Isau | Metropoly | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 286 Seiten

Reihe: Der Zirkel der Phantanauten

Isau Metropoly


1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-26-87012-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 286 Seiten

Reihe: Der Zirkel der Phantanauten

ISBN: 978-87-26-87012-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der zweite Band der Fantasy-Reihe 'Der Zirkel der Phantanauten' spielt in London im Jahr 1893: Lena wacht am Krankenbett ihrer Mutter und wird zur Ablenkung von Lord Alistair zum Treffen der jungen Phantanauten auf das Schloss eingeladen, die sich dort von ihren Erlebnissen in phantastischen Welten erzählen. Nun ist es an Lena, sich ihre eigene Traumwelt zu erschaffen, um Mitglied zu werden. Kaum taucht sie ein in den See vorm Schloss, befindet sie sich auch schon in Metropoly, der 'Stadt der Kinder und des ewigen Spiels'... -

Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, ist ein deutscher Schriftsteller, der auch unter dem Pseudonym Jan Aalbach veröffentlicht. Er ist gelernter Programmierer und arbeitete unter anderem als EDV-Berater, bis er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Romane nennt er selbst 'Phantagone', bei denen oft Fiktion und Historisches vermischt werden. Isau ist hauptsächlich für seine phantastischen Jugendbücher wie z.B. seine beliebte 'Neschan-Trilogie' oder 'Der Drache Getrud' bekannt, hat jedoch auch Erwachsenenliteratur geschrieben.
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Die Flaschenpost


London (England), 8. April 1893

Das Haus in der Tennison Road Nummer 12 barg viele Geheimnisse. Deshalb konnte Lena kaum widerstehen, wenn ihr Vater sie zu jenem Doktor, Facharzt für Augenheilkunde, mitnahm, der sich neuerdings so brennend für die Schweizer Alpen interessierte. Die Gründe dafür waren weniger medizinischer als literarischer Natur.

Jahrelang hatte es dem Mann an Patienten gemangelt, vielleicht weil nur wenige das Schild an seiner Praxis zu deuten wussten. »Ophthamologe« hatte darauf gestanden. Manche hielten ihn aufgrund dessen wohl für einen Sternendeuter, dabei war er Facharzt für Augenheilkunde. Um den Leerlauf im Wartezimmer sinnvoll zu nutzen, begann er irgendwann, Geschichten aufs Papier zu bannen, die ebenso phantastisch wie mysteriös waren. Bald verdiente er mehr Geld durchs Schreiben als durchs Heilen. Einen seiner Helden nannte er übrigens Sherlock Holmes und der Augenarzt hieß Arthur Ignatius Conan Doyle.

Nach einer lebensbedrohlichen Influenza hatte ebenjener Doktor vor zwei Jahren seinen alten Beruf an den Nagel gehängt, um sich hinfort ganz seiner literarischen Laufbahn zu widmen. Weil Lena ja selbst Schriftstellerin werden wollte, betrachtete sie es immer aufs Neue als große Ehre, Mr Conan Doyle zu treffen, einen Mann, der es auf diesem Gebiet schon weit gebracht hatte.

Ihre Vorfreude war indes aus den nun schon bekannten Gründen nicht ungetrübt. Während ihr Vater den Zweispänner vom südwestlichen Rand des Hyde Parks nach South Norwood kutschierte, pendelten ihre Gedanken zwischen gespannter Erwartung und einem schlechten Gewissen. Letzteres glaubte sie ihrer kranken Mutter zu schulden.

Während der zehn Meilen langen Kutschfahrt versuchte Lena, sich abzulenken, ihre Augen ruhten keinen Moment. Auf Londons Straßen gab es immer etwas Neues zu entdecken. Es war ein windiger Samstagmorgen mit typischem Aprilwetter. Herrenlose Hüte hüpften über das Kopfsteinpflaster. Sonne und Regen wechselten sich ab. Als die Kutsche an einer Kreuzung halten musste, entdeckte Lena eine aufrecht zwischen den Pflastersteinen steckende Bonzemünze. Es war nur ein Penny, das Geldstück mit dem geringsten Wert. Während sie noch überlegte, ob sich ein Absteigen dafür überhaupt lohnte, raubte ihr unvermittelt Leslies ausgestreckter Arm die Sicht. Er deutete auf eine mit Plakaten zugeklebte Mauer.

