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E-Book, Deutsch, Band 3, 506 Seiten
Reihe: Der Kreis der Dämmerung
Isau Der Kreis der Dämmerung - Teil 3: Der weiße Wanderer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-39038-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 506 Seiten
Reihe: Der Kreis der Dämmerung
ISBN: 978-87-28-39038-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Isau wurde 1956 in Berlin-Tempelhof geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er zunächst als Programmierer tätig, bevor er 1988 zur Schriftstellerei fand. Nach einem erfolgreichen Start im Bereich Kinder- und Jugendbuch wechselte Isau in das Erwachsenengenre. Er hat zahlreiche Fantasyromane veröffentlicht, die häufig mit historischen Fakten gespickt sind. Isau lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg.
Autoren/Hrsg.
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Die Große Seele
Der Situation haftete etwas Unwirkliches an. Kein Romancier, dem etwas an seiner Glaubwürdigkeit lag, hätte die Szene in dieser Weise zu Papier gebracht. Und trotzdem trug sich alles genau so zu.
Der kleine braune Mann, der nur mit einem selbst gewebten Tuch bekleidet war und die Arme gerade zum traditionellen Segensgruß erhoben hatte, reagierte erstaunlich gefasst. Die Augen hinter den runden Brillengläsern Bapus, des »kleinen Vaters«, verrieten keine Furcht, ja nicht einmal Erstaunen. Da war nur Bedauern wie über eine verpasste Chance, vielleicht sogar Mitleid mit dem jungen Mann, der sich ihm in den Weg gestellt hatte.
Aber auch dessen Verhalten entsprach nicht unbedingt den in der Literatur vorgegebenen Klischees. Anstatt Hass zeigte er Respekt. Er wünschte dem fast Achtzigjährigen alles Gute und verbeugte sich ehrfürchtig. An der ganzen Szene störte eigentlich nur der Revolver zwischen dem kleinen Mann und dem höflichen Attentäter.
Das Haus in Faridabad bot einen erbärmlichen Anblick. Der Verputz war großflächig abgefallen. Braungelbe Lehmziegel stachen hervor, die sich ebenfalls in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung befanden. Das Gebäude mit den leeren Fensterhöhlen und dem Flachdach schien verlassen zu sein. Vielleicht hatte Gandhi sich geirrt. Zwar wogen dessen Vertraute jedes seiner Worte mit Gold auf, aber unfehlbar war der Mahatma – »Er, dessen Seele groß ist« – auch nicht.
Ja, bis zu diesem 30. Januar 1948 hatten die Menschen ihm viele Ehrennamen verliehen. Seine engsten Freunde, für die Mohandas Karamchand Gandhi einfach Bapu war, würden ihren »kleinen Vater« natürlich nie absichtlich täuschen, aber glühende Bewunderung und Scharfblick gleichen oft Feuer und Wasser: Das eine schließt das andere aus. Und wo es an Besonnenheit mangelt, kann man leicht etwas Wichtiges übersehen. Die einzige Konstante in diesen bewegten Zeiten schien ohnehin der stete Wechsel zu sein.
Während David unter der brütenden Sonne zu dem schäbigen Haus hinüberspähte, wanderten seine Gedanken zurück. Bewegte Tage und Wochen lagen hinter ihm. Vor erst vierundzwanzig Monaten, im Januar 1946, hatte er Japan verlassen. Nach einer kurzen Stippvisite in New York war er im Auftrag seines Freundes Henry Luce als Prozessbeobachter nach Nürnberg gereist. Das internationale Militärtribunal hatte mit einstigen Nazigrößen abgerechnet. Auch mit Franz von Papen, ein für David allerdings noch nicht abgeschlossenes Kapitel. Dem war eine wochenlange Odyssee quer durch Europa gefolgt, die ihn schließlich hierher, nach Indien, geführt hatte. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt hatte er nur zwei Mitglieder aus dem Kreis der Dämmerung ausschalten können. Damit blieben, neben Lord Belial, noch neun! Und Davids einhundertjähriges Lebensmaß war beinahe zur Hälfte ausgeschöpft. Nein, er hatte dieser – zugegeben – vagen Hoffnung einfach nachgehen müssen. Gandhi kannte die Höhen und Tiefen des Daseins und die Abgründe der menschlichen Seele. Als Verfechter der Idee der Gewaltlosigkeit musste er Lord Belial und seinem Geheimbund ein Dorn im Auge sein. Vielleicht, so hatte David sich gedacht, konnte ihn der Mahatma in seinem Kampf gegen den Kreis der Dämmerung unterstützen. Im Augenblick kam ihm dieser Gedanke allerdings ungemein selbstsüchtig vor.
Gandhi war nicht gerade darauf erpicht gewesen, sich noch weitere Sorgen aufzuladen. Er hatte in den vergangenen zwölf Monaten selbst einen zermürbenden Kampf geführt und war schließlich gescheitert. Moslems, Sikhs und Hindus wollten sich lieber gegenseitig zerfleischen, als seine Vision von einem geeinten Indien wahr werden zu lassen. Zweimal war er in Hungerstreik getreten und hatte damit die zerstrittenen Parteien wieder zum Frieden gezwungen. Wer wollte es dem Mahatma verübeln, wenn ihm der Wohnort eines kleinen Wadenbeißers wie Raja Mehta nicht gewärtig war?
