschaft mit Peru durch das Erzbistum Freiburg sowie dem befreiungstheologischen Beitrag geht es auch darum, wie die Partnerschaftsarbeit pastoraltheologisch - christlich fundiert und reflektiert - praktisch gehen kann. Das zeigt vor dem Hintergrund eigener Erfahrung der Beitrag von Franz Himmelsbach. Begründet durch viele Stellen der Heiligen Schrift wird eine Praxis der Partnerschaftsarbeit in der Gemeinde vorgestellt. Bei der Option für die Armen heißt es: „Die Option für die Armen beruht auf dem Verständnis, dass Gott eine besondere Fürsorge für die Armen hat und sie in besonderer Weise im Blick hat. Die Bibel enthält zahlreiche Verweise auf Gottes besondere Aufmerksamkeit für die Armen, die Unterdrückten und die Ausgestoßenen“. (S.100) Hier sei auch hingewiesen auf die Unterscheidung bezüglich des „Umgangs mit den Armen“ und unserer eigenen Haltung. Dabei ist zu unterscheiden zwischen 1. „Para“ – für die Armen; 2. „Por“ – wegen der Armen; 3. „Con“ – mit den Armen; 4. „Desde“ – von den Armen (her). So lässt sich gut die eigene Haltung prüfen: wie ich selber über „die Armen“ denke, fühle, rede usw. Stehe ich selber noch bei dem alten Überlegenheitsempflinden, oder lasse ich die Anderen auch anders sein? (vgl. dazu T. Belke/W. Sauer, Partnerschaft und Geld, S. 38 ff)
(II) „Weltkirchlich Kirche sein“ kann in unterschiedlichen Formen seinen Ausdruck finden. Eine Möglichkeit ist die Partnerschaft zwischen Pfarrgemeinden. Zu dieser Partnerschaft gehört auf beiden Seiten jedes Mitglied der Pfarrgemeinde – mag es auch nicht allen dauernd bewusst sein, etwa in dem Verständnis „Das ist auch meine Partnerschaft“. (Dabei soll gerne verwiesen sein auf das Gespräch mit dem deutschen Weltkirche-Bischof Bertram Meier in: Credo Talk, Die Kirche in Deutschland und die Weltkirche, Youtube im Domradio Augsburg.) Um gemeindliche Partnerschaft zu beleben oder überhaupt am Leben zu erhalten, bedarf es mehrerer Faktoren – vor allem engagierter Menschen. In Oberried war es von Anfang an der Eine-Welt-Kreis: Er war es, der den Impuls zur Partnerschaft gab, sie belebte sowie in Höhen und Tiefen steuerte – und dies mit großem Erfolg nun über 30 Jahre.
Woran lässt sich der Erfolg dieser Gruppe festmachen, belegen und wie und wodurch war das möglich?
30 Jahre Partnerschaft der katholischen Pfarr¬gemeinde in Oberried mit der Pfarrgemeinde in Mollendo – d.h. u.a. Menschlichkeit und Leben: gelingendes Leben. Mehr Qualität des Lebens, und das nicht nur kurzfristig, sondern wirksam, bezogen auf Akteure und Betroffene auf beiden Seiten – dabei besonders mit Blick auf die betroffenen Kinder, ebenfalls auf beiden Seiten. Wenn im Rahmen der Partnerschaft mehrere Hundert benachteiligte Kinder die Albergue „durchlaufen“ haben, wenn sich in Deutschland viele Kinder und sogar Schulklassen und ganze Schulen, z.B. die Sommerbergschule in Buchen¬bach sowie die Michael-Schule in Oberried, mit Fragen der Einen Welt, auf der Basis christlicher Spiritualität, befasst und konkret engagiert haben (Sternsinger, Ministranten usw.), wenn viele Erwachsene sich gedanklich und praktisch mit Eine-Welt-Fragen befasst und dafür engagiert haben – und vieles andere mehr -, dann kann und muss man von einem Erfolgsmodell sprechen. Mit am überzeugendsten belegen dies auch die Grußworte, Glückwünsche und Berichte nicht zuletzt der Kinder und Jugendlichen aus der Albergue selbst. (S. 238 ff)
Was sind des Genaueren die Gründe und Voraussetzungen für diesen Erfolg? Kann man diese generalisieren und evtl. eine Art Methodik der Partnerschaft daraus ableiten?
Im Folgenden sollen einige hypothetisch ange¬nom¬mene und aus dem Fall Oberried abgeleitete Faktoren überlegt werden.
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass die Akteu¬re des Eine-Welt-Kreises Oberried keine methodische Anleitung besaßen für ihre Arbeit. An dieser Stelle darf allerdings nicht versäumt werden auf die wertvollen Materialien aus dem Erzbistum Freiburg hinzuweisen, u.a. W. Zwingmann, Der Schrei nach Gerechtigkeit dauert an. 500 Jahre Lateinamerika – Anlass zur Umkehr; ders., Brief an unsere Partnergemeinden in Peru, Hg. Referat Weltkirche; Thomas Belke und Wolfgang Sauer (Hgs.), Partnerschaft und Geld. Fragen – Anstöße – Hilfen; Die deutschen Bischöfe, Allen Völkern sein Heil. Die Mission der Weltkirche, 2004. Alles zusammen genommen, was inzwischen an theoretischen, besonders theologischen und sozialwissenschaftlichen Überlegungen, teils aus¬for¬mu¬liert und niedergeschrieben, vorhanden ist, kann man durchaus von einer Art Theorie oder „Philosophie“ der Partnerschafts¬arbeit oder einer Praxistheorie sprechen; denn immer, wenn praktisch gearbeitet wird, gibt es Überlegungen des Warum, Wie, Wozu etc., die mit im Spiel sind. Ist es doch nicht nur das Verständnis der vier (oder heute fünf) Säulen – Spiritualität, Kommunikation, Solidarität, Organisation, Bewahrung der Schöpfung – als Ziele und Leitlinien von Partnerschaft, sondern es müssen die zahllosen Publikationen, besonders in den Sozialwissenschaften, etwa zu Fragen der Armut sowie deren Gründen und Beseitigung, oder etwa die Methoden der Sozialarbeit (Casework, Groupwork, Communitywork, Social action) gesehen werden.