»Vielleicht sollten wir mal wieder ins Theater gehen. Etwas Zerstreuung täte dir gut. Am London Haymarket gibt es demnächst eine Premiere mit der Neilson.«

»Die kann ich nicht leiden«, antwortete Lena widerborstig, gab die Bronzemünze aber trotzdem verloren, um an der Ziegelwand nach dem Anschlag zu suchen. Die immer bunter werdenden Plakate waren mancherorts zu einer regelrechten Plage geworden. Auch hier klebten sie zuhauf. Da warb die Raleigh Bicycle Company großformatig für die moderne Art der Fortbewegung per Fahrrad, die auch für Frauen zur körperlichen Ertüchtigung famos geeignet sei. Ein anderes Plakat pries mit den Namen berühmter Kunden wie Queen Victoria und Papst Leo XIII. ein mit Blättern des Kokastrauches versetztes weinhaltiges Getränk an – den Vin Mariani. Schließlich entdeckte Lena die Premierenankündigung. Es war ein Stück des bekannten Bühnenschriftstellers Henry Arthur Jones.

Leslie ließ die Zügel schnalzen und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung. »Was hast du gegen Julia Neilson? Ganz London liegt ihr zu Füßen.«

»Höchstens halb London, Paps«, widersprach Lena mit einem strengen Seitenblick. Neben Büchern las sie auch schon regelmäßig Zeitung. Zeitungen wurden von Männern gemacht. Und Männer ließen sich von der Schauspielerin reihenweise den Kopf verdrehen.

Ihr Vater lachte. »Bist du etwa eifersüchtig auf die Aktrice?«

»Ich habe gelesen, sie soll sehr schön und voluptuös sein. Was bedeutet das, Paps?«, fragte Lena, obwohl sie den Sinn des Wortes ganz genau kannte.

»Voluptuös?« Er räusperte sich verlegen. »Das heißt ... äh ... Es bedeutet, diese Frau weckt in manchen Männern gewisse ... Leidenschaften.« Rasch fügte er hinzu: »Aber nicht bei mir. Mit der Schönheit deiner Mutter kann es die Neilson niemals aufnehmen. Und auch nicht mit deiner. Jedes Mal, wenn ich dich betrachte – dein liebreizendes Gesicht, die seidigen, langen, braunen Haare, die jadegrünen Augen, den weißen Schwanenhals und die zarte Gestalt –, dann sehe ich eine Elfe vor mir.«

Lena stöhnte leise. Jetzt fing er bestimmt gleich wieder von den Vorfahren ihrer Mutter an. Darunter hatte es viele Schönheiten gegeben, die als Modelle bei Malern und Fotografen sehr beliebt waren. In einen von Lenas blaublütigen Ahnen hatte sich sogar die einstige Königin von Frankreich, Marie Antoinette, verliebt.

Leslie mochte erraten, was in dem hübschen Dickkopf seiner Tochter vorging, denn statt von den bezaubernden Blüten am Familienstammbaum zu schwärmen, sagte er nur sanft: »Genieße einfach den Vormittag, Sternchen.«

Sie wandte sich ihm zu und sah in sein gütig lächelndes Gesicht. Unschwer ließ sich erkennen, wie sehr auch er unter Julias Krankheit litt. Aber er wollte tapfer sein, wollte seinen Kindern Mut machen. Dafür liebte Lena ihren Vater und um ihm das zu zeigen, lächelte sie zurück.

