E-Book, Deutsch, Band 2, 430 Seiten
Reihe: Wolckenstein-Chronik
Imbsweiler Der dicke Fisch von Wolckenstein
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95602-161-9
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 430 Seiten
Reihe: Wolckenstein-Chronik
ISBN: 978-3-95602-161-9
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München und Heidelberg Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Germanistik. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Er hat zahlreiche Romane, Krimis und Kurzgeschichten veröffentlicht.
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Zweiter Teil
Mumakuklo oder Grappa für Wolckenstein
»Meine Herren«, begann Renate Müller-Kersten, ein kleines Hüsteln in der halb geschlossenen Hand verbergend. »Kommen wir zur Sache.« Sie lehnte sich zurück und sah forschend in die Runde.
Bei der erwähnten Sache handelte es sich um den aktuellen Stand der Verhandlungen mit der Landes-CDU, bei den Herren um die Vorstandsriege der Demokratischen Mitte: Willi Weingart, Rainer Schaffrath und Hans-Werner Axt, dazu Theo Tonseidel als Bürgermeister. Man tagte in einem Nebenraum des Stadthauses, der von Wolckensteins Politikern gerne für konspirative Sitzungen genutzt wurde, weil er als abhörsicher galt. Das war natürlich Unsinn – einmal ganz abgesehen von der Frage, wer da wen hätte abhören sollen und zu welchem Zweck; es gab schließlich die bestens funktionierende Wolckensteiner Mundpropaganda, und die war verlässlicher als jeder elektronische Schnickschnack. Nein, in Wahrheit hatte der Raum eher zufällig mehrere Male als Sitzungszimmer gedient, weshalb er irgendwann in dem Ruf stand, abhörsicher zu sein. Und nicht etwa umgekehrt.
Wie auch immer, die Entscheidungsträger der Demokratischen Mitte trafen sich an diesem Abend mit dem guten Gefühl, ungestört die Winkelzüge ihrer Politik vollführen zu können. Rainer Schaffrath, eben von der Toilette zurückgekehrt, nahm als letzter Platz. Er saß Theo gegenüber und sah an dessen Kopf vorbei zum Fenster.
»Bitte, Hans-Werner«, sagte die Vorsitzende. »Du hast das Wort.«
»Dankeschön. Also, es sieht folgendermaßen aus.« Axt schob einen kleinen Stoß eng beschriebener Blätter mit den Fingerspitzen von rechts nach links und wieder zurück, rückte ihn nach oben, klopfte ein letztes Mal in die entgegengesetzte Richtung und bekräftigte: »Folgendermaßen …«
Alles blickte ihn erwartungsvoll an.
Hans-Werner Axt schwieg, den Kopf gesenkt, die Stirn gerunzelt.
Man wartete.
»Wir können diesmal …«
Man wartete.
»Einfach war es nicht«, sagte Axt und sah abrupt von seinen Blättern auf. »Das sollte man vielleicht vorausschicken. Und es wird nicht einfacher, fürchte ich. Deshalb …« Wieder senkte er den Kopf.
»Es war noch nie einfach«, meinte Schaffrath. »Aber sie sind es, die etwas von uns wollen. Also haben sie zu kuschen.«
Renate Müller-Kersten lächelte.
»Sicher«, nickte Axt eifrig. »Sicher. Wenn ihr die Zahlen hören wollt … Es sind die folgenden.« Er holte tief Luft.
Während er dies tat – und so ein Luftholen konnte sich in seinem Fall über einen erstaunlich langen Zeitraum erstrecken –, wandte Theo Tonseidel kein Auge von dem ehemaligen Parteivorsitzenden. Noch nie war ihm so deutlich geworden, durch welche Besonderheit sich Axts Mimik auszeichnete: Sie war seinen Worten stets ein wenig voraus. Da wurde grimassiert und gezuckt und gerümpft, eine Hand fuhr an die Nase, die andere widmete sich liebevoll ausgewählten Stellen des grauen Vollbarts. Große Geschäftigkeit – und bis Axts Zahlen hinterher geholpert kamen, hatte Schaffrath über seinen Daumen geleckt, Weingart seine Fliege gezwirbelt, Frau Müller-Kersten ihren Lippenstift nachgezogen.
