E-Book, Deutsch, 170 Seiten
Imbsweiler Verwandte auf dem Mars
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95602-162-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Familie in Geschichten
E-Book, Deutsch, 170 Seiten
ISBN: 978-3-95602-162-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München und Heidelberg Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Germanistik. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Er hat zahlreiche Romane, Krimis und Kurzgeschichten veröffentlicht.
Weitere Infos & Material
In Zügen
Sansibar
Gezeichnetes Leben
Statisten
Die Höhle
Abschied und Willkommen
Oma Sumses Haus
Indirekte Rede
Die Besuche des Vertreters
Falsche Früchte
In der Tür geirrt
Die Kaufunger Sintflut
Zonengrenze
Letzter Ausritt
Sansibar
Liebe Leutchen zu Hause, schrieb meine Großtante, dass Ihr ja nicht auf den Gedanken kommt, mich zu besuchen. Ich bin hier sehr glücklich ohne Euch. Das Meer ist herrlich warm. Der Himmel ist herrlich blau. Wunderschön. Jetzt lerne ich auf meine alten Tage sogar noch schwimmen. Tut mir leid für Euch, dass es in Deutschland immer, immer regnet. Das habe ich lange genug mitgemacht. Eine alte Frau, die nie jemandem zur Last gefallen ist, darf sich auch mal was gönnen, und jetzt bin ich dran. Ich habe ein reines Gewissen. Gott, was sind die Menschen freundlich hier. Das Leben ist billig. Trotzdem, ich habe nicht die Absicht, Euch etwas zu vererben. Seid mir nicht böse, Ihr habt Euch lange genug aushalten lassen. Eure alte Tante.
Mein Vater tobte, als er den Brief las. Draußen spielte die Sonne auf buntem Laub, es war ein milder Herbsttag so recht aus dem Lehrbuch. Von Regen keine Spur.
»Schreib dieser Verrückten«, brüllte er meine Mutter an, »und zwar sofort! Schreib ihr, was für ein Wetter wir haben! Auch die Temperatur und all das. Mach ein Foto vom Thermometer!«
»Lass sie doch«, sagte meine Mutter.
»Schneide die Wetterberichte der letzten vier Wochen aus und schick sie ihr! Damit die Alte Ruhe gibt. Blauen Himmel haben wir auch. Und keine Skorpione und Krokodile wie die da unten.«
Türen knallend verließ mein Vater die Küche. Seine Erregung war nachvollziehbar. Mit dem Wetter hatte sie allerdings nichts zu tun, auch nichts mit Skorpionen und Krokodilen. Ihr habt Euch aushalten lassen – diese Behauptung nagte an ihm. Sie nagte so sehr, dass er draußen, malerisch beleuchtet von der tief am Horizont stehenden Herbstsonne, seinem alten Polo einen Tritt versetzte.
Mein Bruder und ich wechselten verstohlene Blicke.
Der Polo gehörte der Großtante. Theoretisch zumindest. Er war auf sie zugelassen, und sie zahlte die Versicherungen. In ihm gesessen hatte sie seit Jahren nicht mehr. Der Wagen stand auf unserem Hof, und mein Vater war der Einzige, der ihn fuhr. Er fuhr ihn, betankte ihn, sorgte dafür, dass er in Schuss blieb. Man konnte das als nette Geste bezeichnen. Auch das Wasser der Scheibenwischanlage füllte sich nicht von selbst nach. Und für das Ausbeulen nach dem letzten Hagel hatte er seiner Tante bloß einen Freundschaftspreis berechnet. Lauter nette Gesten. Schade, dass die alte Frau sie nicht zu schätzen wusste.
