E-Book, Deutsch, 479 Seiten
Reihe: Lübbe
Husemann Ein Elefant für Karl den Großen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0686-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 479 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-0686-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wir schreiben das Jahr 802. Franken und Sarazenen kämpfen unerbittlich um die politische und religiöse Vormachtstellung. In dieser angespannten Lage schickt der Kalif von Bagdad seinem Widersacher Karl dem Großen ein gewaltiges Geschenk als Zeichen des Friedens: einen Elefanten. Der Jude Isaak und sein sächsischer Sklave Thankmar sollen das Tier unversehrt nach Aachen bringen. Eine heikle Mission, denn die Menschen, denen sie auf ihrem langen Weg durch das Frankenreich begegnen, halten den Elefanten für eine Ausgeburt der Hölle. Sein Tod aber würde die Großreiche der Franken und der Sarazenen in einen schrecklichen Krieg stürzen ...
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1.
802 n.Chr.
In der Nacht spuckte die Alte wieder Blut. Er konnte es im Mondlicht sehen, das durch die Ritzen des Verschlags fiel. Dazu ihr Keuchen, ihr Geifern. Manchmal, wenn die Krämpfe sie weckten, verfluchte sie sogar den Tod.
Thankmar hielt es nicht länger neben Rosvith aus. Er löste sich aus ihrer ledrigen Umarmung und schob sich fort von ihr, leise, damit sie es nicht bemerkte. Aber das Zedernholz der Barackenwand hielt ihn auf. Er presste eine Wange an die Wand und lauschte dem Schnarchen der anderen Sklaven, dem Rascheln ihrer Lumpen und Klirren ihrer Ketten. Manch einer stöhnte, wenn ihn ein Alb drückte. Ein Greis sprach im Schlaf.
Sie waren um die fünfzig. Seit drei Wochen lagerten sie im Hafenviertel Genuas, dem berüchtigtsten Sklavenmarkt im Fränkischen Reich. An Orten wie diesem kaufte man keine Seide aus Byzanz oder Baumwolle aus Syrien. Niemand pries Glaswaren aus Tyrus, Sandelholz aus Ägypten oder Zuckerhüte aus Tripolis an. Hier roch es nach Schweiß und Schmutz, nach Fäkalien und Verzweiflung. Vor den Verschlägen harrten die Gefangenen zu Dutzenden einem Schicksal, das sie in den Glutofen Arabiens führen sollte. Dort lechzten die Abbasiden nach den hellhäutigen Sklaven aus dem Norden und wogen sie mit klingenden Dirhams auf.
In einem fernen Leben mochten die Sklaven furchtbare Schwertschwinger oder gutmütige Priester, Handwerker oder Kaufleute, Schweinehirten oder die Herren fruchtbarer Ländereien gewesen sein. In den Halseisen der Sklaverei waren sie nur noch Heiden, Ungetaufte, die den Glauben an den Gekreuzigten ablehnten. Zwar hatte das neue fränkische Volksrecht die Leibeigenschaft verboten, doch galt das nur für Christen. Wer den alten Göttern anhing, landete im Kerker, auf dem Richtplatz oder auf einem Menschenmarkt wie dem in Genua.
Rosviths Hand legte sich von hinten auf Thankmars Schulter und zog ihn zurück an ihren heißen Leib. Noch immer quoll rötlicher Schaum zwischen ihren Lippen hervor, während sie seinen Körper mit fordernden Händen betastete. Thankmar schloss die Augen und rief Saxnoth an, er möge der Greisin endlich den Tod schenken. Ihr Keuchen und ihr stockender Atem waren ein grässliches Liebeslied, das erst von den Geräuschen des nahenden Tages übertönt wurde.
