E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Hurst Die heilende Kraft der Pferde
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95447-278-9
Verlag: AMRA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Weg zu Vertrauen, Hingabe und bedingungsloser Liebe
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95447-278-9
Verlag: AMRA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ren Hurst ist ehemalige Pferdeausbilderin und Hufbearbeiterin. Nach mehreren grundlegenden Perspektivenwechseln verließ sie Texas und die professionelle Welt der Pferde, um weit im Norden von Kalifornien einen Gnadenhof und Zufluchtsort zu gründen, der auf allem aufbaut, was sie in ihrem Leben von den Pferden gelernt hat. Heute ist sie die Leiterin von Sanctuary13 und Mitbegründerin der New World Sanctuary-Stiftung in Südoregon.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINS
Ein Traum in Schwarzweiß
»Schon seine bloße Anwesenheit ließ die Zeit stillstehen. Als er aus der Dunkelheit trat, schlugen mir die Stärke und die Kraft seiner schieren Essenz in Wellen entgegen. Jedes einzelne Haar an meinem Körper stellte sich auf. Mein Herz pochte. Alle Stimmen verschwanden, und an ihre Stelle trat die Konzentration, die sich augenblicklich einstellt, wenn es ums Überleben geht. In seiner Nähe war es, als lebte man in Zeitlupe. Wie die Erde bei jedem Auftreten vom Boden stob. Wie sein Fell noch im fahlsten Licht glänzte. Wie stolz er seine Mähne fliegen ließ und den Kopf hochwarf, als ob sich ihm in diesem Leben kein Hindernis in den Weg stellen könnte, das er nicht mit wildem Mut angehen würde. Er war ein Hengst. Stolz und kühn neigte er den Hals und blähte die Nüstern, als er entschlossen auf mich zukam. Er forderte mich heraus. Ich spiegelte ihm seine Sprache, und mit bis zum Hals pochendem Herzen nahm ich seine Einladung an …
Der Traum endete mit Herzrasen. Nur selten erhalte ich im Schlaf klare Botschaften, doch ich war mir einfach sicher, dass dieser Traum ein Versprechen war, dass ich bekommen würde, was ich mir verzweifelt wünschte – ein Pferd, das zusammen mit mir in der Weiterentwicklung des respektvollen Umgangs mit dem Pferd Schlagzeilen machen würde. Ich war bereit, meine Fähigkeiten und meine Erfahrung als Pferdeausbilderin auf die Ebene zu heben, von der ich mir immer schon vorgestellt hatte, dass ich sie erreichen könnte; und ich hatte das Gefühl, ein schwarzweißer Hengst für meine Stute würde mich dorthin bringen. Seit Wochen sah ich mich in Gestüten nach dem perfekten Pferd um, das meine Stute Velvet decken könnte. Schließlich hatte ich mich für ein beeindruckendes schwarzweißes National Show Horse entschieden, ein auffälliger Schecke, eine Kreuzung zwischen Araber und American Saddlebred mit 1,78 Metern Stockmaß. Ich stellte mir vor, mein Traum sei ein erster Hinweis auf das künftige Hengstfohlen und ein sicheres Anzeichen dafür, dass Velvet ein Hengstfohlen für mich entbinden würde, aber auf das, was mir tatsächlich bevorstand, war ich nicht vorbereitet.
Immer noch ein wenig erschüttert und mit nicht ganz wachen Augen setzte ich mich an meinen Computer, um die morgendlichen eMails durchzusehen. Die erste Nachricht in meinem Posteingang kam von einer meiner Hufpflege-Kundinnen und hatte einen Anhang: ein Foto von einem schwarzweißen Hengst, der dringend meine Hilfe brauchte. Damals konnte ich es noch nicht begreifen, aber soeben war die Karte »Der Tod« zu meinen Gunsten gezogen worden. (Fortsetzung in Kapitel 13.)«
Mein erstes Pferd war eine halbgelungene Überraschung von meiner Mutter zu meinem zwölften Geburtstag. Ich trat aus der Tür unseres Hauses in einem sehr bürgerlichen Wohngebiet und entdeckte im Vorgarten ein junges Fuchsfohlen, das gesattelt und mit den Zügeln an einen Baum gebunden war.
Katy Bug war ein dreijähriges, als Rennpferd gezüchtetes Quarter-Horse-Fohlen und als Erstpferd für ein unerfahrenes Mädchen wahrscheinlich die denkbar schlechteste Wahl. Entgegen ihrer Behauptung verstanden meine einzigen Reit-Mentoren überhaupt nichts von Pferden, daher war dies auf jeden Fall eine Zeitlang eine interessante Partnerschaft. Katy hatte lauter Rennsieger in ihren Zuchtpapieren, und bis heute verstehe ich nicht – und will auch gar nicht wissen –, wie meine Mutter sie für mich hatte kaufen können. Ich wusste, dass sie in den richtigen Händen eine Menge Geld wert war, doch vorerst war ich einfach glücklich, dass sie in den falschen gelandet war.