Das Erfolgsmodell des Eine-Welt-Kreises Oberried in der Partnerschaft mit der Pfarrei in Mollendo beinhaltet zunächst mehrere Prinzipien, die es möglichst zu beachten gilt, z.B. Transparenz, Kontrolle und Vertrauen. Wer kennt es nicht: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Nicht geht es um autoritative Kontrolle, sondern um Legitimationskontrolle, wie die Unterscheidung besagt. D.h. u.a.: Argumentativer Austausch auf Augenhöhe. Bei den Akteuren des Eine-Welt-Kreises gibt es zwar, wie überall in Gruppen, Gruppendynamik, aber keine förmliche Hierarchie; bestenfalls eine Art Sach- oder Fachautorität. Prinzipiell gilt das Teamarbeitsprinzip, das selbstverständlich ein wirksames Management sowie strukturiertes Arbeiten voraussetzt. Klare und verlässliche Kommunikation gehört dazu. Die Partnerschaftsarbeit im Eine-Welt-Kreis ist zwar von ihrem Wesen her etwas anderes als „normale Berufsarbeit“ – geschieht sie doch ehrenamtlich, freiwillig usw. – impliziert aber dennoch eine Reihe von Aspekten des alltäglichen Arbeitslebens. Auch die Arbeit im Eine-Welt-Kreis und in der Partnerschaftsarbeit will wirksam und nachhaltig sein; bei allen Erfolgen des Modells, über die es sich zu freuen gilt, müssen auch Rückschläge gemeistert werden. Dazu bedarf es bei den Akteuren einer großen Frustrations¬toleranz. Der Eine-Welt-Kreis Oberried verfügt über ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen. Darin zeigt sich etwas, das ich Werkstreue nenne und das im Erfolgsmodell verwirklicht wurde.
Wie in aller sozialen Tätigkeit, so sind es auch hier die Personen, von denen als zentralen Erfolgsfaktoren die Qualität und Dauer einer Partnerschaft abhängen. Partnerschaftsarbeit ist etwas Anderes als irgendein Hobby, dem jemand nachgeht und sich dabei seine evtl. körperlichen Vorteile verschafft. „Warum machen die das eigentlich?“ „Was haben die davon?“ „Warum opfern die ihre Freizeit für die Eine Welt, wie sie sagen.“ Solche und ähnliche Fragen dürften eher auf Hinterbühnen zur Sprache kommen, seltener wohl gegenüber den Personen in der aktiven Partnerschaftsarbeit selbst. Die Akteure des Eine-Welt-Kreises Oberried haben dem durch die Transparenz ihrer Arbeit und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit proaktiv entgegengewirkt, indem sie der Öffentlichkeit zeigten, „wozu“ man das machen sollte: nämlich um ärmeren Menschen zu helfen. Die weiteren Ziele und Säulen von Partnerschaft zu vermitteln ist anstrengender, deshalb jedoch nicht unwichtiger. Verlagerung der Warum-Frage in eine Wozu-Frage ist aber nicht ausreichend. Bei der Motivation in der Partner¬schafts¬arbeit geht es um ein anderes Verständnis als rein materielles Denken und Wohlstandswirtschaft es haben. Solchen Fragenden sei als Antwort etwas aus der Wertschöpfungsphilosophie mitgegeben; denn: „Werte“ und deren „Schöpfung“ müssen und dürfen nicht nur materiell verstanden werden („Geld allein macht nicht glücklich.“), nein – es gibt auch eine ideelle Wertschöpfung. D.h z.B., dass jemand am Ende auf (s)ein gelungenes Leben erheblich zufriedener und glücklicher zurückschaut, wenn er sich für andere (etwa Bedürftige) eingesetzt hat, als wenn er immer mehr (vor allem materielle) Güter für sich angehäuft hat. (Diese Erkenntnis ist empi¬risch belegt. Gerne verweise ich auf meinen Artikel zum gelingenden Leben:
www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/paedagogische... )
In der Partnerschaftsarbeit, soll sie gelingen, bedarf es von Seiten der Akteure auf beiden Seiten, wie bereits erwähnt, einer guten Team- und Kooperationsfähigkeit. Außer diesen Kompetenzen hatten die Akteure in Oberried das Glück, dass mehrere von ihnen der spanischen Sprache mächtig sind, ihr Spanisch verbesserten oder sich überhaupt aneigneten. Bei allen Bemühungen um Begegnung auf Augenhöhe und um eine Balance zwischen Geben und Nehmen bei den Partnern, bleibt der Vorteil der Fremdsprachenkompetenz bestehen. Nicht jeder und jede in einer Partnerschaftsgruppe muss über die Sprache der Partner verfügen. Wichtig ist in der Gruppe eine gute Arbeitsteiligkeit bei der Vielfalt der Aufgabenbewältigung. Zum