Beim ersten Sonnenstrahl flog die Tür der Baracke auf. In der Öffnung erschien die bullige Silhouette des Sklavenhändlers Grifo. Wie immer trug er seine lederne Börse am Gürtel, die ebenso prall gefüllt war wie sein Wanst. Mürrisch trieb er die Gefangenen aus der Unterkunft, während er ihnen Folter und Tod prophezeite, wenn sich nicht bald Käufer für sie finden ließen. Dass er seine Morddrohungen ernst meinte, hatte er auf dem Weg in den Süden mehrfach bewiesen. Konnte er unterwegs nicht alle Sklaven durchfüttern, stellte er die Gefangenen der Reihe nach an ein Wagenrad. Die ersten drei, die größer als das Rad waren, verbrauchten zu viel Nahrung und wurden geköpft. Thankmar hasste den kahlköpfigen Sklavenhändler, und doch wartete er jeden Morgen sehnsüchtig auf Grifos Weckruf, der ihn aus der Umarmung der alten Hexe befreite.
Seit Tagen lähmte die Hitze das Geschäft. Selbst die Araber, in Sonnenglut geborene Wüstensöhne, schoben sich nur bedächtig durch den sonst so geschäftigen Genueser Hafen. Ohne den leisesten Windhauch schmorte die Stadt in Agonie, und über der Ligurischen See flirrte die Luft wie über einer Schüssel Fischsuppe. Die Flaute nagelte die Schiffe an die Molen. Die unglücklichen Kapitäne, die verderbliche Waren geladen hatten, mussten mit ansehen, wie ihre Fracht verfaulte. Ladeluken und Fässer gebaren Verwesungsgestank, der wabernd über dem Hafenviertel hing, und keine Windbö erbarmte sich, ihn fortzutragen.
Grifos Sklaven verbrachten den Tag im Schmutz vor der Baracke, wo sie sich den arabischen Kunden präsentieren mussten. Eine Staubschicht färbte ihre Körper grau, und Krankheit und Hunger hatten selbst die Kräftigsten unter ihnen ausgezehrt. Kaum ein Käufer schenkte Grifos Angeboten einen zweiten Blick. Trotzdem wurde der Sklavenhändler nicht müde, die Vorzüge seiner Sklaven mit voller Stimme und leeren Worten anzupreisen.
Er hatte nur derbes Volk zu bieten: Den stämmigen Odo, einst Fischer an den Stränden Aremoricas. Den weinerlichen Grimold, einen Geldverleiher aus Soissons, der sich damit brüstete, dem Kaiser einmal persönlich ausgeholfen zu haben. Werinbert, einen aquitanischen Seifenmacher mit verätzten Händen. Die kleine Bertrada, die dem Bischof von Salzburg gehört hatte, aber geflohen, eingefangen, geblendet und weiterverkauft worden war. Rosvith, die thüringische Hexe, die jedem im Lager Angst einflößte. Unter Grifos Sklaven fanden sich keine kräftigen Kerle für die Leibwache eines arabischen Fürsten und keine drallen Weiber für einen Harem.
Thankmar stach aus der Gruppe kaum heraus. Er war ein dunkelhaariger Bursche mit schmalem, aber kräftigem Körper. Seine Gliedmaßen waren lang. Nur der missgebildete Fuß störte das Bild eines schön gewachsenen jungen Mannes. In einem unnatürlichen Winkel war der Fuß nach innen verdreht, sodass statt der Sohle die Kante das Gehen verrichten musste. War die Muskulatur des übrigen Körpers ausgebildet, als hätte ein antiker Meister den Meißel an ihm geführt, so war das Fleisch des entstellten Beins bis zum Schenkel hinauf weich und weiß, weil keine Kraft in ihm wohnte.
Stundenlang saß Thankmar in der Sonne und formte aus einem Klumpen Lehm wundersame Dinge: Pferde mit Menschenköpfen, Schwerter, die aus Bäumen wuchsen, wilde Gesichter mit windzerzausten Bärten.
