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E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Ihde Ganz normal anders

Alles über Psychische Gesundheit, Störungsbilder, Perspektiven und Hilfsangebote
23004. Auflage 2023
ISBN: 978-3-03875-505-0
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Alles über Psychische Gesundheit, Störungsbilder, Perspektiven und Hilfsangebote

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-03875-505-0
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ob es uns gefällt oder nicht: In jedem Leben schlummert das Risiko, von einer psychischen Krankheit betroffen zu werden. Was sind Auslöser, was typische Symptome, die uns hellhörig machen sollten? In diesem einfach verständlichen Kompendium erfahren Laien alles über Krankheitsbilder, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote in der Schweiz. Die Leserinnen und Leser erkennen, wie sie ihrer psychischen Gesundheit bewusst Sorge tragen und im Krankheitsfall als Betroffene oder Angehörige gezielt reagieren und am richtigen Ort Unterstützung holen können. Wann ist eine Depression tatsächlich eine Depression? Wie begegnet man vereinnahmenden Ängsten? Wie erkennt man eine Schizophrenie, und was ist zu tun, wenn eine nahestehende Person von einer Essstörung betroffen ist? Was sind Zeichen für eine ernst zu nehmende Selbstgerfährdung? Solche Fragen beantwortet der aktuelle Beobachter-Ratgeber, und er vermittelt einen lebensnahen Überblick über die ganze Vielfalt an psychologischen und psychiatrischen Behandlungsangeboten, Informationsstellen und Selbsthilfegruppen in der Schweiz. Er erläutert Wirkungsweisen und Nebenwirkungen von Medikamenten und gibt Aufschluss über neuste Psychotherapiemethoden. Schliesslich klärt er auch über die Rechte von Patientinnen und Patienten bei Zwangsmassnahmen auf. Psychische Gesundheit ist ein wertvolles Gut. Dieses praktische Nachschlagewerk, das in Zusammenarbeit mit pro mente sana entstanden ist, gehört deshalb in jeden Haushalt.

Dr.med. Thomas Ihde-Scholl leitet als Chefarzt die Psychiatrie der «Spitäler fmi AG» im Berner Oberland und hat verschiedene Lehraufträge. Als Stiftungsrat von Pro Mente Sana setzt er sich auf nationaler Ebene für die Belange von psychisch Erkrankten und deren Angehörigen ein.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Allgemeine Informationen

Erleben wir einen Boom psychischer Krankheiten? Wo verläuft die Grenze zwischen psychisch krank und gesund? Wo finden Menschen mit psychischen Schwierigkeiten Hilfe? Hier finden Sie allgemeine Informationen und eine Übersicht über Anlaufstellen.

Schwere psychische Erkrankungen sind zum Glück relativ selten. Man geht davon aus, dass in der westlichen Welt etwa jeder 16. in seinem Leben psychisch schwer erkrankt, also etwa sechs Prozent der Bevölkerung. Als schwere psychische Erkrankungen gelten die Schizophrenien, die manisch-depressiven Erkrankungen, die schwere depressive Störung und gewisse Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Viel häufiger als die schweren Formen sind aber zum Beispiel Angsterkrankungen oder auch leichte bis mittelgradige depressive Erkrankungen.

GUT ZU WISSEN Zählt man alle psychischen Erkrankungen – leichte und schwere – zusammen, kann man davon ausgehen, dass in der Schweiz je nach Studie zwischen 30 und 93 Prozent aller Menschen einmal im Lauf ihres Lebens psychisch erkranken. Das tönt beängstigend. Doch gilt es zu bedenken, dass fast 100 Prozent der Bevölkerung in ihrem Leben körperlich erkranken – und dies sehen wir als normal an.

Nehmen psychische Erkrankungen zu?

Den Eindruck bekommt man gelegentlich aus den Medien, doch psychische Erkrankungen sind kein Phänomen unserer Zeit; es hat sie schon immer gegeben. In zahlreichen zum Teil 2000 Jahre alten Texten werden Menschen beschrieben, die unter einer Depression, einer manisch-depressiven Erkrankung oder auch einer Schizophrenie litten. Auch Demenzen wurden bereits vor relativ langer Zeit erwähnt.

Man geht davon aus, dass sich die Erkrankungsraten bei schweren psychischen Erkrankungen nicht gross verändert haben. Der Hauptgrund dafür, dass sie heute etwas häufiger sind, ist die gestiegene Lebenserwartung.

