E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Ivison / Ellen Sannah & Ham
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-646-92630-9
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-646-92630-9
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Genau einen Sommer lang brauchen Hannah und Sam, um ein echtes Liebespaar zu werden. Dabei ist bereits die erste Begegnung für beide unvergesslich. Wer verliebt sich schon auf dem Klo? Aber bevor das Schicksal sie endlich zueinander führt, müssen sie peinliche Situationen überstehen und die gutgemeinten, aber hirnrissigen Ratschläge ihrer Freunde umsetzen. Und dann können sie sich - hurra! - vom schrecklichsten aller schrecklichen Albträume verabschieden: womöglich NIEMALS ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.
Romantisch, komisch, wunderbar!
Lucy Ivison ist Herausgeberin des Online-Magazins Whatever After und gibt in Londons Mädchenschulen Kurse zur Förderung von Kreativität und Selbstbewusstsein. Mit Tom Ellen ist sie seit der 6. Klasse befreundet – und zwei Jahre lang waren die beiden sogar ein Paar. Jetzt schreiben Tom und Lucy gemeinsam Bücher. „Sannah & Ham“ ist ihr Debüt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Hannah
Grace stürzte so wild zu meiner Schlafzimmertür herein, dass sie fast vornüberfiel. »Freddie ist nicht in Frankreich«, verkündete sie triumphierend, während Tilly atemlos hinter ihr hergehechtet kam. Ich setzte mich im Bett auf, wo ich den ganzen Tag Videos von Faultierbabys angeschaut hatte und Anleitungen, wie man sich Smokey Eyes schminkt. »Seid ihr sicher?«, fragte ich. »Ja!«, brüllte Tilly und vollführte einen Siegestanz. »Aber ich hab ihn doch heute Morgen noch gestalkt«, sagte ich, »da war ein Bild von ihm, wie er wirklich und wahrhaftig vor dem Eiffelturm steht und sich ein Baguette wie einen Schnurrbart quer übers Gesicht hält. Also mehr Frankreich geht nicht, selbst wenn man sich noch so anstrengt.« »Ja, er war auch dort«, quiekte Tilly, »aber dann ist was ganz Unglaubliches passiert – bei ihm zu Hause wurde eingebrochen und sie mussten früher zurück.« »Was natürlich schlimm ist und so«, warf Grace pflichtschuldigst ein. »Ja, ja«, nickte Tilly ungeduldig. »Klar ist das schlimm, aber der springende Punkt ist, dass er heute Abend zu Stella kommt. Definitiv.« »Definitiv«, wiederholte Grace. »Und du kommst so was von zusammen mit ihm. Heute ist die Nacht der Nächte …« Sie zog die Nase kraus und grinste. Ich kickte meine Zudecke weg und schwang die Beine aus dem Bett. »Was? Nein … unmöglich … ich bin noch nicht bereit.« »Doch, klar bist du bereit«, flötete Grace. »Du bist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und er ist der richtige Typ – definitiv.« »Nein, ich meine doch nicht emotional bereit. Das bin ich natürlich. Ich meine es ganz konkret – im buchstäblichen Sinn. Ich hab seit drei Tagen das Bett nicht verlassen. Ich seh total verwahrlost aus.« »Du siehst aus wie immer«, sagte Tilly. »Danke, Tilly, echt!« »Im Ernst, Hannah«, sagte Grace. »Du hast immer gesagt, dass du dich von Freddie entjungfern lassen willst. Und dass es noch nicht passiert ist, liegt doch nur daran, dass du die letzten vier Monate total im Prüfungsstress warst.« »Das Schicksal hat euch voneinander ferngehalten«, verkündete Tilly theatralisch. »Und jetzt bringt euch das Schicksal zusammen«, fügte Grace hinzu. »Hast du irgendwas zu essen da?« »Also bitte! Ich dachte, wir reden gerade über die Rolle des Schicksals in meinem Leben?