Hutzenlaub | Drei Frauen und ein Sommer | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Hutzenlaub Drei Frauen und ein Sommer

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-25153-6
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-25153-6
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Drei Frauen, ein unvergesslicher Sommer und ein Ort, der Erinnerungen weckt

Kurz vor ihrem 40. Geburtstag erfährt Kiki, dass der Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte, eine andere heiraten wird. Ausgerechnet da bittet ihre Mutter sie, sie zu einer Reise auf die Schwäbische Alb zu Kikis Tante zu begleiten. Kiki stimmt nur widerwillig zu. Doch an einem Sommerabend am See, als die letzten Sonnenstrahlen die flachen Steine am Ufer wärmen und Kiki den Duft reifer Himbeeren riecht, beginnt sie zu ahnen, warum Tante Elsie sich diesem Ort so verbunden fühlt. Und endlich erzählt Elsie ihr die tragische Geschichte ihrer großen Liebe Kurt, den sie in den letzten Kriegsjahren hier kennenlernte. Kiki fühlt, wie sich ihre Sicht auf viele Dinge im Leben ändert – besonders, als ihr der charmante Schreiner Jakob über den Weg läuft ...

»Ein warmherziger Roman, der mit humorvoller Leichtigkeit und einer Prise Wehmut davon erzählt, dass es für die große Liebe und einen mutigen Neuanfang nie zu spät ist.« DONNA

Das Buch ist unter dem Titel »Tante Elsie hat Schwein« bereits vorab bei Weltbild erschienen.
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1


»Nein, Kiki, echt jetzt? Du hast nicht ernsthaft gedacht, dass das mit uns was Ernstes ist, oder?« Dass Bennet nicht auch noch laut loslachte, sollte sie ihm wohl zugutehalten. »Sorry, aber wie kommst du denn darauf?«

Gute Frage. Mal sehen: Vielleicht, weil sie beide kaum bekleidet nebeneinander im Bett lagen, und nur fürs Protokoll: Es war weder Idee gewesen hierherzukommen, noch hatte sie das Gefühl gehabt, wäre unfreiwillig hier. Zumindest nicht bis gerade eben. Vielleicht aber auch, weil Bennet, seit dem Moment als sie vor sieben Wochen, an ihrem ersten offiziellen Arbeitstag als Architektin bei Henderson & Henderson, mit einem Blick aus seinem gläsernen Büro zu Kikis Schreibtisch gestarrt hatte, als sei er Robinson Crusoe und sie ein Rettungsschiff am Horizont. Und nicht zuletzt, weil man um Menschen, mit denen man zusammenarbeitete, zwischenmenschlich und/oder sexuell eher einen großen Bogen machen sollte, vor allem, wenn man selbst der Juniorboss war, und ganz besonders, wenn man wollte, dass das Objekt der Begierde einem auch noch weiterhin als Arbeitskraft erhalten blieb.

Wenn man es genau betrachtete, warf dieses Gespräch offensichtlich noch weitere Fragen auf, die sich Kiki bisher nie gestellt hatte. Wie zum Beispiel, ob ihr Job in Gefahr war. Aber damit konnte sie sich auch beschäftigen, wenn sie ihren verdammten BH endlich gefunden, die Scherben ihres Herzens vor dem Hotelbett aufgefegt hatte und erhobenen Hauptes aus diesem fürchterlich überstylten Designerhotel in ihr Leben zurückgekehrt war, in dem es hoffentlich eine Rückspultaste gab, die es ihr ermöglichte, die letzte Stunde – ach was, die letzten sieben Wochen – ungeschehen zu machen.

Es war wirklich unglaublich, dass sie tatsächlich davon ausgegangen war, Bennet und sie würde etwas Besonderes verbinden.

»Hey, jetzt entspann dich mal!« Bennet streichelte irgendwo an ihrem Oberschenkel herum, während er selbstgefällig grinste. »Wir können es uns doch auch nett machen, ohne dass wir gleich heiraten oder die ganze Welt von uns weiß. Willkommen im 21. Jahrhundert, Fräulein von Betzenstein. Nur, weil ich dich nicht meiner Familie vorstelle, heißt das doch noch lange nicht, dass wir aufhören müssen, Spaß zu haben!«

Kikis Herz brannte, als stünde es in Flammen. war also seine Definition von dem, was sie für zarte Bande und eine beginnende Beziehung gehalten hatte?