»Ich habe nicht die Absicht, euch etwas zu vererben«, murmelte meine Mutter, den Brief der Großtante in der Hand. »Die hat doch gar nichts zu vererben, die Alte.«
So ganz falsch war das nicht, schließlich hatte mein Vater seiner Tante einen Großteil ihrer Ersparnisse abgeschwatzt, um den Hof vergrößern zu können. Wie man das so macht bei älteren Leuten: Man schaut auf einen Kaffee vorbei, klagt ein wenig, scharwenzelt ein wenig, irgendwann bekommt man etwas geliehen, auf Treu und Glauben natürlich, unter Verwandten braucht man nichts Schriftliches, und schon ist der Stall gebaut und das Geld weg. Ach, es war gar nicht als Geschenk gedacht? Bloß geborgt? Dann muss das ein Missverständnis ... Jeder wusste, dass es so laufen würde. Nur meine Großtante nicht. Dabei war sie alles andere als vertrauensselig, sie glich einer Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzog, sobald jemand etwas von ihr wollte. Und war dieser Jemand ein Verwandter, hängte sie Schloss und Riegel vor. Bei meinem Vater, ihrem Neffen, machte sie eine Ausnahme. Vielleicht, weil er ihr physisch der Nächste war; sie wohnte schräg gegenüber von uns. Vielleicht aber auch, weil er auf familiäre Bindungen ebenso pfiff wie sie. Oder sollte es am Ende damit zu tun haben, dass er schon seit Jahren polnische Erntehelfer unter Vertrag nahm und ihnen – nach polnischen Maßstäben – sogar ordentliche Löhne zahlte? Niemand wird darauf eine eindeutige Antwort geben können.
Mit den Polen jedenfalls hatte es seine eigene Bewandtnis. In der Küche des kleinen Hauses, das meine Großtante bewohnte, hingen ein paar verblasste Fotografien. Es roch immer ein wenig schäbig in dem Haus, besonders in der Küche: nach alten Möbeln, Eingemachtem, Billigware. Und die Fotos passten zu dem Geruch. Unser Dorfplatz war zu sehen, noch ohne Asphaltdecke, von einem Rinnsal in zwei Hälften geteilt. Ein Festtagsumzug, die Feiernden mit versteinerten Gesichtern. Schließlich eine Handvoll Menschen bei der Ernte, unter ihnen meine Großtante als junge Frau. Rechts am Bildrand verzog ein knochiger Kerl mit nacktem Oberkörper die Lippen zu einem Grinsen. Das war der Pole. Offiziell gab es keinen Namen für ihn, keine Geschichte, nur die Herkunftsbezeichnung. Als wir klein waren, dachten wir, alle Polen sähen aus wie er, oder er sei so eine Art Standardpole, nach dem sich die restlichen Bewohner seines Landes zu richten hätten. Vor allem was das Grinsen betraf.
Natürlich hatte der Pole doch seine Geschichte. Aber die erfuhren wir nicht von der Großtante, sondern von anderen. Genaugenommen von niemand Bestimmtem; mein Vater ließ eine Bemerkung fallen, meine Mutter machte eine Andeutung, auch die Nachbarn wussten etwas, ohne dem Mann mit dem nackten Oberkörper mehr als ein, zwei Sätze zu widmen. Über die Jahre fügten wir das Gehörte zu einer Geschichte zusammen, die erklärte, warum meine Großtante das Bild in der Küche hängen hatte.
»Es ist bloß ein Pole«, pflegte sie auf Nachfrage zu sagen. Ende des Themas.
Der Pole gehörte zu einer Gruppe Kriegsgefangener, die den Kaufunger Wald auf der Ladefläche eines LKWs erreichten. Zwölf von ihnen blieben bei uns im Ort. Verlegen standen sie auf dem Dorfplatz herum, betrachteten ihre Fußspitzen, kratzten sich in den Haaren. Läuse, sagten die Dörfler kennerisch und hielten Abstand. Polnische Läuse waren das, ukrainische, russische, weißrussische. Jeder Hof bekam einen Lausträger zugeteilt. Es war Sommer, auf den Feldern stand das Getreide dicht an dicht, und die Kaufunger Bauern kämpften an der Front. Also mussten die Gefangenen ran, die Ernte derjenigen einzubringen, die im Osten ihre Heimat verwüsteten. Bald wurde auf den Feldern russisch gesungen, polnisch geflucht, Blicke und Gesten wurden gewechselt. Das Alphabet der Hände erhielt täglich Zuwachs. »Essen« war eine der ersten Vokabeln, die die Gefangenen lernten. »Bier« vielleicht die allererste. Rasch füllten sich die Seiten ihres Wörterbuchs: Aufstehn. Arbeit. Kirche. Dreckskerl. Heilhitler. Prost. Und: scheene Frau.
