E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Illinger Cortex
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60397-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller | Ein packender Wissenschaftsthriller, exzellent recherchiert
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-492-60397-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick Illinger, geboren 1965, forschte am Europäischen Forschungszentrum CERN über Antimaterie, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben widmete. 1997 wurde Patrick Illinger leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung, wo er zunächst die Online-Redaktion aufbaute. Zwischen 2002 und 2020 leitete er das Ressort »Wissen«. Zudem leitete er von 2004 bis 2008 die Redaktion des Wissens-Magazins SZ Wissen der Süddeutschen Zeitung. Seit September 2020 koordiniert er die Wochenendausgabe der SZ.
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2
Pete’s Tavern, New York City, USA
Yu Jihai, ein zwei Meter fünfzehn großer Angreifer des chinesischen Kaders, trat an die Freiwurfmarke. Dreimal ließ er den Basketball vom Boden abprallen, bevor er den Korb anvisierte. Er hob den Wurfarm und stabilisierte den Ball mit der linken Hand. Die Bewegung sah perfekt aus, aber der Ball prallte an die Platte, federte am Korb ab und fiel zurück ins Spielfeld, wo ihn ein italienischer Abwehrspieler schnappte und zum Gegenangriff überging.
In der Bar brach Jubel aus. Eine Gruppe italienischer Touristen prostete dem Fernsehschirm zu und ließ die Gläser aneinanderknallen.
»Ihr seid noch gut im Rennen«, rief Livia Chang zu ihnen hinüber, »sechs Punkte Rückstand, das ist zu schaffen!« Ihr Italienisch war makellos.
Die Italiener rissen die Köpfe herum. Sie blickten Livia erstaunt an, hoben ihre Daumen und prosteten ihr zu. Auch sie hob ihr Glas und schenkte ihnen ein Lächeln.
»Was hast du gesagt?«, fragte Rebecca Blumenstein, eine Nachrichtenredakteurin, die neben Livia saß.
»Nur eine kleine Aufmunterung. In Wahrheit fürchte ich, dass ihre Mannschaft keine Chance gegen die Chinesen hat.«
Es war ein langer Tag gewesen. Der Chefredakteur der New York Times hatte die gesamte Redaktion zusammengetrommelt, um diverse Umstrukturierungen zu verkünden. Für das Meeting war Livia zwei Tage zuvor eigens aus Rom angereist, wo sie das Außenbüro der Times leitete. Nachdem das Treffen zu Ende gegangen war, hatte sie sich einer Gruppe Kollegen angeschlossen, um den Tag mit einem Feierabendbier abzuschließen. Oder auch zwei.
Bill Kortz, der das berühmte Kreuzworträtsel der Times gestaltete, prostete Livia zu. »Dein Italienisch ist verflucht gut«, sagte er. »Ich habe vor Jahren einen Kurs belegt. Kann mich aber nur an mille grazie erinnern.«
Dan Fernandez, ein Reporter aus dem Hauptstadtbüro in Washington, mischte sich ein: »Mit meinem Spanisch kann ich immerhin Bruchstücke verstehen.«
Vom Italienertisch kam erneut Jubel.
»Wow, 66 : 70. Das können die Italiener noch schaffen. Oder bist du für die Chinesen, Livia?«, fragte Jeff Glockner, ein Investigativreporter, der bereits das dritte Bier leerte.
»Sie wartet ab, wer gewinnt«, witzelte Blumenstein.
»Halb Italienerin, halb Chinesin, ein Traum«, sagte Glockner.
Livia lächelte ihre Kollegen an. »Habt ihr vergessen, dass ich Amerikanerin bin?«
»Na klar, so gut, wie du Italienisch sprichst!«, rief Fernandez. Er lachte über seinen albernen Scherz.
»Achtung, Leute …« Jack Westinghouse, ein Technikredakteur, deutete mit gestrecktem Arm auf den Flachbildschirm über dem Bartresen.
Die Squadra Azzurra passte den Ball mit beeindruckender Geschwindigkeit um die Dreipunktelinie. Gilberto Tomba, Italiens Center, lancierte vom rechten Corner einen überraschend hohen Wurf und traf präzise. Der Ball berührte nicht mal das Metall der Netzhalterung, sondern donnerte mit Wucht hindurch. Drei Punkte. Nun stand es 69 : 70. Noch führten die Chinesen, aber am Italienertisch ging es zu, als wäre die Partie schon gewonnen.
»Na ja, irgendwie bist du keine typische Amerikanerin«, brummte Glockner, der überaus charmant sein konnte, wenn er nicht gerade das vierte Bier bestellte.
»Wie sind denn Amerikanerinnen?«, fragte Livia.
Fernandez kam ihr zu Hilfe. »Na ja, groß, blond, dicke Titten, aufgespritzte Lippen. Glockners Typ eben …«
»Fick dich«, zischte Glockner.
Livia lachte. »Das mit den Lippen überlege ich mir noch.«
»Bloß nicht!«, rief Blumenstein. »Nur schade, dass du dich an diesen weltfremden Physiker verschenkst.«
»Hey, das ist meine Sache. Nicola ist ein wundervoller Mann.«
»Nur, dass du ihn kaum je zu sehen bekommst, weil er ständig in seinem Teilchenlabor unter der Erde steckt.«
Livia blickte auf ihr Bierglas. »Er ist es wert.«
»Geschmack hat er auf jeden Fall«, sagte Kortz, der Kreuzworträtselmann.
