E-Book, Deutsch, 85 Seiten
Iser / Magdalen Cocktail Macabre
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8197-2220-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Trink- und Kinkgeschichten
E-Book, Deutsch, 85 Seiten
ISBN: 978-3-8197-2220-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jessica Iser, 1991 mit deutsch-spanischen Wurzeln geboren, schreibt bereits seit ihrer Kindheit phantastische Geschichten. Am ehesten findet man sie in den düsterromantischen Ecken des Genres von Dark Fantasy bis Horror. Ihr Debütroman »Deathbound« wurde für den Phantastikpreis Seraph 2022 in der Kategorie »Bester Independent-Titel« nominiert. Im Frühjahr 2026 erscheint der Auftakt ihrer Fantasy-Dilogie bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur.
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Lily Magdalen: Nocturne in f-Moll
I.
Ein Pianist sitzt in der Bar und spielt.
Würde er sich umsehen, wüsste er: Er bräuchte nicht spielen, denn die Bar ist nahezu leer, bis auf das Personal hinter der Theke. Bis auf mich.
Er sieht mich nicht. Oder dass die Bar leer ist und er für niemanden spielt. Das Klavier steht an der Wand. Schwarz ist es zwar, aber letztendlich ist es nur ein ganz normales Klavier, kein ausladender Konzertflügel. Es steht an der Wand, folglich sitzt der Pianist mit dem Rücken zum Raum.
Er könnte es sehen, dass hier niemand mehr ist: An der Wand über dem Klavier hängt ein Spiegel. Doch er ist zu sehr in sein Spiel vertieft, um dem Spiegel Beachtung zu schenken.
Ich hingegen … Ich muss es einfach. Ich muss seine Hände sehen.
Lautlos streife ich durch die Bar – vom übrigen Personal unbemerkt –, und so kann ich frei mal diesen, mal jenen Platz ausprobieren, bis ich endlich den richtigen Winkel finde. Ein paar Tische stehen auf einer kleinen Erhöhung, zwei elegante Stufen hinauf, und von dort aus, schräg hinter dem Pianisten, nicht mehr ganz unter dem Kronleuchter, von dort aus fällt mein Blick durch den Spiegel präzise auf seine Hände, zumindest wenn er die obersten vier Oktaven auf der Klaviatur berührt. Seine Finger, schmal und ruhig in ihrer Bewegung, das sanfte Spiel seiner Handgelenke; die Andeutung seiner Unterarme liegt schon nicht mehr in meinem Sichtfeld, doch mein Gedächtnis zeichnet sie mühelos nach.
Ich wurde beinahe sofort hart bei diesem Anblick, während mir simultan das Wasser im Mund zusammenlief, in Erwartung auf das nun Kommende. Beide Empfindungen sind nur mehr Erinnerungen; ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat, doch meinem jetzigen Sein ist jedes Körperempfinden fremd.
Was keine Erinnerung ist, sondern sehr real, sehr jetzt, ist das Ziehen, wo einst ein Herz war. Was gäbe ich dafür, das, was ich erinnere, ein letztes Mal spüren zu dürfen. Sehnen, das scheint kein fleischliches Begehren zu sein
Ist es am Ende sogar das, was mich an diesem Ort hält?
Ich könnte niemals gehen. Nicht wenn er spielt, Abend für Abend für Abend. Ich habe ihn gefunden, und hier werde ich bleiben.
Mit diesem Entschluss stehe ich auf und schließe langsam die Distanz zwischen uns. Ich würde zittern, hätte ich noch einen Körper.
Für den Rest meines Daseins atemlos, sinke ich auf die Knie. Dies ist mein Platz, an seiner Seite, direkt neben dem Klavierhocker.
Es ist meine Essenz, die erbebt, in Schwingung versetzt durch die Melodie, die unter seinen Fingern entsteht.