Das sagte der Pole eines Tages bei der Arbeit zu meiner Großtante. Sie war keine schöne Frau. Sie war jung, eine Frau erst zur Hälfte und schön auf keinen Fall. Trotzdem widersprach sie nicht. Sie brachte dem Polen bei, wie man das Ö korrekt aussprach, und ließ ihn üben: scheene Frau. Schöne Frau. Söhr schöne Frau. Die Sonne brannte so stark, dass die meisten Gefangenen mit freiem Oberkörper arbeiteten. Sie waren nur zu zwölft, aber das Dorf brauchte Männer, in jeder Hinsicht. Im Herbst kam der LKW zurück und lud sie ein. Wiedersehn, sagten sie. Wiedersehn, scheene Frau. Einer rief sogar Heilhitler und lachte. Meine Großtante sah dem Laster lange hinterher. Sie ahnte: Die Zeiten würden schwerer werden. Noch zwei, drei Monate, dann ließ sich das Wachsen ihres Bauches nicht mehr verheimlichen.
In diesem Winter hatten Beleidigungen Konjunktur. Wer auch immer meiner Großtante begegnete, beschimpfte sie oder spuckte vor ihr aus. Überall hatte es heimliche Treffen mit den Gefangenen gegeben, es war geknutscht und gelacht worden, aber nur eine hatte sich schwängern lassen. Im Frühjahr kam das Kind zur Welt, und es war nicht gesund. Meine Großtante musste weit fahren, bis sie einen Arzt fand, der es behandelte, aber der Arzt war ein Ungeheuer, ein Trinker, den ein Sondergericht aus dem Verkehr zog. Da lag das Kind meiner Großtante schon in feuchter Kaufunger Erde, jenseits der Friedhofsmauern.
Nach dem Krieg nahm sich meine Großtante keinen Mann mehr. Sie hätte schon mögen, aber sie war nicht schön, ihr Ruf hatte gelitten, und Männer waren rar. Vielleicht hätte sie das Dorf verlassen sollen, wo jeder die Stelle kannte, an der das Polenbalg begraben lag. Sie tat es nicht, im Gegenteil. Je mehr sie ausgegrenzt wurde, desto stärker bemühte sie sich um Anerkennung. Sie wurde zu einer leidenschaftlichen, ja fanatischen Kirchgängerin. Im Gotteshaus zelebrierte ein hagerer Pfarrer, verschanzt hinter dickwandigen Brillengläsern, seine Predigten; derselbe Mann, der ihrem Kind die ewige Ruhe auf dem Friedhofsgrund verweigert hatte. Wie dieser Mann wettern, prophezeien konnte! Im Nachhall seiner Stimme nickten faltige Gesichter aus den Kirchenbänken. Meine Großtante aber hing an seinen Lippen, ihre Blicke flehten um Erbarmen, um Aufnahme in den Kreis der Sündelosen. Nach dem Gottesdienst nahm sie einen Umweg in Kauf, um vor einem Gedenkstein zu verweilen, der an die Toten des Krieges erinnerte. Sie las die Namen vieler Bekannter und Verwandter: Menschen, die für sie gefallen waren. Am nächsten Sonntag war sie wieder die Erste in der Kirche. Der Pfarrer ließ sich irgendwann versetzen.
Mit dem Land ging es aufwärts, nicht aber mit meiner Großtante. In der Zeitung las sie vom deutschen Wirtschaftswunder, vom Wiederaufbau und dem Elan der Ökonomie. Die Berichte klangen märchenhaft, doch was hatte sie selbst davon? Niemand verriet ihr, wie die Trümmer ihres eigenen Lebens wieder aufzubauen waren. Ihr Kind war tot, der Pole fort, in seiner Heimat, vergessen. Als sie beim Aufräumen auf das Foto stieß, das den grinsenden Gefangenen bei der Arbeit zeigte, wagte sie nicht, es aufzuhängen. Manchmal hatte sie das Gefühl, für sie sei der Krieg noch nicht zu Ende. Sie suchte sich kleine Arbeiten, trug...