»Erster Punkt«, referierte Axt, »die Beteiligung des Landes an der Sanierung des Rupertus-Gymnasiums. Wir hatten 25 Prozent gefordert … ich meine, vorgeschlagen. Das Gegenangebot: 20 Prozent.«
Willi Weingart schüttelte missbilligend den Kopf.
»Zweitens: der einmalige Zuschuss zur geplanten Verkehrsberuhigung im Zentrum. Da wurde uns ein Betrag von 1,5 Millionen Euro genannt.«
Theo hob anerkennend die Brauen. Anderthalb Millionen! Respekt.
»Wobei es auf die genaue Formulierung ankäme«, warf Rainer Schaff- rath ein. »Ich rate zur Vorsicht. Diesen Zuschuss müssen wir uns auf jeden Fall sichern, selbst wenn die Verkehrsberuhigung nicht in der jetzt geplanten Form kommt.«
»Meinst du?«, entgegnete Axt zweifelnd. »Wie soll das gehen?«
»Hören wir erst einmal weiter«, sagte die Vorsitzende.
»Gern … Thema Nummer drei war Bernbach Nord. Da hielten sie sich bedeckt und verwiesen darauf, dass das unsere Sache … dass der Bebauungsplan in der Verantwortung der Kommunalpolitik liegt, weshalb sie lediglich anbieten, uns eine nachträgliche Steuerermäßigung beim Verkauf der Grundstücke …« Er hob den Kopf und zwinkerte mit den Augen. »Mir war das ehrlich gesagt ein bisschen zu … zu kompliziert. Vielleicht könnten Sie das noch einmal durchrechnen, Herr Tonseidel. Falls Ihnen die Notizen genügen, die ich gemacht habe.«
Theo nickte kurz. Bernbach Nord, ausgerechnet. Und alle im Raum wussten doch, dass er in die Geschichte involviert war!
»Jedenfalls glaube ich nicht, dass diese Steuerermäßigung einen größeren Betrag ausmacht«, fuhr Axt fort. »Und damit kommen wir zu Punkt vier. Unsere Ausgaben für das Stadthaus. Wir waren uns ja einig, dass das Land die Hälfte der jährlichen Betriebskosten übernehmen sollte, und hatten uns auf eine Laufzeit von fünf Jahren verständigt.« Sein leicht flackernder Blick fiel auf Frau Müller-Kersten. »Renate und ich haben uns dann kurzfristig … haben vereinbart, dass wir probeweise zehn … also nicht fünf, sondern zehn Jahre vorschlagen, um zu sehen …« Seine durch die Luft wedelnden Hände vollendeten den Satz an Wortes statt.
»Wir wollten die beiden aus der Reserve locken«, erläuterte die Vorsitzende. »Einmal sehen, wie es um ihre Verteidigungshaltung bestellt war.«
»Und?«, fragte Theo. »Wie haben sie reagiert?«
Axt schwieg.
