Indriðason | Tiefe Schluchten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Lübbe

Indriðason Tiefe Schluchten

Island Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1037-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Island Krimi

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-1037-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Frau wird in ihrer Wohnung in Reykjavík ermordet aufgefunden. Auf dem Schreibtisch liegt ein Zettel mit Kommissar Konráðs Telefonnummer. Die Frau hatte offenbar kurz vor ihrem Tod noch angerufen und ihn angefleht, nach ihrem Kind zu suchen, das sie vor Jahrzehnten zur Adoption freigegeben hat. Konráð hatte abgelehnt. Dies bereut er nun zutiefst und will ihrer verzweifelten Bitte wenigstens postum nachkommen. Er macht sich auf die Suche nach dem Kind - nichtsahnend, welch einem tragischen Schicksal er damit auf die Spur kommt ...



Arnaldur Indriðason ist der erfolgreichste Krimiautor Islands. Seine Romane wurden weltweit mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet. Tiefe Schluchten ist Band 3 der erfolgreichen Krimireihe mit Kommissar Konráð. Arnaldur Indriðason lebt in der Nähe von Reykjavík. Kristof Magnusson ist Deutsch-Isländer und lebt in Berlin. Er ist der Autor vieler von Kritik und Publikum gefeierter Romane. Zudem übersetzt er aus dem Isländischen.
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Drei


Sie hatten sich im Museum Ásmundur Sveinsson getroffen.

Konráð erinnerte sich noch gut daran, wie sehr er gezögert hatte, als sie ihn anrief und um Hilfe bat. Er sagte ihr, er sei in Rente und nehme auch keine privaten Aufträge an, doch sie ließ sich nicht abwimmeln. Eine Woche später rief sie erneut an und fragte, ob er seine Meinung geändert habe. Konráð irritierte diese Hartnäckigkeit ein wenig, aber er wollte nicht unhöflich sein. Und der Schmerz in der Stimme der Frau ließ ihn vermuten, dass es ihr nicht leichtgefallen war, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

»Du hast doch in dem Fall mit der Leiche ermittelt, die sie am Langjökull im Eis gefunden haben, oder?«, fragte sie ganz entmutigt, nachdem sie eine Weile gesprochen hatten und er bereits zum zweiten Mal versuchte, das Gespräch zu beenden. Das konnte er nicht bestreiten. Es war einer seiner schwierigsten Fälle gewesen. Die Medien hatten viel darüber berichtet, dreißig Jahre hatte es gedauert herauszufinden, was wirklich passiert war. Konráð war im Laufe der Zeit deswegen oft in unangenehme Situationen geraten, jeder schien dazu etwas zu sagen zu haben, die Leute behelligten ihn mit den wildesten Verschwörungstheorien über verschollene Menschen, mysteriöse Todesfälle und die Machenschaften der isländischen Unterwelt.

Wenig später verabschiedeten sich Konráð und die Frau. Für ihn schien die Sache damit erledigt, doch sie rief zwei Monate später abermals an.

»Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst«, sagte sie. »Ich habe dich vor einiger Zeit angerufen und dich um Hilfe gebeten.«

Da fiel ihm ihr letztes Telefonat wieder ein. Er erinnerte sich an den Schmerz in ihrer Stimme, und ihm war unwohl bei dem Gedanken, die Frau zum dritten Mal abzuwimmeln. Er hatte ja noch nicht einmal richtig über die Sache nachgedacht. Bei dem letzten Gespräch hatte sie gar nicht die Gelegenheit gehabt, näher zu erläutern, worum es ging. Sie hatte nur gefragt, ob er ihr in einer Angelegenheit helfen könne, die sie schon lange belaste und sehr persönlich sei. Er war nicht darauf eingegangen, um gar nicht erst den Anlass für weitere Gespräche zu liefern. Doch nun musste er sich eingestehen, dass er neugierig geworden war.

»Was belastet dich denn so? Was soll ich für dich tun?«, fragte er in eine unangenehme Gesprächspause hinein.

