E-Book, Deutsch, 96 Seiten
Ibsen Die Wildente
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-5026-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eines der bekanntesten Stücke der skandinavischen Dramatik (Mit Biografie des Autors)
E-Book, Deutsch, 96 Seiten
ISBN: 978-80-268-5026-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Die Wildente' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Der Protagonist des Stücks, Gregers Werle, kehrt nach Jahren in sein Elternhaus zurück. Lange hat er sich vom Vater, dem Großhändler Konsul Werle, ferngehalten. Zu Hause trifft er seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal wieder, zu dem er ebenfalls keinen Kontakt gehalten hatte. Als er zu erkennen meint, sein alter Freund sei in ein Gespinst von Lüge und Intrige verfangen, will er ihm die Augen öffnen... Henrik Ibsen (1828-1906) war ein norwegischer Dramatiker und Lyriker, der gegen die Moral und 'Lebenslüge' seiner Zeit zu Felde zog und im 'Kampf der Geschlechter' im Gegensatz zu August Strindberg den Standpunkt der Frau vertrat. Seine bürgerlichen Dramen zeigten ethischen Ernst und großes psychologisches Einfühlungsvermögen.
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Zweiter Akt
Hjalmar Ekdals Atelier.
Man sieht dem Raum, der ziemlich groß ist, an, daß er ein Bodenzimmer ist. Rechts ein Schrägdach mit großen Glasscheiben, halb verdeckt von einem blauen Vorhang. Oben in der Ecke rechts die Eingangstür; vorn an derselben Seite eine Tür zur Wohnstube. An der Wand links sind ebenfalls zwei Türen und dazwischen ein eiserner Ofen. An der Rückwand ist eine breite Doppeltür, die so eingerichtet ist, daß ihre Teile zur Seite geschoben werden können. Das Atelier ist einfach, aber gemütlich eingerichtet und ausgestattet. Zwischen den Türen rechts, ein wenig von der Wand entfernt, steht ein Sofa mit einem Tisch und einigen Stühlen; auf dem Tisch eine brennende Lampe mit Schirm; im Ofenwinkel ein alter Lehnstuhl. Verschiedene photographische Apparate und Instrumente sind hier und da im Zimmer aufgestellt. An der Rückwand links von der Doppeltür steht ein Regal, worin einige Bücher, Schachteln, Flaschen mit Chemikalien, verschiedenartige Geräte, Werkzeuge und andere Gegenstände. Photographien und Kleinigkeiten wie Pinsel, Papier und ähnliches liegen auf dem Tische.
Gina sitzt auf einem Stuhl am Tisch und näht. Hedwig sitzt auf dem Sofa, die Hände vor den Augen, die Daumen in den Ohren, und liest in einem Buche.
Gina blickt ein paarmal, wie in geheimer Sorge, Hedwig verstohlen an; dann sagt sie: Hedwig!
Hedwig hört es nicht.
Gina lauter. Hedwig!
Hedwig nimmt die Hände fort und blickt auf. Ja, Mutter?
Gina. Hedchen, jetzt darfst Du aber nicht länger lesen.
Hedwig. Ach, Mutter, laß mich doch noch ein bißchen! Nur ein bißchen!
Gina. Nein, nein, Du sollst jetzt das Buch weglegen. Dein Vater mag das nicht; er liest des Abends auch nie.
Hedwig schlägt das Buch zu. Nein, Vater, der macht sich aus dem Lesen nicht viel.
Gina tut das Nähzeug weg und legt einen Bleistift und ein kleines Heft auf den Tisch. Weißt Du noch, wieviel wir heut für Butter ausgegeben haben?
Hedwig. Eine Krone und fünfundsechzig Oere.
Gina. Richtig. Notiert. Furchtbar, was hier im Haus für Butter draufgeht. Und dann für Schlackwurst und Käse – laß mal sehen – notiert – und dann für Schinken – hm – zählt zusammen. Das macht ja gleich –
Hedwig. Und das Bier kommt auch noch dazu.
Gina. Ja, versteht sich. Notiert. Es läuft ins Geld; aber es muß ja sein.
