Imhof | Mein zweiter Anlauf | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

Imhof Mein zweiter Anlauf

Mit 40 nochmal durchgestartet
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8992-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit 40 nochmal durchgestartet

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

ISBN: 978-3-6957-8992-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit 38 Jahren hat Michael Imhof erreicht, was er sich vom Leben gewünscht hat. Doch auf einer Wanderung in den Dolomiten muss er sich eingestehen, dass zwischen Familie und Karriere eins auf der Strecke geblieben ist, seine Fitness. Zurück aus Südtirol fasst er deshalb einen Entschluss: So kann es nicht weitergehen. Was für ihn im Sommer 2000 als Notwendigkeit beginnt, wird schnell zur Passion, führt ihn auf Bodybuilding-Bühnen, mit dem Hund über die Alpen, zum Ironman nach Almere und immer weiter. In seiner Autobiografie blickt Imhof zurück auf sein bewegtes Leben, auf seine Kindheit in Nordhessen, prägende Erlebnisse, sportliche Ambitionen und darauf, wie es ihm gelang, mitten im Leben ein zweites Mal Anlauf zu nehmen, um fitter zu werden als je zuvor. Die Lebensgeschichten anderer Menschen haben mich schon immer fasziniert, auch jener, die nie im Rampenlicht standen. Denn gerade von diesen habe ich oft besonders viel für mein eigenes Leben gelernt. Doch wie selten genau diese Geschichten überliefert werden, fiel mir auf, als ich mich fragte, was ich eigentlich wirklich über das Leben meiner Eltern und Großeltern weiß. Zu wenig. Oder jedenfalls weniger, als ich gern gewusst hätte. Dieses Buch ist deshalb ein Versuch, mein bisheriges Leben genauer auszuleuchten und mit Blick auf meine Biografie zu zeigen, dass es auch mit Vierzig nicht zu spät ist, sich neue sportliche Ziele zu stecken.

Michael Imhof, Jahrgang 1962, ist Maschinenbauingenieur und lebt mit seiner Familie in Frankenberg (Eder). Vor seinem Eintritt in den Ruhestand arbeitete er 37 Jahre bei Viessmann Climate Solutions in Allendorf (Eder), zuletzt in leitender Funktion im Bereich Forschung und Entwicklung. Bewegung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, ob beim Fußball, Wandern, Laufen, Krafttraining, Radfahren, Triathlon oder Duathlon. Er bloggt auf imis-blog.de über seine sportlichen Aktivitäten und alles, was dazugehört; diese Autobiografie ist sein erstes Buch.
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Frühe Lebensjahre


August 1962, Frankenberg (Eder)

Während ich am 6. August 1962 in Frankenberg (Eder) das Licht der Welt erblickte, stand die Welt am Abgrund. Nur wenige Wochen danach erreichte die Kuba-Krise ihren Höhepunkt. Washington und Moskau bedrohten sich mit Raketen, und die Welt hielt den Atem an. Viele Menschen fürchteten, dass ein einziger Fehltritt den Dritten Weltkrieg auslösen könnte. Heute, Jahrzehnte später, denke ich unweigerlich an die aktuelle Ukraine-Krise: russische Kampfjets, die in den NATO-Luftraum eindringen, Drohnen, die über Polen, Norwegen oder Deutschland gesichtet werden. Wie damals schwebt wieder das Gefühl in der Luft, dass ein einziger falscher Schritt alles ins Wanken bringen könnte.

Frankenberg ist eine Kleinstadt im Ederbergland in Nordhessen. Es liegt 35 Kilometer nördlich von Marburg und 70 Kilometer südlich von Kassel entfernt. Eingerahmt wird die Stadt vom Burgwald im Süden, dem Kellerwald im Osten und dem Rothaargebirge im Westen. Mitten durch Frankenberg fließt die Eder, bevor sie zwanzig Kilometer weiter in Herzhausen in den Edersee mündet. Bis heute prägen Fachwerkhäuser, enge Gassen und Reste der alten Stadtmauer das Bild der wunderschönen Altstadt.

