E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Isherwood A Single Man
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-455-81271-8
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-455-81271-8
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christopher Isherwood wurde 1904 in der Grafschaft Cheshire als Sohn eines englischen Offiziers geboren. Nach erfolglosen Studien der Geschichte und der Medizin in Cambridge und London ging er 1929 nach Berlin. Von 1942 bis zu seinem Tod im Jahr 1986 lebte er im kalifornischen Santa Monica. Mit Werken wie Leb wohl, Berlin, A Single Man, Mr Norris steigt um und Praterveilchen zählt Christopher Isherwood zu den berühmtesten Schriftstellern seiner Generation.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Gore Vidal [...]
Vorwort
A Single Man
Über Christopher Isherwood
Impressum
A Single Man
Das Aufwachen fängt an mit und Was wachgeworden ist, liegt eine Weile da, starrt hoch zur Decke und tief in sich hinein, bis es sich erkannt und daraus geschlossen hat, folgt als Nächstes, was, wenn auch auf unangenehme Weise, beruhigt; denn ist heute Morgen genau dort, wo es erwartet hatte, sich wiederzufinden; man nennt es auch .
Aber ist nicht bloß . ist auch ein grauer Mahnbescheid; ein ganzer Tag später als gestern, ein Jahr später als letztes Jahr. Jedes ist mit seinem Datum versehen, das alle vergangenen gegenstandslos macht, bis später oder früher, vielleicht, nein, nicht vielleicht, ganz gewiss: das Ende kommt.
Angst zwickt am Vagusnerv. Ein kränkliches Zurückschrecken vor dem, was draußen wartet, gleich da vorne.
Doch inzwischen hat der Kortex, dieser unerbittliche Vorarbeiter, seinen Platz an den zentralen Schalthebeln eingenommen und ihre Funktionen eine nach der anderen geprüft; die Beine strecken sich, das Kreuz wird gekrümmt, die Hand wird zur Faust geballt und entspannt sich wieder. Und dann erfolgt aus der internen Gegensprechanlage der erste Befehl des Tages: AUF.
Gehorsam wuchtet sich der Körper aus dem Bett – durchzuckt von Stichen in den arthritischen Daumen und im linken Knie, mit leichter Übelkeit wegen eines Krampfes im Pylorus – und schlurft nackt ins Badezimmer, wo die Blase entleert wird und das Gewicht gemessen: noch immer knapp über fünfundsiebzig Kilo, trotz all der Plackerei im Studio! Dann zum Spiegel.
Was es dort erblickt, ist weniger ein Gesicht als vielmehr der Ausdruck einer Notlage. Hier sieht man, was es sich angetan hat, hier ist der Schlamassel, in den es sich hineinmanövriert hat, in seinen achtundfünfzig Jahren; Ausdruck davon sind ein stumpfer, gequälter Blick, eine vergröberte Nase, ein Mund, der an den Winkeln zur Grimasse hinabgezogen wird, als wäre er von der Säure der eigenen Gifte zersetzt, Wangen, die von den Muskelverankerungen herabhängen, ein schlaffer Hals, der in viele verästelte Fältchen abgesackt ist. Der gequälte Blick ist der eines furchtbar erschöpften Schwimmers oder Läufers; Aufgeben kommt jedoch nicht infrage. Das Geschöpf, das wir hier beobachten, wird bis zum Umfallen weiterkämpfen. Nicht, weil es so heldenhaft wäre. Es kann sich nur keine Alternative vorstellen.
Wie es so in den Spiegel starrt und starrt, sieht es viele Gesichter in seinem Gesicht – das Kind, den Jungen, den jungen Mann, den nicht mehr ganz so jungen Mann – allesamt noch anwesend, in übereinander liegenden Schichten konserviert, wie Fossilien, und ebenso tot wie diese. Ihre Botschaft für dieses bei lebendigem Leib absterbende Geschöpf ist: Schau uns an, auch wir sind gestorben – wovor hast du eigentlich Angst?
Es antwortet ihnen: Aber das ging so langsam vor sich, so leicht.
Es starrt und starrt. Seine Lippen öffnen sich. Nun atmet es durch den Mund. Bis der Kortex ihm ungeduldig befiehlt, sich zu waschen, zu rasieren, zu kämmen. Seine Nacktheit muss bedeckt werden. Es muss sich anziehen, denn es will ja hinaus, in die Welt der anderen Menschen; und diese anderen müssen es identifizieren können. Sein Auftreten muss annehmbar sein.
Gehorsam wäscht, rasiert, kämmt es sich, denn es kennt seine Pflichten den anderen gegenüber. Es ist sogar froh, einen Platz unter ihnen einzunehmen. Es weiß, was von ihm erwartet wird.
Es kennt seinen Namen. Es heißt George.
Sobald es angezogen ist, ist es geworden, ist es mehr oder weniger George geworden, wenn auch nicht ganz der George, den sie wollen und wiederzuerkennen imstande sind. Die, die ihn zu dieser morgendlichen Stunde anrufen, wären wohl fassungslos, vielleicht sogar verängstigt, wenn sie mitbekämen, was für ein dreiviertelmenschliches Ding hier mit ihnen redet. Aber sie können es gar nicht merken – seine Nachahmung der Stimme ihres George ist nahezu perfekt. Selbst Charlotte fällt darauf herein. Nur zwei- oder dreimal hat sie gespürt, dass etwas nicht stimmt, und gefragt: »Geo – ist alles in Ordnung?«
Er durchquert das vordere Zimmer, das er sein Arbeitszimmer nennt, und steigt die Treppe hinab. Die Treppe geht einmal um die Ecke; sie ist schmal und steil. Man kann beide Geländer mit den Ellbogen berühren und muss den Kopf einziehen, selbst wenn man, wie George, nur einssiebzig groß ist. Es ist ein knapp bemessenes, kleines Haus. Meist fühlt er sich von der Enge geschützt; hier ist so wenig Platz, dass man sich kaum einsam fühlen kann.
