Isau | Minik - an den Quellen der Nacht | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 589 Seiten

Isau Minik - an den Quellen der Nacht


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-39043-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 589 Seiten

ISBN: 978-87-28-39043-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



New York, 1897: Der sechsjährige Minik wird gemeinsam mit anderen Inuit vom Nordpolentdecker Robert E. Peary in die amerikanische Metropole gebracht. Sie sollen lebendige Forschungsobjekte sein. Im Naturkundemuseum können Minik und seine Familie für 25 Cent bestaunt werden. Doch die Unterbringung der Inuit im Keller des Museums bringt ein tagisches Ende: Alle außer Minik sterben. Zehn Jahre später stößt Minik im Museum auf das Skelett seines Vaters, das dort ohne sein Wissen ausgestellt wird. Eine emotionale Suche nach Identität und Wahrheit beginnt. Ein spannender Roman rund um eine beeindruckende Lebensgeschichte.

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin-Tempelhof geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er zunächst als Programmierer tätig, bevor er 1988 zur Schriftstellerei fand. Nach einem erfolgreichen Start im Bereich Kinder- und Jugendbuch wechselte Isau in das Erwachsenengenre. Er hat zahlreiche Fantasyromane veröffentlicht, die häufig mit historischen Fakten gespickt sind. Isau lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg.
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2.
Die Eiseninsel


Cape York (Grönland), 12. August 1897

»Tikeqihunga!« Der Ruf hallte über das in der Sonne glitzernde Wasser am Cape York, als ritte er auf den Schwingen einer Raubmöwe. Er kam von der SSHope, einem Dampfschiff mit drei Masten, das im Vergleich zu den es umschwärmenden Kajaks so riesig war wie ein Wal inmitten von Lachsen. Minik stand am Ufer, umgeben von zahlreichen anderen Kindern und Frauen; die meisten Männer hatten sich schon bei der ersten Sichtung der Segel in ihren Booten aufs Meer hinausbegeben.

Schiffe wie die Hope waren ein vertrauter und durchaus willkommener Anblick für die Inuit von Avanersuaq, dem »Platz im entlegensten Norden« von Westgrönland. »In ihrer Heimat gibt es das ganze Jahr Licht«, hatte Qisuk einmal seinem Sohn erklärt. »Deshalb kommen diese rastlosen Leute zu uns und schöpfen aus den Quellen der Nacht.« Mit dieser poetischen Umschreibung pflegte er das angestammte Gebiet der Inuit zu umschreiben, weil hier zwischen Herbst und Frühjahr vier Monate lang Dunkelheit herrschte. Auf den Mann, dessen feste, Ehrfurcht gebietende Stimme sich da gerade mit ihrem »Da bin ich!« Gehör verschafft hatte, traf Qisuks Feststellung zweifellos zu – zwei der vier letzten Winter hatte er bei den Inuit verbracht.

Leutnant Robert Edwin Peary bediente sich nur selten des Inuktitut, der »Sprache der Menschen«, um sich verständlich zu machen. Er hatte sich nie mehr als ein paar Brocken des Wortschatzes der Polareskimos angeeignet. Vielleicht war diese Enthaltsamkeit der Ausdruck einer inneren Distanz. Gleichwohl ging er bei jeder ihm passenden Gelegenheit mit ihnen auf Tuchfühlung und griff in ihr Leben ein, wann immer es ihm gefiel. Für ihn waren sie »seine Leute«. Er betrachtete sie und ihr Land als seinen persönlichen Besitz – und sich gewissermaßen als ihren König.

Die meisten Inuit konnten mit seiner besitzergreifenden Art leben. Früher hatten sie Hunger gelitten, wenn sich das Jagdglück einmal von seiner launischen Seite zeigte. Vor sechs Jahren – kurz nach Miniks Geburt – erschien dann plötzlich Peary in ihrer Welt und vieles wandelte sich zum Besseren. Sie gaben ihm, wonach ihm gelüstete – Pelze wie auch Elfenbein von Narwalen und Walrössern –, er versorgte sie dafür mit so nützlichen Dingen wie Messern, Fingerhüten oder Zwieback. Manchmal verschenkte er zum Dank für treue Dienste sogar ein Stück Holz – in der baumlosen Welt der Polareskimos ein unvergleichlich kostbarer Schatz.

