E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Ischke Fegst du noch oder feierst du schon?
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-1997-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefans 30. Geburtstag
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-7407-1997-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Ischke wurde 1985 in Teterow geboren und wohnt seit 1999 in Bremen. Hier begann auch seine literarische Laufbahn. Zuerst mit kleinen Lyriken, die es in Regionalzeitungen schafften und später auch mit Kurzgeschichten. Sein Kurzgeschichtenbuch mit den Titel "Blättern erwünscht! - Das Tagebuch des Stefan Jott" beinhaltet witzige Kurzgeschichten rund um den jungen Stefan Jott. 2016 hat Jan Ischke zusammen mit anderen Autoren die Anthologie "Nimm Platz! - Bankgeschichten aus Bremen" herausgebracht.
Autoren/Hrsg.
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25.9. Montag – Die Einladungen
Stefan
Das letzte Eis war aufgegessen und die gekleckerten Reste klebten noch auf seiner Badehose.
Stefan lag gerne am Wasser auf dem weichen Sand. Dabei war sein Sternzeichen weder Krebs noch Wassermann, sondern Waage. Seine Eltern waren heute, an seinem Geburtstag, mit ihm nach Warnemünde gefahren. Doch es war einfach viel zu heiß, um dem Rauschen des Meeres zuzuhören. Die Sonne brannte unerbittlich auf Stefan herab und bei der Hitze war ihm das Meeresrauschen egal.
Er brauchte dringend eine Abkühlung und ging zügig in die Ostsee.
Als ihm das Wasser bis zur Brust stand, waren die klebrigen Spuren des Eises schon weggewaschen. So weit war er noch nie alleine draußen gewesen. Ob er es noch weiter schaffte? Dann wäre er fast ein richtiger Held und seine Mutter würde staunen.
Er schaute nach unten und tastete sich mit den Zehenspitzen weiter vorwärts. Als er entschied, dass er nun tief genug im Wasser stand, drehte er sich um und wollte seiner Mutter winken. Doch in diesem Moment erfasste ihn eine hohe Welle, die ihn mitriss und seinen Körper verschlang.
Kurz verloren seine Füße den Kontakt zum Boden. Er schluckte Wasser und fand keinen festen Halt. Sein Seepferdchen hatte er erst vor wenigen Wochen geschafft, doch die Panik ließ ihn die gelernten Bewegungen vergessen. Er fuchtelte wild mit den Armen und bewegte sich immer hektischer. Sein Herz raste. Er brauchte Luft, musste atmen. Wie von selbst öffnete sich sein Mund und er schluckte wieder das salzige Wasser.
Endlich fanden seine Füße den Boden. Er stieß sich ab, um an die Wasseroberfläche zu kommen. In schnellen, kurzen Atemzügen sog er die Luft gierig ein. Zentimeter für Zentimeter schaffte er es, sich auf den Zehen und mit hektischen Armbewegungen vorwärtszubewegen, bis er wieder festen Halt hatte.
Nur langsam beruhigte sich sein keuchender Atem. Zitternd bahnte er sich seinen Weg ans Land und wankte den Strand entlang.
Das Salz brannte in seinen Augen und der Wind puderte ihn mit Sand.
Ziemlich schwach kam er bei seinen ahnungslosen Eltern an, die neben einer großen Sandburg lagen.
Sein Vater schnarchte.
»Mama?«
Seine Mutter öffnete die Augen und sprang auf. Sie starrte ihn an und meckerte los:
»Meine Güte, Stefan! Was machst du denn? Wie siehst du denn aus? Du bist ja paniert wie ein Schnitzel und überall das Algenzeug auf deinem Kopf … Also ’ne schöne Perücke ist das nicht. Was soll der Quatsch? Es ist kein Karneval, wo du dich verkleiden kannst, wie du willst. Du bist nicht Neptun mit seinem dreizackigen Besen. Und der Geruch! Fürchterlich! Du stinkst! Ab ins Wasser und spül dir den Dreck ab!«
Stefan sah sie irritiert an. Warum hatte Neptun einen Besen? Und wozu brauchte man den im Wasser?