Und doch –
Stellen Sie sich zwei Menschen vor, die auf diesem engen Raum Tag für Tag, Jahr für Jahr zusammenleben, am selben kleinen Herd stehen, Ellbogen an Ellbogen, und kochen, sich auf der schmalen Treppe aneinander vorbeidrängeln, sich gemeinsam vor dem kleinen Spiegel rasieren, ständig den Körper des anderen berühren, rempeln, stoßen, ungewollt oder absichtlich, lustvoll, aggressiv, ungeschickt, ungeduldig, liebevoll oder aufgebracht – stellen Sie sich vor, welche tiefen und doch unsichtbaren Spuren diese beiden überall hinterlassen müssen! Der Durchgang zur Küche ist zu schmal. Zwei Menschen in Eile, mit vollen Tellern in den Händen, können gar nicht anders, als hier ständig zusammenzustoßen. Und es ist genau hier, am Treppenabsatz, wo George fast jeden Morgen die Empfindung hat, plötzlich auf einer jäh abfallenden Klippe zu stehen – als sei sein Weg von einem Erdrutsch weggerissen worden. Hier ist es, wo er kurz innehält und es ihn aufs neue trifft, fast so, als ob es das erste Mal wäre: Jim ist tot. Ist tot.
Er steht ganz still, schweigt oder stößt höchstens ein tierisches Grunzen aus, während er auf das Abklingen der Lähmung wartet. Dann geht er in die Küche. Diese Lähmungen am Morgen sind so schmerzhaft, dass Sentimentalität nicht hilft. Sind sie vorbei, spürt er nichts als Erleichterung, wie nach dem Überwinden einer schweren Krampfattacke.
Heute schlängeln sich weit mehr Ameisen als sonst in einer Kolonne über den Boden, klettern zum Waschbecken hinauf und kommen dem Schrank bedrohlich nahe, in welchem er Marmelade und Honig aufbewahrt. Unerbittlich vernichtet er sie mit dem Pumpzerstäuber und sieht sich einen Moment selbst dabei zu – ein stures, böswilliges, altes Ding, das diesen erstaunlichen und eindrucksvollen Insekten seinen Willen aufzwingt. Leben, das Leben vernichtet, vor einem Publikum aus toten Gegenständen – Töpfen und Pfannen, Messern und Gabeln, Dosen und Flaschen –, die keine Rolle im Königreich der Evolution spielen. Und warum? Ja, warum? Wirkt hier ein kosmischer Feind, irgendein archetypischer Tyrann, der uns über seine wahre Existenz täuschen will, indem er uns auf unsere natürlichen Verbündeten hetzt, auch sie Opfer seiner Tyrannei? Selbst wenn – als George diesen Gedanken zu Ende gedacht hat, sind die Ameisen schon tot, feucht aufgewischt und den Abfluss hinuntergespült.
Er macht sich einen Teller pochierte Eier, mit Speck und Toast und Kaffee, und setzt sich zum Essen an den Küchentisch. Dabei geht ihm unablässig ein Kinderreim durch den Kopf, den ihm sein Kindermädchen in England beigebracht hat – wie lange ist das schon her:
Ein Ei auf Toast, ja bittesehr –
(Er sieht sie noch immer so klar vor sich – grauhaarig mit maushellen Augen, ihr fülliger kleiner Körper –, wie sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen, das Frühstückstabletthereinträgt. Sie meckerte oft über die steile Treppe und nannte sie »das hölzerne Gebirge« – einer der magischen Ausdrücke seiner Kindheit.)
Ein Ei auf Toast, ja bittesehr –
Hast du erst eins, willst du noch mehr!
Ach, die Geborgenheit dieser Kinderzimmerwonnen, ein quälendes Trugbild! Master George, der seine Eier genießt; und das Kindermädchen, das darüber wacht und ihm mit einem Lächeln bedeutet, dass es keine Gefahr in dieser feinen, kleinen, todgeweihten Welt gibt!
Das Frühstück mit Jim war einer der Höhepunkte des Tages. Wenn sie ihren zweiten und dritten Kaffee tranken, führten sie die besten Gespräche. Sie sprachen über alles, was ihnen durch den Kopf ging – natürlich auch über den Tod, und ob es ein Leben danach gibt, und wenn ja, was überlebt. Sie diskutierten sogar die Vor- und Nachteile eines plötzlichen Todes einerseits und eines vorbereiteten Todes andererseits. Nur kann George sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was Jims Ansichten dazu waren. Wer nimmt solche Überlegungen schon ernst? Sie wirken so theoretisch.
Nehmen wir einmal an, die Toten könnten die Lebenden besuchen und eine Art Jim käme zurück, um nach George zu schauen. Wäre das denn befriedigend? Würde es den Aufwand lohnen? Im besten Fall wäre es der flüchtige Besuch eines Beobachters aus einem fremden Land, dem für einen Moment ein kurzer Blick aus den unendlichen Weiten seiner Freiheit gewährt wird, ein Blick aus der Ferne, wie durch Glas, auf diese einsame Figur hier, die an dem kleinen Tisch im kleinen Zimmer sitzt und so demütig wie lustlos ihre pochierten Eier isst, ein Gefangener auf Lebenszeit.
Das Wohnzimmer ist düster und niedrig, Bücherregale verstellen die ganze Wand gegenüber dem Fenster. Diese Bücher haben George nicht edler gemacht, oder besser und weiser. Aber er lauscht gern ihren Stimmen, je nach Laune der einen...