Erfolgsmodell gehören viele mehr oder weniger beteiligte Menschen. Am wichtigsten und an erster Stelle sind es die Akteure des Eine-Welt-Kreises mit ihren „Zugpferden“ - sie aber werden getragen von zahlreichen Gemeindemitgliedern auf beiden Seiten – besonders durch deren konkrete Hilfen. Die Partnerschaftsarbeit gelang und „hielt“ u.a. mit der Anerkennung und Unterstützung kirchlicherseits (Pfarrei, Seelsorgeeinheit, Erzbistum mit Fachbereich Weltkirche, das Partnerschaftsbüro in Lima sowie der Consejo Nacional de la Partnerschaft.) Als Bereicherung und gleichsam das jugend¬¬liche Element in der Partnerschaftsarbeit kann die Mitarbeit der Voluntarier angesehen werden. Sie sollte weiterhin gepflegt und ausgebaut werden.
Der zentrale und allerwichtigste Erfolgsfaktor im Oberrieder Modellfall, natürlich immer verbunden mit den engagierten Personen, muss in der Praxis gesehen werden. Kleiden wir es konkret in eine Frage: „Gäbe es heute noch diese ausgezeichnete Partnerschaft, wenn sie nicht verbunden wäre mit dem Haus für Jugendliche und Kinder in Mollendo?“ Ob Partnerschaften immer „halten“ müssen, ist wohl nicht ohne Weiteres zu beantworten – andererseits werden sie doch auch nicht gegründet, um sich bald wieder aufzulösen und zu verschwinden. Doch was ist letztlich der „Kitt“, der sie hält? Partnerschaften, wie sie in der hier gedachten Form gemeint sind, dürften nicht nur dauerhafter sein, sondern überhaupt nur à la longue bestehen, wenn sie auch einem konkreten und möglichst leicht fassbaren menschlichen Anliegen, menschlichen Bedürfnissen (Essen, Trinken, gute Luft usw.) und einem damit verbundenen Bedarf entsprechen. Das tut - bei aller Bedeutung und Wertschätzung von Spiritualität, Religion und religiösen Aktivitäten etc. - das Handeln in Solidarität mit den Armen und in der Option für die Armen die Arbeit mit und in der Albergue. Warum funktioniert die Albergue nunmehr über mehrere Jahrzehnte? Weil sie geführt und getragen wird von hoch engagierten Menschen in Mollendo – und wegen der Förderung durch die Partnerschaft mit den Menschen in Oberried. „Spenden für Mollendo“ ist gleichsam eine Redensart im Dorf geworden, wenn es um „etwas Gutes tun“ geht. Durch die jährlichen Peruabende, verbunden mit aller Transparenz der Arbeit im Rahmen der Partner¬schaft, weiß man in Oberried Bescheid über „die Albergue“ und die Armenfürsorge durch die Sozialarbeiterin in den Vierteln mit prekären Lebensverhältnissen in Mollendo: „Spende für Mollendo“ versteht man. Dies alles nie ohne möglichst bei allem zu handeln nach dem Grundsatz jeder sozialen Arbeit als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Noch einmal: Bei allem Respekt und würdigender Anerkennung gegenüber allem, was heilig ist, darf auch mit Blick auf die Partnerschaftsarbeit an das Wort von Kardinal Joseph Cardijn erinnert werden, wenn dieser vor Jahren sagte: „Wenn man sich heute damit begnügt, die heilige Messe zu feiern und von der Kanzel zu predigen, wird man niemanden retten.“ (caj.de/die-caj/jos).
(III) In diesem Teil mit dem Beitrag von Viktor Lüpertz geht es um die Frage „Was können wir tun?“ Der Geist einer Partnerschaft mit allen Facetten hat seine Berechtigung. Spenden und Hilfen haben ihren Sinn. Sie gelten mit vollem Recht als Handeln aus christlicher Nächstenliebe. Aber auch der kritische Blick auf die größeren, z.B. wirtschaftlichen Zusammenhänge darf nicht verloren gehen. Nicht ohne Grund haben Befreiungstheologen und –pädagogen sowie Sozialwissenschaftler von Ausbeutung und immer wieder von Unterdrückung gesprochen.
Nach einer gründlichen Präsentation und Analyse der Lebensverhältnisse in Deutschland und Peru werden der Leserschaft und uns allen Anregungen gegeben für den eigenen Lebensstil sowie ggf. für ein konkretes politisches Engagement, und zwar so, wie es auch Auswirkungen haben kann auf die Lebensgrundlagen der Menschen im Partnerland. Viktor Lüpertz schafft die Basis für überraschende Erkenntnisse wie unser Alltag in globale Zusammenhänge verwickelt ist; ein unverzichtbarer Beitrag auch im Rahmen der praktischen Partnerschaftsarbeit.