Der Pianist, mein Pianist, das invertierte Bild eines Psychopomps? Er geleitet die Seele nicht in den Tod hinüber, er hält sie – so, wie seine Hände mich immer gehalten haben, auf Knien zu seinen Füßen, ein fester, sicherer Griff um meinen Hals, ein sanftes Streichen feiner Fingerspitzen über mein Kinn, in Hingabe ihm entgegengereckt, bis sie meine Lippen streiften und mir wortlos die erlösende Erlaubnis gaben, sie für ihn zu öffnen; sie um einen Finger zu schließen, um zwei, um wie viele er mir gewährte. Und Zeit verlor an Bedeutung, im Dunkel nur wir. Manchmal Klang. Ihn spüren. Losgelöst, und doch verankert.
So, wie ich auch jetzt losgelöst und verankert bin. Hat er mich gerufen, wenngleich nicht mit Worten?
Die Erinnerung seines Drucks auf meine Zunge zieht in meinem verlorenen Herzen. Mein Mund fühlt sich unvollständig an – mein Pianist weiß nicht einmal, dass ich hier bin. Es sind beide Hände, die über die Klaviatur hinwegtanzen.
Ich hebe die rechte Hand, aber ich wage es nicht, ihn zu berühren. Das war immer tabu, zumindest im Spiel. In diesem Dasein, ist es da anders? Spielt er alleine?
Meine Finger senken sich hinab zu den Tasten, und auf einmal ist es ganz leicht.
Ich konnte im Leben nie selbst Klavier spielen, doch meine Essenz, die mit seiner Melodie schwingt, hindert das plötzlich nicht mehr. Ich antworte in den oberen Oktaven auf seine Akkorde und Tonfolgen.
Sogleich, ohne dass es auch nur zur kleinsten Dissonanz kommt, macht sein Spiel mir Platz und es entsteht eine Harmonie. Call and response.
Ich bin noch da.
Zögerlich erhebe ich den Blick zum Spiegel; von meiner Position aus sehe ich nur seine Stirn, knapp bis über die Brauen. Ein Zucken durchfährt sie, subtil, aber in meinem Sein resoniert es, wie ein Blitz einen hallenden Donner verursacht. Mein Kopf fällt zurück in den Nacken, unwillkürlich öffne ich meine Lippen.
Mein Mund bleibt leer. Mein Herz ist voll.
Die Barkeeperin mit dem Mona-Lisa-Gesicht kommt herbei und hinterlässt einen Cocktail auf dem Klavier. Mein Pianist und ich unterbrechen unser Spiel nicht. Mein Blick gleitet zu seinen Händen, zu meinen, die körperlich erschienen, wüsste man, wie man hinzusehen habe.
Doch die Mona Lisa scheint nichts zu bemerken, sie entfernt sich, so still, wie sie gekommen ist.
Mich berührt es nicht. Ich ruhe in meiner Mitte.
In vertrauter Hingabe finde ich fortan meine neue Erfüllung. Call and response. Ich weiß nicht, ob er es weiß, er zeigt es mir nie. Doch Abend für Abend stimmt er in den Minuten vor Schließung der Bar dieses Lied an, und unter unser beider Händen wächst es, ein lebendes, atmendes Wesen, ein Formwandler, ein fließendes Kaleidoskop aus Schwingung. Leise, melancholisch, schmerzhaft und schön. Der Raum schrumpft zusammen auf das Dunkel im Außen und die Schwingung im Zentrum.
Ich bin noch da. Losgelöst und fest verankert.
Call and response.
~
II.
Ein Pianist sitzt in der Bar und spielt.
Das tut er vier Abende in der Woche, immer für ein paar Stunden. Ich schätze, sein Repertoire umfasst zwar die Klassiker für eine Bar wie diese, ist aber umfangreich genug, dass es auch Stammgästen wie mir nie langweilig wird. Nicht dass ich mich in die Tiefe überhaupt auskennen würde.
Ich komme hierher, um nach einem langen Tag in der kalten, schnellen Arbeitswelt zu entspannen. Ein Drink, eine Zigarre vielleicht, zu raren Gelegenheiten eine Patience legen, mich noch seltener an den Tisch zu den anderen gesellen, in wechselnder Besetzung, die Gespräche mäandernd zwischen trivial und prätentiös.
