Iser | Zweimondnächte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Iser Zweimondnächte

Eine Deathbound Novelle
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6975-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Deathbound Novelle

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-7562-6975-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Man sagt, in Zweimondnächten geschehen schicksalhafte Dinge ... Wie überlebt man die Ewigkeit, wenn man nur den Tod bringt? Wein, Sex und Tod - das ist alles, was die Todbringer Letifer und Sekai in die Welt der Sterblichen führt. Menschliche Gefühle sind ihnen fremd. Doch als Sekai beginnt, sein unendliches Dasein zu hinterfragen, droht das Band zwischen den beiden Todbringern für immer zu zerreißen ... Die Handlung spielt vor dem Roman "Deathbound", beide Bücher können jedoch unabhängig voneinander gelesen werden.

Jessica Iser wurde 1991 in Südhessen geboren. Schon in jungen Jahren hielt sie ihre blühende Fantasie mit Hilfe von Wörtern und Zeichnungen auf Papier fest. Heute widmet sie als Autorin und Bibliothekarin einen Großteil ihres Lebens den Büchern. In ihren Geschichten ist sie im Bereich der dunklen Phantastik von Urban Fantasy bis Horror unterwegs. Ihr Debütroman »Deathbound« wurde für den Phantastikpreis Seraph 2022 in der Kategorie »Bester Independent-Titel« nominiert.
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1

DER GESCHMACK DES TODES

Fünf Frauen hielten sich auf der Lichtung auf; Frauen in mehrlagigen Röcken und Gewändern, Blätter und Knochen im Haar, die sich zum Teil miteinander unterhielten, während sie Pilze reinigten, zum Teil klopften sie Decken aus, die über zwischen den Hütten aufgespannten Leinen hingen. Eine von ihnen war neu – die letzten Male, als Letifer den Grauen Wald aufgesucht hatte, war sie nicht hier gewesen. So war das mit Hexenzirkeln: Manchmal führten die Wege des Schicksals magiebegabte Frauen zu ihresgleichen, und wenn sie alt und voller Lebensweisheit waren, gingen sie fort, um eins mit sich selbst und der Welt zu werden. Männliche Hexer gab es nicht; wenn sie die Geburt überlebten, so verkümmerte ihre Magie meist schon in den ersten Jahren, bis sie nichts weiter als normale Sterbliche waren.

Letifer erinnerte sich an jene Nacht, als auf dieser Lichtung viel Blut vergossen worden war. Was auch immer die Hexen damals versucht hatten zu beschwören, war ihr Todesurteil gewesen. Als sie auf der Lichtung im Kreis gestanden und die zwei Monde besungen hatten, war eine nach der anderen durch Letifers Hand gestorben. Es hatte ihm, wie jeder durch seine Hand verursachte Tod, nichts bedeutet; nur einer von zahllosen Aufträgen im Laufe der Unendlichkeit. Und dennoch kehrte er hin und wieder hierher zurück, beobachtete, wie sich der Zirkel Stück für Stück mit neuen Hexen zurück ins Leben kämpfte. Denn eine hatte er damals übersehen – oder vielmehr hatte der Tod sie übersehen, denn sie war zum Zeitpunkt des Rituals nicht hier gewesen.

Dafür war sie jetzt unter den Hexen, sehr jung, fast noch ein Mädchen, mit haselnussbraunen Haaren und einem ernsten Ausdruck in den jadegrünen Augen. Hereli hieß sie, wie Letifer mitbekommen hatte. Aus irgendeinem Grund war ihr Name hängengeblieben. Aber noch war ihre Zeit nicht gekommen und das alte Blut auf der Lichtung längst versiegt. Zurück blieb nur ein eigenartiges Grau in Laub, Boden und Bäumen, weil die Hexen ihre Magie aus der Natur zogen – die Magie, die die Todbringer seit Jahrhunderten mit ihrer Anwesenheit in der Welt hinterließen. Der Wald war jedoch nicht tot, er überdauerte die Zeit, genau wie der Zirkel, der darin zu neuem Leben auferstand.

