E-Book, Deutsch, Band 3, 350 Seiten
Reihe: Der Zirkel der Phantanauten
Isau Der Feuerkristall
1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-26-87013-8
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 350 Seiten
Reihe: Der Zirkel der Phantanauten
ISBN: 978-87-26-87013-8
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, ist ein deutscher Schriftsteller, der auch unter dem Pseudonym Jan Aalbach veröffentlicht. Er ist gelernter Programmierer und arbeitete unter anderem als EDV-Berater, bis er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Romane nennt er selbst 'Phantagone', bei denen oft Fiktion und Historisches vermischt werden. Isau ist hauptsächlich für seine phantastischen Jugendbücher wie z.B. seine beliebte 'Neschan-Trilogie' oder 'Der Drache Getrud' bekannt, hat jedoch auch Erwachsenenliteratur geschrieben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
((Kap. 1/Wilhelms Welt))
Das Ungewitter
Bei Steinau an der Straße
Landgrafschaft Hessen-Kassel
6. Mai 1798
Es gab keinen vernünftigen Grund, warum ein Rindvieh in der Hölle schmoren sollte. Wilhelm war, obwohl der Wald um ihn herum zwitscherte und summte, ganz in seine Gedanken vertieft. Die Sonne blinzelte durch das sanft wiegende Blätterdach und warf ein verwirrendes Spiel aus Licht und Schatten auf den Pfad. Dabei konnte man sich den Zeh leicht an einer Wurzel anstoßen. Trotzdem wandte Wilhelm den Blick vom Weg, sah seinen Bruder von der Seite her an und schüttelte missfällig den Kopf. »Du spielst wieder den Baron Münchhausen und versuchst mir eine deiner Lügengeschichten aufzutischen. Den Zinnober kaufe ich dir nicht ab.«
Jacob grinste nur. »Vielleicht schätzt der Fürst der Finsternis ja einen guten Braten.«
»Darüber macht man keine Scherze.««
»Die Märchenfrauen tun`s aber. Erst neulich hat die alte Trude uns vom Teufel mit den drei goldenen Haaren erzählt.«
Wilhelm verzog das Gesicht. Er war zwölf, sein Bruder Jacob dreizehn. In diesen aufregenden Tagen, kurz vor dem Anbruch eines neuen Jahrhunderts, machten Männer vor allem als Entdecker oder Erfinder von sich reden, die mündliche Überlieferung der alten Volkssagen überließen sie dem sogenannten schwachen Geschlecht. »Du hast gesagt, an diesem Sonntag wollen wir ein Abenteuer erleben, das uns einmal berühmt machen kann. Wozu haben wir sonst den Strick und mein Jagdmesser mitgenommen? Doch wegen der Höhle, oder nicht?«
Jacob rückte die schweren, quer über der Brust hängenden Seilschlaufen zurecht. »Bis heute konnte niemand beweisen, ob unter diesem Wald eine Höhle liegt. Sicher ist nur, dass vor über zweihundert Jahren irgendwo da vorne die Kuh von Jox Mellmann vom Erdboden verschluckt wurde.« Er deutete den Trampelpfad entlang.
»Aber bestimmt nicht, um in die Hölle hinabzufahren.«
»Wer kann das schon wissen?« Jacob lächelte, was ihn seinem jüngeren Bruder noch ein bisschen ähnlicher machte. Beide waren klein, drahtig und ihre welligen, von der Sonne aufgehellten Haare von keinem Kamm zu bändigen. Sie teilten zudem die Begeisterung sowohl für die Natur als auch für phantasievolle Geschichten und Streiche – zum Leidwesen von Lehrer Zinkhan, dem Steinauer Stadtprääzeptor, der meinte, die zwei Galgenvögel hielten wie Pech und Schwefel zusammen. Tatsächlich traf man selten einen ohne den anderen an. Trotzdem unterschieden sie sich auf mancherlei Weise. Der Ältere war schon immer der Pfiffigere und Unternehmungslustigere gewesen, während Wilhelm seine Nase lieber in Bücher steckte. Er besaß von beiden das sanftere Wesen und vermochte mit Worten zu jonglieren wie ein Gaukler mit brennenden Fackeln.
In diesem Moment fröstelte der Schöngeist. Etwa aus Angst vor dem Schauermärchen des Bruders? Oder lag es an dem kühlen Wind, der mit einem Mal zwischen den alten Stämmen hindurchstrich? Vor nicht einmal einer Stunde hatten sie im Bienengarten der Familie noch über den heißesten Mai seit Jahren geklagt. Die Sonne wollte ihnen schier den Grips im Kopf versengen, weshalb sie nur in ihren dünnen Leinenhemden und Kniebundhosen aufgebrochen waren. Sogar auf Strümpfe und Schuhe hatten sie verzichtet. Aber nun war es plötzlich empfindlich kühl geworden und das Zwielicht im Wald wurde rasch schwächer, als dämmere bereits die Nacht. Dabei war es erst früher Nachmittag.
Wilhelm wandte den Blick nach oben. »Hörst du das?« Die Wipfel rauschten und wisperten, als wollten sie die beiden Abenteurer auf eine Gefahr hinweisen.
»Vielleicht warnen uns die Elfen oder Trolle, weil wir an der Schwelle zu ihrem Reich stehen«, frotzelte Jacob.