»Danke, Will, aber sprachen wir vorhin nicht über Compliance-Regeln?«
»Man darf keine Komplimente mehr machen?« Glockners Zunge wurde minütlich schwerer.
»Jetzt ist gut, ihr Möchtegernmachos«, ging Blumenstein dazwischen.
Die Männer lachten und prosteten sich zu.
Livia musste schlucken. Sie dachte an Nicola. Vor drei Wochen hatte sie ihn zuletzt gesehen. Es war ein romantisches Wochenende gewesen, in Chioggia, der kleinen Schwester Venedigs. Sie hatte es genossen, aber mit düsterem Gewissen. Sie hätte es Nicola damals schon erzählen müssen. Die Sache mit Gigi. Mit Giancarlo Idda, einem Redakteur von La Stampa. Sie spürte ein ungutes Stechen im Bauch.
Seit dem Ausrutscher hatte sie pausenlos gearbeitet und weder an Nicola noch an Gigi gedacht. Sie war froh gewesen über dieses Meeting in New York. Eine willkommene Ablenkung. Auch wenn sie morgen wieder im Flugzeug nach Rom sitzen würde. Zurück in ihr Leben. Vor Entscheidungen gestellt.
Seit mehr als einem Jahr war sie inzwischen Korrespondentin der New York Times in Rom. Den Job hatte sie sich aussuchen können, nachdem sie den Pulitzerpreis gewonnen hatte. Die Auszeichnung hatte sie für eine Reportage im New York Times Magazine erhalten. Darin hatte sie den Verbleib des vor achtzig Jahren auf mysteriöse Weise verschwundenen Physikers Ettore Majorana aufgeklärt. Die Recherche und der achtzehn Seiten lange Bericht hatten ihr neben Ruhm und Ehre auch einen Buchvertrag mit vierhunderttausend Dollar Vorschuss eingebracht. Das Buch mit dem Titel Peacock House war vor einigen Monaten erschienen und sofort ein Bestseller geworden, auch in Italien. Der verschwundene Physiker, ein gebürtiger Sizilianer, war in seinem Heimatland seit Jahrzehnten eine Legende. Es war der berühmteste Vermisstenfall Italiens. Livia hatte jedoch keine Sekunde lang daran gedacht, sich auf diesem Erfolg auszuruhen, sondern sich in ihre Arbeit als Korrespondentin gestürzt.
Für den Ortswechsel hatte es einen weiteren Grund gegeben. Während der Recherche zu der Majorana-Geschichte hatte sie sich in Nicola Caneddu verliebt, einen Wissenschaftler, der in einem unterirdischen Labor in Mittelitalien Elementarteilchen erforschte. Sein Arbeitsplatz war nur zwei Autostunden von Rom entfernt. Doch die teils wochenlangen Experimente unter dem zweitausend Meter hohen Granitberg nahmen den Physiker voll in Beschlag. Für Livia fühlte es sich zunehmend an, als wäre sie mit einem Astronauten liiert.
Dabei hatte Nicola in den vergangenen Wochen mit seiner liebevollen Art das Thema Kinder ins Gespräch gebracht. Doch wie sollte das gehen, fragte sich Livia. Sie hatten beide mörderisch zeitaufwendige Jobs. Wann und wie wäre da Zeit für eine Familie?
Sie hatte sich mehr denn je in ihre Arbeit vertieft. Die Regierungskoalition Italiens war zum zweiten Mal in zwölf Monaten zerbrochen. Als erste ausländische Journalistin hatte Livia in Erfahrung gebracht, wer neuer Ministerpräsident werden würde, und ein langes Interview mit dem Sozialisten in ihrer Zeitung veröffentlicht. Wenn sie tief in ihrer Arbeit steckte, musste sie sich nicht den Kopf zerbrechen, ob sie mit Nicola eine Familie gründen wollte. Oder mit Gigi ein neues Abenteuer beginnen. Oder nichts davon.
Das Gebrüll der Italiener am Nebentisch holte sie zurück in die Realität. Die Chinesen hatten einen Zweipunktewurf geschafft und führten wieder mit drei Punkten Abstand.
»Basketball kommt für dich eher nicht infrage, oder, Livia? Mit deinen Einswieviel?«, fragte Fernandez.
»Einszweiundsechzig.«
»Eher Bodenturnen. Oder Pferderennen«, sagte Glockner. Seine Witze wurden nicht besser.
»Mugsy Bogues!«, rief Livia.
»Wie bitte?«
»Gutes Beispiel«, sagte Bill Pennington, ein Sportkolumnist. »Mugsy Bogues war von 1987 bis 2003 Stammspieler der amerikanischen NBA. Und nur eins sechzig groß.«
»Zwei Zentimeter kleiner als ich«, betonte Livia.
Ihre Kollegen blickten erstaunt.
»Im Ernst? An den kann ich mich gar nicht erinnern«, sagte Fernandez. »Sein Trick war vermutlich, durch die Beine der Gegner zu schlüpfen.«
»Die Charlotte Hornets und die Dallas Mavericks liebten ihn....




