E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Irimia Der Mann hinter dem Nebel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910732-37-7
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-910732-37-7
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Florin Irimia, geb. 1976, lebt als Schriftsteller und Hochschullehrer in Ia?i, Rumänien. Seit seinem literarischen Debüt im Jahre 2009 hat er drei Romane und zwei Erzählbände veröffentlicht, dazu rumänische Übersetzungen der Werke Margaret Atwoods. Er ist einer der ambitioniertesten Schriftsteller der aktuellen rumänischen Literaturszene und hat bereits zahlreiche Stipendien erhalten und war Gast im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Peter Groth ist freier Übersetzer für literarische und nicht-fiktionale Texte aus dem Rumänischen und Englischen. Zudem ist er seit mehr als 20 Jahren Sprachmittler im Bereich Deutsch als Fremdsprache.
Weitere Infos & Material
Prolog S. 9
Der Unfall S. 13
Ein Kätzchen S. 18
Das Geheimnis des amerikanischen Autos S. 30
Das Widderchen S. 38
Das Aquarium S. 42
Ein Bad im Ohridsee S. 60
Der Waggon mit Pornos S. 73
Cute S. 94
Chronik einer verspäteten Trennung S. 104
Die Badewanne S. 128
Der Mann hinter dem Nebel S. 147
Unaggressive Tenside S. 161
Schmutzige Wäsche S. 175
Ausdünnung S. 181
Ende der Sprechstunde S. 195
Der Schriftsteller S. 202
Die Ratte S. 211
»Im Lande Berlin« S. 215
Wishful Drinking S. 241
Achim Florian S. 261
Der Fremde im Zug S. 266
Nachte gut S. 274
Der einzige Überlebende S. 301
Der Prozess. S. 319
Epilog S. 329
2
Ein Kätzchen
Mein Gott, wie soll ich es sagen? Wie kann ich sagen, was ungesagt bleiben sollte?
Zu jener Zeit war ich ungefähr zehn Jahre alt und wohnte noch immer in der Wohnung mit den zwei hintereinander liegenden Zimmern in dem alten Block, der in den Fünfzigerjahren von Deutschen gebaut worden war. Und auch wenn meine Eltern noch nicht geschieden waren – was mich völlig überraschte, als es schließlich geschah, und zwar nicht, weil ich sie bis dahin niemals hatte streiten gesehen, sondern weil ich mit dem Eindruck lebte, dass man nichts mehr tun und nichts mehr an der Situation ändern konnte, wenn zwei Menschen sich nicht mehr verstanden, so als hätte diese Tatsache eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun, als wäre es eine der vielen unveränderlichen Lasten des Lebens, wie ein Unfall, der zur Folge hat, dass man permanent humpelt und damit leben muss –, auch wenn sich also meine Eltern noch nicht hatten scheiden lassen, hatte ich bereits begonnen, mich in ein introvertiertes Kind zu verwandeln, schweigsam und geradezu unwirsch, ohne das Bedürfnis, mit anderen zu interagieren, weder mit anderen Kindern noch mit irgendwelchen anderen Menschen; ein Kind, das lieber die Zeit allein verbrachte, im Haus und auch draußen.
Ganz in der Nähe des Wohnblocks, in dem ich lebte, stand ein großer, alter Nussbaum, auf den ich kletterte, sobald es Sommer wurde, um mich vor der Wärme zu schützen und nicht ins Haus gehen zu müssen, und auf den ich dann auch im Herbst kletterte, und in einer Art Routine machte ich damit sogar weiter, als der Herbst vorbei war – so wie manche Kinder, die am Meer wohnen, auch mitten im Winter an den Strand gehen; selbst wenn sie dann nicht mehr ins Wasser steigen oder ihre Kleider ausziehen, gehen sie trotzdem dorthin, denn daran haben sie sich gewöhnt.