Hedwig. Dafür haben Du und ich ja doch auch kein warmes Mittagessen gebraucht, weil Vater aus war.
Gina. Ja; und das war gut. Na, und dann habe ich ja auch acht Kronen fünfzig für Photographien eingenommen.
Hedwig. Denk nur, – so viel war das!
Gina. Akkurat acht Kronen fünfzig.
Pause. Gina nimmt ihr Nähzeug wieder zur Hand. Hedwig nimmt Papier und Bleistift und fängt an, etwas zu zeichnen, mit der linken Hand die Augen beschattend.
Hedwig. Ist es nicht wundernett, Vater auf einem großen Diner beim reichen Herrn Werle zu wissen?
Gina. Das kannst Du doch nicht sagen, daß er beim reichen Herrn Werle ist. Der Sohn hat ihn doch holen lassen. Nach kurzer Pause. Mit dem alten Werle haben wir doch nichts zu schaffen.
Hedwig. Ich freue mich riesig drauf, wenn Vater nach Hause kommt. Denn er hat versprochen, er will Frau Sörby um etwas Gutes für mich bitten.
Gina. Ja, Du, glaub' man, in dem Haus, da gibt es Dir gute Sachen!
Hedwig immer zeichnend. Ein bißchen hungrig bin ich nun auch.
Der alte Ekdal mit einem Stoß Papiere unter dem Arm und einem anderen Paket in der Rocktasche, tritt durch die Flurtür ein.
Gina. Wie spät Sie heut nach Hause kommen, Großvater.
Ekdal. Das Kontor war zu. Mußte bei Gråberg warten. Und dann mußte ich durch – hm.
Hedwig. Haben sie Dir wieder etwas zum Abschreiben gegeben, Großvater?
Ekdal. Den ganzen Stoß hier. Sieh bloß mal.
Gina. Das ist ja fein.
Hedwig. Und in der Tasche hast Du auch noch ein Paket.
Ekdal. So? Ach was! Das ist weiter nichts. Stellt seinen Stock in den Winkel. Das gibt wieder für eine ganze Zeit Arbeit, das da, Gina. Zieht den einen Flügel der Tür hinten ein wenig zur Seite. Pst! Guckt einen Augenblick in den Raum und schiebt die Tür dann wieder vorsichtig zu. He – he! Sie schlafen schon, alle miteinander. Und sie hat sich in den Korb gelegt. He – he!
Hedwig. Bist Du sicher, Großvater, daß sie im Korb nicht friert?
Ekdal. I, was fällt Dir ein! Frieren! In der Masse Stroh? Geht nach der oberen Tür links. Wo sind die Streichhölzer?
Gina. Die Streichhölzer stehen auf der Kommode.
Ekdal ab in sein Zimmer.
Hedwig. Das ist wirklich gut, daß Großvater wieder die Masse Schreibarbeit bekommen hat.
Gina. Ja, der arme alte Vater. So verdient er sich doch wenigstens ein bißchen Taschengeld.
Hedwig. Und dann kann er nicht den ganzen Vormittag in der ekligen Madam Eriksen ihrer Kneipe sitzen.
Gina. Das auch, ja. Kurze Pause.
Hedwig. Glaubst Du, sie sind noch bei Tisch?
Gina. Das weiß der liebe Gott. Kann schon möglich sein.
Hedwig. Denk bloß, das viele gute Essen, das Vater kriegt. Ich bin sicher, er ist froh und vergnügt, wenn er kommt. Meinst Du nicht auch, Mutter?
Gina. Ja; aber, Du, wenn wir ihm nun noch erzählen könnten, daß wir die Stube vermietet haben.
Hedwig. Aber das ist heut nicht nötig.
Gina. Ach Du, das käme uns aber auch ganz zu paß. Und für uns hat die Stube doch keinen Zweck.
Hedwig. Nein, ich meine, es ist nicht nötig, weil Vater heut so wie so gut aufgelegt ist. Es ist besser, die Sache mit dem Zimmer, die bleibt für ein ander Mal.