In den sechziger Jahren war die Kreisstadt mit rund 12.000 Einwohnern überschaubar, dörflich geprägt, und man kannte sich untereinander. In meinen ersten Lebensjahren wohnten meine Eltern im Hotel Schmidtmann in der Neustädter Straße, einer damals stark befahrenen Hauptstraße im Zentrum von Frankenberg. Heute befindet sich dort die Fußgängerzone, die bis in die Altstadt führt. Das Hotel verfügte sogar über eine eigene Kegelbahn, wo noch „Kegeljungen“ die Kugeln von Hand zurückrollten und die Kegel aufstellten – eine Arbeit, die bald schon von Maschinen übernommen wurde. In den oberen Geschossen wurden einige Zimmer als Wohnungen vermietet – so auch an uns. Die kleine Dachwohnung war eng und spartanisch eingerichtet. Das Bad war weder beheizt noch gab es fließendes Wasser. Nur in der winzigen Küche und im Flur waren Zapfstellen. Eigene Erinnerungen habe ich an diese Zeit nicht mehr; nur vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren sie. Heute dient das Gebäude als Mietobjekt, doch das Fachwerk ist noch gut erhalten und erinnert an jene frühen Jahre.

Meine Mutter

Meine Mutter Gerda wurde 1939 in Haubern geboren, einem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Frankenberg. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie als Haushaltshilfe, zunächst in Haina (Kloster). Haina war berüchtigt – schon damals befand sich dort die große psychiatrische Einrichtung, in der auch Straftäter und geistig behinderte Menschen untergebracht waren. Wenn einer ausbrach, ging sofort das Gerücht durchs Land: „Einer aus Haina ist weg!“ Der Ort hatte einen schlechten Ruf, den er nie loswurde. Auch heute noch wird getuschelt, wenn jemand nach Haina eingeliefert wird – automatisch denkt man an Depressionen, Alkoholprobleme oder eine Straftat.

Der Weg nach Haina war für meine Mutter beschwerlich: drei Kilometer bis zur Bushaltestelle, die sie zunächst zu Fuß zurücklegen musste, ehe ihr Vater ihr ein Fahrrad beschaffte. Doch es war kein Geschenk – sie musste es in Raten von ihrem kargen Lohn abstottern. Später, noch bevor sie meinen Vater auf der in Wiesenfeld kennenlernte, arbeitete sie als Haushaltshilfe im Modefachgeschäft Heinemann, das damals vor allem für seine Pelzmoden bekannt war.

Mein Vater

Mein Vater Willi kam ebenfalls 1939 zur Welt und wuchs in Wiesenfeld auf, einem kleinen Bauerndörfchen in der Gemeinde Burgwald, nur knapp zehn Kilometer von Frankenberg entfernt – ebenso nah wie Haubern, der Heimat meiner Mutter. Wiesenfeld war ein typisches Dorf jener Zeit: Landwirtschaft bestimmte das Leben, die meisten Familien hielten Vieh, die Männer halfen auf den Feldern, die Frauen im Stall und im Haushalt. Das Leben spielte sich auf den Höfen, in der Kirche und bei den Vereinsfesten ab, bei denen das ganze Dorf zusammenkam. Nach der Mittleren Reife an der absolvierte mein Vater eine Ausbildung bei der in Frankenberg, die später in Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) umbenannt wurde. Er spielte leidenschaftlich gern Fußball, im Nachbarort Ernsthausen, weil Wiesenfeld keine eigene Mannschaft hatte. 1961, nur ein Jahr nachdem er meine Mutter kennengelernt hatte, heirateten die beiden. Ich war bereits unterwegs und kam bald darauf zur Welt.

Siegener Straße

Als ich zwei Jahre alt war, erfolgte der Umzug in eine größere Wohnung in die Siegener Straße. Heute befindet sich an dieser Stelle das Einkaufszentrum . In unserem Haus roch es überall nach Heizöl, weil wir es in Zehn-Liter-Kannen aus dem Keller in den ersten Stock hinaufschleppen mussten. Aber die Wohnlage war ideal: Mein Vater arbeitete gleich nebenan, die Krankenkasse befand sich nur etwa hundert Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für ihn war das ideal – und auch für mich.

