E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Im Himmel gibt´s Lachs
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7453-1449-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Deutschlands charmanteste Präparatorin über den Tod und ihr Leben im Leichenkeller
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7453-1449-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Brauneis ist ausgebildete medizinische Präparatorin und Notfallseelsorgerin. Seit 1998 leitet sie den Sezierbereich der Pathologie der Technischen Universität in München. Unter ihrem Pseudonym »Frollein Tod« erzählt sie auf zahlreichen Veranstaltungen von ihrem spannenden Alltag als Sektionsassistentin und Trauerbegleiterin. Sie lebt mit ihrem Mann und Kater Ralle in Bayern.
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KAPITEL 3
OMA GERTRUD,
MEINE ERSTE GROSSE LIEBE
Ein bisschen kennen Sie sie ja bereits, meine Uroma »Oma Gertrud«. Doch weil sie die Seele ist, die mich am stärksten beeinflusst hat und die ich lieben werde, so lange ich lebe (und, wer weiß, vielleicht auch darüber hinaus), schenke ich ihr ein ganzes Kapitel.
Oma Getrud und ich waren unzertrennlich, ich hing an ihrem Rockzipfel, wo immer sie auch war, bekam einfach nicht genug von ihr, von dieser kräftigen Erscheinung, das Haar stets in Wasserwellen gelegt und zu einem Dutt zusammengesteckt. Sie war der kostbarste Mensch in meiner kindlichen Welt – und natürlich die weltbeste Köchin und Bäckerin. Ihre Umarmungen waren liebevoll und warm. Nahm sie mich nicht gerade in den Arm, so gab es für mich keinen schöneren Platz als auf dem alten Schlafsofa in ihrer Küche. Sie hatte immer eine kleine Flasche Malzbier für mich in ihrem Schrank versteckt, obwohl sie deswegen jedes Mal Ärger bekam, wenn ihre Tochter, meine Omi, die im selben Haus wohnte, uns beim Malzbiergelage erwischte. Hatte ich Bauchschmerzen, rieb Oma Getrud mir den Bauch mit Butter ein, und sofort war alles wieder gut. Unter ihren Händen tat mir nichts mehr weh. Sie war auch sehr bewandert in Kräuterkunde, zog im Garten alle möglichen Pflanzen für Tinkturen heran und heilte die Wehwehchen in der Familie.
Wenn ich morgens lachte, weil ich immer glücklich und unbeschwert war, wenn ich mit ihr zusammen war, hielt sie mir schnell den Mund zu und sagte mit vor Schreck geweiteten Augen: »Vögel, die früh singen, holt abends die Katze!« Wie oft sollte sie damit recht behalten … Heute noch fällt mir das manchmal ein, wenn ich versehentlich schon morgens glücklich bin und lachen muss. Dann reiße ich mich sofort zusammen, denn wer will schon abends weinen? Manchmal war ich aber auch ziemlich verunsichert, zum Beispiel, wenn ich kaltes Wasser aus der Leitung trank und sie es mir wegnahm, weil ich davon Läuse im Bauch bekam. Eine komische Vorstellung, aber noch mehr fürchtete ich mich vor dem Kirschbaum, der aus meinem Popo wachsen würde, wenn ich weiter die Kirschkerne mitaß.
Ich fand es herrlich, ihr beim Frisieren zuzusehen. Sie trug ein Duttkissen aus echtem Haar, das ich total gerne in die Hand nahm und betrachtete. Eigentlich war dieses verfilzte Ding ziemlich eklig, aber damals liebte ich es, weil es Oma Getrud gehörte. Unvergesslich sind auch die Nachmittage, an denen ich mit ihr Kartoffelkäfer einsammelte. Dazu benutzten wir einen braunen Tonkrug, der am Ende voller gefräßiger Krabbler war, ein braunbeige-gestreiftes Gewimmel.
Und brachte sie mich abends ins Bett, dann niemals, ohne das Bett vorher mit einer gusseisernen Wärmflasche oder einem Ziegelstein aus dem Ofen vorzuwärmen. Sobald ich dann unter dem mollig warmen Federbett lag, wünschte ich mir eine von Omas Geschichten, denn sie konnte die allerschönsten und allerspannendsten Geschichten erzählen, von Feldhamstern auf dem Kartoffelfeld bei der Ernte, von dem Feuer, das sie von ihrem Fenster aus sehen konnte, als Dresden während des Krieges brannte, von Erlebnissen aus den ersten Jahren meiner Kindheit.
Die Geschichte vom verwundeten Soldaten im Weinglas aber erzählte Oma mir in ihrem Fernsehzimmer, wo sie am liebsten in dem abgeranzten dunkelgrünen Ohrensessel saß. Ich war gerade mit Fädeln beschäftigt – was habe ich nicht alles aufgefädelt: Strohhalme, Apfelkerne, Puffreis und Sternchennudeln –, als sie sich erhob und mich an der Hand nahm. »Komm mal mit, ich will dir etwas zeigen.« Wir gingen zu der Glasvitrine und Oma holte ein leeres Weinglas mit grünem Stiel heraus. »Schau aufmerksam hinein, und dann sag mir, was du siehst!«
Ich tat wie mir geheißen, während sie wieder und wieder mit dem Zeigefinger über den Rand des Glases fuhr. Das Glas surrte, und ich war gespannt, was es mir Geheimnisvolles offenbaren würde. Plötzlich manifestierte sich darin ein Gesicht. Zunächst sah ich es wie durch einen feinen Nebel, bis es nach und nach klarer wurde. Es war das Gesicht eines jungen Mannes. Er trug einen blutigen Kopfverband. Ich sehe ihn auch jetzt wieder deutlich vor mir …
»Oma, da ist ein Mann mit einem Verband am Kopf. Er blutet und sieht traurig aus.«
Oma schwieg zunächst, dann sagte sie: »Ein Soldat. Ich kenne ihn.«
Das war alles. Sie beendete ihren kleinen Glaszauber, fragte mich nichts mehr und wir verloren auch nie wieder ein Wort darüber. Schweigend wandte ich mich meiner neuen Kette zu, entschied mich aber für alte Knöpfe statt für Perlen, und wir taten, als wäre es ganz normal, Gesichter in Gläsern zu sehen.
