E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Reihe: Der Zirkel der Phantanauten
Isau Der Tränenpalast
1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-26-87011-4
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Reihe: Der Zirkel der Phantanauten
ISBN: 978-87-26-87011-4
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, ist ein deutscher Schriftsteller, der auch unter dem Pseudonym Jan Aalbach veröffentlicht. Er ist gelernter Programmierer und arbeitete unter anderem als EDV-Berater, bis er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Romane nennt er selbst 'Phantagone', bei denen oft Fiktion und Historisches vermischt werden. Isau ist hauptsächlich für seine phantastischen Jugendbücher wie z.B. seine beliebte 'Neschan-Trilogie' oder 'Der Drache Getrud' bekannt, hat jedoch auch Erwachsenenliteratur geschrieben.
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Das geheimnisvolle Ding
Dublin (Irland), 27. März 1893
Der Lederriemen klatschte auf das nackte Hinterteil. Jim hatte die Zähne zusammengebissen und sog vor Schmerz die Luft ein.
»Du sollst nicht zischen, Junge, sondern zählen«, knurrte Bruder Wishart. Staubkörnchen tanzten im Sonnenlicht, das durch die Fenster des verwaisten Klassenzimmers fiel. Die sechzig Jahre alten Holzbänke waren so abgeschabt wie der Richtblock eines viel beschäftigten Henkers.
Tatsächlich fühlte sich Jim wie das Opfer eines Scharfrichters, während er mit heruntergelassenen Hosen über dem Lehrerpult hing und das Wort »Neun« hervorpresste. Fest entschlossen, sich sein Geheimnis nicht entreißen zu lassen, kniff er die Augen zusammen und wappnete sich für den letzten Streich. »Zehn!«, schrie er, kaum dass der Gürtel erneut niedergefahren war.
»Das wär´s für heute. Kannst dich wieder bedecken«, beschied Bruder Wishart.
Jim zog rasch die Hose hoch, schneller, als sein Peiniger »Kruzifix« sagen konnte.
»Das sollte dir eine Lehre sein, Junge«, ermahnte ihn der grobschlächtige Ordensmann mit der Augenklappe und grinste. »Wie ich dich kenne, werden wir uns allerdings bald wiedersehen und ›der Riemen‹ darf deinen Allerwertesten erneut zum Glühen bringen.« Bruder Wishart wusste um den Spitznamen, den ihm die Schüler gegeben hatten, und er war offenbar stolz darauf.
»Ich will Sie nicht langweilen, Sir«, knirschte Jim, während er sich die Brille aufsetzte. In Gedanken war er schon wieder bei dem geheimnisvollen Gegenstand, dem er seine missliche Lage verdankte. Er wollte fort von hier, wollte endlich das Rätsel der verschlungenen Linien und glitzernden Steine lösen!
Bruder Wishart griff in die Hosentasche und holte seinen Rosenkranz heraus. Wenn er nicht gerade Schüler verprügelte, ließ er die Perlen zwischen seinen Wurstfingern hindurchgleiten. Ob er dabei tatsächlich betete, hielt Jim für eher unwahrscheinlich. Vermutlich grübelte der Riemen gerade darüber nach, wie er den wahren Grund für die Verspätung des störrischen Knaben herausbekommen konnte. Er lächelte gönnerhaft. »Zerbrich dir nur über meine Erziehungsmethoden nicht den Kopf, Junge. Solange es Schulen gibt, müssen Schüler gezüchtigt werden. Das ist nicht nur in Dublin so, sondern in jeder Lehranstalt des britischen Empires und der ganzen Welt. Manche Dinge ändern sich nie und das ist gut so.«
Davon konnte Jim ein Lied singen! Vor der O´Connell School hatte ihm schon eine andere katholische Erziehungsanstalt das Joch der Glaubensregeln anzupassen versucht. Mit bescheidendem Erfolg. Nach wie vor empfand er diese Last als drückend und kaum erträglich – zum Leidwesen seiner Lehrer. Hier, in der North Richmond Street, waren diese noch schwerer zu befriedigen als die Jesuiten auf dem Clongowes Wood College. Jims jetzige Lehrer gehörten dem Orden der »Christian Brothers« an. Im Stillen nannte er die »Christlichen Brüder« jedoch »Christian Batters«, eine Anspielung auf den bat, den breiten Holzschläger im englischen Volkssport Kricket, der in der Hand des batsman oder batter schon so manchen Ball zertrümmert hatte.
»Kann ich gehen, Sir?«, fragte Jim leise.