Zugenommen haben dagegen die Stresserkrankungen, Angsterkrankungen oder auch leichte bis mittelgradige depressive Erkrankungen. Hier ist allerdings unklar, ob diese früher einfach nicht erkannt und diagnostiziert wurden oder ob sie wirklich häufiger geworden sind. Oder ob die Zunahme auf einer Mischung aus beidem beruht. Nicht zuletzt haben sich auch die Definitionen einzelner Erkrankungen geändert; sie sind offener geworden, was in der Regel ebenfalls zu einer höheren Erkrankungsrate beiträgt.

HINWEIS Wir gehen gern davon aus, dass Stress ein reines Phänomen der Moderne und der Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen sei. Bei Naturvölkern zeigt sich aber, dass die Stressbelastung teilweise ebenso hoch ist wie bei uns. Und auch bei uns waren vor 500 Jahren Nahrungsmittelknappheit, Kindersterblichkeit, Gewalt und häufige Kriege an der Tagesordnung und mit einem hohen Stresspegel verbunden.

Sind psychische Erkrankungen ein Phänomen der westlichen Welt?

Nein. Die schwergradigen psychischen Erkrankungen finden sich bei allen Völkern auf unserem Planeten. So tritt die Schizophrenie in fast allen Kulturen gleich häufig auf. Und in gewissen zentralafrikanischen Ländern ist die Erkrankungsrate für schwere Depressionen sogar höher als in Westeuropa.

Der Umgang mit psychischen Krankheiten ist kulturabhängig. Es ist aber ein Mythos, dass Naturvölker Menschen mit einer Schizophrenie nicht stigmatisieren. Die Athabasken in Alaska etwa liessen Menschen mit einer psychischen Erkrankung einfach zurück, wenn sie in ein neues Jagdcamp zogen.

Wenn psychische Störungen so häufig geworden sind, wie unterscheidet man dann, was noch gesund und was bereits krank ist?

Depressiv fühle ich mich ab und zu, schüchtern bin ich schon immer gewesen, und mit meiner Konzentrationsfähigkeit steht es auch nicht zum Besten – habe ich jetzt eine depressive Störung, eine soziale Phobie oder ein ADHS?

Man ist heute der Ansicht, dass sich die meisten psychischen Erkrankungen auf einem Kontinuum zwischen gesund und krank befinden. Viele von uns kennen Stimmungsschwankungen, Stunden oder Tage, an denen wir uns als depressiv, lustlos und innerlich leer erleben. Das ist normal und für sich genommen noch kein Zeichen einer depressiven Erkrankung. Als leichte Depression wird dieser Zustand dann bezeichnet, wenn er für mindestens zwei Wochen anhält. Er behindert Menschen in ihrer Lebensqualität; sie sind aber immer noch fähig, zum Beispiel ihr Arbeitspensum zu erfüllen. Sind die Symptome stärker, spricht man von einer mittelgradigen Depression; hier wird Arbeiten bereits schwierig. Manche Menschen schliesslich werden so depressiv, dass sie nur noch in sich versunken sind und sogar vergessen, sich zu ernähren. Sie leiden an einer schweren Depression. An diesen Beispielen zeigt sich die Bandbreite von der noch als normal betrachteten Verstimmung bis zur schweren Depression.

HINWEIS In der Regel spricht man von einer Krankheit, wenn die normale Regenerationsfähigkeit unseres Körpers überfordert wird. Ein Beispiel: Im Winter haben wir alle Kontakt mit Viren, atmen Tausende davon ein – unser Immunsystem schützt uns. Ist es geschwächt, gibt es zu viele Viren oder sind sie sehr aggressiv, überfordert das unsere Abwehr, und wir entwickeln eine Erkältung oder auch eine Grippe. Ähnlich verhält es sich bei psychischen Erkrankungen: Wir besitzen eine psychische Widerstandskraft und können Stress, Krisen oder den Verlust einer nahestehenden Person im Allgemeinen mit der Zeit bewältigen. Diese Regenerationsfähigkeit und Widerstandskraft wird auch Resilienz genannt (siehe auch Seite 29). Zu einer psychischen Erkrankung kommt es, wenn die Balance zwischen Resilienz und Belastung kippt.

