E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Irving Max - der Lebensretter
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27429-0
Verlag: Kailash
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie ein wunderbarer Hund mir half, meine tiefe Krise zu überwinden
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-27429-0
Verlag: Kailash
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kerry Irving lebt und arbeitet zusammen mit seiner Frau Angela in Keswick im English Lake District (U.K.). Er ist ein begeisterter Hobbyfotograf, liebt die Natur und Bergwanderungen und ist seit seiner Kindheit ein großer Hundeliebhaber. Nach einem schweren Autounfall, bei dem seine Wirbelsäule verletzt wurde, war er lange ans Haus gefesselt. Ursprünglich im Vertrieb tätig, arbeitet Kerry Irving heute als Schlosser. Um etwas davon weiterzugeben, was er von Max bekommen hat, unterstützt Kerry Irving seit langem PDSA, eine Organisation, die sich um notleidende Tiere kümmert.
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Vorwort
»Bist du bereit, Max? Wenn mir irgendjemand dabei helfen kann, dann du.«
Der Hund neben mir schaut auf und sieht mir in die Augen. Er sitzt auf dem Boden. Sein Schwanz wischt hin und her und fegt Kiefernnadeln beiseite. Hinter uns steht das kleine Zelt, in dem wir zur Vorbereitung auf diesen Tag übernachtet haben. In der Ferne jenseits des Waldes ragt der schneebedeckte Felsgipfel, den ich bezwingen möchte, in den dämmrigen Morgenhimmel.
Früher hätte mich die Aussicht auf eine Wanderung auf den Ben Nevis nicht im Mindesten verunsichert. Menschen aus aller Welt kommen in diesen Winkel Schottlands, um den Weg zum Gipfel zu gehen. Aber heute ist der Ben Nevis nicht nur der höchste Berg Großbritanniens, sondern er steht für so viel mehr. Bis vor Kurzem hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich diese Herausforderung meistern könnte. Nun sehe ich darin eine Chance, mich meinen Ängsten zu stellen.
Wenn Max nicht gewesen wäre, wäre ich genau genommen gar nicht hier.
»Lass uns gehen«, sage ich – und unsere Wanderung beginnt.
Wir sind so früh dran, dass außer uns niemand auf den Beinen ist. Erste Sonnenstrahlen dringen in den Wald und fallen quer über den Weg. Max hat die Nase am Boden, und seine Schultern stampfen auf und ab wie zwei Kolben. Er trottet voraus und kehrt wieder zu mir zurück, ohne mich aus den Augen zu lassen. Er ist ein sehr aufmerksamer Hund. Das ist typisch für die Rasse, trotzdem ist dieser Springer Spaniel etwas ganz Besonderes. Niemand versteht mich besser als Max oder weiß um meine Beklommenheit, während wir einen Zaunübertritt meistern und uns dieser für mich alles entscheidenden Herausforderung stellen. Wenn ich allein wäre, wäre es ein Leichtes, an dieser Stelle einfach umzukehren, nach Hause zu fahren und zu sagen: »Es ist wirklich fantastisch dort oben!«, und niemand wüsste Bescheid. Max’ Gegenwart erinnert mich daran, dass ich mir damit nur in die eigene Tasche lügen würde.
Es gibt zwei Gründe für unseren frühen Aufbruch. Bei meinem Tempo werden wir viel länger zum Gipfel brauchen als die meisten anderen. Ich muss jeden Schritt mit Vorsicht und Bedacht wählen und mich gleichzeitig dagegen wappnen, dass ich jederzeit von plötzlichen Schmerzen durchzuckt werden könnte, die mich zum Innehalten zwingen. Wir nehmen den sogenannten »Pony Track« oder die Touristenroute. Ich muss damit rechnen, dass sich der Weg, der sich allmählich in Serpentinen über die unteren Hänge des Berges zieht, bis zum Vormittag mit Wanderern füllt – der wichtigste Grund, weshalb ich so zeitig losgegangen bin. Außer meinem Hund soll mich niemand sehen. Ich kann es jetzt wirklich nicht gebrauchen, dass ein Fünfundsiebzigjähriger mit einem großen Rucksack an mir vorbeizieht und sich dann fragt, wieso ein scheinbar fitter Mittvierziger nicht das gleiche Tempo anschlagen kann. Dass ich von außen ganz normal aussehe, halte ich für einen Teil des Problems. In Wirklichkeit muss ich auf jede Bewegung achten, denn ein falscher Schritt kann schreckliche Schmerzen verursachen.