»Oh, sie waren platt wie die Flundern«, schmunzelte Renate Müller-Kersten. »Mit allem hatten sie gerechnet, nur damit nicht. Riefen sofort Hilfe und Nein und Ojemine und sahen den Untergang des Abendlands auf sich zurollen.«
»Nachvollziehbar«, sagte Schaffrath. »Niemand freut sich über nachträgliche Forderungen.«
»Gerechnet haben sie jedenfalls nicht damit.«
»Eine fragwürdige Taktik, Frau Müller-Kersten. Und nicht mit uns abgesprochen.«
»Manchmal muss man spontan sein. Sehen Sie, seit ich Augenzeuge des Auftritts von Herrn Rohfleisch wurde, regte sich in mir der Wunsch, einmal aus dem eingefahrenen Ritual dieser Verhandlungen auszubrechen. Wo lassen sich unsere Gesprächspartner wohl knacken, fragte ich mich, welches ist der heikelste Punkt unserer Liste? Eindeutig die fünfjährige Laufzeit in Sachen Stadthaus. Also mussten wir hier ansetzen, kräftig draufsatteln, um zu sehen, was passiert. Sie dürfen den psychologischen Faktor nicht unterschätzen, Herr Schaffrath. Die beiden können nicht miteinander, das habe ich schon beim ersten Treffen gemerkt. Wenn sich der eine auf Kosten des anderen profilieren möchte, ist das unsere Chance.«
»Und? Was kam nun dabei heraus?«
»Vorerst nichts. Aber wir haben ja noch Zeit. Das aktuelle Angebot der CDU lautet: zwei Jahre lang Beteiligung an den laufenden Kosten. Nicht mit 50 Prozent, sondern nur mit 20.«
Schaffrath lachte.
»Das ist ein Affront!«, empörte sich Weingart. »Was glauben die, wer sie sind?«
Axt hob bedauernd die Schultern. »Wir bleiben dran«, versicherte er. »Wir versuchen alles. Früher, also in der Vergangenheit, gab es immer die Möglichkeit eines Kompromisses.«
»Ja«, rief Schaffrath, »aber nur, wenn man nicht von vornherein Maximalforderungen stellt!«
»Oder Minimalforderungen«, konterte Weingart. »Zwanzig Prozent, das ist nichts! Theo, wie siehst du das?«
»Nun, ich hatte auch gehofft, dass die Gegenseite …«
»Wie sollen sie?«, unterbrach ihn der Polizeiobermeister. »Wie stellt ihr euch das vor? Keine Partei in der Regierungsverantwortung macht über die Legislaturperiode hinaus Zusagen, das können wir uns abschminken.«
»Natürlich nicht«, lächelte Renate Müller-Kersten.
»Also, geben wir uns mit den zwei Jahren zufrieden. Und verabschieden wir uns von utopischen Ideen.«
»Sie haben meine Strategie nicht verstanden, Herr Schaffrath. Ich möchte diese Verhandlungen anders führen als in der Vergangenheit. Ich will nicht dieses eingestaubte Geschachere, sondern echte Fortschritte für die Stadt. Und da muss man taktieren, aufs Ganze gehen. Es darf gerne etwas Risiko dabei sein.«
»Ja, das Risiko, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Ohne mich!«
»Wenn ihr meine Meinung hören wollt«, mischte sich Willi Weingart ein, ja, er plusterte sich regelrecht auf. Seit er im Auftrag des Bürgermeisters die Wolckensteiner Kulturagenda erarbeitete, war sein Selbstbewusstsein enorm gestiegen. »Meiner Meinung nach ist dieser Punkt unannehmbar. Es müssen 50 Prozent sein und mehr als zwei Jahre. Es geht schließlich um Kultur. Da erwarte ich Entgegenkommen! Bei allem anderen bin ich gesprächsbereit.«
Theo nickte nachdenklich. Warum verspürte er bei Willi Weingarts Äußerungen immer den Drang, ihnen zuzustimmen? Weil er sich dem Zahnarzt rhetorisch unterlegen fühlte? Oder weil der kleine Mann sozusagen zum bewaffneten Teil der Bevölkerung gehörte? Er würde einmal mit Gabi darüber sprechen.
»Also, mir würden die zwei Jahre reichen«, meinte Hans-Werner Axt mit verkniffenem Lächeln. »Wenn die Hälfte der Betriebskosten übernommen wird, ist das doch ein schöner Erfolg. Ich sehe die Forderung nach fünf und mehr Jahren eher als strategisches … eher im großen Zusammenhang des strategischen Konzepts.« Er zuckte mit den Achseln. »Wie du schon sagtest,...




