Hyun | Ohne Fleiß kein Reis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Hyun Ohne Fleiß kein Reis

Wie ich ein guter Deutscher wurde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07331-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie ich ein guter Deutscher wurde

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-07331-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tierarzt konnte er nicht werden – wer vertraut einem Koreaner schon seinen Hund an?

Er ist der koreanische Wladimir Kaminer. Der heimliche Wunschsohn von Tiger-Mutter Amy Chua. Martin Hyun, Sohn koreanischer Gastarbeiter und seit 1993 glücklicher deutscher Staatsbürger, der allzu oft herhalten muss als Musterbeispiel für geglückte Integration. Martin Hyun schreibt entwaffnend und voller Humor über die alltäglichen Abenteuer der Ausländer in Deutschland. Er entlarvt die politische Debatte über Integration ebenso wie die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Zählt Mitarbeiter mit Migrationshintergrund im Deutschen Bundestag. Spricht mit Philipp Rösler. Zeigt Wladimir Kaminer seine Heimat Korea. Und mit seinen Freunden aus aller Herren Länder schlägt er sich tapfer durch im bunten Großstadtdschungel Berlin. Scharfzüngig und mit einem Augenzwinkern, zum Heulen tragisch und zum Schreien komisch.

Martin Hyun wurde 1979 in der nordrhein-westfälischen Samt- und Seidenstadt Krefeld geboren. Hyun ist Sohn koreanischer Gastarbeiter und studierte Politik sowie International Relations in den USA und Belgien. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga sowie Junioren Nationalspieler Deutschlands. Seit 1993 ist er glücklicher deutscher Staatsbürger. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehört dem Netzwerk von Führungskräften mit Migrationshintergrund der Bertelsmann Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland 2008am Forum Demographischer Wandel teil, das von Bundespräsident Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2010 schreibt er die Kolumne »Integration im 16:9 Format« für das Migrationsmagazin MiGAZIN. 2010 gründete er die interkulturelle Initiative Hockey is Diversity, um die Vielfalt, die im Sport schon lange als Bereicherung angesehen wird, auch in die Gesellschaft zu übertragen. Sein Erstlingswerk »lautlos – ja, sprachlos – nein« über die Integrationsgeschichte der koreanischen Gastarbeiter in Deutschland verlieh den wegen ihrer Unauffälligkeit gern übersehen Grenzgängern zwischen Korea und Deutschland erstmals eine Stimme.
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FRIEDRICHSHAINER, GOTT IST EIN DJ UND DIE WELTKULTUR

Die besten Dinge im Leben sind nicht über Online-Banking zu ergattern, bei Ebay zu ersteigern oder durch Null-Prozent-Finanzierungen zu erwerben. Für lausige 50 Euro konnte ich mir in einem völlig heruntergekommenen Bürgeramt an der Yorckstraße die Identität eines Friedrichshainers verpassen lassen. Um sich von Prinz Frederic von Anhalt adoptieren zu lassen, muss man dagegen eine bis zu sechsstellige Summe bezahlen. Ob man sich den Prinzen als Adoptivvater wünscht, sei dahingestellt. Einen Mehrwert hat es nicht wirklich. Dagegen erscheint die Gelegenheit, ein Friedrichshainer zu werden, wie ein Geschenk des Himmels.

Mutter sagte mir einmal, dass sich das Leben innerhalb von Sekunden verändern könne. Meine dramatische Wendung im Leben ereignete sich am 26. September 2008 und erforderte nicht Sekunden, sondern einige Minuten. Eines habe ich in Deutschland gelernt: Das Leben als Migrant ändert sich nie in Sekunden. Allenfalls in mühsamen Stunden, in denen die Geduld auf die Probe gestellt wird – wenn man vorher auch nicht vergessen hat, eine Nummer zu ziehen.

Mit routinierten und geschickten Handbewegungen der Angestellten vom Bürgeramt wurde das Ende meiner Samt- und Seidenstadt-Vergangenheit besiegelt und ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen. Nun war ich ein Ostberliner. Schon Theodor Fontane sagte einst: »Vor Gott sind alle Menschen Berliner.« Ich war nun im Klub, und im Fall der Fälle, dass ich Berlin nicht überlebte, könnte ich mich vor Gott zumindest als Berliner ausweisen – in der Hoffnung, dass er nicht zwischen Ost- und Westberliner unterscheiden würde.

Ich wollte immer schon nach Berlin, aber nie in den östlichen Teil. Doch der Osten zieht nun mal den Fernen Osten wie ein Magnet an. Zu viel hatte ich von auf der Lauer liegenden kahlgeschorenen Ostdeutschen gehört, die wie vom Teufel besessen Ausländer durch die Straßen jagen. Damals waren ihnen nämlich die Ausländer systematisch vom Staat vorenthalten worden. Nun hatte man Nachholbedarf und wollte den Ausländern mit 20 Jahren angestauter Nächstenliebe viel Freude bereiten. Dabei stellen sie sich oft sehr plump an, zünden gelegentlich Wohnhäuser an, marschieren verirrt mit ihren leeren Seelen, hoffnungslos durch die Straßen – und alles nur, weil sie uns lieben. Und eigentlich müssten sie es doch besser wissen, dass Liebe nicht erzwingbar und erst recht nicht käuflich ist.

