E-Book, Deutsch, 110 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Ibsen Nora oder Ein Puppenheim
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401832-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schauspiel in drei Akten
E-Book, Deutsch, 110 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401832-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon.
Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur.
Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.
Henrik Ibsen war seiner Zeit weit voraus. Bis heute sind die starken Frauen seiner Stücke begehrte Schauspielrollen. Eine seiner berühmten Frauenfiguren ist Nora, die ihre Ehe verlässt, als sie begreift, dass ihr Leben einem goldenen Käfig gleicht. Ibsens Dramen, zu ihrer Zeit große Skandale auf den Bühnen der Welt, haben auch nach hundert Jahren nichts von ihrer Schlagkraft eingebüßt: Was sie an Frauenschicksalen exemplarisch gestalten, ist die menschliche Suche nach Selbstbestimmung und die Sehnsucht nach Einzigartigkeit.
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Erster Akt
Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer. Rechts im Hintergrund führt eine Tür in das Vorzimmer; eine zweite Tür links im Hintergrund führt in Helmers Arbeitszimmer. Zwischen diesen beiden Türen ein Klavier. Links in der Mitte der Wand eine Tür und weiter nach vorn ein Fenster. Nahe am Fenster ein runder Tisch mit Lehnstühlen und einem kleinen Sofa. Rechts an der Seitenwand weiter zurück eine Tür und an derselben Wand weiter nach vorn ein Kachelofen, vor dem ein paar Lehnstühle und ein Schaukelstuhl stehen. Zwischen Ofen und Seitentür ein kleiner Tisch. An den Wänden Kupferstiche. Eine Etagere mit Porzellan und anderen künstlerischen Nippessachen; ein kleiner Bücherschrank mit Büchern in Prachteinbänden; Teppich durchs ganze Zimmer. Im Ofen ein Feuer. Wintertag.
Im Vorzimmer klingelt es; gleich darauf hört man, wie geöffnet wird. Nora tritt vergnügt trällernd ins Zimmer; sie hat den Hut auf und den Mantel an und trägt eine Menge Pakete, die sie rechts auf den Tisch niederlegt. Sie läßt die Tür zum Vorzimmer hinter sich offen, und man sieht draußen einen Dienstmann, der einen Tannenbaum und einen Korb trägt; er übergibt beides dem Hausmädchen, das ihnen geöffnet hat.
NORA
Tu den Tannenbaum gut weg, Helene. Die Kinder dürfen ihn keinesfalls vor heut abend sehen, wo er geputzt ist. Zum Dienstmann, indem sie ihr Portemonnaie hervorzieht Wieviel –?
DIENSTMANN
Fünfzig Öre.
NORA
Da haben Sie eine Krone –. Nein – behalten Sie den Rest. Der Dienstmann dankt und geht. Nora schließt die Tür. Sie lacht noch immer stillvergnügt vor sich hin, während sie Hut und Mantel ablegt. Sie zieht eine Tüte mit Makronen aus der Tasche und ißt ein paar; dann geht sie vorsichtig an die Tür ihres Mannes und lauscht. Ja, er ist zu Hause. Trällert wieder leise vor sich hin, indem sie rechts an den Tisch tritt.
HELMER in seinem Zimmer
Zwitschert da draußen unsere Lerche?
NORA während sie einige Pakete öffnet
Jawohl!
HELMER
Poltert da unser Eichhörnchen herum?
NORA
Ja!
HELMER
Wann ist das Eichhörnchen nach Hause gekommen?
NORA
Diesen Augenblick. Steckt die Makronentüte in die Tasche und wischt sich den Mund ab. Komm, Torvald, und sieh dir mal meine Einkäufe an.
HELMER
Nicht stören! Bald darauf öffnet er die Tür und sieht herein, mit der Feder in der Hand. Einkäufe, sagst du? Diese vielen Sachen? Ist der kleine lockere Zeisig wieder ausgewesen und hat Geld verschwendet?
NORA
Aber Torvald, dies Jahr dürfen wir doch wirklich ein bißchen über die Stränge schlagen. Sind’s doch die ersten Weihnachten, wo wir nicht zu sparen brauchen.
HELMER
Hör mal, du, Luxus dürfen wir auch nicht treiben.
NORA
Doch, Torvald, wir dürfen jetzt schon ein bißchen Luxus treiben. Nicht wahr? Nur ein ganz, ganz klein bißchen. Du bekommst ja nun ein großes Gehalt und wirst viel, viel Geld verdienen.
HELMER
Jawohl, von Neujahr ab. Aber dann vergeht noch ein ganzes Quartal, bis das Gehalt fällig ist.
NORA
Bah! Bis dahin können wir ja borgen.
HELMER
Nora! Geht hin zu ihr und zupft sie scherzhaft am Ohr. Geht schon wieder der Leichtsinn mit dir durch? Gesetzt den Fall, ich borgte mir heute tausend Kronen, und du brächtest sie in der Weihnachtswoche durch, und am Sylvesterabend fiele mir ein Ziegelstein auf den Kopf, und ich läg da –
NORA hält ihm den Mund zu
Pfui, laß die schrecklichen Reden!
HELMER
Ja, nimm mal an, daß so was passierte, – was dann?
NORA
Wenn so was Gräßliches passierte, dann wär mir’s ganz gleichgültig, ob ich Schulden hätte oder nicht.
HELMER
Und meine Gläubiger?
NORA
Die? Wen gingen die was an? Das sind ja fremde Leute.