Es fällt mir schwer, mich zu entspannen, aber ich fühle mich von Max nie unter Druck gesetzt, schneller zu gehen. Er ist nicht angeleint und erkundet den Weg, als wolle er prüfen, ob er sicher für mich ist. Es ist nicht seine Art, in seine eigene Welt davonzustürmen oder mir das Gefühl zu geben, ich würde ihn bremsen. Er klebt aber auch nicht so eng an meiner Seite, dass die Gefahr besteht, über ihn zu stolpern. Er tickt anders, und das ist einer von vielen Gründen, weshalb sich eine derart enge Bindung zwischen uns entwickelt hat. Er lässt mir Freiraum und gibt mir gleichzeitig das Gefühl, nicht allein zu sein.
Max ist für mich da – und umgekehrt. Wir unternehmen diese Wanderung gemeinsam, weil nur er versteht, dass ich mein Bestes gegeben habe, falls alles schiefgeht. Wenn ich scheitere, scheitere ich nur in seiner Gegenwart. Er ist mein kleiner Freund, mein ständiger Begleiter und Schutzengel in Gestalt eines oft dreckverschmierten und leicht müffelnden Spaniels.
Wir wählen unseren Weg den Pfad hinauf, klettern über lose Steine und in den Hang geschlagene Stufen. Ich bleibe immer wieder stehen, um zu Atem zu kommen und die Aussicht zu genießen. Schon seit einer Weile spiele ich mit dem Gedanken an diese Wanderung und kann kaum glauben, dass ich wirklich hier bin. Die Sonne klettert gerade erst in den Himmel, und die Temperatur ist perfekt. Es ist ein glasklarer Tag, und je höher wir kommen, desto mehr frischt die belebende Brise auf. Ich habe Proviant für uns beide dabei, aber in diesem Augenblick interessiert sich Max nur dafür, seinen Stock nicht fallen zu lassen. Er hat ihn gerade erst aus einer Erosionsrinne gefischt, und ich kann sicher sein, dass er ihn bis zum Gipfel hinauf- und wieder hinuntertragen wird. Hat er sich erst einmal für etwas entschieden, gibt er niemals auf, und ich erinnere mich an diese Eigenschaft, als ich gegen meine eigenen Bedenken bezüglich unseres Vorhabens ankämpfe.
Wir hatten über einen halben Tag für die Anfahrt aus dem Lake District gebraucht, wo ich zu Hause bin. Die Autofahrt war eine Qual. Es dürfte die wohl weiteste Reise sein, die ich seit der dramatischen Veränderung in meinem Leben vor sieben Jahren unternommen habe. Hinterm Steuer musste ich feststellen, dass bei jeder Bewegung vom Bremsen bis zum Abbiegen stechende Schmerzen vom Hals bis in den Rücken und die Arme ausstrahlten. Max saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Er hat sich diesen Platz ausgesucht, und ich habe ihn gern an meiner Seite – vor allem in schwierigen Momenten.
Trotz der stundenlangen unangenehmen Fahrt freute ich mich auf den Ausflug. Es sollte dabei ausschließlich um meinen Hund und mich gehen. Ein Männerwochenende. Erst nachdem wir auf dem Campingplatz angekommen waren und ich das Zelt aufgebaut hatte, holte mich die Kraftanstrengung der Fahrt wieder ein. Ich wollte nur noch schlafen. Doch für Max war dies die erste Nacht unter einer Zeltplane. Ich war mir nicht sicher, ob er zur Ruhe kommen würde. Er schnupperte ein wenig herum, während ich meinen Schlafsack und seine Decke ausbreitete. Dann rief ich ihn ins Zelt.