Obwohl dieser qallunaaq ? der »weiße Mann« – unter den Nordleuten seine Bewunderer hatte, waren ihm beileibe nicht alle wohlgesonnen. Einige nannten ihn »den großen Peiniger«, weil er ziemlich unerbittlich sein konnte, gegenüber sich selbst und gegenüber solchen, die unter seinem Kommando standen. Ihm zu gefallen bedeutete für Einzelne bisweilen unsägliche Qualen. Besonders gefürchtet war seine Reizbarkeit. Rücksichtslos wie ein General im Feldzug, manchmal mit Drohungen und Zwang, pflegte er seinen Willen durchzusetzen. Meistens genügte allerdings seine schiere Präsenz, um den bedingungslosen Gehorsam der Expeditionsteilnehmer einzufordern. Peary war zäh, stark und ein Meter fünfundachtzig groß – im Kreis seiner Inuit-Jäger wirkte er stets wie ein Riese.

Minik und viele der Jüngeren am Strand kannten ihn nur aus den Geschichten, die Aleqatsiaq und andere Jäger während der langen Polarnächte erzählten. Für die Kinder hätte der Leutnant der US Navy ebenso gut von der Sonne oder vom Mond kommen können, so fremd erschien er ihnen. Umso aufgeregter waren sie jetzt, als sie ihn leibhaftig zu Gesicht bekamen, wenn auch vorerst nur winzig klein aus der Ferne.

»Piuli, Piuli!«, rief Minik im Chor mit den anderen Kindern – kaum einem Inuk gelang es, den Namen des Entdeckers richtig auszusprechen. Neben ihm hüpfte sein liebster Spielkamerad, Oki. Die beiden Jungen versuchten sich an Lautstärke gegenseitig zu übertreffen.

Auch die Frauen stimmten in das Geschrei mit ein. Einige waren mit ihren Familien aus nördlicher gelegenen Lagern nach Cape York gekommen, das weit im Süden von Avanersuaq lag. Sie wollten Peary ihre Dienste anbieten und mit ihm Handel treiben. Nicht wenige Frauen arbeiteten als Näherinnen für ihn, weil er auf seinen arktischen Expeditionen die Vorzüge der einheimischen Fellkleidung nicht missen wollte. Früher hatte auch Miniks Mutter Mannik für den weißen Mann Hosen und Jacken angefertigt, aber sie war im letzten Jahr gestorben; eine Krankheit hatte sie und dreißig andere des Stammes dahingerafft. Minik vermisste ihre Lieder in dem Zelt aus Walrosshaut, das er nun allein mit seinem Vater bewohnte.

»Da! Da!«, quietschte Oki aufgeregt und zeigte zum Segelschiff hinüber, wo drei Jäger sich anschickten, über eine Strickleiter aufs Oberdeck zu klettern.

»Das ist mein Vater. Er wird mit Piuli verhandeln«, erklärte Minik mit wichtiger Miene.

»Und Nuktaq. Und Aleqatsiaq«, sagte Oki. Er war erst sechs, fast ein Jahr jünger als Minik.

Peary hatte die Stärke, Ausdauer und Erfahrung dieser Männer in den letzten Jahren schätzen gelernt und würde sich bestimmt auch in diesem Sommer wieder ihrer Dienste versichern wollen. Miniks Vater Qisuk gehörte zu seinen Lieblingen. Er nannte ihn den »Walrosstöter von Itilleq«. Bestimmt wird der weiße Mann auf Vater nicht verzichten wollen, dachte Minik und sah sich der Erfüllung seines Traumes schon ganz nah – ein eigenes Messer zu besitzen war sein größter Herzenswunsch.

