E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Iser Deathbound
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-2971-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-7543-2971-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jessica Iser wurde 1991 in Südhessen geboren. Schon in jungen Jahren hielt sie ihre blühende Fantasie mit Hilfe von Wörtern und Zeichnungen auf Papier fest. Heute widmet sie als Autorin und Bibliothekarin einen Großteil ihres Lebens den Büchern. In ihren Geschichten ist sie im Bereich der dunklen Phantastik von Urban Fantasy bis Horror unterwegs. »Deathbound« ist ihr Debütroman. Webseite: www.jessicaiser.de
Autoren/Hrsg.
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1
Der Wandel
»Das Gewand des Todes ist schwärzer als die dunkelste Nacht.«
Alys schmunzelte, als sich Zareshs Stimme zu einem Flüstern senkte. Die staubigen Flaschen, die als Kerzenhalter auf dem Tisch dienten, wurden von jahrealten Wachsschichten eingehüllt. Ein frischer Tropfen schmolz unter dem Docht und das dunkelrote Kerzenwachs rann beinahe bis auf das Holz hinunter. Im Halbdunkel der Schenke wirkte er wie Blut.
»Wenn es draußen finster wird, kommt und holt er sich die Seelen der Alten, Schwachen und Sünder«, fuhr Zaresh theatralisch fort, sein Blick wanderte bedeutungsvoll zu den beschlagenen Fenstern, vor denen allmählich die Abenddämmerung einsetzte. »Ihr solltet euch lieber vorsehen, wenn ihr zu später Stunde nach Hause geht.«
Ein verächtliches Lachen entfuhr Kasia neben ihm. »Willst du etwa damit sagen, nur weil wir Frauen sind, gelten wir als leichte Beute?«
Alys’ Blick wanderte zu Kasia, die sich auf ihrem Platz zurückgelehnt hatte, um Zaresh von der Seite einen abschätzigen Blick zuzuwerfen.
Sie gaben schon ein seltsames Trio ab – der Schafhirte, die Schmiedin und die Gerberin. Während Alys erst später mit Kasia und Zaresh angebandelt hatte, waren die beiden schon von der Wiege auf so unzertrennlich wie streitlustig gewesen. Es führte nicht selten dazu, dass sich Alys wie das fünfte Rad an der Kutsche fühlte. Sie teilte mit ihnen nicht die gleiche Verbindung wie die beiden zueinander – und bedauerte es.
Flüchtig dachte Alys daran zurück, wie sie Kasia und Zaresh kennengelernt hatte. Bereits vor vielen Jahren hatten die beiden sie gegenüber Arwulf, dem Sohn des Bürgermeisters, verteidigt. Seine Schikanen waren die eines verzogenen Burschen gewesen und hatten jeden getroffen, der nicht dem verblendeten Weltbild seiner wohlhabenden Eltern entsprach. Er hatte sich über ihr kurz geschorenes fuchsrotes Haar, ihre schmächtige Gestalt und ihr Dasein als Waise lustig gemacht. Die ehemals verbrannten Haare fielen Alys inzwischen bis zur Taille hinab, die drahtige Silhouette war weiblichen Rundungen gewichen. Nur der letzte Umstand würde sie ihr Leben lang verfolgen. Der Tod begleitete Alys seit Kindertagen wie ein Schatten.
Sie zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart, wo Zaresh versuchte, Kasia zu beschwichtigen. Alys war davon überzeugt, dass die beiden eines Tages heiraten würden. Ob sie sich dann wohl noch immer regelmäßig in der Schenke trafen? Der Sumpfkessel war nichts Besonderes mit seinen alten Eichentischen und -bänken. Die heruntergekommene Theke und der ergraute Wirt dahinter hatten auch schon bessere Tage gesehen. Dennoch war der Sumpfkessel der einzige Ort in Krall, an dem man jederzeit einkehren konnte. Jung und Alt trafen sich hier, und in den Abendstunden stieg der Geräuschpegel deutlich an. Auch an diesem Abend hallten zahlreiche Stimmen und Lacher durch die Schenke.