Nein, sie wollte nicht unbedingt noch einmal heiraten. Das hatte sie schon hinter sich. Und wie wenig sie als Ehefrau wirklich taugte, war ihr endgültig an ihrem neununddreißigsten Geburtstag vor knapp einem Jahr bewusst geworden, als ihr Ex-Ehemann Rob, aka Robert Ferdinand Behrens, ihr im Takt ihrer laut tickenden biologischen Uhr mitgeteilt hatte, dass er ihre vierzehnjährige Beziehung inklusive Eigentumswohnung, Ehering und bereits begonnener Familienplanung nicht mehr weiter fortführen könne, weil er festgestellt habe, dass »das nichts für ihn war«. Auf was genau sich dieses »nichts« bezog, wusste Kiki damals nicht, aber jetzt war sie schlauer: Es bezog sich auf alles. Noch niederschmetternder ausgedrückt: Kikis Alles war sein Nichts. Er wollte keine Kinder, oder zumindest nicht mit ihr, und auch kein Haus. Er wollte frei sein, so behauptete er zumindest, und das Einzige, was außer seinem Job noch in seinem Leben Platz hatte, wäre ein Hund. Nein, das hatte sich nicht gut angefühlt. Auch wenn Esther sie dazu beglückwünscht hatte, dass sie sich nun nie wieder den Kopf darüber zerbrechen musste, wie albern sich Isolde Behrens-von Betzenstein anhörte, sie war ihren Job in Robs Eventagentur als Mädchen für alles los und konnte nun endlich als Architektin arbeiten. Aber dennoch fühlte sie sich so, als hätte ihr jemand die Augen verbunden und das Geländer von einer Freitreppe entfernt. Jeder Schritt in dieses Leben war mühsam, Kiki fehlte komplett die Orientierung, und sie hatte niemanden, an dem sie sich festhalten konnte. Das hieß, eines wusste sie sehr wohl: Sie wollte die wahre Liebe finden. Dieses Mal bedingungslos, mit richtigem Herzklopfen, Schmetterlingen und allem, was dazugehörte.

Doch erst einmal war es nun ein enormer Rückschritt, nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung zu sein, sondern wieder in ihrem alten Appartement im Parterre der von Betzensteinschen Familienvilla. Bei ihrer Mutter. Weil der Job bei Henderson zwar prestigeträchtig war, aber dafür schlecht bezahlt wurde und Kiki bisher keinen anderen gefunden hatte, der es einer beinahe vierzigjährigen Berufseinsteigerin mit einem abgeschlossenen Architekturstudium ermöglichte, große finanzielle Sprünge zu machen. Überqualifiziert und unerfahren lautete meist der Subtext der Absage auf ihre Bewerbung. Kiki begriff erst jetzt allmählich, wie abhängig sie sich vor vierzehn Jahren gemacht hatte, als sie direkt nach dem Studium »erst mal« bei Rob eingestiegen war und aus Bequemlichkeit und weil es ja sowieso für immer sein sollte, blieb. Sie war ein Schaf. Ein überqualifiziertes, immerhin.

»Komm schon her, Kiki. Wir haben noch mindestens zwanzig Minuten.«

Das, was sie bisher für ein verliebtes Lächeln gehalten hatte, erinnerte sie nun eher an das breite Grinsen eines Haifisches, kurz bevor er seine hilflose Beute verschlang. Aber sie hätte es wissen können. Müssen.

Sie war einfach schon zu lange raus aus diesem ganzen Mann-sucht-Frau-Dingens, hatte bis vor ein paar Wochen keine Ahnung von Dating-Apps oder Online-Partnerschaftsbörsen gehabt oder davon, wie man die Zeichen des Gegenübers in freier Wildbahn deutete und sich auf etwas einließ, was moderne Menschen »Freundschaft plus« oder gar »Friends with benefits« nannten. Nun, wenigstens würde das ein gewisses Maß an Freundschaft voraussetzen und nein: Egal, wie nett es mit Bennet bisher gewesen war, Freunde waren sie definitiv nicht, denn dann wüsste er, dass Kiki das, was er da gerade gesagt hatte, tief verletzte.