Das verbliebene Schweinsäuglein des Ordensmannes verengte sich zu einem schmalen Schlitz. Leise klickten die Perlen in seiner Hand. »Du bist mir noch eine Erklärung schuldig. Was ist der wahre Grund für dein heutiges Zuspätkommen?«
»Das habe ich Ihnen doch schon zweimal erzählt, Sir. Ich bin auf der Garda Station in der Fitzgibbon Street festgehalten worden, weil die Stadtpolizei meine Aussage zu Protokoll genommen hat.«
Bruder Wishart ließ ein bellendes Geräusch vernehmen – so hörte es sich an, wenn er lachte. Schnell wurde er wieder ernst und begann den nächsten Satz betont förmlich mit Jims vollständigem Namen, was gewöhnlich ein Vorbote drohenden Unheils war. »James Augustine Aloysius Joyce, ich muss Ihnen zugestehen, dass Ihre Wortwahl wie immer exzellent ist. Allerdings mangelt es Ihrer Entschuldigung gänzlich an der bunten Phantasie, die ich sonst von Ihnen gewohnt bin. Das überrascht mich. Ich hätte gute Lust, Ihnen für Ihre jämmerliche Lügengeschichte gleich noch einmal den Hintern zu versohlen.«
Trotz des inneren Aufruhrs spielte Jim den Teilnahmslosen und zuckte die Achseln. »Die Wahrheit ist manchmal grau, Sir. Ich war wirklich auf der Polizeiwache und ...«
»Schluss damit! Mich führst du mit deinen Lügengeschichten nicht hinters Licht«, fuhr ihm der Lehrer über den Mund und streckte seinen speckigen Zeigefinger bedeutungsvoll gen Himmel. »Und Ihn erst recht nicht. Haben dir die Jesuiten nicht beigebracht, dass nur, wer seine Sünden beichtet und Buße tut, vom Herrn Vergebung erwarten kann? Wenn du so weitermachst, wirst du für immer in der Hölle schmoren.«
Am liebsten hätte Jim laut gestöhnt. Es war die immer gleiche Leier: Wer nicht spurt, erleidet ewige Verdammnis. Als wenn die O´Connell School selbst nicht schon das Fegefeuer auf Erden wäre! »Sie können ja auf die Wache gehen und Sergeant Corcoran fragen«, schlug er vor.
»Ha! So weit kommt´s noch, dass ich dir auf den Leim gehe. Ich glaube, die Wahrheit ist anders viel leichter herauszubekommen. Zieh noch mal die Hose runter.«
»Bitte nicht!«, rief Jim erschrocken. War es der geheimnisvolle Gegenstand wirklich wert, sich ein weiteres Mal vom Riemen quälen zu lassen? Auf die Gefahr hin, seinen Fund zu verlieren, griff Jim in die Hosentasche ...
Da wurde unvermittelt die Tür zum Klassenzimmer aufgestoßen und der Direktor der Schule trat ein. Bruder Mooney war um die sechzig, groß und von hagerer Statur. Er trug einen Backenbart sowie den üblichen schwarzen Anzug und weißen Kragen der Christlichen Brüder. Beim Anblick des Lehrers mit dem Gürtel in der Hand verfinsterte sich sein faltiges Gesicht. »Bruder Wishart! Was hat das zu bedeuten?«
»Nur eine notwendige Zuchtmaßnahme«, verteidigte sich der Riemen, steckte seinen Rosenkranz weg und bedachte Jim mit einem warnenden Seitenblick. Auf ihn deutend fügte er hinzu: »Unser Mister Joyce hat heute durch sein Zuspätkommen wieder einmal gegen die Schulordnung verstoßen und von mir für jeden Eintrag ins Klassenbuch einen Streich bekommen.«
»Sie meinen wohl einen Schlag mit dem Lederriemen. Wie viele insgesamt?«
»Seit der Junge im Januar zu uns gekommen ist, sind es schon zehn Vergehen.«
Der Rektor drückte das Kreuz durch und musterte den Missetäter mit milder Strenge. »Hört, hört! Dürfte rekordverdächtig sein. Sonderbarerweise gehört der junge Rebell zu den Besten in unserer Anstalt.«
»Was nichts daran ändert, dass er die Moral der Truppe untergräbt. Er ist erst in der vierten Stunde zum Unterricht erschienen. Unentschuldigt!«
»Oha! Ich glaube, das ist neuer O´Connell-Rekord«, staunte der Direktor und richtete das Wort nun direkt an den Schüler. »Hat der ›Sonnige Jim‹ sich mal wieder in einem seiner eigenen Gruselmärchen verlaufen?«
»Nein, Sir«, erwiderte der Gefragte. Er staunte immer wieder, dass Bruder Mooney, obwohl er die Verantwortung für etwa sechshundert Schüler trug, sogar seinen vollständigen Spitznamen kannte. »Ich habe im Park am Mountjoy Square einen Fund gemacht und bin damit zur Garda Station in der Fitzgibbon Street gegangen, um ihn zu melden. Dadurch kam ich zu spät zum Unterricht. Sie können Sergeant Corcoran fragen, der wird alles bezeugen.«
Den weiteren Verlauf der Geschichte behielt Jim lieber für sich. So verständnisvoll wie Bruder Mooney waren nur wenige Lehrer. Die meisten empfanden für ihre Schüler eher Geringschätzung und ließen sich lieber eine banale schriftliche Entschuldigung der Eltern aushändigen, als ihre kostbare Zeit mit den ausschweifenden Erklärungen eines elfjährigen Knaben zu verplempern.
Ja, Jim war erst elf, ein schmaler, erschreckend kurzsichtiger Junge mit blassem Gesicht, widerspenstigem, braunem Haar und blauen Augen. Doch mit einer schlichten Altersangabe konnte man seinem Wesen kaum gerecht werden. Wer ihn im Umgang mit Erwachsenen beobachtete, hielt ihn eher für dreizehn, wer ihn sprechen hörte, für sechzehn, und wer etwas von ihm las, für mindestens zwanzig.
Fürwahr, an Phantasie mangelte es dem Jungen nicht. Schon vor der Einschulung war er wegen seiner Horrorgeschichten, die unter Gleichaltrigen oft Furcht und bei Erwachsenen ungläubiges Staunen hervorriefen, berüchtigt gewesen. Im Oktober 1891, vor anderthalb Jahren, hatte er den Tod eines von seinem Vater sehr verehrten irischen Politikers zum Anlass genommen, das Gedicht »Et Tu,...