Er widersetzte sich selten seiner Mutter, doch diesmal wollte er nicht.
Da griff sie hinter sich, holte einen Handfeger aus ihrer Tasche und schrubbte den Sand unsanft von Stefans Haut. Während der schmerzhaften Prozedur merkte er, dass mittlerweile auch in seinem Po Sand war. Doch das verschwieg er.
Als Stefan wieder aussah wie ein ganz gewöhnlicher sechsjähriger Junge, war seine Mutter fast zufrieden.
»So, jetzt kannst du wieder unter Leute gehen. Hier hast du einen Besen, den ganzen abgefallenen Sand kannst du schön selber wegmachen. Danach geht’s nach Hause.«
Stefan nahm den Besen und wollte den Sand wegfegen. Doch welcher war seiner? Der ganze Strand war voll, es sah alles gleich aus. Und wohin damit? Ins Meer? Nein, in die Nähe des Wassers würde er heute nicht mehr gehen.
Er begann mit der Stelle, vor der er stand. Er fegte und fegte, doch der Sand wurde nicht weniger. Immer mehr Menschen kamen und schauten lachend zu, wie Stefan den Strandsand fegte. Das gefiel ihm zwar nicht, aber er hatte seine Aufgabe. Er beeilte sich, damit er schnell fertig wurde.
Allmählich wurde die gefegte Stelle tiefer und sie nahm eine Form an. Erst sah sie aus wie eine 30, doch dann verbanden sich die beiden Ziffern und es entstand ein Loch. Das war praktisch, denn hier hinein konnte Stefan nun den Sand fegen.
Doch das Loch wurde von Sekunde zu Sekunde größer und größer. Scheinbar hungrig verschlang es erst die Sandburg, dann seine Eltern und zuletzt den kompletten Strand und ihn.
Er fiel und fiel immer tiefer mit dem Sand durch das schwarze Loch, wie ein Sandkorn in einem Stundenglas …
Stefan erwachte aus seinem Alptraum. Mit einem Ruck setzte er sich aufrecht hin. Er atmete sehr schnell. Dunkelheit umgab ihn, sein Radiowecker zeigte in roter Schrift vier Uhr an.
Nachdem sich seine Atmung etwas beruhigt hatte, wollte er ins Badezimmer. Zwei Schritte schaffte er, dann wurde sein linkes Bein schwach, sodass er sich plötzlich auf dem Fußboden befand. Der Muskelkater kam schneller als erwartet. Dennoch schleppte sich Stefan ins Badezimmer, wusch sich den Angstschweiß von der Stirn und erleichterte gleich noch seine Blase.
Hin und wieder hatte er solche Wasser-Alpträume. Doch seit einigen Wochen hatte er eine Methode gefunden, um seine ›kleine Wasserangst‹, wie er es nannte, in den Griff zu bekommen: Er ging ins Schwimmbad. Ganz freiwillig! Er glaubte, dass man sich seinen Ängsten stellen muss, um sie zu überwinden. Früher konnte man ihn nicht für so etwas begeistern, aber irgendwann sah er ein, dass man mit fast 30 Jahren keine Angst mehr vor dem Schwimmen haben sollte. Zumal es keine Schwimmangst, sondern Wasserangst war, Angst vor Wasser in seinen Atemwegen.
Allerdings hatte er heute das erste Mal davon geträumt, dass er den Ostseestrand fegte. Die Zahl 30 würde er diese Woche wohl noch häufiger zu hören bekommen.
30 Jahre! Seufzend und kopfschüttelnd ging er wieder ins Bett.
Es war Montagmorgen und am Samstag würde er bereits zu den ›Alten‹ gehören. Zu Leuten, die auf Ü30-Partys gehen. Zu einer Generation von Menschen, die mehrheitlich bereits Kinder haben und verheiratet sind. Und er hatte nicht mal eine feste Freundin.