Zuhause in Haduloa an der Elbmündung hatten ihm seine geschickten Finger stets Ärger eingebracht. Durch den kranken Fuß war er für die Feldarbeit nicht geeignet. Stets hatten ihn seine Eltern und seine Brüder durch die langen Winter füttern müssen. Doch was seinem Fuß an Geschicklichkeit fehlte, machten die Hände wieder wett. Thankmar erhielt die Aufgabe, Ton zu brennen und die Familie mit Gefäßen zu versorgen – eine Arbeit, die in der Regel Frauen verrichteten. Doch er war geschickter als sie alle, und seine Hände vermochten noch mehr. Sie verwandelten den hinkenden Jungen in einen erfolgreichen Dieb. Wie oft hatte er sich nachts vom Hof geschlichen und das Dorf verlassen, um durch die Wälder in den Nachbarort zu humpeln. Dank seines außerordentlichen Talents gelang es ihm, in die Hühnerställe und Scheunen einzudringen und Eier und Milch zu stehlen, ohne dass jemand etwas davon bemerkte – nicht einmal Rinder und Federvieh schienen ihn wahrzunehmen. Der Fuchs, so hatte er es sich oft vorgestellt, musste ihn krank vor Neid aus dem Unterholz heraus beobachten. Keine Tür war vor ihm sicher, und wenn er am nächsten Morgen einige Eier unter die Hennen des elterlichen Hofes legte, fühlte er sich erleichtert, etwas zur Ernährung der Familie beitragen zu können. Weder sein Vater noch seine Mutter oder seine Brüder erfuhren je davon, dass ein Dieb unter ihnen lebte. Vielleicht hätten sie ihn sonst davongejagt. Der junge Sachse zweifelte selbst häufig an seinen nächtlichen Streifzügen, aber die Zufriedenheit auf dem Gesicht des Vaters, der morgens mit zwei Dutzend Eiern im Arm aus dem Hühnerstall kam, machte alle Gewissensbisse wett.
Doch diese Tage waren lange vorüber. Jetzt waren seine Hände die eines Sklaven, und das Einzige, wozu sie zu gebrauchen waren, war das sinnlose Kneten von Lehm. Am Abend quetschte Thankmar seine Werke wieder zu Klumpen zusammen, denn er wusste nicht, wen er jemals damit beschenken sollte.
Wenn die Sonne am Horizont verschwand, zogen die Sklaven zurück in die Baracke. Schlafplätze waren rar. Wer den Verschlag zu spät erreichte, musste im Stehen schlafen, was die Nacht unerträglich machte, selbst wenn man sich an einen Pfosten oder die Bretterwand stützte.
Thankmar verlor den Wettlauf um einen Ruheplatz jeden Abend. Zunächst zerrte er den verkrüppelten Fuß hinter sich her. Dann versuchte er, an Geschwindigkeit zu gewinnen, indem er mit der Fußkante auftrat. Dabei schrie er vor Wut, doch auch das half nichts. Sein Zorn galt nicht seiner Unzulänglichkeit, es war die Teilnahmslosigkeit der anderen Gefangenen, die ihn aufbrachte.
Rosvith war anders. Wie eine Freundin war sie ihm erschienen, als er zum ersten Mal hilflos inmitten der überfüllten Baracke gestanden hatte. Verzweifelt hatte er versucht, es sich im Stehen so bequem wie möglich zu machen, und das Gewicht auf das gesunde Bein verlagert. Aber alle Mühe war vergebens. Immer wieder strauchelte er, fiel auf einen der Schlafenden und erntete Schläge und Flüche. Da hatte er die Greisin vom anderen Ende des Raumes winken sehen. »Hierher, Söhnchen«, hatte sie gekräht, und an ihren fuchtelnden Armen schwang die Haut hin und her wie eine Fahne im Sturm. Dass die Schlafstelle neben ihr noch unbesetzt war, hatte Thankmar zwar verwundert. Doch er hatte sich dankbar auf das Stroh fallen lassen, ohne Fragen zu stellen.
Jetzt schlief er bereits seit vier Wochen an Rosviths Seite. Jede Nacht schüttelten Krämpfe ihren klapprigen Körper, und die Abstände zwischen den Hustenattacken wurden immer kürzer. Thankmar war die Natur ihrer Krankheit wohl bekannt: Der Fenriswolf, der Bruder der Midgardschlange und größte Feind der Götter, hielt die Alte im Würgegriff. Die Symptome waren eindeutig. Die Bestie hockte tief in ihrem Körper und zerfraß sie unter Bellen und Heulen von innen heraus. Man konnte ihr Wirken in der Nacht beobachten, wenn Rosviths Husten und der blutige Auswurf Zeugnis von dem Kampf in ihren Eingeweiden ablegten. Thankmar war niemals zuvor einem besessenen Menschen begegnet, doch er erinnerte...