»Das möchte ich ungern am Telefon besprechen«, sagte sie. Offenbar hatte sie gespürt, dass er jetzt etwas wohlwollender reagierte. »Es würde mich freuen, wenn wir uns treffen könnten. Vielleicht in der Innenstadt, in einem Café? Oder wo auch immer du magst. Und entschuldige, dass ich so hartnäckig bin, ich will dir wirklich nicht auf die Nerven gehen. Aber ich weiß einfach nicht, an wen ich mich sonst wenden soll.«

Dann erwähnte sie, dass sie früher in der Nähe des nach dem Bildhauer Ásmundur Sveinsson benannten Museums gearbeitet habe und manchmal nach Feierabend dorthin gegangen sei, um den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen. Sie verabredeten sich für einen der nächsten Nachmittage. Als Konráð ankam, war kaum jemand dort. Ein ganzer Reisebus voller Touristen war gerade abgefahren, und er war sich sicher, dass bald weitere kommen würden. Reykjavík war damals vom Massentourismus überschwemmt worden, die Reiseunternehmen suchten verzweifelt nach Orten, wo sie die ganzen Leute hinbringen konnten, und da eignete sich das Museum Ásmundur Sveinsson gut, schließlich war es nicht weit von der Innenstadt entfernt und hatte einen sehr interessanten Skulpturengarten.

Auch das Gebäude selbst suchte in Reykjavík seinesgleichen. Es war auf originelle Weise zeitlos und außergewöhnlich zugleich, strenge Formen trafen auf weiche Linien, und über allem erhob sich ein Kuppeldach, das an eine Sternwarte erinnerte. Als wäre dort ein Schiff aus einem Paralleluniversum gestrandet.

In einem der Ausstellungssäle saß Valborg auf einer Bank und betrachtete eine Skulptur. Sie zeigte eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß hielt und es voller Liebe ansah. Die Skulptur hieß Mutterliebe. Als Konráð den Saal betrat, gab Valborg ihm ein zögerliches Zeichen, sie begrüßten sich, und sie bot ihm den Platz an ihrer Seite an.

»Unglaublich, dass man einen ganz normalen Stein in so schöne Kunst verwandeln kann …«, sagte sie, während sie weiterhin die Skulptur betrachtete.

Konráð hatte vor einiger Zeit zufällig in ein Interview mit dem Künstler hineingeschaltet, das im Fernsehen lief. Da waren ihm besonders die kräftigen Finger des Bildhauers aufgefallen, seine rissigen, unreinen Fingernägel und die verheilten Wunden, die Hammer und Meißel hinterlassen hatten. Hart arbeitende Hände, die Stein sprengten und ihn verwandelten in Geschichten und Poesie.

»Er hat so schöne Skulpturen von Frauen gemacht«, sagte Valborg. »Insbesondere von Müttern. Diese starken Frauen, die ihre Kinder so liebevoll im Arm halten, sie beschützen und nähren. Die Liebe zwischen Mutter und Kind, gehauen in Stein.«

»Denkst du viel über so etwas nach?«, fragte Konráð nach einem Moment des Schweigens und sah Valborg an. Sie hatte weiche Gesichtszüge und dunkle, geschwungene Augenbrauen, die hohe Stirn ließ sie nachdenklich wirken.

»Je älter ich werde, desto mehr«, sagte sie. »Ich wollte es nicht einmal halten. Ich habe es nie gesehen.«

»Was hast du nie gesehen?«

Die Frau wandte den Blick nicht von der Skulptur ab.