Gina sieht hin zu ihr. Du freust Dich wohl, Vater was Gutes erzählen zu können, wenn er abends nach Hause kommt?
Hedwig. Ja, – weil es dann hier lustiger ist.
Gina sinnt vor sich hin. Ach ja! Ist auch wahr.
Der alte Ekdal kommt wieder herein und will durch die vorderste Tür links hinausgehen.
Gina wendet sich auf dem Stuhl halb um. Großvater, wollen Sie etwas in der Küche?
Ekdal. Will was, ja. Aber bleib nur sitzen. Ab.
Gina. Er wirtschaftet da draußen doch wohl nicht mit den glühenden Kohlen herum? Wartet einen Augenblick. Hedwig, sieh mal nach, was er da macht.
Ekdal kommt wieder mit einem kleinen Henkelkrug voll dampfenden Wassers.
Hedwig. Du holst Dir warmes Wasser, Großvater?
Ekdal. Jawohl – tu' ich. Brauch's zu was. Ich muß schreiben, und nun ist die Tinte dick geworden wie Brei, – hm.
Gina. Aber, Großvater, essen Sie doch erst Ihr Abendbrot. Ich habe es Ihnen ja hineingesetzt.
Ekdal. Aus dem Abendbrot, da mache ich mir nichts draus, Gina. Hab' riesig zu tun, sag' ich Dir. Ich will keinen drin haben in meiner Kammer. Keinen, – hm.
Ab in sein Zimmer. Gina und Hedwig wechseln Blicke.
Gina leise. Ahnst Du, woher er das Geld hat?
Hedwig. Er hat es gewiß von Gråberg.
Gina. Keine Idee. Gråberg schickt ja das Geld immer an mich.
Hedwig. Dann muß er irgendwo eine Flasche auf Borg genommen haben.
Gina. Armer Großvater; ihm borgt doch keiner was.
Hjalmar im Überzieher, mit grauem Filzhut, kommt von rechts.
Gina wirft das Nähzeug hin und steht auf. Aber, Ekdal, Du bist schon wieder da?
Hedwig gleichzeitig, springt auf. Nein, daß Du schon nach Haus kommst, Vater!
Hjalmar legt den Hut weg. Ja, es sind die meisten gegangen.
Hedwig. So zeitig?
Hjalmar. Ja, es war doch ein Diner.
Will den Überrock ausziehen.
Gina. Laß mich Dir helfen.
Hedwig. Mich auch. Sie ziehen ihm den Rock aus. Gina hängt ihn an der Rückwand auf.
Hedwig. Waren viel Leute da, Vater?
Hjalmar. Ach nein, nicht viel. Wir waren so etwa zwölf bis vierzehn Personen bei Tisch.
Gina. Und mit den allen hast Du geredet?
Hjalmar. O ja, ein bißchen; hauptsächlich hat mich aber Gregers in Beschlag genommen.
Gina. Ist Gregers noch immer so häßlich?
Hjalmar. Na, schön sieht er ja nicht gerade aus. – Ist der Alte schon zu Hause?
Hedwig. Ja, Großvater sitzt drin und schreibt.
Hjalmar. Hat er etwas gesagt?
Gina. Nein, was hätte er denn sagen sollen?
Hjalmar. Hat er nicht erzählt, daß –? Ich glaube gehört zu haben, er wäre bei Gråberg gewesen. Ich will ein bißchen zu ihm hineingehen.
Gina. Nee, nee, laß man –
Hjalmar. Wieso? Hat er gesagt, er will mich nicht drin haben?
Gina. Er will heut niemand drin haben –
Hedwig macht ein Zeichen. Hm – hm!
Gina merkt es nicht. – er ist hier gewesen und hat sich warmes Wasser geholt –
Hjalmar. Aha! nun sitzt er und –?
Gina. Wird schon so sein.
Hjalmar. Herrgott, – mein armer, alter, greiser Vater –! Ja, laßt ihn nur sitzen und sich recht ordentlich was zugute tun.
Der alte Ekdal im Hausrock mit brennender...