Ohne zu zögern, schlüpfte Max herein und rollte sich zusammen, als gehöre er hierher, und damit war die Sache erledigt. Den nächsten Tag verbrachten wir mit kurzen Spaziergängen im Wald am Fuße des Berges. Ich musste mich ausruhen, wieder zu Kräften kommen und mich auf den Aufstieg vorbereiten.
Heute Nacht habe ich nicht gut geschlafen, doch nachdem wir aufgebrochen sind und die Kiefern hinter uns gelassen haben, lassen meine Bedenken bezüglich der Wanderung allmählich nach. Wir haben eine ordentliche Strecke vor uns, aber Max ist nicht nur wegen der frischen Luft und der Dinge hier, die es zu sehen und zu hören gibt. Seine Anwesenheit wirkt beruhigend, und es stört ihn nicht, dass ich mein eigenes Tempo habe. Er wirft mir immer wieder lange Blicke zu, und der Ausdruck in seinen Augen scheint zu sagen: »Ich bin für dich da.«
Der Ben Nevis gehört zu den Bergen, die man auf einem Foto nicht recht würdigen kann. Erst wenn man davorsteht und zum Gipfel hinaufsieht, denkt man: »Ganz schön groß!« Der Weg zum Gipfel ist ziemlich lang, und die Wanderung ist nicht ganz einfach. Ich habe mir die Karte angesehen und dabei entdeckt, dass die Strecke erosionsbedingt geändert wurde. Ich muss eine größere Schleife gehen und bin darauf nicht vorbereitet. Nach etwa einem Drittel des Weges muss ich immer wieder stehen bleiben und die Schultern lockern. Das liegt daran, dass ich mich beim Gehen verspanne, weil ich Angst habe, einen falschen Schritt zu machen und unter schrecklichen Schmerzen zusammenzubrechen. An einer Stelle schlängelt sich der Weg um eine Felsnase, und ich bleibe einfach stehen und lehne mich dagegen, um meine Verspannungen abzuschütteln. Sofort kommt Max angelaufen und sieht mich an, und seine langen Ohren flattern im Wind.
»Ich gebe nicht auf«, versichere ich ihm. »Vertrau mir. Wir schaffen das.«
Wir steigen weiter hinauf, und die Landschaft verändert sich. Die Stufen werden höher und anstrengender. In einem Moment komme ich ganz normal vorwärts, und schon im nächsten muss ich mich mächtig ins Zeug legen und mich an Grasbüscheln und Felsen nach oben ziehen. In diesem Augenblick wird mir klar, dass diese Wanderung eine Riesensache für mich ist. Gleichzeitig haben wir einen Punkt erreicht, an dem ich über Tümpel und Seen hinweg auf einen scheinbar endlos weiten Horizont blicken kann. Dies führt mir vor Augen, wie hoch wir schon sind und dass uns jetzt nichts mehr aufhalten kann.
An der Schneegrenze schaltet Max einen Gang höher. Er liebt Schnee, und da der letzte Winter schon eine Weile zurückliegt, nutzt er diese Gelegenheit, um zu zeigen, was es heißt, ein Springer Spaniel zu sein, und stürzt sich in die Schneeverwehungen. Ich muss lächeln, als er umherspringt und seine Pfoten in den Bergen aus Pulverschnee versinken. Obwohl ich seinem Beispiel schlecht folgen kann, genügt dies, um mir einen Motivationsschub zu geben.
Kurz darauf sehe ich bei einem meiner regelmäßigen Kontrollblicke, wie weit wir schon gekommen sind, dass sich jemand mit großen Schritten nähert. Der Mann ist noch weit...