Um auf den Baum zu kommen, musste ich zunächst auf den Laden eines Schusters klettern, der ziemlich unsympathisch war. Das hatte ich unzählige Male am eigenen Leib erlebt, denn wann immer ich zu ihm kam, mal mit meinen Schuhen, mal mit Schuhen meiner Eltern, machte er eine Bemerkung, zum Beispiel »Junge, du weißt gar nicht, wie man Schuhe richtig trägt« oder »Jetzt sieh dir das an, neue Schuhe und bereits kaputt«, sodass man sich sofort schlecht fühlte, weil man seine Dienste in Anspruch nahm, so als wäre das gar nicht sein Beruf und er täte es umsonst. Deshalb wartete ich meist, bis er seinen Laden schloss, oder ich machte einen Bogen und schlüpfte an die Seite, wo es keine Fenster gab und er mich nicht sehen konnte. Dann kletterte ich behutsam wie eine Katze, wenn auch nicht mit derselben Geschmeidigkeit, auf die Holzhütte, indem ich mich auf einen Stein oder alten Reifen stellte oder mich einfach an der Mauer hinter seiner Bude abstützte, wobei ich versuchte, so leise wie möglich zu sein, um nicht von innen gehört zu werden. Allerdings glaubte ich auch nicht, dass der Schuster überhaupt etwas hörte – nicht allein wegen des Radios, das bei ihm ständig lief, sondern auch wegen der Tatsache, dass der Mann fast taub sein musste. Schließlich sprach er immer so laut und auch über andere hinweg, als würde er überhaupt nicht wahrnehmen, dass man redete, sodass man irgendwann keine Lust mehr hatte, bei ihm überhaupt noch den Mund zu öffnen.
Auf dem Dach des Ladens nahm ich etwas Schwung und sprang auf eine höhere Garage, genauer gesagt auf eine Garagenreihe, die auch nur Bruchbuden waren, über die man eine Teerschicht gegossen hatte, sodass man im Sommer, wenn es sehr heiß war, gut aufpassen musste, um nicht mit den Füßen klebenzubleiben. Auf den Garagen ging ich ein Stück und erreichte den Baum, der so nah war, dass ich nur noch einen Schritt machen musste und mich schon zwischen seinen dicken, kräftigen Ästen befand, auf denen man gut klettern konnte und wo ich mir irgendwann mein Nest gebaut hatte. Den Sommer verbrachte ich mit Lesen, geschützt vor neugierigen Blicken oder den Nörgeleien meiner Eltern und auch meiner Großeltern – vor allem meiner Großeltern. Im Herbst beschäftigte ich mich damit, Nüsse zu essen, die ich zunächst aus ihrem grünen Panzer schälen und aufknacken musste, um dann die feinen Häutchen zu entfernen, die das Innere bedeckten, eine mühselige, zeitaufwendige Beschäftigung, die meine Finger obendrein mit einem hartnäckigen rostbraunen Belag verschmierte.
Wenn der Winter kam und die Blätter verschwunden waren, die mir zuvor Schatten gegeben und mich vor neugierigen Blicken geschützt hatten, stellte ich fest, dass es eigentlich nichts mehr im Baum zu tun gab, abgesehen vielleicht davon, in die umliegenden Wohnungen anderer Leute zu blicken. Nicht ganz so nah wie die Garagen neben dem Nussbaum, doch noch immer nahe genug, befand sich die Seitenwand eines Wohnblocks, der meinem sehr ähnlich war. Wie es der Zufall wollte, wohnte dort die Verrückte unseres Viertels, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, die zu bestimmten Zeiten – vermutlich nach ihrer Entlassung nach Hause – den Kopf aus dem Fenster steckte und stundenlang schwadronierte, wobei sie manchmal sogar Ceau?escu beschimpfte, ohne dass ihr deshalb etwas geschah. Die Leute hatten sich an sie gewöhnt und beachteten sie nicht mehr, doch ich fürchtete mich vor ihr und der Art, wie sie beim Sprechen das Gesicht verzerrte, und vor der Flut an bösen Worten, die ihr wie aufgewühltes schwarzes Wasser immer weiter aus dem Mund quollen und alles andere überspülten, sogar ihre abrupten und unerwarteten Pausen, nach denen sie sofort mit der Aneinanderreihung von Enthüllungen und Flüchen fortfuhr, was mich zugleich faszinierte und entsetzte. Zum Glück zeigten ihre Fenster alle zur Vorderseite, von mir weg, sodass für mich keine Gefahr bestand, sie vom Baum aus zu sehen, was nicht bedeutete, dass ich sie nicht den Großteil des Sommers hörte. Allerdings war sie seit einiger Zeit nicht mehr am Fenster aufgetaucht, und es war jetzt ruhig.
