E-Book, Deutsch, Band 4, 503 Seiten
Reihe: Der Kreis der Dämmerung
Isau Der Kreis der Dämmerung - Teil 4: Der unsichtbare Freund
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-39039-9
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 503 Seiten
Reihe: Der Kreis der Dämmerung
ISBN: 978-87-28-39039-9
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Isau wurde 1956 in Berlin-Tempelhof geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er zunächst als Programmierer tätig, bevor er 1988 zur Schriftstellerei fand. Nach einem erfolgreichen Start im Bereich Kinder- und Jugendbuch wechselte Isau in das Erwachsenengenre. Er hat zahlreiche Fantasyromane veröffentlicht, die häufig mit historischen Fakten gespickt sind. Isau lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg.
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Der Buchhalter des Todes
Den Franziskanermönch ließen sie links liegen. Und Pater Anton Weber von der St.-Raphael-Gesellschaft ebenso. Belials Logenbruder hatte sich eine Zeit lang dieser Kleriker bedient, nicht mehr. Wenn er jedoch wachsamer als Papen war – und davon ging David aus –, dann hatte der Nazi längst alle Brücken hinter sich abgebrochen. Für einen eiskalten Massenmörder besaß Eichmann allerdings einen ausgeprägten Familiensinn. Immerhin hatte er Frau und Kinder nach Argentinien geholt, anstatt sich auch ihnen als im Kriege Gefallener zu empfehlen. Darin witterte David seine Chance.
Mit dem Nachtzug reisten er und Lorenzo noch am 11. Oktober nach Linz, von wo aus Simon Wiesenthal seit der Schließung seines Dokumentationszentrums die Nazis als Einzelkämpfer jagte.
Die Stippvisite dauerte nur einen Tag. David machte den Juden mit dem neuesten Informationsstand in Sachen Eichmann bekannt und erbat sich als Gegenleistung einen für Wiesenthal kurios erscheinenden Lohn aus. »Wenn Sie den Verbrecher vor mir fangen, dann will ich nur seinen Siegelring und, wenn möglich, ein Gespräch mit ihm.«
Der Nazijäger hob verwundert die Augenbrauen. »Was für einen Ring denn?«
David zog Belials Fingerreif unter seinem Hemd hervor.
Wiesenthal versprach, alles zu tun, um Davids »exzentrischen Wunsch« zu erfüllen.
Der schnurrbärtige Mann strahlte Zuversicht aus, war er seit ihrem letzten Zusammentreffen doch ebenfalls nicht untätig gewesen. Er habe von unerwarteter Seite eine Bestätigung für Davids Berichte erhalten. Während des Besuchs bei einem alten österreichischen Baron sei das Gespräch unweigerlich auch auf sein, Wiesenthals, Hobby gekommen: das Aufspüren von Nazikriegsverbrechern. Der Gastgeber förderte daraufhin den Brief eines alten, nach Buenos Aires ausgewanderten Freundes zutage. Die Worte im letzten Absatz hatten Wiesenthal elektrisiert.
Ich sah dieses elende Schwein Eichmann, der die
Juden kommandierte, er lebt in der Nähe von
Buenos Aires und arbeitet für ein Wasserwerk.
Mit dem guten Gefühl, der richtigen Fährte zu folgen, reisten David und Lorenzo nach Deutschland weiter. Bevor sie mit einer Maschine der BEA nach London flogen, trafen sie sich in Frankfurt am Main mit Fritz Bauer. Das Büro des hessischen Generalstaatsanwalts befand sich im zweiten Stock des ehrwürdigen Justizgebäudes in der Gerichtsstraße. Im schlichten Ambiente einer deutschen Beamtenstube tauschten sie die neuesten Erkenntnisse aus. Bauer versprach, bei der nächstbesten Gelegenheit einen Vorstoß in Richtung Mossad zu unternehmen.
»Was hast du denn mit dem israelischen Geheimdienst zu schaffen?«, wunderte sich David.
»Du weißt doch noch, was ich dir einmal über das politische Klima in diesem Land erzählt habe. Es gibt einfach noch zu viele Altnazis auf Richterstühlen. Die Israelis sind da flexibler. Man muss sie nur ein wenig treten.«
»Inwiefern?«
»Sowohl Mossad als auch Shin Beth werden von einem Exilrussen namens Isser Harel geführt. Als israelischer Premier soll Moshe Sharett den kleinwüchsigen Agentenchef einmal einen ›Teufel in Zwergengestalt‹ genannt haben. Harel redet wenig, misstraut allem und jedem, ist puritanisch und erbarmungslos. Manchmal kann er tatsächlich ein wahrer Giftzwerg sein. So beachtenswert seine Fähigkeiten auch sind, so sehr überschätzt er sich gelegentlich.«
David kam diese Beschreibung sehr bekannt vor. »Vermutlich sagt man auch von ihm, nur Hunde und Kinder hätten keine Angst vor seinen harten blauen Augen.«
Fritz stutzte. »Sag bloß, du kennst den Mann.«
David lächelte still in sich hinein. »Nein, aber einen seiner Mitarbeiter.«
»Auf jeden Fall habe ich an Harel dein ganzes Material über Eichmann weitergegeben. Daraufhin hat er einen Mossad-Agenten nach Argentinien geschickt. Mit einem Spanisch sprechenden Kollegen fuhr der dann auch nach Coronel Suarez und besuchte Lothar Hermann ...«
»Aber das ist doch wundervoll. Sag bloß, die Israelis haben Eichmann inzwischen geschnappt?«
»Da kennst du den eigensinnigen Harel nicht. Als sein Agent ihm von Hermanns Blindheit berichtete, hat er die ganze Aktion abgeblasen.«
»Wie bitte? Aber Sylvia, die Tochter, ist doch die eigentliche Zeugin.« David schüttelte den Kopf.