»So war das gar nicht gemeint«, rechtfertigte sich Zaresh, »und das weißt du auch.«
Kasia schnaubte und warf ihre schwarze Mähne über die Schultern zurück. »Das hoffe ich für dich. Ich möchte dich nur ungern schon wieder daran erinnern, wer hier den Hammer schwingt.«
Zaresh verdrehte die Augen und Alys lachte leise. Sie bewunderte die schöne, starke Kasia für ihre Schmiedekunst. Daneben kam ihr das Gerben fast lächerlich vor. Kasia schuf Waffen. Alys verarbeitete Tierhaut zu Leder. Mit einem tiefen Schluck aus dem Bierkrug ertränkte sie ihre trüben Gedanken.
»Wisst ihr, Todbringer machen keine Unterschiede zwischen Mann, Frau und allem dazwischen«, sagte Zaresh.
Er schien das Thema nicht ruhen lassen zu wollen. Alys runzelte die Stirn. All die Legenden hatte sie bereits unzählige Male gehört. Es handelte sich meist um finstere Nachtgeschichten für Kinder, damit sie ihr Bett bis zum Morgen nicht mehr verließen, oder geflüstertes Halbwissen an sterbenden Lagerfeuern, das für wohlige Schauer und mehr Nähe untereinander sorgte.
»Wenn ihr auf deren Liste steht, dann gibt es kein Entkommen. Sie jagen euch so lange, bis ihr vor lauter Angst darum bettelt, dass sie euch töten.«
Zaresh erntete einen skeptischen Blick von Kasia. »Wo hast du das nur wieder her?«
»Ich habe meine Quellen«, behauptete Zaresh, wobei er besserwisserisch grinste und die Arme vor der Brust verschränkte. »Aber eins ist ja wohl sicher: Die Begegnung mit dem Tod ist eine einmalige Sache.«
»So?«, sagte Alys und grinste. »Dann haben dir wohl die Toten davon erzählt.« Kopfschüttelnd schaute sie zu Kasia, die in ihr Lachen einstimmte.
Bevor Zaresh etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür zur Schenke mit einem Klingeln. Es wurde deutlich stiller im Raum, woraufhin Alys sich umsah. Ein Fehler. Sie hätte ahnen müssen, dass nur die Ankunft von jemandem mit hohem Rang eine dämpfende Wirkung auf das allgemeine Durcheinander in der Schenke hatte. Arwulfs Anwesenheit ließ nicht nur schlagartig die Lautstärke im Schankraum, sondern auch ihre Laune sinken.
Dennoch konnte sie sich bei ihrem nächsten Gedanken ein spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen.
»Nun«, sagte sie mit einem Augenzwinkern an ihre Freunde gewandt, »es wäre schön, wenn auch die Begegnung mit Arwulf eine einmalige bliebe.«
Kasia und Zaresh prusteten hinter vorgehaltenen Händen, als schwere Stiefel auf den Holzdielen Arwulfs Näherkommen ankündigten. Sie versuchten halbherzig, eine ernste, gleichgültige Miene aufzusetzen, doch Zareshs Mundwinkel zuckten weiterhin verdächtig. Währenddessen bemühte sich Alys, den Neuankömmling bis zum letzten Moment zu ignorieren.
»Guten Abend«, grüßte er sie. Er würdigte Kasia und Zaresh nur eines kurzen Blickes, dann wandte er sich direkt an Alys. »Eine junge Frau sollte zu später Stunde nicht mehr allein in der Schenke sein.«
Langsam hob Alys den Kopf und fixierte Arwulf für die Dauer eines Atemzuges, ehe sie sich wieder ihrem Krug widmete. »Ich bin nicht allein, wie Ihr seht.«
»Lass mich dich nach Hause begleiten.«
Es klang mehr nach einem Befehl als nach einem Angebot. Was erlaubte er sich? Alys hasste es, dass er sie so direkt ansprach – als seien sie vertraut miteinander. Bisher hatte sich Alys immer geweigert, ihm den Gefallen zu erwidern und die förmliche Anrede gegen ein freundschaftliches Du zu tauschen.