Zusätzlich bestimmen gesellschaftliche Konventionen, was als Krankheit bezeichnet wird. Besonders kontrovers ist dies zurzeit bei Kindern. In einzelnen Studien erfüllen zwei Drittel der Kinder die Kriterien für eine psychische Erkrankung. Auf den ersten Blick ist dies erschreckend. Nun ist es aber gar nicht so einfach, zu entscheiden, was besser ist: Soll die Hürde für die Diagnose eher tief sein – in der Hoffnung, dass man psychische Erkrankungen früh erfassen und behandeln kann? Oder soll die Hürde eher höher sein, damit Kinder, die sich von selbst regeneriert hätten, nicht diagnostiziert werden?

HINWEIS Tatsache ist: In der Regel wird die Förderung von Kindern nur finanziert, wenn eine Diagnose vorliegt. Dies führt zu Diagnose-, aber nicht eigentlich zu Erkrankungs«explosionen».

Gerade im Übergangsbereich zwischen «gesund, aber mit ein paar Auffälligkeiten» und «leicht krank» sind sich die Fachleute auch heute sehr unsicher. Dies führt bedauerlicherweise immer wieder dazu, dass gewisse Erkrankungen oder auch die Psychiatrie generell in Frage gestellt werden. Das Resultat ist Unverständnis denjenigen Betroffenen gegenüber, die schwer krank sind.

Was sind die vier Dimensionen bei psychischen Erkrankungen?

Hier geht es um ein Krankheitsmodell, das erklärt, warum uns psychische Erkrankungen wesentlich mehr beeinträchtigen als körperliche.

Mit der ersten Dimension sind die Anzeichen oder Symptome gemeint, die wir selbst bei uns bemerken und/oder die unserem Umfeld auffallen. Wir fühlen uns lustlos, verspüren plötzlich den Drang, die Herdplatte immer wieder zu kontrollieren, oder haben auf einmal Angst, dass der Nachbar uns beschattet. Wir merken: Etwas stimmt nicht mehr, ist anders.

In der zweiten Dimension werden diese Symptome in einen Kontext gesetzt: Eine Ärztin diagnostiziert eine Zwangsstörung, der Mutter wird erklärt, ihr Sohn sei psychotisch. So lässt sich das Ganze besser einordnen. Das kann entlastend wirken, es kann aber auch Angst machen.

Die dritte Dimension betrifft das Soziale, die sogenannte Krankenrolle. Wer schwer depressiv ist, wird vom Arzt krankgeschrieben. Von dem Betroffenen wird nicht mehr erwartet, dass er täglich arbeiten geht oder zu Hause für die Kinder kocht. Es erfolgt eine Entlastung.

In der Psychiatrie am wichtigsten ist die vierte Dimension. Um sie verständlich zu machen, zunächst ein Beispiel aus dem physischen Bereich: Die Diagnose Krebs wirkt sich auf das Leben der Betroffenen einschneidend aus. Die Lebensperspektive ist plötzlich eine völlig andere, die Selbstwahrnehmung verändert sich, das gesamte Leben wird von einem Moment auf den anderen von der Diagnose dominiert. Bei psychischen Erkrankungen oder Diagnosen passiert etwas Ähnliches; sie prägen unser ganzes Leben. Unser Selbstverständnis wird erschüttert, wir werden unsicher, trauen uns ganz normale tägliche Entscheidungen nicht mehr zu. Vom Umfeld werden wir anders wahrgenommen und behandelt. Wir haben das Gefühl, man habe uns einen Stempel mit den Worten «psychisch krank» auf die Stirn gedrückt. Mit anderen Worten: Wir werden stigmatisiert.

Berührungsängste und Stigmatisierung

Das Wort Stigma bedeutet Brand- oder Wundmal; jemanden zu stigmatisieren bedeutet, ihn «abzustempeln». Die Diagnose «psychisch krank» verändert unsere Sicht auf die betreffende Person, lässt ihr Wesen und ihr Verhalten in einem anderen Licht erscheinen. Wir wenden uns instinktiv von stigmatisierten Menschen ab und meiden sie. Psychische Krankheit macht Angst. Betroffene verhalten sich plötzlich so anders, sind nicht mehr «rational». Wir wissen nicht, wie auf sie zugehen, wie mit ihnen reden und worüber. Und vielleicht haben wir insgeheim ein kleines bisschen den Verdacht, dass sie an ihrem Los irgendwie selbst schuld sind.

Stigmatisierung zeigt...



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