HELMER
Nora, Nora, du bist ein Weib! Doch im Ernst gesprochen, Nora, du weißt, wie ich in dieser Hinsicht denke. Keine Schulden machen! Niemals borgen! Es kommt etwas Unfreies und damit auch etwas Unschönes über ein Hauswesen, das auf eine Borgwirtschaft gegründet ist. Bis auf den heutigen Tag haben wir beide tapfer ausgehalten, und das wollen wir nun auch noch die kurze Zeit tun, wo es nötig ist.
NORA geht zum Ofen hin
Na ja; wie du willst, Torvald.
HELMER geht hinter ihr her
Ei, nun darf aber unsere kleine Lerche auch nicht die Flügel hängen lassen. Wie? Unser Eichhörnchen steht und mault? – Zieht das Portemonnaie. Nora, was mag ich da wohl haben?
NORA wendet sich schnell um
Geld!
HELMER
Da nimm! Gibt ihr einige Banknoten. Du lieber Gott, ich weiß, daß zu Weihnachten im Hause eine hübsche Summe draufgeht.
NORA zählt
Zehn, – zwanzig, – dreißig, – vierzig. Schönen Dank, Torvald, schönen Dank; damit komme ich lange aus.
HELMER
Das mußt du aber auch!
NORA
Freilich, das werd ich. Aber nun komm und laß dir alle meine Einkäufe zeigen. Und so wohlfeile Einkäufe. Schau her, – ein neuer Anzug für Ivar – und dazu ein Säbel. Hier ist ein Pferd und eine Trompete für Bob, und da eine Puppe und Puppenwiege für Emmy. Es ist freilich recht einfach, aber sie macht doch immer gleich alles kaputt. Und hier Kleiderstoff und Taschentücher für die Mädchen. Die alte Anne-Marie müßte eigentlich viel mehr haben!
HELMER
Und was ist in dem Paket da?
NORA schreit
Weg, Torvald! Das bekommst du erst am Abend zu sehen!
HELMER
Ach so! – Aber nun sag mir, du kleiner Verschwender, womit hast du denn dich selbst bedacht?
NORA
Ach geh, – ich mich? Ich wüßte wirklich nicht, was –
HELMER
Du sollst aber! Nenne mir was Praktisches, was dir ganz besondere Freude machen würde.
NORA
Ich wüßte wirklich nichts. – Doch, Torvald, hör –
HELMER
Nun?
NORA spielt an seinen Knöpfen, ohne ihn anzusehen
Wenn du mir ein Geschenk machen willst, so könntest du ja –; du könntest –
HELMER
Na also – heraus damit!
NORA hastig
Du könntest mir Geld schenken, Torvald. So viel nur, wie du meinst entbehren zu können. Ich kann mir dann gelegentlich etwas dafür kaufen.
HELMER
Aber Nora –
NORA
Ja, tu’s, lieber Torvald, ich bitte dich recht sehr; ich wickle mir dann das Geld in schönes Goldpapier ein und hänge es an den Weihnachtsbaum. Wäre das nicht hübsch?
HELMER
Wie nennt man doch die Vögel, die alles Geld durchbringen?
NORA
Ja, ja, lockere Zeisige – ich weiß schon. Aber wenn du mir den Gefallen tust, Torvald, dann habe ich Zeit zu überlegen, was ich am notwendigsten brauche. Ist das nicht sehr vernünftig, Torvald, wie?
HELMER lächelnd
Ei freilich –, das heißt, wenn du das Geld, das ich dir gebe, wirklich festhalten und dir selbst etwas dafür kaufen könntest. So aber geht es im Haushalt und für allerhand unnütze Dinge drauf, und dann muß ich wieder herausrücken.
NORA
Ach bewahre – Torvald.
HELMER
Unleugbar, meine kleine liebe Nora! Legt den Arm um ihre Taille. Mein lockerer Zeisig ist entzückend, aber er braucht viel, viel Geld. Man sollt es nicht glauben, wie hoch einem Mann solch ein Vögelchen zu stehen kommt.
NORA
Aber nein! Wie kannst du nur so was sagen? – Ich spare doch, wo ich kann.
HELMER lacht
Ein wahres Wort! Wo du kannst. Aber du kannst absolut nicht.
NORA trällert und lächelt stillvergnügt
Hm! Du solltest nur wissen, wie viele Ausgaben wir Lerchen und Eichhörnchen haben, Torvald.
HELMER
Du bist ein seltsames kleines Ding. Ganz wie dein Vater. Auf jede Art bemühst du dich, Geld in die Hand zu kriegen, und sobald du es hast, verschwindet dir’s zwischen den Fingern; du weißt nie, wo es geblieben ist. Na, aber man muß dich nehmen, wie du bist. Das liegt im Blut. Ja, ja, ja, Nora, so was vererbt sich.
NORA
Nun, ich wünschte, ich hätte viele von Papas Eigenschaften geerbt.
HELMER
Und ich möchte dich gar nicht anders haben, als du bist, meine liebe kleine singende Lerche. Doch – da fällt mir etwas ein. Du siehst heute so – so, – wie soll ich gleich sagen?- so verdächtig aus –
NORA
Ich?
HELMER
Allerdings. Sieh mir mal gerade in die Augen.
NORA sieht ihn an
Na?
HELMER droht mit dem Finger
Hat das Leckermäulchen etwa heut in der Stadt genascht?
NORA
Aber nein, wie kommst du darauf?
HELMER
Hat das Leckermäulchen ganz gewiß keinen...