Stefan schloss die Augen und stellte sich all die weiblichen Schönheiten vor, die er in den letzten Monaten im TV so sehr bewundert hatte. Dann schlief er ein.
Er träumte von der rassigen Michelle Rodriguez aus ›The Fast and the Furious‹ und von Gal Gadot im knappen Wonder-Woman-Outfit. Beide schauten ihm zu, wie er einen Besen nahm, um Kronkorken vor dem Bremer Dom wegzufegen. Aber sie konnten ihm nicht helfen, waren sie doch keine Jungfrauen mehr. Mehrmals versicherten sie ihm zwischendurch, dass sie sich gerne für ihn aufgespart hätten, wenn sie gewusst hätten, dass sie ihm hier und heute damit einen Gefallen tun könnten.
Nora Tschirner war die Einzige, die ihm half, indem sie ihm sagte, er solle sich doch von einem Baby küssen lassen. Ja, das war die Idee! Doch bevor er ein Baby zwischen all den weiblichen VIPs fand, läutete die Domglocke …
Stefan erwachte zum zweiten Mal in dieser Nacht. Sein Wecker riss ihn aus seinem Traum. Die Arbeit rief. Beim Aufstehen spürte er seinen leichten Muskelkater, der vermutlich noch schlimmer werden sollte.
Nach dem Duschen schmierte er sich geistesabwesend ein Käsebrot, checkte eilig seine Mails, machte sich fertig und nahm seine Arbeitstasche. Er wollte gerade die Wohnung verlassen, da fiel ihm ein, dass heute Montag war und er abends schwimmen wollte. So richtig Lust darauf hatte er nicht, aber die hatte er nie. Erst wenn er wieder aus dem Schwimmbad raus war, freute er sich, dass er es hinter sich hatte.
So lief er noch ins Schlafzimmer, holte seine schon am Vortag gepackte Schwimmtasche und machte sich eiligst auf den Weg zum Bus. Die letzten Meter zur Haltestelle musste er laufen, was sein Muskelkater zu verhindern versuchte. Stefan sah bereits den heranfahrenden Bus, aber noch trennten ihn gute 50 Meter von der Haltestelle. Er versuchte, den Schmerz in seinen Beinen zu ignorieren, so gut es ging, und gab noch einmal, halb hinkend und auf wackeligen Beinen, Gas. Wenn er diesen Bus jetzt nicht bekäme, müsste er eine Viertelstunde auf den nächsten warten.
Stefan erreichte ihn im letzten Augenblick. Er war noch gar nicht ganz drinnen, da schlossen sich die Türen schon hinter ihm und der Bus fuhr los. Schwer atmend setzte er sich auf einen der wenigen freien Plätze und wartete darauf, dass sich seine Atmung beruhigte und der Schmerz in seinen Beinen nachließ.
Normalerweise fuhr Stefan bei schönem Wetter mit dem Rad, aber da er heute direkt nach der Arbeit noch zum Schwimmen wollte, nahm er lieber den Bus. Er hoffte, im Schwimmbad nicht nur seine Wasserscheu zu besiegen, sondern im Idealfall auch noch eine Frau kennenzulernen. Das Schwimmen hatte seit einigen Wochen wieder neuen Rhythmus in sein Leben gebracht. Das Problem war nur, dass er Schwimmen gar nicht so sehr mochte, zumindest das Wasser nicht, wenn es sein Gesicht berührte.
Aber Stefan dachte nur kurz an seinen Schwimmabend, denn ein anderes Thema beschäftigte ihn zurzeit mehr: sein bevorstehender 30. Geburtstag. Eigentlich hatte er geplant, überhaupt nicht zu feiern. Im Juli meinte er noch, er wolle lieber verreisen, um an seinem Jubiläum für nichts und niemanden da zu sein. Doch für Ende...