Damit alle Beiträge, sowohl hier wie auch in Peru verstanden werden können, sind sie in Deutsch und in Spanisch verfasst.
Für die Übersetzungsarbeit danken wir Viktor Lüpertz, Elsa Paccheco Castillo, Tiberio Szeles und Osvaldo Urcullu Clement. Dem PAIS-Verlag sei gedankt für die Veröffentlichung. Dank auch an die Seelsorgeeinheit Dreisamtal für die Förderung.
Allen ist Dank geschuldet, die dieses Werk mit ihren kleineren und größeren Beiträgen bereichert haben.
Norbert Huppertz, Juni 2023


Huppertz, Monika
Monika Huppertz, Dipl.-Päd’in, geb. 1943, vier Kinder; Lehramtsstudium; Studium Erziehungswissenschaft Pädagogische Hochschule Freiburg; mehrere Jahre Schuldienst; Referentin in der Fortbildung für pädagogische Fachkräfte; Pädagogische Leitung der Weiterbildung Facherzieher*in für Natur- und Wald¬pädagogik, Naturschule Deutschland; seit 1996 Geschäftsführerin der Sozietät zur Förderung der wissenschaftlichen Sozialpädagogik-PAIS e.V. sowie erste Vorsitzende; Mitbegründerin der Partnerschaft mit der Pfarrei Inmaculada Concepción in Mollendo; Mitglied des Eine-Welt-Kreises Oberried.