Die Berliner sind mir ein sympathisches Volk. Nicht nur, weil sie dasselbe Schicksal verbindet wie das Land meiner Eltern. Aus Solidarität habe ich mir zwei T-Shirts bedrucken lassen. Eins trägt die Aufschrift »Kommste ooch ausm Osten?« und das andere »Ich bin stolz, ein Ossi zu sein!«. Doch bislang konnte ich damit nur bei meinem vietnamesischen Änderungsschneider Hoang punkten, einem wahren Ossi, der mir auf jegliche Ärmel- und Hosenkürzungen satte Rabatte gewährt.

Versunken in einen Ozean voller Gedanken brachten mich die »Dit war es!«-Worte der Angestellten in das Hier und Jetzt zurück. So lautlos wie möglich stand ich auf, nahm den Personalausweis vom Tisch, verabschiedete mich und ging in meine neue Heimat. Nur um sofort von einem Linksautonomen oder autonomen Nationalisten angerempelt zu werden. Früher war alles besser, dachte ich mir, da konnte man anhand des Aussehens unterscheiden, wer zu wem gehört. Die Nazis trugen Bomberjacke, Glatze und Springerstiefel und die Linken PLO-Tuch, schwarze Kleidung und lange Haare. Heute sind sie kaum noch auseinanderzuhalten. Die Linken können die Rechten sein und die Rechten die Linken. Jedenfalls streckte mir der Autonome den Mittelfinger entgegen. Es kam zum Effenberg-Duell. Ich gab ihm zu erkennen, dass ich einen längeren Mittelfinger habe. Mit hängendem Kopf zog er von dannen. Nachdem er mir den Rücken zugekehrt hatte, fiel mir der Riesenaufnäher auf seiner Jacke auf mit der Kiez-Weisheit: »Keiner ist gemeiner wie ein Friedrichshainer«.

Der Kiez tickt links. Das Herz schlägt grün. Hier wohne ich in einer Straße, benannt nach dem Arzt und Astronomen Nikolaus Kopernikus. Meine Altbauwohnung liegt im zweiten Stockwerk des Seitenflügels. Sie ist klein und schief geschnitten. Der Wind zieht durch die alten Fenster. Die Wände sind dünn. Der Holzboden ist abgenutzt, die Heizung so launisch wie eine Diva und die Hausklingel kaputt.

Mein Nachbar, der über mir lebt, ist von Beruf DJ. Das aber erfuhr ich erst nach meinem Einzug. Dem täglichen Trainieren seiner Fingerfertigkeiten und Feilen seines Talentes nach zu urteilen, muss er tatsächlich der Gott unter den DJs sein. Als ich ihn zum wiederholten Male bat, die Musik ein wenig leiser zu stellen, bot er mir als Entschädigung für die ständigen Ruhestörungen an, bei einer großen Straßenparade als VIP auf einem der Hauptwagen mitzufahren. Wie denn die bunte Parade heiße, hakte ich nach. »Christopher-Street-Day!«, entgegnete er so lässig wie ein Cowboy und fügte unbekümmert hinzu: »Das Pride-Festival steht unter dem Motto: Stück für Stück ins Homo-Glück – Alle Rechte für alle.« Ich winkte höflich ab und versicherte ihm, dass ich bereits ein überaus glücklicher Mensch sei und das große Glück bereits gefunden hätte. Ich wünschte ihm, dass auch er zu seinem Glück gelangen möge, und verabschiedete mich von DJ Gott. Es muss gewirkt haben, denn seit einiger Zeit vibrieren meine Wände nicht mehr von den Bässen elektronischer Musik, sondern vom Liebesglück meines DJ-Nachbarn. Schon seit Monaten habe ich ihn nicht mehr im Flur angetroffen. Liebe muss wundervoll sein. Und bei uns im Haus sind wir um einen toleranten Nachbarn reicher geworden – Mr. und Mr. DJ. Mein DJ-Hausgenosse und sein gefundenes Glück leben nun in einer häuslichen Partnerschaft. Wenn Gott ein DJ wäre, dann bin ich ihm schon sehr oft begegnet und weiß um seine Vorlieben. Er trägt einen Victor-Emanuel-Bart und pinke Röhrenjeans mit Schlangenmuster. In Kreuzberg mögen viele unterschiedliche Nationalitäten heimisch sein; in Friedrichshain sind es vor allem unterschiedliche Typen.