Für den Rest der Fahrt schwiegen die beiden. Lena versuchte, Leslies Rat zu beherzigen und die Sorge um die leidende Mutter hinter anderen Gedanken zu verstecken. Im Haus des Schriftstellers gibt es immer etwas Spannendes zu entdecken, machte sie sich klar. Was für Überraschungen wird der heutige Besuch wohl bringen? Doch obwohl sie sich alle Mühe gab, wollte die rechte Vorfreude nicht aufkommen.

Mr Conan Doyle wollte sich wieder einmal mit Lenas Vater über dessen große Leidenschaft unterhalten. Leslie Stephen war, neben vielem anderen, ein erfolgreicher Bergsteiger und hatte etliche Schweizer Hochgipfel erklommen, darunter das Bietschhorn und das Schreckhorn in den Berner Alpen. Seine genauen Kenntnisse der Gegend betrachtete der Schriftsteller deshalb als so wertvoll, weil er seines Helden Sherlock Holmes überdrüssig geworden war. Als Künstler wollte er frei sein und nicht ewig über den Meisterdetektiv schreiben. Daher beabsichtigte er, ihn den Reichenbachfall runterzuspülen oder sonstwie umzubringen – über die genauen Umstände des Hinscheidens war er sich noch unschlüssig. »Das letzte Problem«, wie er diese noch zu knackende Nuss nannte, sollte jedoch mit dieser letzten Geschichte ein für alle Mal gelöst werden.

»Und über den Besuch meiner zukünftigen Schriftstellerkollegin freue ich mich ganz besonders. Guten Morgen, Virginia«, hieß Mr Conan Doyle die Tochter seines Alpenfachmanns gleich in der Diele herzlich willkommen. Der Arzt war dreiunddreißig Jahre alt, schlank, immer tadellos gekleidet, hatte ein ovales Gesicht, eine hohe Stirn, dunkle Haare, einen dichten Schnurrbart, einen erfrischenden Humor und ein ansteckendes Lachen. Lena sprach er gewöhnlich weder mit ihrem Kose- noch mit ihrem ersten Vornamen – Adeline –, sondern mit dem zweiten und gebräuchlicheren an.

Sie machte einen Knicks und erwiderte artig den Gruß.

Wie bereits zuvor schickte er sie gleich auf Entdeckungstour durch sein Haus. »Weil die kleine Mary gerade mit Mrs Conan Doyle und dem Kindermädchen irgendwo im Park ist, habe ich mir für dich zum Zeitvertreib ein Spiel ausgedacht, Virginia. Eine Schatzsuche. Irgendwo unter diesem Dach ist ein Straußenei versteckt, ein Andenken aus Afrika. Es ist sehr groß, viel größer als ein Hühnerei. Wenn du es findest, darfst du es behalten. Schau dich in meinen heiligen Hallen ruhig um, während dein Vater und ich miteinander reden. Du darfst deine Nase in alle Räume stecken, die nicht verschlossen sind.«

Lena hatte mit so etwas gerechnet. Mr Conan Doyle war in seinem Leben schon viel herumgekommen. Mehrmals hatte er als Schiffsarzt abenteuerliche Reisen unternommen. So war er 1880 als Medizinstudent auf dem Walfänger Hope nach Grönland gefahren. Nach dem Universitätsabschluss heuerte er auf der Mayumba an, einen altersschwachen Dampfer, der regelmäßig zwischen Liverpool und der Westküste Afrikas verkehrte. In seinem Haus gab es daher manches Kuriosum zu bestaunen, das man sonst nicht einmal auf dem Jahrmarkt zu sehen bekam. Für ein neugieriges Mädchen wie Lena, gab es im Haus des Doktors also viel zu entdecken, doch an diesem Morgen ließ sie die sonst übliche Begeisterung vermissen.

»Stimmt etwas nicht?«, wunderte sich Mr Conan Doyle.

Lena senkte beschämt den Blick und zuckte die Achseln.

»Es ist wegen ihrer Mutter«, sagte Leslie und erklärte, wie sehr seine Tochter unter Julias Krankheit leide.

Mr Conan Doyle nickte verständnisvoll. »Ich kann mich gut in deine Lage...



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