An meiner neuen Beschäftigung war nichts geplant, und sie faszinierte mich auch nicht besonders. Doch wahrscheinlich verspürte ich die Notwendigkeit irgendeines Zwecks, um jenseits der reinen Gewohnheit damit fortzufahren, was ich tat – ich brauchte einen Grund, um auch jetzt weiter auf den Baum zu kommen, wo es schon so früh dunkelte und täglich kälter wurde. Denn ich muss zugeben, ich spürte ganz unabhängig von den jahreszeitlichen Veränderungen vor allem nach Einbruch der Dunkelheit, dass ich in Sicherheit war, solange ich mich hier befand, umgeben von den kräftigen Ästen des Baumes; hier, wo es mich zugleich überhaupt nicht mehr gab, als wäre ich vom Erdboden verschwunden, und der Gedanke ließ mich zufrieden lächeln, denn er verursachte ein inneres Glücksgefühl. Ähnlich jenem, das ich bei anderer Gelegenheit empfunden hatte, als ich mich für ein paar Monate in eine bizarre Fantasie versenkte (die ich später, nachdem ich den Roman gelesen hatte, Graf von Monte Christo nannte), zu der ich gelegentlich zurückkehrte, eben weil sie mir ein unerhörtes Behagen bescherte: Es ging darum – daran kann ich mich auch jetzt noch erinnern –, dass irgendwer, ein Elternteil, ein Verwandter oder ein Freund, jedenfalls eine nahestehende Person, mir eine riesige Ungerechtigkeit angetan hatte, die allerdings die ganze Zeit über im Vagen blieb und die natürlich schreckliche Auswirkungen auf mich hatte. Ich war gezwungen, die Stadt zu verlassen, schließlich sogar das Land, ich kam in ferne Gegenden, wo ich anfangs große Schwierigkeiten hatte, mich anzupassen, mich an andere Gepflogenheiten und eine andere Sprache zu gewöhnen, und die Menschen dort waren auch nicht freundlich. Doch Schritt für Schritt änderten sich die Dinge, langsam erholte ich mich und gestaltete mein Leben neu, und eines Tages traf ich die Entscheidung, in mein Land zurückzukehren, ein erfolgreicher junger Mann, dessen einzige Rache für das Erlittene darin bestand, dass er triumphierte und sein Leben fortsetzte …
Ich hatte vom Baum aus freien Blick auf eine begrenzte Anzahl von Fenstern: ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Bad und eine Küche, die nicht alle zu derselben Wohnung gehörten, obwohl ich das damals glaubte. Die meiste Zeit sah ich nichts Besonderes, ein Stück eines Regals voller Bücher, eine Ecke des Herdes und des Tisches, eine halbe Spüle und ein Viertel von einer Badewanne, ein Bild und ganz selten Menschen, und selbst dann keine deutlich erkennbaren Gesichter, als wären es überhaupt keine Menschen, sondern nur ein paar Geister, die ich nur dann sehen konnte, wenn sie Lust dazu hatten, gesehen zu werden, die mir aber mit der Zeit so vertraut wurden, dass ich manchmal nachts träumte, ich wäre dort, in einer Küche, die ich mir genauso eng vorstellte wie meine, auf deren Tisch jedoch ein anderes Wachstuch lag, oder im Bad, versunken in der Wanne voll heißem Wasser, doch neben mir eine andere Sorte Shampoo als das aus der Seepferdchenflasche, das ich immer benutzte. Ein anderes Mal überraschte ich mich dabei (obwohl ich mich eigentlich seit einer Weile schon nicht mehr so überraschte), wie ich das Bild aus dem Wohnzimmer, das ich vom Baum aus sah, auch in meinem Wohnzimmer zu sehen erwartete, und umgekehrt erwartete ich, von dem Baum aus in jenem Haus ein paar von unseren Objekten und Gegenständen zu erkennen, vielleicht den Fernseher oder das Sofa oder die zwei Sessel mit den geblümten Bezügen. Obwohl ich auf der einen Seite genau wusste, dass es nicht sein konnte, dachte ich auf der anderen, es sei auch nicht völlig unmöglich, mich eines Tages selbst dort zu sehen, hinter den schmutzigen Fensterscheiben und den durchsichtigen Gardinen, ein introvertiertes und ernstes Kind, das in einem Buch liest oder irgendwas im Haus tut, und dann...