Eine Motte schwirrte an Letifer vorbei und gesellte sich zu den anderen Nachtfaltern, die, angezogen von der Magie, durch das Lager der Hexen kreisten. Aus seinen Gedanken gerissen, kehrte der Todbringer der Lichtung den Rücken zu und entfernte sich ein Stück, bis er die menschlichen Herzen hinter sich im Wald nicht mehr schlagen hören konnte. Erst dann blieb er stehen und flüsterte: »Orcus.«

Die Realität vor ihm bekam einen Riss, der sich immer weiter öffnete und grenzenlose Dunkelheit offenbarte. Ohne zu zögern, trat Letifer hindurch und stürzte in die Schatten der Unterwelt. Seine Umgebung drehte sich um die eigene Achse und ehe er sich versah, hatte er wieder festen Boden unter den Füßen. Dunkles Gestein und Knochen.

Leise bauschte sich sein Umhang auf, als Letifer mit großen Schritten einen der Höhlengänge betrat. Das grünliche Licht, das der Unterwelt ihr unheimliches Glühen verlieh, begleitete ihn, bis er in einen Raum kam, in dessen Mitte sieben steinerne Throne im Kreis standen. Zwei seiner Artgenossen, Azef und Retsinis, saßen dort und unterhielten sich, verstummten aber, als Letifer eintrat.

»Sieh an«, kommentierte Azef seine Anwesenheit, »wer sich wieder einmal dazu herablässt, die Unterwelt aufzusuchen.«

Letifer schnaubte leise. Er beschloss, die beiden zu ignorieren, und ging weiter, doch bevor er den Versammlungsraum verlassen konnte, fragte Retsinis hinter ihm verächtlich: »Wo hast du dein Anhängsel gelassen?«

Einen Moment lang schloss Letifer die Augen und presste den Kiefer zusammen, ehe er innehielt und den Kopf drehte. Retsinis starrte aus erdbraunen Augen zurück.

»Hast du nicht irgendeinen Auftrag zu erfüllen oder warum belästigst du uns hier unten mit deiner Anwesenheit?«, konterte Letifer gefährlich ruhig.

Retsinis verzog das Gesicht. »Wie langweilig.« Der Todbringer wirbelte eines seiner geschwungenen Messer durch die Luft und fing es am knöchernen Griff wieder auf. »Nicht mal für ein ordentliches Wortgefecht bist du zu haben.«

An Letifers Seite pulsierte das menschliche Herz am Schaft seines Schwertes Blutzunge. Es dürstete nach einem Kampf. Schon oft genug hatte sich die Klinge in Retsinis’ Fleisch gefressen und sein Blut getrunken. Aber es war aussichtslos; als Todbringer waren sie nahezu unsterblich und ihre Wunden schlossen sich so schnell wieder, dass ein Kampf ewig andauern konnte. Heute war Letifer nicht danach, mit Retsinis die Klingen zu kreuzen und ihm sein widerliches Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Neben ihm beobachtete Azef die Szene; mit seinen langen weißen Haaren und den kantigen Gesichtszügen wirkte er alterslos und erhaben, doch ein grausamer Zug lag um seine Mundwinkel.

Erneut kehrte Letifer ihnen den Rücken zu und ließ die beiden stehen. Diesmal hielten sie ihn nicht auf, als er sich auf den Weg zu seinen Gemächern machte.

Tief in den Eingeweiden der Unterwelt erreichte er schließlich die eisenbeschlagene Tür und trat ein. Er konnte nicht sagen, dass er sich gern hier aufhielt, aber es war ihm auch nicht zuwider. Vieles, was sich in den Regalen und auf dem Schreibtisch häufte, erinnerte an Begegnungen und Erlebnisse der vergangenen Jahrhunderte. Auch einige der anderen Todbringer sammelten Gegenstände, obwohl sie eigentlich keinen sentimentalen Wert besaßen – Todbringer fühlten nicht. Nicht auf die menschliche Weise. Aber Todbringer wollten Dinge , es bedeutete eine Art von Macht.