»Sieht ziemlich verlassen aus, oder was meinst du?«
Die Frage galt Balu Dreibein an Davids Seite. Der kleine Inder trug Pumphosen und ein langes Hemd aus feinem weißem Leinen, eine graubraune Weste sowie einen hellgelben Turban. Unzufrieden stieß der alte Mann seinen Stock in den Boden und eine kleine Staubwolke stob auf. »Wenn wir nicht nachschauen, werden wir’s nie herausfinden, Sahib.«
»Ich hätte eher erwartet, dass du mich warnst.« David ahmte die Redeweise des alten Freundes nach: »›Zu gefährlich, Sahib.‹ Früher hörte sich so jeder dritte Satz aus deinem Mund an. Du hast dich ziemlich verändert, seit du nicht mehr mein Leibwächter bist, Balu.«
Baluswami Bhavabhuti grinste schief. »Das liegt an der Erfahrung, die man im Laufe des Lebens gewinnt. Nur noch ein paar Jahre und ich werde achtzig.«
»Was sind schon achtzig Jahre im Verhältnis zu den vielen Leben, die der stolze Tiger von Meghalaya bereits hinter sich gebracht hat?«
Der drahtige Hindu mit dem Holzbein gab sich beleidigt. »Willst du etwa meinen Glauben an die Reinkarnation infrage stellen? Ich hätte besser bei Bapu bleiben und ihn beschützen sollen.«
»Ehrlich gesagt, wäre mir das sogar lieber gewesen. Immerhin haben wir es hier vielleicht mit einem brutalen Handlanger Belials zu tun und du bist nun wirklich nicht mehr det Jüngste, mein Guter. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustieße.«
»Ich werde mindestens einhundertdreiunddreißig Jahre, bin demnach also jetzt gerade im besten Alter und kann ganz gut auf mich aufpassen.«
»Soweit ich mich erinnere, war es der Mahatma, der sich diese Lebensspanne vorgenommen hatte.«
»Wenn du Bapu nicht verraten hättest, dass ich drei Jahre jünger bin als er, wäre er weiter bei seinen hundertfünfundzwanzig Jahren geblieben. Aber so ...«
David seufzte. Balu Dreibein war auf seine alten Tage ein wenig schrullig geworden. »Lass es gut sein, mein Freund. Du kannst mir ja helfen, nur musst du mir versprechen, vorsichtig zu sein.«
Balu grinste von einem Ohr zum anderen. »Das war ich doch schon immer, Sahib. Und nun lass uns endlich diesen Schakal aus seinem Versteck locken und ihm das Fell über die Ohren ziehen. Für Fanatiker habe ich noch nie viel übrig gehabt, egal ob sie vorgeben, Allah, Wischnu oder meinetwegen sogar den Teufel anzubeten.«
David sah seinen Freund verwundert an. Für einen Vertrauten Gandhis, jenes Propheten der Gewaltlosigkeit, gebärdete sich der graue Tiger von Meghalaya erstaunlich angriffslustig. Vielleicht stimmte ja, dass die zerstrittenen Parteien des Landes das Herz der Großen Seele gebrochen hatten. Balu schien jedenfalls fest entschlossen, es jedem heimzuzahlen, der an dieser Tragödie eine Mitschuld trug.
Missmutig wandte David seinen Blick von dem energischen Alten ab und widmete sich der näheren Umgebung. Die Straße war kaum mehr als ein in der Sonne glühender Trampelpfad. Auf der anderen Seite, fünf oder sechs Häuser weiter, saßen im Schatten eines Balkons zwei vielleicht zehn- oder elfjährige Jungen und äugten neugierig herüber.
»Also gut«, brummte David. »Du gehst am besten um das Haus herum und zeigst dort Flagge. Dann kann sich Mehta nicht einfach nach hintenraus verdrücken. Ich zähle langsam bis dreißig und werde dann hier vorne in Aktion treten. Alles klar?«
Baluswami Bhavabhuti nickte, fasste den Gehstock fester, als hätte er es mit einer tödlichen Waffe zu tun, und machte sich von dannen.
Als David – mit Rücksicht auf Balus Holzbein – bis vierzig gezählt hatte, ging er festen Schrittes auf das baufällige Haus zu. Mit der Faust klopfte er drei-, viermal gegen die verwitterte Holztür, die gefährlich schief in den Angeln hing und auf die rüde Behandlung hin ächzend protestierte. »Ist da jemand?«
Die beiden Jungen auf der anderen Straßenseite reckten die Hälse. Im Haus blieb es still.
David klopfte erneut, wieder ohne Erfolg. Er überlegte, ob er Raja Mehtas Namen rufen sollte, aber ein vermeintlicher Freiheitskämpfer mochte sich dadurch in seiner Anonymität verletzt fühlen. Und wenn er wirklich mit dem Kreis der Dämmerung in Verbindung stand ...
Ganz auf seine Sekundenprophetie konzentriert, klopfte David weiter. Niemand sollte ihn überraschend angreifen können. Im Augenblick allerdings bestand nur die Gefahr, dass das Gebäude über ihm zusammenbrach. Einmal mehr rief David, in Ermangelung besserer Alternativen, in der Sprache der ehemaligen Kolonialherren: »Hallo, ist denn niemand zu Hause?«
Plötzlich drang ein dumpfes Krachen durch die windschiefe Tür, gefolgt von lauten Stimmen. David erkannte mit Schrecken, aus welcher Richtung das Getöse kam. Nicht er wurde angegriffen, sondern sein Freund! Er unterdrückte ein Fluchen und rannte zur Südseite des Gebäudes.
Der hagere...