Mit einem Mal konnte er die Jäger auf dem Oberdeck des Seglers nicht mehr sehen. Vermutlich palaverten sie mit Piuli. Im Stammesrat wurde manchmal ganze Ewigkeiten lang geredet. Minik setzte sich auf einen Felsen. Mit seinem kleinen Bogen aus Moschusochsenhorn hatte er schon manches scheue Wild erlegt, weil er als Siebenjähriger bereits die Kunst der großen Jäger beherrschte: das Warten.

Geduld war auch bitter nötig, denn Peary unterhielt sich lange mit den Inuit. Das Anstarren des Schiffes wurde den meisten am Strand bald zu langweilig. Daher liefen die Frauen und Kinder auseinander, um sich wichtigeren Beschäftigungen zuzuwenden. Dazu gehörte auch das Verstecken von Fellen und Elfenbein – die Gier des weißen Mannes nach diesen Dingen war unersättlich.

Irgendwann erschöpfte sich auch Okis Geduld. »Kommst du mit spielen, Minik?«

Dieser zuckte die Achseln. »Ich bleibe noch hier und warte auf meinen Vater.«

»Na gut. Ich gehe zu den Zelten, falls du mich später suchst.«

Minik nickte. Eine Weile folgte er seinem davonhüpfenden Freund mit den Augen, dann blickte er wieder zu Pearys Schiff hinüber. Sein ganzes Wissen über den Amerikaner verdankte er den Erinnerungen anderer Familien- oder Stammesmitglieder. Der große qallunaaq Piuli habe ihm schon als Säugling die Händchen getätschelt, hatte Qisuk einmal erzählt. Andere Erwachsene meinten, Peary sei geradezu besessen von den savikuse, den »großen Eisen«, welche viele Generationen lang das Metall für die Harpunen und Messer der Inuit geliefert hatten.

Vor zwei Jahren hatte Peary »den Hund« und »die Frau«, zwei kleinere, nach ihrer Form so benannte Eisenbrocken auf sein Schiff geladen und war damit in den Süden gefahren. Nicht wenige Inuit betrachteten den Verlust ihrer Eisenquellen mit Sorge, aber was sollten sie machen? Peary hatte einen starken Willen, dem sich niemand zu widersetzen wagte. Außerdem belieferte er ganz Avanersuaq mit Tauschwaren. Sie waren abhängig von dem Mann. Und jetzt wollte »der große Peiniger« ihnen auch noch das letzte und größte Eisen nehmen. Die Inuit nannten es »das Zelt«. Peary behauptete, die savikuse seien vom Himmel gefallen und für die Menschen in seiner Welt von großem wissenschaftlichen Interesse. Was immer er damit meinte, wollte er »seine Leute«, die Inuit, doch nicht bestehlen. Um sie für den Verlust zu entschädigen, versprach er ihnen Messer, Gewehre, Nadeln, Fernrohre und andere Schätze des weißen Mannes.

An Deck der Hope tat sich etwas. Minik erklomm seinen Sitzstein, um die Bucht besser überblicken zu können.

Ein größeres Beiboot wurde zu Wasser gelassen. Sein Vater und die anderen beiden Jäger stiegen unterdessen in ihre Kajaks. Qisuk paddelte sofort los. Seine Gefährten warteten noch auf ein Fass, das vom Deck zu ihnen hinabgelassen wurde. Vermutlich ein großzügiges Willkommensgeschenk Piulis, dachte Minik. Nuktaq und Aleqatsiaq hatten ihre Boote mit einem hautbespannten Knochenrahmen verbunden, auf dem sie die Tonne in Empfang nahmen. Nachdem der Behälter wie in einer straffen Hängematte lag, machten sie sich auf den Weg zum Strand. In der Zwischenzeit war auch das Beiboot einsatzbereit und wurde mit mehreren...



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