»Das scheint weder die Agenten noch Isser Harel beeindruckt zu haben.«
»Ein Narr, wer Böses dabei denkt. Würde mich nicht wundern, wenn Belial auch Männer im Mossad hat. Man muss ein neues Team auf die Sache ansetzen und ich glaube auch schon den Richtigen für die Operation zu kennen.«
»Vermutlich der ›Mitarbeiter‹, den du eben schon erwähnt hast.«
David nickte. »Versuch bitte noch einmal bei Harel vorstellig zu werden. Lass dich nicht abweisen. Ich habe in den letzten Jahren so viele Fehler gemacht, dass ich für die Hilfe von Profis wahrlich dankbar wäre. Ich werde in der Zwischenzeit meine eigenen Kontakte spielen lassen und mich wieder nach Südamerika begeben. Diesmal muss es uns einfach gelingen, diesem Buchhalter des Todes das Handwerk zu legen.«
Die Rückkehr nach New York sorgte für einige Überraschungen. Ruben Rubinstein zeigte sich verwundert, ja, sogar misstrauisch, als ihm David den neuen Mitarbeiter Lorenzo Di Marco vorstellte. Diesen verblüffte dagegen mehr die überwältigende Trostlosigkeit von Davids Wohn-Schlaf-Koch-Büro.
Und Letzterer staunte über Zvi Aharonis Brief auf seinem Schreibtisch.
Er könne Davids Vermutungen im Hinblick auf seinen Arbeitgeber nicht bestätigen, schrieb Zvi vieldeutig, aber dessen feines Gespür für »gewisse Zwischentöne« habe er schon immer bewundert. Alter Heuchler, dachte David, ich kenne deinen Chef, den Giftzwerg, und ich kenne dich. Aber jetzt, mein Bruder, musst du endlich Farbe bekennen. In Sachen Eichmann habe er wenig ausrichten können, gestand Zvi im Weiteren, weil derartige Ermittlungen nicht in sein Ressort fielen.
David verfasste sofort eine Antwort, in der er den aktuellen Ermittlungsstand darlegte und auch den Abbruch der Operation heftig kritisierte. Sobald er sich in Buenos Aires wieder etabliert habe, werde er Zvi Nachricht geben.
Diesmal überstürzte David nichts. Der Kreis der Dämmerung hatte erneut zur Jagd auf ihn geblasen. Er musste vorsichtig taktieren. Vor allem seinen Stützpunkt, die Gelbe Festung, wollte er nicht in Gefahr bringen. Jetzt war eine glaubhafte Tarnung notwendig.
Lorenzo wurde Davids neuer Chefanalytiker und Leiter der Rechercheabteilung. Nach einigem Hin und Her willigte er sogar in einen offiziellen Arbeitsvertrag ein. Von nun ab bezog er ein festes Gehalt und würde, ganz wie in Rom gefordert, sein dienstliches Umfeld auf New York beschränken können. Die »Odyssee kreuz und quer über den Globus« blieb weiterhin Davids Angelegenheit. Zwar hatte der Italiener noch keine festen Mitarbeiter, aber auch das sollte sich in Kürze ändern. Nicht zuletzt auf sein Drängen war David zu der Überzeugung gelangt, ihre New Yorker Mannschaft alsbald verstärken zu müssen. In Manhattan sollte endlich jene Nachrichtenagentur Wirklichkeit werden, die bisher nur als Briefkastenfirma existiert hatte.
»Das Kind braucht einen neuen Namen, einen, mit dem es groß und stark werden kann, ein Warenzeichen gewissermaßen, das zugleich Programm ist«, meinte Lorenzo und rümpfte die Nase. »›Ich kaufe meine Nachrichten bei Dan Kirpan ein.‹ Wie sich das anhört!«
»Ich finde, auch nicht schlechter als ›Reuters‹.«
Lorenzo schüttelte den Kopf. »Das ist etwas anderes, mein Lieber. Kirpan ist der Herr der Gelben Festung, ein Mann, den fast nie jemand zu Gesicht bekommt und damit per se ungeeignet, um auf ihm eine Firma zu gründen. Außerdem, was wird morgen sein? Bei dir verschleißen sich die Namen einfach zu schnell.«
»Das ist ja der Zweck der Übung. Ich bin wie der Wind, der weht, wo er will, dessen Geräusch man hört, aber nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht . . .«
»Johannes, Kapitel 3, Vers 8 – ich unterbreche dich ja nur ungern, David, aber ein wenig mehr Kontinuität und Präsenz wird schon vonnöten sein, um einen Markennamen zu etablieren.«
»Dann nennen wir unser Kind eben Truth – ›Wahrheit‹.«
Lorenzo lächelte. »Das sieht dir ähnlich!«
David zuckte die Achseln. »Mark Twain soll einmal gesagt haben: ›Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.‹ Vielleicht können wir daran ja etwas...