Letifers Blick fiel auf die Blutuhr an seiner Seite. Macht.

Mit der Abenddämmerung kam der Nebel, zunächst nahezu unsichtbar, dann breitete er sich in jeder Ritze der Stadt aus. Lautlos schritten Letifer und Sekai die Straße hinunter, das raureifüberzogene Kopfsteinpflaster schimmerte im warmen Licht der Laternen, die gerade erst vom Nachtwächter entzündet worden waren. Letifer konnte den Mann ein Stück weit die Straße hinunter spüren; sein Leuchtfeuer und das pochende Leben in ihm flohen vor der Dunkelheit.

Etwas lag in der Luft; süßlich und verdorben kroch es durch seine Atemwege und legte sich um seine Zunge. Es schmeckte nach Tod. Letifer lächelte, weil er wusste, dass er derjenige war, der ihn brachte.

Gleichzeitig erwachte etwas in der Stadt: Diebe, Gaukler, Huren und Söldner. Mooraste galt nicht umsonst als einer der schlimmsten Sündenpfuhle von Omra. Nicht selten traf Letifer hier auf einen der anderen Todbringer, aber heute Nacht gehörte die Stadt ihm. Und Sekai.

Der graue Todbringer nickte zu einem Schild, das über dem Straßenrand hing. . Letifer kannte die Schenke, ein Drecksloch und der Treffpunkt dunkler Machenschaften, aber hier gab es auch den besten Alkohol der Stadt.

Nacheinander stiegen die beiden Todbringer die schmucklose Treppe in den hinunter. Lärm aus Geschwätz, Geschirrklappern und Stühlerücken empfing sie, untermalt von einer leisen, dissonanten Lautenmelodie. Der Gewölbekeller tat sich im Schein zahlloser Tropfkerzen vor ihnen auf. Überall saßen Menschen dicht gedrängt um runde Holztische, lehnten an den Steinwänden oder an der Theke.

Letifer sah dabei zu, wie Sekai zwischen den Sterblichen hindurchschritt; keiner von ihnen nahm Notiz von dem grauen Todbringer. An der Theke stellte der Wirt gerade drei Krüge ab und bevor es jemand bemerkte, nahm Sekai zwei davon. Kaum hielt er sie in den Händen, wurden sie für die Sterblichen unsichtbar. Mit dem erbeuteten Kräuterbier kam Sekai zu Letifer zurück und reichte ihm einen Krug. Sie hielten sich im Schatten in einer Ecke des Gewölbes, während sie den Menschen beim Leben zusahen und an ihren Bieren nippten. Eine Kostprobe von Sterblichkeit.

Am anderen Ende des Raumes wurde ein Tumult laut. Zwei Männer diskutierten aggressiv miteinander und erregten allmählich die Aufmerksamkeit der gesamten Schenke. Auch der Mann, der mit seiner Laute neben der Theke saß, hielt inne und blickte auf.

Letifer runzelte die Stirn. Er hatte keine Ahnung, worum es bei dem Streit ging. Es war ihm auch egal. Dann gingen die Menschen plötzlich aufeinander los. Obwohl der dürre Große ihn mindestens um einen Kopf überragte, schlug der breitschultrige Blonde zu. Kaum hatte die Faust das Gesicht des anderen berührt, wurden Schreie und Gejohle laut. Ein paar der umstehenden Menschen machten Anstalten, dazwischenzugehen, aber die meisten feuerten die beiden Streithähne sogar noch an. Keine Sekunde später rissen sie einander zu Boden und prügelten sich.

Sekai stöhnte. »Menschen.«

Mit einem Brummen drückte Letifer seine Zustimmung aus und nippte seelenruhig an seinem Krug, während die Leute um ihn herum aufsprangen, um die Schlägerei zu beobachten.

Jemand starrte sie an. Es war ein schmächtiger, älterer Mann,...



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