Kasia und Zaresh verfolgten den Wortwechsel schweigend, aber es sah ganz danach aus, als läge der Schmiedin eine spitze Bemerkung auf der Zunge. Alys kam ihr zuvor.
»Ich finde den Weg auch allein, danke«, gab sie mit einem gezwungenen Lächeln zurück.
Arwulfs Nasenflügel blähten sich auf. Nun sprach er wieder an die ganze Runde gewandt. »Der Winzer ist verschwunden.«
»Leif?«, hakte Kasia überrascht nach. Sie wechselte einen besorgten Blick mit Zaresh. Alys hob neugierig den Kopf.
»Genau der«, bestätigte Arwulf. Es klang nicht danach, als kümmerte ihn der Verbleib des alten Winzers. Unter dem Tisch ballte Alys die Hände zu Fäusten.
»Was ist geschehen?«, fragte sie widerwillig. Der Ewige Wald war für seine Gefahren bekannt. Wenn einen die Räuber nicht holten, dann der Tod, so sagte man. Alys konnte sich nicht vorstellen, dass Leif den Räubern zum Opfer gefallen war. Im Dorf war bekannt, dass er seit Jahren eine Art Abkommen mit ihnen hatte – zwei Fässer Wein im Tausch gegen die sichere Durchfahrt.
»Wer weiß. Von seinem letzten Handelsausflug ist er nicht zurückgekehrt. Aber wir wissen ja alle, dass er gern mal zu tief ins Glas geschaut hat, also …« Arwulf ließ den Satz unbeendet in der Luft hängen und zuckte mit den Achseln.
Alys starrte ihn einen Moment lang schockiert an und wandte sich dann wieder ihren Freunden zu. Sie bezweifelte zwar, dass sich Arwulf so leicht abwimmeln ließ, hoffte aber darauf, dass er sich nicht weiter die Blöße geben wollte, hier vor allen Leuten von einer Frau abgewiesen zu werden.
»Ich rate dir, lieber bald nach Hause zu gehen.«
Mit einem Ruck drehte sich Alys zu ihm herum. »Wer seid Ihr – mein Vater?«
Arwulf stutzte. Seine Augen verrieten, dass auch er sich daran erinnerte, wie er sie mit dem Tod ihrer Eltern geärgert hatte. Damals waren sie noch Kinder gewesen, nichtsdestotrotz hatte Alys ihm nie verziehen.
Mit einem Räuspern versteifte sich Arwulf. »Nun denn«, sagte er kurz angebunden, »gebt auf sie acht.«
Kasias Blick war vernichtend. Aber der Sohn des Bürgermeisters hatte sich bereits abgewandt und verließ mit langen Schritten die Schenke.
»Widerling«, murmelte Kasia. Zaresh nickte und nahm einen Schluck aus seinem Krug. Währenddessen seufzte Alys erleichtert und ihr Körper entspannte sich ein wenig.
»Was glaubt ihr, was mit Leif geschehen ist?«, fragte sie ihre Freunde.
Zaresh öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Kasia schnitt ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort ab.
»Wag es ja nicht«, sagte sie mit geschlossenen Augen, »jetzt wieder mit deinen Todbringern anzufangen.«
Statt etwas zu erwidern, nippte Zaresh mit einem Schmunzeln noch einmal an seinem Krug und zwinkerte Alys über den Rand hinweg zu. Sie lachte leise in sich hinein. Doch während sich ihre beiden Freunde wieder unbeschwerteren Themen zuwandten und den Winzer vergaßen, verdunkelte Arwulfs düstere Nachricht Alys’ Gedanken. Irgendetwas tief in ihrem Inneren versuchte, ihr etwas zuzuflüstern. Wie eine dunkle Vorahnung, die sie nicht greifen konnte.
Als Alys an sich hinabblickte, zog sich eine Gänsehaut über ihre Unterarme und in ihren Fingern machte sich ein nervöses...