Die Menschen im Dorf erzählten sich, dass jeder, der stirbt, zwei andere mit sich nimmt. Ist das nicht unheimlich? Einen habe Opa schon mitgenommen, hörte ich, und nur drei Monate nach seinem Tod begann auch meine Oma zu sterben. Natürlich ahnte ich als Sechsjährige nichts davon, aber meine Mutter flüsterte es mir zu. Sie hing auch an unserer Oma und hatte Angst, sie zu verlieren. Erst war da das Nasenbluten. Erschrocken sah ich, wie auf einmal das hellrote Blut aus der Nase meiner Oma tropfte. Etwas stimmte nicht mit ihr. Alles sei in Ordnung, beruhigte sie mich. Doch das Nasenbluten kam immer öfter, und dann erklärte sie mir, dass sie bald zu Opa gehe. Von da an zog sie sich zurück, baute ab, legte sich in ihr Ehebett und wartete. Meine Familie achtete darauf, dass Oma ihre Ruhe hatte, der Dorfarzt schaute zwar ab und zu nach ihr, ansonsten aber ließ man alte Leute damals friedlich zu Hause sterben. Im Gegensatz zu meiner Familie verstand ich nicht, warum Oma nicht mehr mit mir spielte, keine Eierschecke mehr backte und kein Ofen-Hähnchen mehr zubereitete. Nur noch ein einziges Mal habe ich sie lebend gesehen …
Ihre Tochter, meine Omi, die sich um sie kümmerte, rief mich zu sich und fragte: »Willst du nicht mal zur Oma gehen?«
Ich war verunsichert, begriff die Bedeutsamkeit dieses Moments nicht, ging aber trotzdem zu Omas Schlafzimmer, das ich bis dahin nie hatte betreten dürfen. Vorsichtig öffnete ich die schwere Tür. Und da stand sie, meine liebste Oma, in deren warmen Umarmungen ich so viel Zeit verbracht hatte. Noch einmal hatte sie sich aus dem Sterbebett bemüht. Sie trug ein weißes Leinennachthemd mit Rüschen. Wie dünn sie geworden war! An ihren Ohren erkannte ich die tränenförmigen Silberohrringe, die ich so mochte. Ihr Anblick schockierte mich. Sie sah nicht mehr aus wie Oma, eher wie ein Gespenst. Doch dann lagen so viel Güte und Freude in ihrem Lächeln, als sie vorsichtig ihre Arme hob, um mich noch einmal in den Arm zu nehmen. Aber ich fürchtete mich vor ihr. Wie angewurzelt stand ich da.
»Na, komm doch mal her, meine Kleene!«
Es ging einfach nicht. Bitte fragen Sie nicht warum. Ich weiß nur noch, dass ich den Kopf schüttelte und dann das Zimmer verlassen habe. Noch immer fühle ich ihren Blick, der mir folgte, die Augen mit Tränen des Abschieds gefüllt. Sie war die klügste Frau der Welt und hatte keinen Zweifel daran, dass das unser Abschied war. Wie entsetzlich schmerzhaft mein Verhalten für sie gewesen sein muss … Wäre ich ein aufmerksames Kind gewesen, hätte ich vermutlich gehört, wie ihr gütiges Herz in tausend Teile zerbrach. Ich hatte es zerbrochen und es nicht einmal bemerkt. Alles auf der Welt macht Geräusche, sogar der Stift, mit dem ich meine Notizen aufzeichne, kratzt auf dem Papier, aber ein Herz ist still. Seitdem sehe ich sie oft vor mir. Jedes Mal in diesem einen, unserem letzten gemeinsamen Moment. Hin und wieder trifft mich das Bild der Erinnerung wie ein Platzregen an einem warmen Sommertag. Es beschämt und belastet mich seit nunmehr vierzig Jahren. Ich wünschte, ich könnte es wiedergutmachen ….
Wenige Tage später kam ich von der Schule heim. Meine Mutter stand schon am Küchenfester und ich sah an ihrem Blick, dass Oma gestorben war. Omi erzählte mir dann, wie sie gegangen ist:
Omi hatte – ganz traditionell – Tag und Nacht an ihrem Sterbebett gesessen, war ihrer Mutter nicht von der Seite gewichen. Nur einmal beschloss sie, zum Gartentor zu gehen und die Zeitung zu holen. Als sie zurückkam, hatte Oma ihre Augen für immer geschlossen. Sie hatte den Augenblick des Alleinseins für ihren Übergang ausgewählt. Manche Menschen wollen lieber allein hinübergehen.
Es folgten Tage tiefer Traurigkeit. Auch diesmal hielt man mich aus allem heraus. Weder durfte ich meine Oma noch einmal sehen noch durfte ich zur Beerdigung mit, weil ich Schule hatte. Dabei hätte ich beides damals dringend gebraucht. Zwar war mir als Kind noch nicht klar weshalb; damals quälte mich auch noch nicht dieses immense Schuldgefühl, aber ich wollte unbedingt zur Aufbahrung. Sie war doch meine Oma. Mein liebes Omchen! Wieso ließen mich die Erwachsenen nicht zu ihr? Meiner Familie habe ich das sehr verübelt. Wenn ich heute als Notfallseelsorgerin und Aufbahrerin gefragt werde, ob die Kinder mitkommen...