« »Ja, aber ich hab Hunger – und mit leerem Magen kann ich nicht über das Schicksal philosophieren.« Ich fiel in mein Bett zurück. »Dann geht runter und schaut mal in der Küche nach. Mum versteckt die Kekse immer in der Mikrowelle.« Die beiden polterten die Treppe hinunter. Grace hatte Recht. Meine Jungfräulichkeit zu verlieren hatte ich auf die Zeit nach den Prüfungen verschoben. Obwohl »verlieren« ein absurder Ausdruck war – als könnte man sie jederzeit unter irgendeinem Papierstapel wiederfinden. Ich hatte immer davon geträumt, mich eines Tages von einem netten, sensiblen Jungen entjungfern zu lassen. Von jemandem, der mich verstand und echt cool war und der sich nicht darum kümmerte, was andere Leute von ihm dachten. Ein Typ mit lockigem, dunklem Haar und sonnengebräunter Haut, der fließend Italienisch sprach. Oder vielleicht Italiener war. Freddie Clemence war weder sensibel noch nett, noch Italiener. Und schon gar nicht meine große Liebe. Zum Glück, sonst wäre es schlecht um mich bestellt gewesen. Andererseits, wenn sich alle so lange an ihre Jungfräulichkeit klammern, bis der Richtige am Horizont auftaucht, dann würde es ja noch viel mehr Jungfrauen auf der Welt gegeben. Mein Hauptproblem war, dass ich es mit Jungs genauso machte wie mit Klamotten. Ich stellte mir immer ein Outfit vor, bevor ich shoppen ging, anstatt einfach abzuwarten, was es überhaupt in den Läden gab. Ich malte mir Szenarien aus, die nie in Erfüllung gingen. Ich träumte davon, dass bestimmte Typen sich in mich verliebten, die mich im wahren Leben nie anschauen würden. Aber in meinen Tagträumen war ich auch gar nicht ich selbst – die gute alte Hannah –, sondern eine Art Celebrity-Version von mir: sexy, selbstbewusst und glamourös. Ich stellte mir vor, dass ich auf Partys eingeladen war, auf denen alles wie geschmiert lief. Und wie ich dort der Liebe meines Lebens begegnete. Der Typ war natürlich total fasziniert von mir und flüsterte mir ins Ohr: »O Hannah – du bist so schön! Ich würde sterben für dich!«, oder so ähnlich. Dann Sex auf der Rückbank im Auto, wie in Titanic. In Wahrheit knutschte ich auf Partys in irgendeiner Ecke mit Freddie herum und wischte die Kotze der anderen weg, weil mir die Gastgeber immer so leidtaten. Aber vielleicht war Stellas Party ja anders. Inzwischen waren alle mit ihren Prüfungen fertig, es konnte also der Knaller werden. Neunzig Leute hatten die Einladung auf Facebook angenommen. Und dass Freddie jetzt früher aus Frankreich zurückgekommen war, konnte wirklich ein Wink des Schicksals sein. Vielleicht war jetzt tatsächlich der richtige Moment. Es war zwar nicht Liebe, aber egal. Ich musste ja nur diese Sexgeschichte hinter mich bringen, damit das abgehakt war und ich endlich richtig leben konnte. Tilly und Grace kamen wieder die Treppe heraufgestampft und warfen sich, beladen mit zwei Packungen Hobnobs und einem Glas Erdnussbutter, auf mein Bett. »Hoffentlich nimmst du Zac nie runter«, sagte Tilly und starrte zu meiner Decke hoch. »Er ist schon da, seit ich dich kenne.« Sie meinte das Bild von Zac Efron. Mit zwölf hatte ich es dort hingeklebt, damit er morgens das Erste war, was meine Augen nach dem Aufwachen erblickten. »Der kommt nie runter«, versicherte ich. »Zac ist meine erste Liebe und ich bin natürlich längst über ihn weg …« »Ein Hoch auf Freddie!«, unterbrach Grace mich. »… aber er wird immer einen Platz in meinem Herzen behalten.« »Und in deiner Garderobe«, kicherte Tilly. »Hast du noch das T-Shirt mit seinem Gesicht drauf? Das war echt abartig.