Ihre Finger ertasteten den Saum ihres spitzenbesetzten Slips, dem teuersten Kleidungsstück, nach dem dazu passenden BH, das sie je gekauft hatte. Extra für ihr neues Leben als Single. Zur Scheidungsfeier sozusagen. Oder, um so richtig ehrlich zu sich selbst zu sein: Weil sie kein Single sein wollte. Extra für »Ich will dich nicht heiraten«-Bennet. Weil sie es einer ausgedehnten Mittagspause in einem Hotel angemessen fand, weil sie dachte, Bennet würde so etwas gefallen, weil sie außerdem gedacht hatte, er wäre möglicherweise verliebt in sie. Wenigstens ein bisschen. Und sie wäre es auch. Aber während sie diesen Mann ansah, der entweder völlig unbekümmert oder total gleichgültig ihr gegenüber war, wurde ihr schlagartig klar, dass sie im Grunde versucht hatte, das, was sie mit Rob gehabt hatte, weiterzuführen. Nur mit einem anderen Mann. Einem, den sie noch nicht einmal kannte und der offensichtlich an einem anderen Punkt in seinem Leben stand als Kiki, nicht nur, weil er drei Jahre jünger war, sondern auch, weil er etwas anderes suchte.

Kiki sollte dringend dieses Hotelzimmer verlassen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie zu spät ins Büro kommen würde, selbst wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr. Zu Fuß auch noch zusätzlich mit Blasen an den Füßen. Denn sie trug, bis sie und Bennet vor einer knappen Stunde dieses Zimmer betreten hatten, nicht nur teure Unterwäsche, sondern auch als Fluchtschuhe völlig ungeeignete High Heels. Hätte sie damit gerechnet, abserviert zu werden, hätte sie Sneakers mitgebracht. Andererseits: Hätte sie damit gerechnet, wäre sie gar nicht erst hier. Hoffentlich.

Ihr Name war Isolde Maria von Betzenstein, ihr Spitzname Kiki, und wenn es so etwas gab wie das Gegenteil einer Superkraft, dann war es bei ihr eindeutig die Inkonsequenz. Sie begann ihr Liebesleben komplett von vorne, mit hehren Vorsätzen, die sie bereitwillig sofort über Bord warf, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, und sie war ähnlich ahnungslos wie damals mit siebzehn, allerdings mit weniger Vertrauen darauf, dass der Traumprinz schon in schimmernder Rüstung in den Startlöchern stand, um sie zu erobern. Für Liebesexperimente war sie anscheinend nicht gemacht.

»Lass uns einfach wieder zur Arbeit gehen, Bennet, ja?«

Kiki stand auf, wickelte sich in eines der flauschigen Handtücher, die auf dem Fußboden lagen, und bemühte sich, wenig von dem Bennets Blicken preiszugeben, was er bis gerade eben noch berührt hatte, um ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dies hier sei Teil der Show. Wenigstens hatte sie ihre Seidenbluse vorher auf einen Bügel an die Schranktür gehängt. Vorsichtig nahm sie sie herunter. Dabei fiel ihr Blick auf den Spiegel.

Im Vergleich zu ihrer winzigen Mutter war Kiki riesig. Die langen, schlanken Glieder hatte sie von den von Betzensteins, und mit ihren goldblonden Haaren sah sie ihrer Tante Elsie in jungen Jahren verblüffend ähnlich, zumal Kiki ebenfalls gerne ihre Haare zu einem Kranz geflochten trug, was Kikis Mutter zu allerlei Spott und der Aussage verführte, dass diese Frisur ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht unbedingt erhöhen würde. Ihr beste Freundin Esther behauptete, sie würde aussehen wie Charlize Theron und passend zu ihrem Namen an guten Tagen wirken wie eine aus der Zeit gefallene Prinzessin. In Jeans. Auch wenn es Kiki schmeichelte und Miss Theron sogar einige Jahre älter war als sie, stimmte es natürlich nicht wirklich. Aber beste Freundinnen sagten schließlich so etwas. Dafür ließ Helga von Betzenstein keine Gelegenheit aus, jeden Makel oder Fehler, den sie an ihrer Tochter entdeckte (und das waren einige), Kikis Tante und deren mangelhaftem Genpool in die Schuhe zu...


Hutzenlaub, Lucinde
Lucinde Hutzenlaub wurde in Stuttgart geboren, wo sie nach mehreren Auslandsaufenthalten wieder lebt. Die gefeierte Bestsellerautorin ist Kommunikationsdesignerin, systemische Coach und Heilpraktikerin, sie ist geschieden, hat drei Töchter und einen Sohn. Die Fans ihrer DONNA-Kolumne »Lucindes Welt« lieben sie für ihren Witz und ihre Authentizität. Bei Penguin erschienen zuletzt ihr Roman »In Liebe, Deine Paula« sowie, zusammen mit Heike Abidi, »Ich dachte, zu zweit muss man nicht alles selber machen«.



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