Ich bin in einer Mittelschicht-Familie aufgewachsen, die sehr zu kämpfen hatte. Ich war ein kluges Kind, und es fiel mir leicht, in der Schule gute Noten zu schreiben. Auch in Musik und Sport war ich gut, doch es fehlte mir an Selbstvertrauen, um in beidem mein Potenzial auch nur annähernd auszuschöpfen. Liebe gab es bei uns zu Hause in einer sehr verqueren Form. Es gab freundliche Worte und Berührungen, aber häufig waren sie von einer sehr viel dunkleren und schmerzhafteren Wirklichkeit überschattet. Doch wir hatten immer Tiere, und solange ich denken kann, waren sie mein seelischer Jungbrunnen. Ich eignete mir unendlich viel Wissen über Tiere an und könnte Ihnen die Rasse jedes Hundes sowie Familie, Gattung und Art der meisten Säugetiere auf Erden nennen. Wölfe und Großkatzen waren meine Lieblingstiere, und ich hatte große Träume von mir als Biologin und Wildtier-Retterin, die draußen in der Wildnis lebt, weit weg von den einzigen Tieren, die ich nicht ausstehen konnte – den Menschen. In meiner gesamten Kindheit gab es ein breites Spektrum milder Formen des Missbrauchs, darunter Gewalt, sexuelles Fehlverhalten, eine hässliche Scheidung mit einem Kampf ums Sorgerecht, in dessen Verlauf ich vorübergehend bei einer Pflegefamilie untergebracht war, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Ich war ein verzogenes Gör mit wenig Struktur, das sich kaum einmal sicher, geborgen oder verstanden fühlte. Bis ich fünfzehn war, wohnte ich bei meiner Mutter und meinem Stiefvater; meinen Vater sah ich, wenn überhaupt, nur jedes zweite Wochenende. Alle drei Elternteile haben nach ihrem besten Wissen gehandelt, und als ich älter war und sah, wie sie aufgewachsen und erzogen worden waren, lernte ich, dankbar für meine Erfahrungen zu sein, so schwierig sie auch waren. Doch bis dahin war ich ein durch und durch zorniges junges Mädchen, das mit seiner gesamten Umwelt im Krieg lag.
Im Alter von fünf Jahren war ich von älteren Kindern, denen ich vertraut hatte, belästigt und sexuellen Situationen mit anderen Kindern ausgesetzt worden. Ich hatte keine Ahnung, dass ich dabei missbraucht wurde, und setzte mein Verhalten jahrelang fort. Dies führte dazu, dass ich lange Jahre eine ungesunde Beziehung zu und ein verqueres Verständnis von Sex und Nähe sowie tiefe Scham- und Schuldgefühle hatte, die mich bis ins Erwachsenenalter hinein begleitet haben. Außerdem resultierte es darin, dass ich im Alter von vierzehn Jahren ohne Gewaltanwendung vergewaltigt wurde.
Ich erinnere mich an keine Zeit in meiner Kindheit, in der Auseinandersetzungen nicht die Lösung der Wahl für jedes Problem gewesen wären. Verbal oder körperlich – durch Beobachten meiner Umgebung lernte ich, meine Probleme so zu lösen. Wegen häuslichen Streits war die Polizei regelmäßiger Gast bei uns zu Hause, und mehr als einmal habe ich gesehen, wie in Notwehr eine Pistole gezogen und auf jemanden gerichtet wurde. Mir wurde auch selbst beigebracht, wie man mit Waffen umgeht, und ich fühlte mich damit recht wohl, obwohl mein älterer Bruder mir einmal aus Versehen ins Gesicht geschossen hatte, als ich bei meiner Oma auf dem Sofa lag und im Fernsehen anschaute. Ich wurde notoperiert, um die kleine Kugel, die unter meinem Oberkiefer feststeckte, zu entfernen, und ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie es klang, als die chirurgischen Metall-Instrumente gegen meinen kleinen Schädel schlugen. Der Arzt sagte uns, wenn die Kugel nur zwei Zentimeter höher eingedrungen wäre, hätte ich umkommen können. Dies war die erste von vielen Narben, die noch folgen sollten.
Mit Krankenhäusern kannte ich mich aus. Genau wie meine Mutter wurde ich wegen diverser Krankheiten und Operationen ständig eingeliefert und wieder entlassen. Zweimal fasste ich den Mut, es mit Sport zu versuchen, und beide Male brach ich mir noch am selben Tag den Arm. Das erste Mal war im Alter von zehn Jahren – ein komplexer Mehrfachbruch meines rechten Arms an dem Tag, an dem ich mich im Fußballverein anmelden sollte. Das zweite Mal war in der siebten Klasse beim Probetraining für die Basketball-Mannschaft. Einen Tag nach dem Testspiel erschien ich mit einem roten Gips bis zur Mitte meines Unterarms, nur um zu erfahren, dass ich es zur Aufbauspielerin in der Ersten Mannschaft gebracht hatte … zum begehrtesten Platz in der besten Mannschaft. Ich verbrachte die Saison hauptsächlich auf der Bank, und mein Selbstvertrauen auf dem Spielfeld rauschte in den Keller. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, starb meine Mutter kurz danach vor meinen Augen an den Folgen eines epileptischen Grand-Mal-Anfalls. Ich wählte den Notruf, und die Sanitäter konnten sie wiederbeleben, doch durch den Sauerstoffmangel waren ihr Sprech- und Denkvermögen bereits beeinträchtigt worden. Am Ende wurde sie wieder vollständig gesund, doch es war eine sehr schwierige Zeit für mich, und ich weiß noch, dass mich damals Vieles sehr durcheinander gebracht hat. Zum einen waren die Sanitäter anscheinend, gelinde gesagt, sauer, dass sie an jenem Tag zu uns nach Hause kommen mussten, und es gab etliche Erwachsene, darunter auch mein Basketball-Trainer, die auf mich zukamen und fragten, ob ich nicht eine Zeitlang bei ihnen wohnen wollte. Damals hatte ich...