« »Also du hast es nötig, mit deiner bescheuerten Harems-Hose!« Tilly streckte ihre Beine in die Luft, um die Hose vorzuführen. »Ich hab nichts anderes zum Anziehen. Meine Mum ist in Streik getreten und weigert sich meine Sachen zu waschen. Ich soll lernen meinen Krempel selber zu machen, bevor ich anfange zu studieren.« »Ja, und an deiner Stelle würde ich mich damit ein bisschen beeilen«, sagte ich. »Wenn du nämlich weiter wie Aladdin rumläufst, lernst du nie jemanden kennen, der dich aus deiner Jungfrauenhölle erlöst.« Wir zogen Tilly immer damit auf, dass sie in der Jungfrauenhölle festsaß. Sie war eine wandelnde Untote. Ein Sex-Zombie. Mit Max Lawrence hatte sie Sex, er war in ihr, aber nicht richtig, und auch nur ein paar Sekunden lang. Er musste aufhören, weil es ihr so wehtat. Und dann hat er auf einer Party was mit Amber Mason angefangen und Tilly hat ihn abserviert. Sie konnte ja nicht wissen, dass sich so schnell keine zweite Chance bieten würde. Sonst hätte sie es vielleicht noch mal probiert. Aber Tilly war eine richtige Memme in solchen Dingen – sie kippte auch fast um, als sie ihre HPV-Impfung bekam. Wir leben in einer absurden Welt, ehrlich. Jeder Massenmörder kann durch seine DNA überführt werden, aber wir sind bis heute nicht dahintergekommen, ob Tilly jetzt noch Jungfrau ist oder nicht. Wir haben es hundertmal gegoogelt, doch je mehr man sich damit beschäftigt und recherchiert, desto nebulöser und philosophischer wird das Ganze. Es beginnt schon mit der Frage, wann man eigentlich seine Jungfräulichkeit verliert? Wenn das Hymen reißt? Aber das kann auch beim Reiten oder Turnen und offenbar sogar beim Schwimmen passieren. So gesehen hätte ich auch im Stadtbad von Acton entjungfert werden können. Und wenn es nur um dieses Häutchen geht, was ist dann mit Lesben und Schwulen? Also, offenbar muss ein anderer in einem drin sein, weil Jungs ja auch ihre Jungfräulichkeit verlieren, obwohl bei ihnen nichts reißt. Oder ist es eher was Mystisches, Ungreifbares? So wie der Heilige Geist? Grace war als Einzige von uns keine Jungfrau mehr. Sie hatte sich letztes Jahr in Ollie verliebt und seither waren die beiden unzertrennlich. Ich weiß nicht, wie sie damit klarkommen wollen, wenn sie dann an die Uni gehen. Aber Grace hatte uns nicht verraten, wie richtiger Sex ging. Seit sie mit Ollie zusammen war, schwieg sie sich darüber aus. Anscheinend fehlen einem die Worte, wenn man es erst mal gemacht hat. Aber so umwerfend kann es doch auch nicht sein, oder? Vielleicht ist es sogar genau das Gegenteil – vielleicht ist es einfach ganz normal und gar nichts Besonderes, wenn man es selber macht, statt nur darüber zu reden. Wir lungerten auf meinem Bett herum und redeten irgendwann über andere Dinge: Was wir auf der Party anziehen wollten und wie wir unsere Haare tönen würden, wenn wir für immer damit herumlaufen müssten. (Ich: kastanienbraun, Tilly: platinblond, Grace: gar nicht.) Und irgendwann kam das Gespräch unweigerlich auf das einzige fehlende Mitglied unserer Gang. »Glaubst du echt, dass sie bei ihm zu Hause ist?« Tilly saß mit überkreuzten Beinen auf meinem Bett und löffelte Erdnussbutter in sich hinein, direkt aus dem Glas. Sie hatte mein Duke-of-Edinburgh-Hoodie über ihre Aladdinhose gezogen und ihr langes rotes Haar zu einem hohen Knoten aufgesteckt. »Na ja, nachdem sie nicht hier ist …« Grace zuckte mit den Schultern, als ob Stella nur bei uns oder bei Charlie sein konnte. Vielleicht stimmte das ja auch. Auf jeden Fall war es ein komisches...