Sayer, Josef
Josef Sayer, Prof. Dr.; geb. 1941, röm.-kath. Priester; Studium der Philosophie, Theologie und Sozialwissenschaft; Priesterweihe in Cuzco/Peru. Pfarrer in Andenpfarreien bei Quechua-Indigenen sowie in einer Slumpfarrei in Lima; 1988 Professor für Pastoraltheologie an der Universität Fribourg (Schweiz); 1997-2012 Hauptgeschäftsführer von Misereor in Aachen; mehrere Jahre Mitglied des Rates für nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundes¬regierung; seit 2012 Consultant für kirchliches Führungspersonal.

Huppertz, Norbert
Norbert Huppertz, Prof. Dr., geb. 1938; Studium der Erziehungs¬wissenschaft und Philosophie an der Universität Freiburg; Enkelschüler des Philosophen Edmund Husserl; über 50 Jahre Lehre und Forschung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, bes. Sozialpädagogik und Sozialarbeit; über 200 Publikationen sowie mehrere Lehrfilme.

Ramminger, Michael
Michael Ramminger, Dr. theol., geb. 1960; Schüler und Mitarbeiter von Johann Baptist Metz; Mitbegründer des Instituts für Theologie und Politik/Münster. Mitglied im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Caminhos der katholischen Universität Goiais/ Brasilien, auch Gastprofessur; viele Lateinamerikaaufenthalte. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Befreiungstheologie, Globalisierung und neoliberaler Kapitalismus, Soziale Bewegungen und befreiende Kirche.

Himmelsbach, Franz
Franz Himmelsbach, Dipl.-Theol.; Dipl.-Päd.: geb. 1958, verh.; Drei Kinder; Studium Katholische Theologie, Universität Salamanca und Universität Freiburg sowie Studium Caritaswissen¬schaft und christliche Sozialarbeit; Studium Erwachsenenbildung Päda¬go¬gische Hochschule Freiburg; Studien¬aufenthalt in Cusco/¬Peru; Ausbildung zum Pastoralreferenten im Bistum Limburg; Pastoralreferent in der Seelsorgeeinheit Freiburg-Ost; heute Pastoralreferent Seelsorgeeinheit Dreisamtal (Erzbistum Freiburg); Mitglied im Eine-Welt-Kreis Oberried.

Lüpertz, Viktor
Viktor Lüpertz, Dipl.-Volkswirt, Dr. rer. pol.; Prof. a.D.; geb. 1949; Studium der Wirtschafts-, Sozial- und Erziehungs¬wissenschaften in Münster, Freiburg und Bochum; 1974/1975: Universidad Católica, Lima/Peru, mehrere Lateinamerikaaufenthalte (u.a. i. A. von Misereor); Gründungsmitglied des Eine-Welt-Kreises Oberried und Mitbegründer der Partnerschaft mit der Pfarrei Inmaculada Concepción in Mollendo; verschiedene Tätigkeiten im Bildungswesen, Leiter des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Berufliche Schulen) in Freiburg, Lehrbeauftragter Universität Freiburg.



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