In Berlin wollte ich möglichst weit weg von jeglichen Eisstadien leben. Nur auf diesem Wege könnte ich mit dem Kapitel Eishockey abschließen. Doch die solvente amerikanische Anschutz Investoren Gruppe machte mir einen Strich durch die Rechnung. Nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt hat Anschutz eine millionenschwere Multifunktionshalle gebaut. Die O2 World Arena ist unter anderem die neue Spielstätte der Berliner Eisbären. Um ihren Unmut gegenüber der Arena auszudrücken, stellten die Linken ein Riesenplakat mit der Aufschrift Hartz-4 World ArenaWelcome to the H4 World Arena auf, verteilten Flugblätter an der Warschauer Brücke und organisierten Demonstrationen, an denen ich mich beteiligte. Die Linken erfreuten sich daran, dass sich auch ein besorgter vietnamesischer Wutbürger für die Versenkung der Mediaspree einsetzte. Um die brüderliche und revolutionäre Atmosphäre nicht zu stören, behielt ich die wahre Intention meiner Teilnahme für mich. Alle Proteste und Unterschriftenaktionen halfen nicht. Der Kapitalismus setzte seinen Siegeszug auch in Friedrichshain fort. An jedem Spieltag der Eisbären werde ich durch die Fans, die am Kiosk an der S-Bahn-Station Warschauer Straße vorglühen, weiter an meine Eishockeyzeit erinnert. Zumindest konnte ich mich damit trösten, dass der Hype um den Eisbär Knut mit seinem Ableben nachließ. Das Leben ist erbarmungslos.

Friedrichshain ist ein Stadtbezirk, der niemals schläft, der kritischen Denker, der alternativen Wohnprojekte, der Hausbesetzer, der Haute-Couture-Punks, Heimat der Dreadlock-Mütter, die nicht selten ihre Kinder Marie Johanna nennen, Aushängeschild aller antikapitalistischen Dienstleistungsgesellschaften, Zufluchtsort der Leergutmillionäre und ein Platz, an dem man Schmied seines eigenen Glückes werden kann. Die Kreativität und Lebensfreude des Kiezes treten gerade bei den Pfandflaschensammlern zum Vorschein. Auch hier gilt Vorsprung durch Technik. Nutzte man vorher illegal entfernte Einkaufswagen von sämtlichen Supermärkten oder umweltfeindliche Plastiktüten, zieht man nun mit selbstgebastelten Hybridkarren und eleganten Trollis von Mülltonne zu Mülltonne. In Friedrichshain trotzt man der vermuteten Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Anonyme Spender stellen ihre leergetrunkenen Bierflaschen der Einfachheit halber auf Bürgersteigen, Stromkästen oder Parkbänken ab. An strategisch guten Stellen hat man mit dicken Fahrradschlössern kundenfreundlich leere Behälterkisten an Ampeln und Laternen befestigt. Der Kunde ist König, und ein vergraulter Kunde kehrt nicht zurück. Leergutsammler ist hier eine Berufsbezeichnung und als solche unter anderem wegen der flexiblen Arbeitszeiten so begehrt, dass man ohne Seilschaften nicht in die Kaste reinkommt.

Der Kiez ist ein Tummelplatz der Welt. Er ist Exil aller Menschen aus spanischsprachigen Ländern sowie der Italiener, die vor ihrem Staatsoberhaupt Berlusconi geflüchtet sind. Der afrodeutsche Musiker gehört genauso zum Bild des Kiezes wie die russisch- und polnischstämmigen Obdachlosen, die auf die nächste Spargelsaison warten, der Babyspielzeugladen mit ukrainischen Besitzern, der vietnamesische Blumenladen und das China-Restaurant, die nächtlichen Besetzer der öffentlichen Toiletten und Sparkassen aus aller Herren Länder, die Extreme-Couch-Surfing betreiben, Neo-Hippies, Prenzelberger mit schwäbischem Migrationshintergrund, finnische Punker, mongolische Zigarettenverkäufer und internationale Laufstegmodels in spe, die sich vor ihrer großen Entdeckung als Kassiererinnen bei Rewe über Wasser halten. In Wahrheit sind die Obdachlosen Philosophen, die sich aus...


Hyun, Martin
Martin Hyun wurde 1979 in der nordrhein-westfälischen Samt- und Seidenstadt Krefeld geboren. Hyun ist Sohn koreanischer Gastarbeiter und studierte Politik sowie International Relations in den USA und Belgien. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga sowie Junioren Nationalspieler Deutschlands. Seit 1993 ist er glücklicher deutscher Staatsbürger. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehört dem Netzwerk von Führungskräften mit Migrationshintergrund der Bertelsmann Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland 2008 am Forum Demographischer Wandel teil, das von Bundespräsident Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2010 schreibt er die Kolumne »Integration im 16:9 Format« für das Migrationsmagazin MiGAZIN. 2010 gründete er die interkulturelle Initiative Hockey is Diversity, um die Vielfalt, die im Sport schon lange als Bereicherung angesehen wird, auch in die Gesellschaft zu übertragen. Sein Erstlingswerk »lautlos – ja, sprachlos – nein« über die Integrationsgeschichte der koreanischen Gastarbeiter in Deutschland verlieh den wegen ihrer Unauffälligkeit gern übersehen Grenzgängern zwischen Korea und Deutschland erstmals eine Stimme.



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