»Witzbold.«
Ehe er etwas erwidern konnte, zuckte ein Blitz über den Himmel. Im grellen Licht zeichneten sich die Baumkronen wie Scherenschnitte ab. Gleich darauf ließ ein Donnerschlag den Waldboden erzittern. Die Brüder blieben wie auf ein geheimes Zeichen stehen und sahen sich mit eingezogenen Köpfen um.
»Hatten wir nicht eben einen strahlend blauen Himmel gehabt?«, wunderte sich der Ältere.
»Sieh mal da!«. Wilhelm deutete aufgeregt nach oben. »Das ist doch unmöglich.«
Durch das Blätterwerk fielen große, weiße Flocken.
»Nein«, murmelte Jacob verwirrt, »die Frau Holle macht ihr Bett.« So pflegten die Hessen zu sagen, wenn es schneite. Er zitterte.
»In einem heißen Mai wie diesen?«
»Irgendwie unheimlich.«
»Jetzt hör endlich auf mit deiner Unkerei, Jacob!«
»Ich mein`s ernst, Bruderherz. Im Biengarten hatten wir ein Wetter wie im Hochsommer. So etwas ist nicht normal.«
Aus den wirbelnden Flocken wurde ein dichtes Schneegestöber. Das Unwetter nahm mehr und mehr bedrohliche Ausmaße an. Heftige Böen peitschten den Wald. Ringsum knarrte und ächzte das Geäst. Blätter und ganze Zweige wurden abgerissen und sausten den Brüdern um die Ohren.
Plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch unter das Knacken und Knarzen. Es kam schnell näher und klang, als sei das Himmelsgewölbe in Millionen Scherben zerborsten, die nun auf den Wald herabregneten. Jacob fiel ein hühnereigroßer Eisbrocken direkt vor die Füße.
»Das ist Hagel. Schnell unter den Baum da!«, schrie er und lief auch schon auf eine gedrungene Buche zu.
Wilhelm folgte ihm, wohl wissend, dass ein Blitz im Wald seltener vom Stamm auf den Schutzsuchenden übersprang als auf freiem Feld. Die Gefahr, vom Hagelschauer erschlagen zu werden, war hier wohl weitaus größer.
Während sie hastig auf die Buche zueilten, schlugen um sie herum die Eisgeschosse ein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen getroffen würde.
Unvermittelt hörte Wilhelm über sich ein lautes Krachen. Gerade noch rechtzeitig zog er den Kopf ein, um einem faustgroßen Eisbrocken auszuweichen. Hinter ihm fiel ein schwerer Ast zu Boden. Er kreischte vor Schreck und lief noch schneller. Sein Bruder stimmte ins Geschrei mit ein.
Als könnten sie den tödlichen Schauer damit irgendwie beeindrucken, brüllten sie im Spurt aus vollem Halse – und erreichten tatsächlich unverletzt den Schirm der Baumkrone. So als habe jemand seine schützende Hand über sie gehalten, hatten alle Hagelkörner sie verfehlt.
Wilhelm hielt seinen Bruder am Kletterseil fest. »Bleib vom Stamm weg, Jacob!«
»Wieso? Da sind die Äste dicker und ...«
»Wenn in den Baum ein Wetterstrahl einschlägt, könnte er auf uns überspringen! Wir sollten besser fünfzehn bis zwanzig Fuß Abstand halten.«
Jacob verdrehte die Augen. »Lass mich raten: Das hast du in der Oekonomischen Encyclopädie vom alten Krünitz gelesen.«
»Du etwa nicht?«
»Manchmal könnte ich dich würgen für deine neunmalkluge Art.«
»Und ich dich für deine Gedankenlosigkeit. Wer hat uns den Schlamassel denn eingebrockt ...?«
Ein Blitz und ein ohrenbetäubender Knall brachten Wilhelm zum Schweigen. Der gleißende Strahl bohrte sich kaum zehn Schritte von den Jungen entfernt in den Boden. Sand und Eiskristalle wurden hochgeschleudert. Aus der Einschlagstelle schossen blaue Flammenbänder hervor, wie Feuerschlangen auf der Suche nach Beute.
Die Jungen wichen entsetzt zurück. Wilhelms Haut prickelte und es stach am ganzen Körper, als sei ein Heer von Ameisen über ihn hergefallen. Erschrocken drehte er sich zu Jacob um, dem sämtliche Haare zu Berge standen. Obwohl auch ihm der Schreck in den Gliedern steckte, fing er plötzlich an zu lachen.
»Findest du es lustig, dass wir fast erschlagen worden wären?«, fragte Wilhelm erbost.
Die Heiterkeit trieb Jacob das Wasser in die Augen, während er sich krümmte, den Kopf schüttelte und auf Wilhelm zeigte. »Entschuldige, Guy, aber ich mache mir gleich in die Hosen. Du siehst zum Piepen aus.« Füür die Brüder war es eine Art Spiel, wie eine Geheimsprache, Namen auf Französisch auszusprechen. Aus Jacob war so Jacques und aus Wilhelm Guillaume geworden. Nicht zuletzt aus Bequemlichkeit hatten sie diese schließlich auf die Kosenamen Jacko und Guy zusammengestutzt – das Versenden »geheimer« Nachrichten wäre sonst zu mühselig geworden.
»Wart`s ab, bis du in den Spiegel blickst«, erwiderte Letzterer. Auch seine Mundwinkel zuckten jetzt vom unterdrückten Lachen.
Jacob atmete ein paarmal tief durch. »Der Hagel hat aufgehört. Das Ungewitter scheint weiterzuziehen.«
...