»Ich bin von einem Spezialisten zum nächsten gerannt. Alle sagen mir, dass ich nicht mehr lange habe. Sie können es mit Medikamenten noch hinauszögern, mir etwas gegen die Schmerzen geben, doch eine Heilung gibt es nicht, damit muss ich mich abfinden. Das habe ich auch versucht. Aber es ist schwer. Ich muss in der letzten Zeit immer wieder an eine bestimmte Sache denken und … ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll. Ich habe mal ein Kind bekommen, das mir direkt nach der Entbindung weggenommen wurde. Oder vielmehr … es wurde mir nicht genommen, ich habe es fortgegeben. Ich hatte dem schon vor der Geburt zugestimmt, da erschien es mir am vernünftigsten, wenn ich das Kind gar nicht erst sehen oder im Arm halten würde, damit gar nicht erst eine Bindung entsteht. Und doch habe ich nie aufgehört, an mein Kind zu denken. Auch wenn ich erst jetzt einen ernsthaften Versuch mache, herauszufinden, was aus ihm geworden ist. Das ist siebenundvierzig Jahre her und … ich weiß nichts, ich weiß nicht einmal, ob es ein Junge war oder ein Mädchen. Ich habe mich damit abgefunden, es war ja schließlich meine Entscheidung, ich hätte das Kind nicht behalten können, das war klar, aber jetzt möchte ich wissen, wie es ihm ergangen ist, und ihm vielleicht sagen … ihm sagen, was passiert ist und warum und schauen, ob es ihm gut geht, damit ich mir keine Sorgen machen muss. Damit ich weiß, dass das die richtige Entscheidung war. Dass ich das richtig gemacht habe, trotz allem.«

»Siebenundvierzig Jahre sind eine lange Zeit.«

»Und ich sage immer noch ›das Kind‹.« Valborg sprach so leise, dass Konráð auffiel, wie müde und erschöpft sie war. Er dachte an die Schmerzmittel, die sie eben erwähnt hatte. »Es wird bald fünfzig, und ich sage immer noch ›das Kind‹. Ich kenne es ja auch nicht anders, ach, was sage ich, ich kenne es ja überhaupt nicht!«

»Was hast du bisher unternommen, um es zu finden?«, fragte Konráð.

»Ich habe damals auf dem Land gewohnt, auf der anderen Seite der Berge. Oder genauer gesagt, ich bin extra dorthin gezogen, um das Kind dort bei jemandem zu Hause zur Welt zu bringen. Das ging alles sehr gut, eine Hebamme war dabei, die sich gut um mich gekümmert und meine Situation verstanden hat. Die hat mich, ehrlich gesagt, auch dazu gebracht, es so zu machen, anstatt das Kind abzutreiben. Sie hatte das Kind im Arm, als ich es zum ersten und einzigen Mal sah. Die Hebamme lebt nicht mehr, das habe ich herausgefunden. Und über das Kind kann ich nichts finden, was mich nicht überrascht, wenn man bedenkt, wie wir das damals gemacht haben. Den Geburtstag und das Jahr weiß ich natürlich, doch das hat mir nicht geholfen. Vielleicht haben die das Geburtsdatum auch einfach geändert. Ich bin zur Polizei gegangen, aber es ist ja niemandem Gewalt angetan worden. Alles geschah mit meiner Zustimmung. Die Polizei hat ja auch Wichtigeres zu tun, die haben mir den Tipp gegeben, ich soll eine Zeitungsannonce aufgeben, mich an das Fernsehen wenden. Aber das kann ich nicht. Das würde ich nie tun.«

»Warum hast du dein Kind weggegeben?«

Konráð bereute sofort den harschen Ton, in dem er die Frage gestellt hatte.

»Kannst du mir nun helfen oder nicht?«, fragte Valborg, ohne ihm zu antworten.

»Ich wüsste nicht, wie«, sagte Konráð, der sich weiterhin nicht recht in die Sache einmischen wollte. »Du hast ja offenbar alles versucht. Vielleicht solltest du die Sache auf sich beruhen lassen? Wenn es keine offiziellen Aufzeichnungen gibt und die Menschen, die dir helfen könnten, nicht mehr leben, sollte man vielleicht gar nicht mehr daran rühren. Und selbst wenn du nach all der Zeit noch etwas herausfindest, weißt du nicht, was das dann für dich bedeutet. Vielleicht bist du erleichtert, weil alles gut ausgegangen ist. Oder es geht dir danach noch schlechter als jetzt.«

»Ich weiß. Aber dieses Risiko gehe ich ein«, sagte Valborg und sah ihm fest in die Augen, um ihm zu zeigen, dass sie all das bereits bedacht hatte. »Ich würde alles tun, um herauszufinden, was aus meinem Kind geworden ist. Ich bezahle dich natürlich. Ich habe etwas gespart.«

»Es geht mir nicht um das Geld«, sagte Konráð.

»Diesen Fall, mit der Leiche auf dem...



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