Meistens jedoch komme ich alleine, und neuerdings am liebsten in der letzten Stunde vor Ladenschluss. Wenn die Bar sich leert, wenn niemand mehr da ist außer den letzten vereinzelten Stammgästen und dem verbliebenen Personal, dann löst sich der Pianist von seinem festen Programm; er legt die Notenblätter beiseite, die Barkeeperin stellt ein Cocktailglas auf das Klavier und er beginnt zu improvisieren. Es muss eine Improvisation sein und kein auswendig gelerntes Stück – der Charakter bleibt immer gleich, und doch ändern sich feine Nuancen.
Ich lasse mich gerne einspinnen von der Melancholie dieses Stücks, seiner Langsamkeit, die nicht ohne einen gewissen verspielten Charakter bleibt.
Heute sind meine Stammplätze schon besetzt, als ich durch den Windfang trete. Ich runzle die Stirn, lasse meinen Blick schweifen.
Die Tische auf der kleinen Erhöhung sind frei; dann wird das wohl heute mein Platz. Ich hänge meinen Mantel, in dessen Wollstoff ein paar Regentropfen festsitzen, an den Garderobenständer und steige die beiden Stufen empor. Der Chef nickt mir hinter der Theke kurz zu, die Barkeeperin bringt von selbst mein Getränk.
Eine ganz neue Perspektive, zu weit in der Mitte des Raumes, zumindest für meinen Geschmack. Nur die Akustik ist anders, besser – ein wenig voller im Klang.
Ich habe nicht vor, den Pianisten zu beobachten, doch sein Rücken zieht meinen Blick magisch an, wie er sich zur Musik bewegt, nur ganz leicht.
Hält er stiller als andere Musiker? Habe ich überhaupt jemals darauf geachtet? Ich spiele selbst kein Instrument; ich kann nicht beurteilen, ob dieses Wiegen und Mitschwingen des ganzen Körpers dazugehört oder Teil der Performance ist.
Das letzte Stück, die Improvisation kurz vor Ladenschluss, die scheint jedenfalls keine Performance zu sein.
Von hier aus, schräg hinter dem Pianisten, nicht mehr ganz unter dem Kronleuchter, von hier aus fällt mein Blick durch den Spiegel präzise auf seine Hände. Das ist das Ding an Klavierstücken, nicht? Da ist immer mehr Klang, als man beobachten kann. Die Hände sind es, die diesen Klang erzeugen, aber ich als Laie kann dem kaum folgen. Trotzdem bleibt mein Blick an den schlanken Fingern des Pianisten hängen. Der simple Magnetismus von Bewegung und Rhythmus.
Auf einmal ist mir, als wäre in meinem Bauch ein Glas heißer Flüssigkeit umgekippt. Mein Verstand kommt dem seltsamen Gefühl nur mit Verzögerung hinterher, ich begreife nicht sofort, warum mir auf einmal der Atem stockt. Die Gewissheit: Nein, das ist nicht richtig hängt einen Herzschlag lang vor mir in der Luft.
Dort, im Spiegel, ein zweites Paar Hände.
Sehe ich doppelt?
Es sind feingliedrige Männerhände, wie jene des Pianisten – nur diese sind sogar noch zierlicher, fast fragil.
Ich springe auf und stoße dabei meinen Stuhl um, von der hastigen Bewegung tanzen kurz schwarze Punkte vor mir. Der Chef hinter der Theke zieht die Brauen nach oben und ist mit wenigen schnellen Schritten bei mir.
»Stimmt etwas nicht?«, fragt er und fasst mich am Ellbogen.
Ich blinzle; das Bild im Spiegel ist aus dem Stand schon nicht mehr zu sehen. Der Pianist spielt weiter, unbehelligt von meinem Aufruhr.
»Ich …« Meine Stimme fühlt sich an, als hätte ich sie zu lange nicht mehr benutzt. Ich räuspere mich kurz, schenke dem Chef ein Kopfschütteln. »Ich glaube, ich sollte den Absinth künftig doch lieber...