Regelmäßig besuchte ich meinen Vater sowie seine Kolleginnen und Kollegen, zu denen ich schon bald ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Das Gebäude war ein markanter Flachbau mit zwei Etagen und einem Keller. Im Erdgeschoss lag die Schalterhalle mit mehreren Schaltern nebeneinander, wie in einem Bahnhof. Die Angestellten trugen weiße Kittel – auch mein Vater. Sein Büro befand sich zunächst im Erdgeschoss, gegenüber den Schaltern: eine Reihe hässlicher Glaskästen, aneinandergereiht mit Türen dazwischen. Später wechselte er in ein anderes Büro im ersten Stock, wo keine weißen Kittel getragen wurden. Dort saß er mit einer dicken Hornbrille an seinem Schreibtisch, vor sich eine monströse, schwere Rechenmaschine, die laut klackerte und gerade einmal die vier Grundrechenarten beherrschte.

In der AOK entdeckte mein Vater den Tischtennissport für sich und spielte nur noch gelegentlich Fußball. Gemeinsam mit seinen Kollegen trainierte er im Kellerarchiv der Krankenkasse. Zwischen verstaubten Aktenschränken und bei grellem Neonlicht schmetterten sie sich die weißen Bälle hin und her – und oft war ich derjenige, der sie als kleiner Junge wieder unter Schränken und Regalen hervorkramte. Aus diesen Anfängen entwickelte sich später ein offizieller Tischtennisverein: Grünweiß Frankenberg. Viele Jahre später erfolgte die Fusion mit der Tischtennissparte des TSV Frankenberg, der mein Vater bis zu seiner Krebserkrankung als aktiver Spieler treu blieb.

Die Siegener Straße war mein kleines Paradies. Einen Kindergarten besuchte und vermisste ich nicht. Mein Abenteuerland waren die Straßen, die Höfe und das Gelände der Baustofffirma Balzer, wo ich in Kartons die Lkw-Auffahrt hinunterrollte, wenn die Arbeiter Feierabend hatten und ich mich unbeobachtet fühlte. Manchmal warf ich Vollgummibälle, die mir mein Vater mitgebracht hatte, so fest auf den Boden, dass sie hoch in die Luft schnellten und häufig auf Dächern oder in Nachbarsgärten verschwanden. Oder ich fuhr mit meinem Roller die Straße rauf und runter. Ein Fahrrad besaß ich leider noch nicht.

Doch eines Abends brachte mein Vater ein Jugendrad mit nach Hause. Es stammte von Herrn Montay, einem Arbeitskollegen, dessen Sohn gerade ein neues Rad bekommen hatte. Für mich war es ein Geschenk des Himmels. Das Rad war zwar defekt, aber mein Vater versprach, es zu reparieren. Die Kette sprang ab, die Bremsen funktionierten nicht und auch das Licht war kaputt. Leider war mein Vater kein Fahrradmechaniker. Deshalb blieb das schöne Jugendfahrrad im Keller stehen, Monat für Monat. Ich schlich immer wieder hinunter, strich über den Lenker, drehte die Pedale ein Stück, stellte mir vor, wie ich damit durch die Straßen rollte. Doch es blieb ein Traum. Ich fuhr es nie. Ich war enttäuscht. Und es sollte nicht die einzige Enttäuschung mit Fahrrädern bleiben.

Weil ich ständig draußen war, verschliss ich meine Schuhe in rasantem Tempo. Zum Glück gab es Onkel Walter, den Cousin meiner Mutter. Er war Schuhmacher in Haubern und führte mitten im Ort, schräg gegenüber der Kirche, ein kleines Schuhgeschäft. Wenn ich oder jemand aus der Familie neue Schuhe brauchte, fuhr mein Vater mit uns zu Onkel Walter. Wir probierten so lange verschiedene Modelle aus, bis wir was Passendes gefunden hatten. Ich suchte mir meistens die gleichen aus, so genannte Haferl-Schuhe mit seitlicher Schnürung, wie sie in Bayern getragen werden. Stabile Schuhe nannten sie meine Eltern, doch so stabil waren sie nicht, denn nur wenige Tage später war das noch glänzende Leder an den Schuhspitzen wieder abgewetzt oder der Bast ab, wie meine Eltern zu sagen pflegten.

Schon damals machte ich mir Gedanken um meine Berufswahl, ich wollte Baggerfahrer werden. Wenn wieder einmal die Straße aufgerissen wurde, um Kabel oder Abwasserrohre zu...



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